Khamis, 28 Mac 2013

Gott ist verrückt, Glauben ist verrückt, Christen sind verrückt - Ostermontag 2013, Reihe V

Liebe Gemeinde!
Man muss schon ein bisschen verrückt sein, um an Gott zu glauben. Man muss schon ein bisschen verrückt sein, um hoffen und predigen und glauben zu können: der Tod hat keine Macht mehr. Gott wird alle Tränen abwischen. Die, die ihr Vertrauen auf Gott setzen, haben Grund zum Jubeln, haben jede Menge Grund, fröhlich zu sein. Sind wir alle verrückt? Ich auf der Kanzel, dass ich das alles zu ihnen sage? Elena, die sich heute hat taufen lassen und die in drei Wochen konfirmiert wird? „Gott sagt: Ich will dich nicht verlassen noch von dir weichen“ hat sie sich als Taufspruch ausgesucht, wissen kann sie das nicht. Und sie weiß, dass im Leben manches schief gehen kann und sie weiß auch, dass sie nicht immer ein perfektes Leben lebt. Ich auch nicht. Sind wir verrückt? Sind sie alle verrückt, heute Morgen, Ostermontag, wo man ja auch viele andere Dinge machen könnte, im Gottesdienst zu sein und sich anzuhören: Gott hat den Tod auf ewig besiegt, die Tränen werden abgewischt und wir alle werden Grund zum Jubeln haben? Ja, ich bin verrückt. Und Elena ist verrückt. Und sie alle, die sie heute Gottesdienst mitfeiern sind es auch. Verrückt nicht im Sinn von geisteskrank. Sondern verrückt in dem Sinn, dass wir alle eben aus der Spur dessen gerückt sind, was im Alltag als normal angesehen wird, als unveränderlich. Wir sind verrückt, weil wir nicht nur auf das schauen, was uns das scheinbar so normale Leben vorgibt und dieser Spur folgen, sondern weil wir ein bisschen rechts, ein bisschen links neben der Spur stehen und auf anderes sehen, Neues entdecken, das Hoffnung wecken und wachhalten kann, da, wo der Alltag, das scheinbar so normale Leben, uns eigentlich zur Verzweiflung treiben müsste.
Der Tod hat keine Macht mehr, die Tränen werden abgewischt: das sind keine Hoffnungen, die unser Alltag machen oder wachhalten könnte. Und ein bisschen leben wir als Organisation Kirchen, lebe ich als Pfarrer ja auch davon, dass das noch nicht so ist. Not lehrt beten, sagt ein altes Sprichwort. Und Gott sei Dank suchen Menschen immer noch Beistand in der Kirche, in Gemeinden, bei Pfarrerinnen und Pfarrer, wenn der Tod im Alltag seine Macht beweist, wenn Tränen sich eben nicht einfach so mit dem nächsten Tempotaschentuch trockenen lassen. Ich denke da an Trauergottesdienste anlässlich von Amokläufen und großen Unglücksfällen, ich denke an die Einsätze als Notfallseelsorger bei schweren Unglücken und Selbstmorden, ich denke an die Beerdigungen von jungen Müttern und Vätern, aber auch an viele Beerdigungen, die man so leicht „normal“ nennt, weil jemand mit 75, 85 oder 90 Jahren stirbt. Der Kirche, der Pfarrerin, dem Pfarrer wird zugetraut, anlässlich des unsagbaren Leids Worte zu finden, die anderen fehlen. Trost zu spenden, wo man spürt: ich selber kann jetzt keinen Trost finden. Gerade bei Menschen, die nicht an fast jedem Sonn- oder Feiertag Gottesdienste in der Kirche mitfeiern, hängt die Erfahrung, dass Kirche und Glauben an Gott sinnvoll sein können und man, obwohl man Kirche eigentlich nur selten nutzt, doch noch dafür bezahlt, davon ab, dass Pfarrerinnen und Pfarrer sinnvolle Worte und Gesten und Handlungen nicht nur bei den schönen Momenten im Leben anbieten, sondern auch dann, wenn die Tränen kommen, sinnvoll begleiten können. Also bin ich als Pfarrer vielleicht sogar doppelt verrückt, weil ich nicht nur von einer Hoffnung rede, die neben dem liegt, was der Alltag „normal“ erscheinen lässt, sondern auch noch von einer Hoffnung die mich selbst und meinen Arbeitgeber am Ende überflüssig macht? Ja,
vielleicht bin ich das.
Aber ich hoffe wirklich von ganzem Herzen, dass der Tag kommt, auf den schon die Propheten des ersten Bundes Gottes mit den Menschen hofften, wie hier der Prophet, der als Jesaja bekannt ist. Der Tag, an dem sich die Welt endgültig verwandelt. Der Tag, an dem die Menschen sich nicht mehr als Gegeneinander von Völkern, Sprachen, Rassen, Religionen, definieren, sich nicht mehr voneinander abgrenzen, sondern an dem Gott die Welt endlich endgültig zum Guten verwandelt. Der Tag, an dem sich die Menschen als die eine Familie der geliebten Kinder Gottes verstehen. Gerade zu Ostern, wenn wir eigentlich feiern können, dass dieser Sieg über den Tod durch Jesus schon errungen ist, wird mir schmerzlich bewusst, dass auch wir Christen viel zu selten ein Bild der Hoffnung für das Leben abgeben. Ich denke an die Streitereien und Rechthaberin von uns, die wir uns Christen nennen, untereinander. Da wird den einen abgesprochen, wahre Christen zu sein, weil sie Kinder taufen oder nach Meinung mancher nicht inbrünstig genug beten oder weil sie sich trauen, auch Fragen an Gott zu stellen und nicht alles wortwörtlich nehmen, was in der Bibel steht. Da wird den anderen abgesprochen, Christen zu sein, weil sie anders in der Bibel lesen oder sich trauen, Heilungsgottesdienste zu machen. Da kämpfen bis heute mancherorts, wie in Nordirland, Protestanten gegen Katholiken, wie auf dem Balkan Orthodoxe gegen Katholiken. Da wird darüber gestritten, ob Menschen, die das gleiche Geschlecht lieben, überhaupt das Recht hätten, an Gott zu glauben. Da ist wenig Mut da, wirklich mal verrückt zu sein und allem lebensfeindlichen zu widersprechen, weil wir von Ostern her auf das Leben hoffen dürfen. Weil schon die Propheten des ersten Bundes Gottes mit seinem Volk Israel die Hoffnung nicht aufgegeben haben, dass Gott die Menschen miteinander versöhnt und dass der Tod endgültig seine Macht verliert.
Dort, wo wir Menschen anderen ihr Menschsein absprechen, dort, wo andere als minderwertig angesehen werden, weil sie anders denken, glauben, handeln, lieben als wir, dort befinden wir uns noch im Machtbereich des Todes. Dort sind wir nicht verrückt genug, der frohen Botschaft, dass die Macht des Todes durchbrochen werden kann und dass Gott durch Jesus uns Menschen unsere Menschlichkeit zurückgegeben hat und uns mit sich versöhnt hat, wirklich zu trauen.
Aber wir haben, so glaube ich, wirklich Glück. Weil Gott noch viel verrückter ist, als wir das je sein könnten. Er ist so verrückt, uns Menschen zu lieben und uns Vergebung und Versöhnung anzubieten, obwohl wir immer wieder uns gegenseitig beweisen, zu wie viel Bösem wir in der Lage sind. Obwohl wir uns oft genug mehr als nur schwer damit tun, andere zu vergeben, will er uns vergeben. Obwohl er die Macht dazu gehabt hätte, hat er sich nicht dem Leid und dem Tod entzogen, sondern hat in Jesus Christus selber gelitten und ist gestorben. Und das Verrückte: das war nicht sein letztes Wort. Die Liebe ist stärker. Bis heute ist es Menschen nicht gelungen, die Hoffnung zu zerstören, die Liebe zu zerstören. Bis heute erleben Menschen, dass die Verrückte Botschaft von der Hoffnung ansteckend sein kann und sich nicht mit dieser Welt, wie sie oft scheinbar so unveränderlich ist, zufrieden gibt. Gott hat einen Aufstand für das Leben angezettelt. Keinen blutigen, der seine Opfer fordert, sondern einen Aufstand, der die Menschen versöhnt. Über alle Grenzen, die wir ziehen hinweg. Einen Aufstand, der uns eins sein lässt in der Liebe Gottes. Verrückt, das zu glauben. Gut, dass so viele den Mut haben, sich aus dem Normalen wegrücken zu lassen, verrückt zu sein, zu glauben, zu lieben, zu hoffen. Nicht nur an Ostern. Gut, dass Gott verrückt genug ist, an uns zu glauben. Gut, dass wir verrückt genug sind, lieben zu können. Nicht erst dann, wenn alles perfekt ist, sondern schon jetzt. Amen

Selasa, 26 Mac 2013

Weglachen ist auch keine Lösung - Ostersonntag 2013, Reihe V

Text: Johannes 20,11-18
Liebe Gemeinde!
Nach außen fröhlich und stark – wie es in mir drin aussieht, geht keinen was an. Es sind nicht nur Clowns und Komiker, die nach außen gute Laune verbreiten. Verkäuferinnen und Verkäufer sind erfolgreicher, wenn sie so handeln, und von Pfarrern, Lehrern, Ärzten wird eigentlich Ähnliches erwartet. Die eigenen Sorgen haben draußen zu bleiben, im Kontakt mit anderen soll Zuversicht und Positives ausgestrahlt werden. Auch in manchen Sinnsprüchen, die bei facebook gepostet werden und die das schon seit Jahrzehnten aus der Mode gekommene Poesiealbum ersetzen, wird eines deutlich: zeige deine Tränen nicht zu offen, andere könnten das als Schwäche auslegen und ausnutzen. Selbst in vielen kirchlichen Büchern, die der Vorbereitung auf Ostern dienen und mir als Pfarrer die Vorbereitung auf dieses Fest erleichtern sollen, war in den letzten 10,15 Jahren immer wieder von der Wiederentdeckung des angeblich altchristlichen Brauches vom Osterlachen die Rede, gepaart mit dem Hinweis, man sollte doch die Predigt entsprechend gestalten, dass genügend gelacht werden kann. Ich halte es da lieber mit dem Prediger Salomo, der vor langer Zeit klug feststellte: Alles hat seine Zeit. Das Lachen und das Weinen. Weinen, das das Lachen nicht kennt und verleugnet, wird unerträglich und falsch, weil es einen Teil der Wirklichkeit ausblendet. Aber auch ein Lachen, dass das Weinen nicht wahrhaben will, wird zu einem hohlen, manchmal verhöhnenden Lachen, weil es das Leben verleugnet. Ostern ist ganz gewiss ein Fest der Freude – weil wir feiern dürfen, dass das Leben stärker als der Tod ist, weil wir feiern dürfen, dass wir nicht an einen toten Gott, sondern an einen höchst lebendigen und gegenwärtigen Gott glauben.
Und trotzdem erzählt uns Johannes, der Evangelist, dass Maria aus Magdala, deren Leben von Jesus zum Guten verändert wurde, die eine enge Freundin von Jesus war, weint. Tränen gehören anscheinend auch zum Ostermorgen. Maria weint, weil sie nur ein leeres Grab findet. Das erzählt die Vorgeschichte zu dem Abschnitt, den ich eben als Predigttext vorgelesen habe. Wenigstens einen Ort der Trauer hätte sie gern gehabt. Den Leichnam als sichtbaren Beweis dafür, dass da mal was war, an Liebe, an Veränderung in ihrem Leben, an gutem Leben. Dass da mal was war und dass sie sich das nicht nur eingebildet hat. Sie sucht nach Beweisen für eine gute Vergangenheit, nach etwas, an dem sie sich festhalten kann – und sie findet das, was IST. Sie findet eine neue Gegenwart, einen neuen Aufbruch ins Leben. Ostern als Aufbruch ins Leben, Glauben an den lebendigen, auferstandenen Christus als Mittel zum Leben – aber nicht so und nicht dadurch, dass die Vergangenheit verneint wird oder die Trauer verleugnet werden muss, sondern dadurch, dass auch die Trauer ihren Raum und ihre Zeit haben darf. Neues Leben, neuer Glauben, neues Vertrauen kann nur dann und dort sein, wo vom Alten Abschied genommen werden durfte, wo eigene Schritte gegangen werden dürfen, die die Trauer verwandeln.
Wir müssen an Ostern nicht so tun, als sei unsere Welt oder unser Leben vollkommen. Ostern ist, wenn man das Johannesevangelium hier ernst nimmt, der Tag, an dem mitten im Weinen, mitten in der Trauer, die immer wieder ins Leben einbricht, auf Neues gehofft werden kann. Vielleicht steht Maria aus Magdala auch bis heute für Menschen, für uns. Für die Trauer um einen ganz wichtigen Menschen, der im Leben fehlt. Aber auch für die Trauer, die verlorengegangener Glauben, enttäuschte Hoffnung, zu Grabe getragene Träume verursachen. Der Jesus, den sie kannte, dem sie glaubte und vertraute, von dem sie erhoffte, dass er ihr Leben weiter verändert und zum Guten führt, der ist nicht mehr. Glauben in dieser Welt, Glauben in unserem Leben ist immer auch angefochtener Glauben.
Spannend und wirklich wegweisend ist das, was in dieser Situation Maria passiert und wie sie sich selbst von Ostern her ändert.
Da ist einmal die Ansprache aus dem Grab heraus. Dort, wo eben noch eine Leerstelle in ihrem Leben war, die drohte, ihr ganzes Leben praktisch aufzusaugen, nimmt sie plötzlich zwei Engel wahr. Boten Gottes, die sie ansprechen, die ihr deutlich machen: „Wir nehmen wahr und ernst, was mit dir los ist.“ Und dann ändert sich ihre Blickrichtung. „Sie wandte sich um“, so beschriebt es Johannes. Trauer ändert sich nicht dort, wo über sie hinweggegangen wird und ein Weiterleben so, als wäre nichts geschehen, verlangt wird. In einer Welt, in der nur das positive äußere Bild zählt, in der alles, was den reibungslosen Ablauf stört, weggedrückt wird, ein ungewöhnlicher Ansatz. Es geht nicht darum, in Selbstmitleid zu versinken und sich selbst immer wieder zu spiegeln, wie schlimm das eigene Leben und das eigene Schicksal ist und wie schwer der Verlust ist. Beides, eine Welt, die glattes, nach außen gerichtetes Funktionieren und Lächeln fordert, und eine Welt, die in Selbstmitleid versinkt, sind keine österlichen Welten. Es geht darum, dass eine Veränderung da sein kann, wenn die Erfahrung da ist, in der Trauer wahr- und ernstgenommen zu werden. Ostern wird dort erfahrbar, wo Verlust und Trauer wahrgenommen wird und wo aus dieser Wahrnehmung heraus der Blick wieder nach vorn gerichtet werden kann. Marias Erfahrung auf dem Friedhof lehrt uns, dass Ostern ein Fest der Gegenwart ist. Es geht darum, den Blick für die Gegenwart öffnen zu können, das Leben Jesu in der Gegenwart wahrnehmen zu könne nund daraus Hoffnung für die Zukunft, Vertrauen in Gottes Mitgehen neu schöpfen zu können. Ich weiß, dass nicht nur meine Schülerinnen und Schüler die Frage nach dem, was damals auf dem Friedhof und im Grab geschah und wie das mit der Auferstehung in einem historisch-wissenschaftlichen Sinn wirklich gewesen sei, beschäftigt. Aber das ist nicht die entscheidende Frage, weil sie den Blick in der Vergangenheit lässt. In der Vergangenheit, in dem was gewesen ist, auch dann, wenn ich es in einem historisch-wissenschaftlichen Sinn beweisen könnte, würde ich Jesus als den lebendigen Christus niemals finden. Maria richtet also ihren Blick in die Gegenwart und entdeckt den, an dem sie auf ihrem Weg zum Grab offensichtlich vorüberging ohne ihn zu bemerken. Den Mann, den sie für den Gärtner hält. Sie sieht etwas mehr von ihrer Umgebung, aber noch nicht die ganze, neue Wirklichkeit. Denn auch hier sind ihre Gedanken noch in der Vergangenheit. Er spricht sie an und sie fragt nach dem Toten. Noch hat die Hoffnung auf Veränderung ihr Herz nicht erreicht. Sie sieht, aber sie versteht noch nicht. Das kommt dann mit der persönlichen Ansprache. „Maria“ – ein Wort öffnet eine neue Welt. „Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein“ – diese Zusage aus dem Buch Jesaja erhält hier eine ganz neue Bedeutung. Maria gehen die Augen wirklich auf. Der Tod Jesu hat die Beziehung nicht zerstört und unmöglich gemacht, sondern Lässt sie in der Gegenwart neu werden. Die Gedanken bleiben nicht länger in der Vergangenheit, bei dem Leichnam, sondern sie werden frei dafür, die tiefere Wahrheit in der Gegenwart sehen zu können und aus ihr Vertrauen und Hoffnung auf Gottes Gegenwart jetzt und in Zukunft schöpfen zu können. Auferstehung erschöpft sich nicht in einem naturwissenschaftlich sehr unwahrscheinlichen Geschehen auf einem Jerusalemer Friedhof in den 30er Jahren zu Beginn unserer Zeitrechnung. Über dieses Geschehen kann niemand etwas sagen, darüber schweigen auch die biblischen Zeugnisse. Auferstehung ist erlebbar dort, wo sie die Gegenwart von Menschen berührt und verändert. Dort, wo Jesus Christus als der Lebendige wahrgenommen werden kann, dort, wo erfahren wird, dass die Beziehung zum Grund allen Seins, zur Liebe Gottes, stärker als der Tod ist. Was das biblische Zeugnis, hier bei Johannes genauso wie auch bei Lukas und bei Paulus, deutlich macht, ist, dass die Auferstehung Vergangenes nicht bruchlos fortsetzt und dass der Auferstandene offensichtlich ganz anders wahrgenommen wurde als der Jesus, den Maria und die Jünger vor der Kreuzigung kannten. Maria erkennt ihn zunächst nicht, die Emmausjünger erkennen ihn zunächst nicht. Erst dann, wenn er selbst die Beziehung aufnimmt, durch Ansprache und durch sein Handeln, dann gehen die Augen auf. Es ist also keine menschliche Leistung, zu hoffen und zu vertrauen, sondern ein Geschenk. Nichts, was durch auswendig gelernte Sätze und Bekenntnisse hergestellt werden kann, sondern etwas, das empfangen und immer wieder in der Gegenwart neu gesehen werden muss. Und Hoffnung lässt sich nicht festhalten. „Rühr mich nicht an“ – man kann auch „Halt mich nicht fest“ übersetzen – sagt Jesus zu Maria. Niemand hat Jesus fest als Besitz. Der Auferstandene lässt sich nicht handhaben. Glauben wird dort österlich, wo er Hoffnung wachhalten kann, ohne sie besitzen zu wollen. Glauben wird dort österlich, wo er vom Blick auf das Vergangene loskommen und die Gegenwart neu sehen kann. Glauben wird dort österlich, wo nicht nur das Lachen sein muss, sondern auch das Weinen sein darf und es dadurch verwandelt werden kann, dass es nicht überspielt, sondern ernstgenommen wird. Ostern verwandelt Leben. Ostern führt uns nicht in eine Scheinwelt ohne Widersprüche und Verluste, sondern Ostern hält mitten in diesem Leben mit all seinen Widersprüchen die Hoffnung wach, dass da mehr an Leben ist. Ostern widerspricht dieser Welt, die sich gierig an das Leben klammert und dabei zu viel ausklammert. Menschen, die scheinbar nicht funktionieren. Menschen, die nichts haben. Den Tod. Ostern verwandelt. So, wie auch Maria verwandelt wird. Von der, die nach dem Leichnam sucht zu der, die das Leben verkündet. Von der Trauernden zum Engel für andere. Nicht, obwohl sie weinte, sondern weil sie weinen konnte. Maria geht und verkündigt den Lebenden. Gut, dass es solche Menschen gibt. Bis heute. Amen.

Wie kannst du nur so ruhig bleiben? - Karfreitag 2013, Reihe V

Liebe Gemeinde!
Schrecklich nüchtern erzählt der Evangelist Matthäus hier von einem unvorstellbaren Grauen. „Wie kannst du nur so ruhig bleiben“ könnte man ihm vielleicht zurufen. Grauen, Folter, Leid, Tod faszinieren nicht erst seit der Erfindung von Film und Fernsehen, des Internets und von PC-Spielen viele Menschen. Im Mittelalter und im Barock gibt es unglaublich blutrünstige Darstellungen der Kreuzigung Christi, monströse Darstellungen auch von Höllenqualen, die an naturalistischer Darstellung von Folter und Grausamkeit nichts vermissen lassen. Und heute, in einer Zeit, in der, befeuert durch Pseudo-Gesprächsrunden im auch im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, nicht die nüchterne Analyse oder die Ruhe zum Nachdenken und Bedenken, sondern dass sich gegenseitige Niederbrüllen als Ausdruck wahrer Betroffenheit gefeiert wird und in der bei jedem Unglück möglichst die Betroffenen sich emotional völlig entblößt zu Schau stellen lassen müssen, verwirrt solche Nüchternheit. Ohne jede Sensationslust beschreibt der Evangelist Matthäus, wie die Entwürdigung des Opfers voranschreitet, wie dem Opfer die Sprache geraubt wird und in einem sprachlosen Schrei der Höhepunkt der Gewalt seinen Ausdruck findet. Ohne Lust an der Sensation erzählt der Evangelist Matthäus nüchtern und präzise von der Reaktion der Menschen, die mit dem Opfer konfrontiert werden. Aber gerade diese ungewöhnliche Nüchternheit, diese distanzierte Art, von Gewalt zu reden und Gewalt darzustellen, ist möglicherweise sehr viel hilfreicher als jeder pseudodokumentarische, ans Pornografische grenzende Versuch, das Grauen bis ins Letzte nacherlebbar zu machen. Die Entblößung des leidenden Körpers, der Emotionen, der Zwang zur Zurschaustellung der Verletzungen, der körperlichen und der seelischen, ist oft genug nur eine Fortsetzung dessen, was Matthäus hier so nüchtern  beschreibt.
Die Kleider werden Jesus genommen, andere bereichern sich noch an ihnen. Selbst sein Durst wird noch dazu benützt, die Macht der Folterer zu zeigen. Linderung hat er nicht zu erwarten.  Und es sind keine Monster, die ihn quälen. Keine Psychopathen mit verkorkster Kindheit, sondern Menschen, die ihre Arbeit tun. Und die, die vorbeigehen, die sich über sein Leid lustig machen, die ihn mit Spott überziehen, denen das Leid ganz offensichtlich Vergnügen bereitet, sind keine Soziopathen, die sich in irgendeiner Form für eingebildetes selbst erlittenes Unrecht an ihm oder an der Gesellschaft rächen wollen, sondern es ist, das legt die nüchterne Schilderung von Matthäus nahe, die gar nicht mehr schweigende Mehrheit. Ein Freitagsspaziergang der Musik- und Literaturliebhaber, der ehrlichen und fleißigen Arbeiter, der Hausfrauen und Beamten, der Rentner und Tagelöhner, die
sich einig sind in ihrem Urteil: „Besser als der da oben bin ich allemal.“ Nochmal schnell auf den Schwachen drauf getreten, auch wenn’s nur mit Worten ist. Und selbst die, die im wahrsten Sinn des Wortes mitleiden, die Räuber, die rechts und links hängen, machen mit. Da ist einer, der sich nicht wehrt. Dem kann man schnell noch einmal eine Beleidigung mitgeben. Hier kann man auch in aussichtsloser Lage deutlich machen, dass es einen gibt, der scheinbar noch tiefer steht. Der alltägliche Wahnsinn der Gewalt. Die Banalität und Normalität der Gewalt, die eben nicht erst bei der Folter und der Tötung anfängt, sondern die genau da beginnt, wo dem Menschen seine Würde genommen wird. Durch Entblößung, durch den Zwang zur körperlichen und seelischen Nacktheit. Durch Worte, Handlungen, Gesten, die deutlich machen: du bist zu einem Objekt geworden. Kein Mensch mehr mit dem unveräußerlichen Recht auf Mitmenschlichkeit, sondern ein Objekt, ein Ding, eine Sache, mit der ich fertig werden kann, die ich fertig machen kann.
Der Verzicht von Matthäus auf ein großes Ausschmücken der Gewalt, auf blutrünstige Darstellung dessen, was ja wirklich blutig war, auf die Darstellung der Menschen, die Jesus auch durch Worte mitfoltern, als gestörte, kranke Existenzen, öffnet den Blick über die einmalige Sensation hinaus auf das Grundsätzliche der Kreuzigung Jesu und auf  ihre Bedeutung bis heute. Es bleibt kein Horrorspiel historischer Vergangenheit, auch keine erbauliche Erzählung zum Gruseln oder zum sanften Wohlfühlen, weil heute ja alles anders wäre, sondern gerade durch die Nüchternheit wird es zu einer Erzählung über das Menschsein. Über die Menschwerdung Gottes, über unser Menschsein.
Von dieser Normalität des Bösen, von der Alltäglichkeit des Grauens, von der mehr oder weniger versteckten Lust am Grauen und von dem Drang, auf Kosten der Opfer sich selbst gut zu fühlen, können Menschen sich nicht selbst erlösen. Damals nicht. Und heute auch nicht. Wir sind verstrickt in diese alltägliche Grausamkeit. Sünde geschieht bis heute auch dort, wo Menschen objektiviert werden. Wo Menschen zu Sachen gemacht werden. Zu Kosten- und Produktionsfaktoren. Wo schon ein Gerücht reicht, um Leben zu zerstören. Ich will an dem Verhalten des ehemaligen Bundespräsidenten Wulff nichts schön reden und erst recht will ich ihn in keiner Weise mit Jesus gleichsetzen. Im Gefühl der moralischen Überlegenheit hat vor gut einem Jahr fast jeder Witze über ihn gemacht und sich darüber gefreut, dass es da endlich mal einen von den scheinbar Großen erwischt. Nach langen, langen Ermittlungen bleibt wahrscheinlich der Vorwurf übrig, dass er eine Differenz von 800 Euro einem Bekannten nicht erstattet hat. Millionen Menschen haben sich auf seine Kosten gut und überlegen gefühlt. Wegen einer materiell eher geringfügigen Verfehlung. Wir Menschen sind verführbar, auch ich selber. Bis heute. Schlimmer und gravierender sind die Opfer, die es kaum  mehr in die Schlagzeilen schaffen. Die unter menschenunwürdigen Bedingungen in Südspanien lebenden Plantagenarbeiter, die dafür sorgen, dass wir auch im Winter relativ günstig Tomaten und Paprika kaufen können. Die Sinti und Roma, die ganz legal in Deutschland leben, weil es uns aus unserer Geschichte her wichtig war, in Europa Freizügigkeit und Sicherheit für alle zu garantieren und die als Sozialschmarotzer diffamiert werden. Die Frauen, die sich trotz Fleiß und vieler Minijobs keine vernünftige Sicherung aufbauen können und die dann zu hören kriegen: Hätten sie mal nicht so viele Kinder kriegen sollen, hätten sie in der Schule besser aufpassen sollen, hätten sie mal nach besseren Ehemännern Ausschau halten sollen. Gewalt fängt nicht erst da an, wo Menschen körperlich gefoltert werden, wo in Ego-Shootern das Töten zur normalen Banalität verkommt, Gewalt fängt da an, wo Menschen objektiviert werden und wo Menschen auch durch Sprache entmenschlicht werden. Für mich lenkt gerade die Nüchternheit der Karfreitagserzählung von Matthäus den Blick auf diese Wahrheit, weil kein Blutbad und keine Diffamierung der Täter ablenkt.
Karfreitag lässt Gott uns eine überlebenswichtige Wahrheit über das Menschsein offenbar werden. Die Wahrheit, dass Gott am Ende die Opfer ins Recht setzen wird. Die Wahrheit dass Gottes Menschwerdung nicht in einem Superstarkult, sondern in der Einswerdung, der Identifikation mit den Opfern, mit den Leidenden sich erfüllt. Die Wahrheit, dass wir uns aus der alltäglichen Normalität und Banalität des Bösen bis heute nicht selbst erlösen können, sondern dass wir auf Erlösung und Vergebung angewiesen bleiben. Die Wahrheit, dass auch das Böse die Wahrheit nicht unterdrücken kann. Die Wahrheit siegt – das ist die Hoffnung, die der Karfreitag macht. Aber die Wahrheit muss – und kann ausgehalten werden.
Die Wahrheit siegt – das zeigt sich gerade in der Nüchternheit von Matthäus darin, dass die Spötter ohne es zu wollen die Wahrheit aussprechen. „Er hat anderen geholfen  - aber sich selbst hilft er nicht“. Ja, Gott ist nicht um seiner selbst, sondern um der Menschen, der Leidenden willen, in Jesus in diese Welt gekommen.
Und am Ende hält er selbst die Erfahrung der Gottesferne aus: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" – In diesem Aufschrei stellt sich Gott selbst an die Seite aller, die angesichts ihres eigenen Leids, ihrer getöteten Kinder, ihrer Missbrauchserfahrungen und anderen schrecklichen Dingen mehr an Gott irre zu werden drohen. Gott ist nicht an der Seite der Besänftiger und Beschwichtiger, sondern an der Seite derer, die ihn als den ganz Fernen erfahren. Und dann der Schrei. Das Ende der Sprache. Das ist da, kann nicht weggeredet werden, bevor sich alles ändert. Kein Stein bleibt auf dem anderen, was tot war, wird lebendig und was lebendig schien ist tot. Und Gott zeigt sich neu. Der Vorhang, der dem gewöhnlichen Volk den Blick auf Gott im Tempel versperrte, zerreißt. In diesem Schrei, in diesem Tod wird der Blick auf Gott selbst frei. Für alle, nicht nur für Auserwählte. Und der erste, der das bekennt, ist ausgerechnet einer der Folterknechte. Keiner, der die Heiligen Schriften studiert hätte, keiner, der im Tempel gebetet hat, keiner, der seinen Platz in der Nähe Gottes gesucht hätte. „Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn gewesen!“ In aller Nüchternheit erkennt er nach allem Grauen die Wahrheit und spricht sie aus. Und wir?

Mitten in der Nacht wird Gott radikal - Gründonnerstag 2013, Reihe V

Liebe Gemeinde!
Mitten in der Nacht. Eigentlich die ruhigste Zeit überhaupt. Die Zeit, in der das Rascheln einer Maus laut wie ein Orkan zu sein scheint. Mitten in der Nacht blöken die Lämmer, als sie geschlachtet werden. Mitten in der Nacht prasseln die Grillfeuer. Mitten in der Nacht besuchen sich Nachbarn. Mitten in der Nacht schleichen sich die Hausväter nach draußen und bestreichen die Türpfosten mit Blut. Mitten in der Nacht – die stillste Zeit des Tages wird geschäftig. Mitten in der Nacht bleiben die Sklaven munter. Und die Herren, die beunruhigt das nicht. Mitten n der Nacht schlafen sie in der Sicherheit, dass sich die Ordnung, die sie mit Gewalt aufrechterhalten, nicht ändern wird. Mitten in der Nacht sind sie ruhig. Aber ihre Nachtruhe ist trügerisch. Denn mitten in der Nacht wird Gott ganz radikal. Nicht ihr Gott, der Könige zu Göttern macht, sondern der Gott der Sklaven. Der Gott, der Freiheit und Gerechtigkeit fordert und schenkt. Mitten in der Nacht beginnt die Freiheit. Aber die Freiheit hat ihren Preis. Und der wird teuer mitten in der Nacht bezahlt.
Abenteuer beginnen oft in der Nacht. In der Nacht, die manches vor den Augen verbirgt. In der Nacht, in der das Erschrecken oft größer ist als am Tag. Und es ist ein Abenteuer, von dem uns in der Bibel erzählt wird. Sie erzählt uns von dem Abenteuer, Gott wirklich zu begegnen.  Und hier berühren sich unsere Geschichte, auf dem Richtsberg im Gottesdienst am Gründonnerstag 2013 und die Geschichte des Volkes Gottes, der Israeliten, der Juden, des Passamahls und dem Punkt, an dem dieses Fest der Feste der Juden in der Geschichte Gottes mit seinem Volk, seinen Menschen festgemacht wird. Sklaven waren sie in Ägypten, so erzählt es die Bibel. 430 Jahre lang. Seit Generationen hat wirklich keiner mehr eine lebendige Erinnerung daran, was Freiheit heißen könnte. Die nationalsozialistische Diktatur in Deutschland hat 12 Jahre gedauert, die Unfreiheit im DDR-Sozialismus 40 Jahre, die Unterdrückung in Nordkorea dauert seit gut 60 Jahren an, die kommunistische Herrschaft in der ehemaligen Sowjetunion hat gut 70 Jahre gedauert. Die Hoffnung, dass etwas anders sein könnte, die gab es noch. Aber nach 430 Jahren?  Trotz aller Unfreiheit, trotz aller Unterdrückung, die vielleicht im Alltag oft gar nicht mehr zu spüren war, weil sie als unveränderlich und beinahe normal angesehen wurde, hielten die Menschen im Glauben an ihren Gott, der durch seinen Sohn lange nach dieser Zeit auch unser Gott wurde, fest. Und sie glaubten Mose und sie trauten Gott zu, auch nach 430 Jahren Unterdrückung und Unrecht, dass er ein Gott der Freiheit und der Gerechtigkeit ist. Ein Wunder. Nicht nur mitten in der Nacht, sondern jeden Tag, an dem die Menschen glaubten, vertrauten, neu. Ein Abenteuer, weil es keine
 Sicherheit gibt, dass sich die Verheißungen und Hoffnungen erfüllen. Ein Abenteuer, weil keiner weiß, wie das Land der Freiheit und Gerechtigkeit aussieht. Ein Abenteuer, weil keiner auch nur eine Ahnung davon hat, wie der Weg dorthin aussieht. Die Menschen lassen sich darauf ein – und sie begegnen dabei Gott. Einem faszinierenden Gott, der die Leiden seiner Menschen ernst nimmt. Einem Gott, der sich zuwendet, der sein Volk auch vor den Folgen seines Zorns schützt. Das Blut an der Tür soll, wie die biblische Überlieferung erzählt, ja ein Schutzzeichen sein. In jedem Haus, in jedem Stall, auf jedem Feld wird das erstgeborene Kind, das erstgeborene Vieh sterben – nur in den Häusern der Sklaven, die diesem Gott vertrauen, obwohl sie auf der Verliererseite stehen, nicht. Weil sie im Vertrauen auf diesen Gott auf das Wort seines Boten hin, ein Zeichen an ihre Tür machen. Weil sie dem Wort Vertrauen schenken. Sie begegnen Gott. Dem Gott, der ihnen Freiheit schenkt – der aber auch unbegreiflicherweise Leben nimmt. Einem Gott, der auch Angst machen kann. Einem Gott, der nicht zu verstehen ist, der nicht dadurch klein gemacht werden kann, dass man sein Wesen bis ins Letzte erklärt, sondern Gott, der den Menschen immer auch fremd ist. In der Nacht begegnen beide Seiten Gottes: die schöne, zugewandte, liebevolle, nahe Seite ebenso wie die ganz fremde, die gern verdrängt wird.
Aber das Abenteuer hört nicht mit der Befreiung auf. Das Abenteuer der Begegnung mit Gott geht weiter. Bis zu uns. Wir feiern heute nicht die Befreiung aus der ägyptischen Sklaverei. Es ist das Fest des Volkes Israel, das es, Gott sei Dank, in der Erinnerung an Gottes befreiendes Handeln bis heute feiern darf, weil Gottes Liebe zu seinem Volk sich stärker erwiesen hat als aller menschlicher Vernichtungswille, den Menschen, gerade auch Christen, gerade auch Deutsche, dem Volk Gottes, den Juden, gegenüber immer wieder gezeigt haben.
Es ist nicht unser Fest, das Fest von dem der Predigttext heute erzählt. Aber es war das Fest, das Jesus mit seinen Jüngern gefeiert hat, in der Nacht, als er verraten wurde. Wir feiern anders. Wir feiern nicht nur einmal im Jahr, sondern an vielen Feiertagen, an vielen Sonntagen, in manchen Kirchen auch wöchentlich oder fast täglich. Wir sind in der Feier nicht an diesen Abend gebunden. Aber in wenigstens zwei Punkten berührt sich unsere Feier mit dieser Feier, von der das zweite Buch Mose erzählt. Da ist einmal die Erinnerung an ein befreiendes Handeln Gottes, das zwar keiner von uns historisch persönlich miterlebt hat, aber in das wir alle mit hineingenommen sind. Christus befreit zum Leben. Aber – und da sind wir wieder auch an diesem Abend bei der dunklen Seite, der Nachtseite – er tut das dadurch, dass er diese Befreiung nicht jenseits von allem Leid durch übermenschliche Kräfte vollzieht, sondern dadurch, dass er – und in ihm Gott – sich dem Leid und dem Tod aussetzt. Die Befreiung zum Leben geschieht dadurch, dass Leiden nicht ausgeblendet wird. „Mein Leib, mein Blut für euch“ – das ist die Erinnerung, die WIR mit diesem Abend verbinden. Mein Leid, damit ihr in eurem Leid nicht allein seid, damit euer Leid verwandelt werden kann. In Jesus zeigt sich, dass ist der zweite Berührungspunkt, eben in erster Linie nicht der liebe Gott, der nette Onkel, der Kinder in die Arme nimmt und segnet und Kranke heilt, sondern der liebende Gott, der Gott, der uns mit dem ganzen Leben konfrontiert, auch mit den dunklen Seiten. Der Gott, der eben nicht auf eine einfach handhabbare Seite reduziert werden kann, der nicht bequem für die schönen Tage ist, sondern der Gott, der uns auch mit unseren Schattenseiten und unseren Grenzen konfrontiert und der sich auch in manchem unserem Denken, unserem Lieben, unserem Glauben entzieht.
Mitten in der Nacht, in der Dunkelheit, in der Gottferne tut sich was. Befreiung. Gott ist auf der Seite der Schwachen, der Unterdrückten. Aber er ordnet keinen Sklavenaufstand an, kein gesteigertes Blutvergießen, keinen blutigen Krieg im Nehmen der Freiheit. Menschen greifen nicht zu den Waffen, um im Namen Gottes Recht zu schaffen. Gott selbst schafft Recht. Blut fließt – und bei aller Kritik an diesem uns so fremden Handeln Gottes – es ist kein Blutrausch, keine Spirale der Gewalt, sondern, anders als wir es bei modernen Revolutionen im Namen der Freiheit und Befreiung erleben, ein Eingrenzen der Gewalt, kein Vernichten des Gegners. Mitten in der Nacht, an die wir uns heute erinnern, fließt dann auch kein anderes Blut mehr als sein, als Gottes Blut. Die Feier des Abendmahles ist ein Ausdruck der Hoffnung darauf, dass zur echten Befreiung keine Gewalt mehr nötig ist. Das Gott allem Blutvergießen ein Ende setzen will und vor allem, dass keiner sich herausnehmen darf, im Namen Gottes anderen Gewalt anzutun. Christen sind schuldig geworden. Immer wieder, immer noch. In Kriegen, die angeblich der Freiheit dienen, die aber Menschen das Leben kosten. In gewaltsamen Auseinandersetzungen, in denen sie Gottes Namen für das eigene Interesse missbrauchen. Und dadurch, dass sie Menschen mit anderem Glauben, nicht zuletzt dem Volk, dem Gott die Freiheit schenkt, seinem Volk, das Recht auf Leben absprechen. Die dunkle Seite der Menschheit, die Nacht der Unmenschlichkeit. Mitten in der Nacht tut sich was. Im Abendmahl, in der Erinnerung an Gottes befreiendes Handeln durch Jesus Christus, im Annehmen seiner Gegenwart lädt Gott zu Umkehr, zum Aufbruch ein. Aufbruch in die Freiheit. Wie die aussieht? Da geht es uns wie dem Volk Israel: wir erfahren es erst dann, wenn wir uns auf den Weg machen. Es ist immer wieder ein Aufbruch ins Unbekannte. Mitten in der Nacht tut sich was. Gott lädt uns ein, sich mit ihm auf den Weg zu machen. Gestärkt in dem Mahl, in dem wir seine Gegenwart feiern. In dem wir uns daran erinnern, dass Christus uns mit Gott versöhnt. In dem er uns stärken will, auch an den Nachtseiten Gottes nicht irre zu werden, sondern Gott als den zu entdecken, als der er sich offenbart hat: als den liebenden, der ganz nah ist, dessen Größe ihn aber auch immer wieder als den ganz Fremden erscheinen lässt. Mitten in der Nacht tut sich was. Gott befreit – und wir können aufbrechen. Gebe Gott uns den Mut und die Kraft dazu.
Amen.

Sabtu, 16 Mac 2013

Vorstellungsgottesdienst 2013: Schöner scheitern? - Petrus (und wir?) mit Jesus unterwegs

Diesmal nur die Texte für den Anspiel- / Verkündigungsteil. Die vorbereitende Konfirmandenfreizeit hatte Petrsu zum Thema, die Konfis, die diesen Teil vorbereiteten, wollten sich auf den Ruf in die Nachfolge und die Verleugnung beschränken. Und das kam dabei raus:

Anspiel / Verkündigung 1
Petrus: Manchmal wünsche ich mir, dass sich mein Leben ändert. Jeden Tag immer das Gleiche. Netze flicken, raus auf den See, Netze auswerfen, wieder zurück, den fisch verkaufen, nach Hause, arbeiten, schlafen, dann wieder von vorn.
Andreas: Geht mir genauso. Aber was stellst du dir denn vor? Unser Vater war schon Fischer, unser Großvater auch. Da kann man nichts machen. Wir werden Kinder kriegen und wenn die groß sind, werden die dann auch Fischer. So ist das nun mal.
Petrus: Aber da muss doch noch mehr sein! Mein Leben muss doch noch einen anderen Sinn haben als jeden Tag das Gleiche zu machen!
Jesus: Kommt mit mir! Ich bringe den Menschen Gottes Botschaft und seine Liebe. Kommt mit mir, ich brauche euch!
Andreas: Sollen wir?
Petrus: Klar, endlich ändert sich was! Los, wir gehen mit!
Sprecher: So einfach war das, so steht es wenigstens in der Bibel. Jesus kommt vorbei, spricht die beiden an, uns schon gehen sie los. Und sie haben dann unterwegs eine Menge erlebt. Hören wir ihnen ein paar Monate später doch noch mal zu.
Petrus: Ich fand das stark, wie Jesus meine Schwiegermutter gesund gemacht hat. Und überhaupt: er ist nicht nur zu Verwandten oder Freunden von uns oder sich gegangen, sondern zu vielen ganz Fremden und hat sie wieder gesund gemacht.
Andreas: Ich fand das manchmal ganz schön eklig mit den Krankheiten, aber Jesus hat das alles nichts ausgemacht. Und jetzt traue ich mich auch mehr, auf fremde Leute zuzugehen.
Petrus: Und ich ekel mich auch nicht mehr so vor Kranken. Ich sehe jetzt auch bei Fremden viel eher, dass sie Hilfe brauchen. Der Weg mit Jesus hat mich verändert. Wir sind vielen interessanten Leuten begegnet. Jesus hat tolle Sachen erzählt, die die Herzen von ganz vielen berührt haben – und mich hat er noch viel mehr für Gott begeistert.
Andreas: Und ohne Jesus säßen wir noch heute am See und würden Netze flicken. wir haben ganz viel gesehen, gehört und erlebt.
Sprecher: Nicht nur die Begegnung mit Jesus hat Petrus und seinen Bruder Andreas verändert. Es war auch ihr Mut, einfach alles liegen zu lassen und mit ihm zu gehen. Würde das heute auch noch funktionieren? Wo würde Jesus heute Menschen ansprechen? Vielleicht ja in der Schule…
Zwei Schüler: (stehen zusammen, reden miteinander)
Jesus: Kommt mit mir! Ich bringe den Menschen Gottes Botschaft und seine Liebe. Kommt mit mir, ich brauche euch!
Schüler 1: Ich würde ja gern weg aus der Schule, aber wir haben in der nächsten Stunde Mathe und da schreiben wir morgen eine Arbeit. Sorry, ein andermal vielleicht!
Schüler 2: Spinnst du? (Zu Jesus:) Hau bloß ab, du bist bestimmt ein Kinderschänder1 hast du dich im Sekretariat angemeldet? (Zu Schüler 1): Komm, lass uns mal gehen, Erwachsenen kann man doch nicht trauen!
Sprecher: In der Schule scheint es ziemlich schwer zu sein. Aber vielleicht klappt es ja in der Kirche.
Zwei Gottesdienstbesucher: (Stehen mit dem Rücken zur Gemeinde vor dem Altar)
Jesus: Kommt mit mir! Ich bringe den Menschen Gottes Botschaft und seine Liebe. Kommt mit mir, ich brauche euch!
Gottesdienstbesucher 1: Psst. Wir feiern gerade Gottesdienst, da kannst du nicht dazwischenquatschen!
Jesus. Aber…
Gottesdienstbesucher 2: Halt doch mal die Klappe! Jetzt feiern wir Abendmahl! Da feiern wir, dass Jesus mitten unter uns ist.
Jesus: Aber ich…
Gottesdienstbesucher 1: Herr Pfarrer, können sie den Typen hier nicht mal rauswerfen? Der stört uns beim Abendmahl!
Sprecher: Auch in der Kirche hätte es Jesus heute wahrscheinlich schwer. Einfach so wie Petrus mitgehen, das würde sich fast niemand wirklich trauen. Und woher soll man denn auch wissen, dass man sich auf ihn verlassen kann? Aber auch wenn es heute nicht so einfach ist: Wir glauben, dass wir Jesus auch heute begegnen können. Auch in der Schule. Zum Beispiel da, wo Außenseiter nicht gemobbt werden, sondern wo man ihnen die Chance gibt, Freunde zu finden und sie fair und respektvoll behandelt. Oder wo Lehrer Verständnis für die Probleme von Schülern haben und helfen. Oder wo Schüler in Lehrern nicht ihre Feinde sehen, sondern Menschen, die auch dann für sie da sind, wenn es nicht gerade leicht ist. Und auch in der Kirche ist Jesus da. Zum Beispiel da, wo Menschen aus verschiedenen Ländern oder mit ganz verschiedenem Alter sich offen und mit Respekt begegnen. wo die alten nicht auf die Jugendlichen schimpfen oder die Jugendlichen nicht denken, dass die Alten keine Ahnung haben. Egal ob in der Schule oder in der Kirche oder an ganz vielen anderen Stellen in unserem Leben: Jesus kann immer noch da sein. Zum Beispiel da, wo Menschen sich gegenseitig respektieren. Oder da, wo sie nicht zuerst sehen, was andere falsch machen, sondern die eigenen Fehler erkennen. Und da, wo sie bereit sind, anderen zu vergeben und sich vergeben zu lassen. Jesus ist da. Aber uns würde es allen schwer fallen, so wie Petrus einfach so unser altes Leben liegenzulassen und mit Jesus zu gehen.
            Wir singen jetzt vom Lied 621 die 1. Strophe.



Anspiel / Verkündigung 2
Magd: Ey du, du bist doch auch ein Freund von Jesus.
Petrus: Ich? Niemals! Den kenne ich nicht!
Magd: Doch, ich habe dich doch schon öfter mit ihm hier gesehen!
Petrus: Du musst mich verwechseln. Ich habe zwar schon von dem Typen gehört, aber ich kenne ihn nicht! Ich will mit dem nichts zu tun haben. Der erzählt doch nur Blödsinn.
Magd: Erzähl mir nichts! Du bist einer von denen! Ich kenne dich ganz genau. Erst gestern vor dem Tempel, da bist du mir fast auf die Füße getreten als du mit ihm unterwegs warst. So ein Gesicht vergesse ich nicht!
Petrus: Jetzt halt endlich die Klappe! Ich kenne ihn nicht, zum letzten Mal! Mit so Typen will ich nichts zu tun haben! Der ist doch ein armer Irrer! Ich finde ihn und das was er sagt, total bescheuert! Und jetzt lass mich endlich in Ruhe!
Sprecher: Und dann krähte der Hahn…
Petrus: (weint) Er hat es gewusst. Er hat es mir gesagt. Und ich war so blöd und hab ihm nicht geglaubt. Ich habe gedacht, dass mir das nicht passiert. Ich habe gedacht, das sich der Größte bin. „Auf dich will ich meine Kirche bauen, du bist der Fels“ – das hat Jesus doch zu mir gesagt. Und ich habe gedacht, ich wäre unbesiegbar. ich wäre wie er und würde alles aushalten. Ich schäme mich so. Bestimmt will keiner von den anderen jemals wieder etwas mit mir zu tun haben. Auf mich kann man sich nicht verlassen. Einmal soll ich zu Jesus stehen, und da kippe ich schon um. Hätte ich doch nur meine große Klappe gehalten!
Sprecher: Was war eigentlich schlimmer? Das Petrus in Lebensgefahr behauptet hat, er würde Jesus nicht kennen? Das Jesus das vorhergesehen hat? Oder das Petrus an seinen eigenen Ansprüchen gescheitert ist und nicht so toll war, wie er immer dachte? Wahrscheinlich ist es eine Mischung aus allen dreien, die Petrus so traurig macht. Aber Petrus ist ja nicht allein mit seinen Erfahrungen.  Aus Bequemlichkeit oder Angst oder um vor anderen gut dazustehen macht man nicht das, was eigentlich richtig wäre, sondern Dinge, von denen man genau weiß, dass sie so nicht richtig sind. Wie in unseren drei kleinen Beispielen:
Pfarrer: (steht auf der Kanzel) Liebe Gemeinde! Brich mit dem Hungrigen dein Brot! Ja, die Bibel sagt uns, dass wir mit den Armen teilen sollen. Nicht nur durch Geldspenden vor Weihnachten oder in der Kirche, sondern auch dann, wenn einer kommt und unsere Hilfe braucht! Amen. (Geht von der Kanzel runter, auf die andere Seite) Endlich Feierabend. Endlich habe ich meine Ruhe! Die Woche war anstrengend, das habe ich mir verdient. Jetzt mach ich mir erst einmal was Schönes zu essen. Hab ja gestern noch lauter tolle Sachen eingekauft. (Es klopft) Wer stört denn da? Na, mal sehen, vielleicht ist ja jemand gestorben.
Alkoholiker: Hast du mal was zu essen? Ich hab Hunger und ich hab kein Geld mehr!
Pfarrer: Du schon wieder! Gib gefälligst nicht dein ganzes Geld für Schnaps aus. Ich hab nichts, bin gestern nicht zum Einkaufen gekommen. Geh heim und schlaf erst mal deinen Rausch aus. Lern doch gefälligst mal, mit deinem Geld umzugehen! MUSIK KURZ EINSPIELEN
Schüler 1: Na, Streber, du warst das bestimmt mit der einzigen 1 in der Mathearbeit!
Schüler 2: Ne, war ich nicht, hab nur ne 3-, ich hab Geometrie auch nicht so richtig kapiert.
Schüler 1: Erzähl doch nichts! Du schreibst doch nur Einsen und Zweien, du Streber!
Schüler 2: Nein, ernsthaft, Geometrie ist nicht so meins und ich hatte keinen Bock zu lernen.
Schüler 1: Na, so langsam lernst du es auch und wirst doch ein bisschen cool. Kannst ja mal heute im Skatepark vorbeikommen, wenn du nicht lernst!
Schüler 2: Hoffentlich kriegt der nicht raus, dass ich doch die 1 hatte, ich bin die blöde Anmache von den anderen so leid! Und ich hab echt mal Lust, mit den anderen zu skaten. Meine Mutter lässt mich sicher weg, als Belohnung für die 1. Aber hoffentlich geht das gut. MUSIK KURZ EINSPIELEN
Mädchen 1: Hast du schon gehört, die Laura hat mit dem Amir rumgemacht und ist jetzt schwanger. So typisch, das macht die echt auf jeder Party!
Mädchen 2: Hab ich doch schon immer gewusst, dass die so eine ist! Aber sag mal, ich hab gedacht, du bist die beste Freundin von Laura?!
Mädchen 1: Ich doch nicht! War ich noch nie!
Mädchen 2: Und weshalb seid ihr dann immer in der Pause zusammen gewesen und habt im Bus zusammengesessen? Komm, erzähl mir nichts, du bist doch auch so eine!
Mädchen 1: Quatsch, ich find die echt hässlich und blöd. Die war halt so anhänglich. Ich bin die nicht losgeworden.
Mädchen 2: Das sah aber ganz anders aus. Und zur Party von Linda seid ihr doch auch zusammen gekommen und hattet die gleichen Klamotten an!
Mädchen 1: Die Kuh hatte mich bei H&M gesehen und war doch so frech, sich das Gleiche zu kaufen und die wusste halt, mit welchem Bus ich fahre!
Mädchen 2: Na, da bin ich ja beruhigt. Ach, da kommt Laura ja…
Mädchen 3: Hey Lisa, wieso bist du denn hier? Du hast mir doch in Deutsch versprochen, dass du zu mir kommst und mit mir Mathe lernst?
Sprecher: Wie kommt man da bloß raus? Wie kommt man raus, wenn man die Freunde verrät oder lügt, um sich Anerkennung zu verschaffen oder wenn man aus Bequemlichkeit nicht das macht, was man von anderen fordert und was richtig wäre? Wir haben es uns überlegt. Und natürlich kommt es auf die Situation an. Der Pfarrer könnte es beim nächsten Mal besser machen und zum Beispiel auch davon erzählen, dass er nicht perfekt ist und dass es mühsam ist, so zu leben, wie Jesus es gewollt hätte. Und im zweiten Beispiel wäre es sicher leichter, drüberzustehen, wenn man weiß, dass man Freunde hat, die zu einem halten. Oder dass man sich auf seine Familie verlassen kann. Oder dass man den Mut hat, einfach auch mal anders zu sein, als es die, die glauben, sie könnten die Richtung in der Klasse oder im Jahrgang bestimmen, gut finden. Und im dritten Beispiel hilft vielleicht eine Entschuldigung. Vielleicht war ja vorher ein Streit da und der Verrat war eine Trotzreaktion. Und wenn einem die direkte mündliche Entschuldigung sehr schwer fällt, hilft es vielleicht auch, zu schreiben. Eine Garantie, dass das klappt, gibt es nicht. Aber ohne, dass man einsieht, was falsch gemacht hat, geht gar nichts. So wie bei Petrus. Die Geschichte mit ihm und Jesus war eben nicht vorbei. Sondern Petrus hat später noch ganz viel von Jesus erzählt, halt Menschen geheilt und sich um die Gemeinde gekümmert. Er ist wirklich der Felsen geworden, auf den sich die Gemeinde verlassen konnte. Wahrscheinlich ist er das geworden, weil er genau wusste, dass er nicht perfekt ist und Fehler macht, auch im Glauben. Er wusste, dass er Vergebung braucht und er hat die Vergebung durch Jesus gespürt und konnte deshalb auch anderen vergeben. Und wir glauben auch, dass es im Glauben an Jesus darum geht, sich selbst ehrlich zu sehen. Und Fehler nicht zu verstecken oder schön zu reden, sondern um Vergebung zu bitten, es beim nächsten Mal besser zu machen und auch anderen zu vergeben. Amen.

Ahad, 10 Mac 2013

Ewiges Leben - mehr als nur ein Alptraum Lätare, 10.03.13, Reihe V

Text: Johannes 6,47-51
Liebe Gemeinde!
Ich weiß wirklich nicht, ob ewiges Leben etwas Schönes ist. In der Geschichte gab – und gibt – es immer wieder Menschen, die sich unsterblich machen wollten und machen wollen. Der römische Kaiser Nero, Karl der Große, Napoleon, Hitler oder Stalin, sie mögen als Beispiel für viele Kaiser, Könige, Politiker, Generäle stehen. Ja, die Erinnerung an sie, die sich selbst unsterblich machen wollten, die ewigen Ruhm ernten wollten, ist noch da. Auch nach Jahrzehnten, Jahrhunderten oder Jahrtausenden. Aber der Preis für diese Unsterblichkeit in den Geschichtsbüchern und der Erinnerung der Menschheit war bei allen der Tod tausender, später dann von Millionen von Menschen. Und das eigene Leben konnten auch sie um keinen einzigen Tag verlängern. Es gibt Verrückte, die lassen sich nach dem Tod einfrieren, weil sie hoffen, dass in hundert oder zweihundert Jahren die Forschung soweit ist, dass sie Tote wieder auferwecken kann und dann wollen sie ewig weiterleben. Aber um welchen Preis? Ewiges Leben – das kann ja mit 13, 14 oder Mitte zwanzig eine tolle Perspektive sein, wenn man gesund ist, wenn man glaubt, noch alle Möglichkeiten vor sich zu haben. Ewige Jugend – mit möglichst wenig eigener Verantwortung, mit möglichst viel, was einem andere abnehmen, mit ganz viel von dem, was einem als Schönheitsideal vorgegeben wird. Ich finde es erschreckend, wenn Gesichter nicht mehr das Leben widerspiegeln dürfen und Falten haben dürfen, sondern wenn man glaubt, mit Mitte 40 noch wie zwanzig aussehen zu müssen und sich auch so benehmen zu sollen. Ewiges Leben als ewige Jugend – für mich ein Alptraum. Keine Verantwortung, keine Zuwachs an Lebenserfahrung. Jugend ist etwas Wunderbares – wenn sie Jugend sein darf und kein Dauerzustand sein muss, wenn Jugendliche sich von Erwachsenen unterscheiden dürfen und nicht Erwachsene ewige Jugendliche spielen. Und ewiges Altern – das will doch auch keiner ernsthaft. Also: wie ist das mit dem ewigen Leben? Was Jesus hier verspricht – auf den ersten Blick finde ich das erst einmal ziemlich fragwürdig.  Und auf den zweiten Blick auch. Was heißt denn eigentlich „ewig“? Ewig heißt zuerst einmal, keinen Anfang und kein Ende zu haben, immer da zu sein. Logisch denken lässt sich das nicht. Wir können uns Unendlichkeit nicht vorstellen. Das ist etwas, was eigentlich nur Gott als Eigenschaft zukommt. Wenn Gott größer ist als alles, was wir denken können, dann ist er eben auch größer als alles, was wir an Möglichkeiten haben, von der Zeit zu reden und zu denken. Vor jedem Punkt, den wir uns vorstellen können, war er schon da und nach jedem Punkt, den wir denken können, wird er auch noch da sein. Ewig eben. Wenn Jesus sagt: „Wer glaubt, hat das ewige Leben“, dann hört sich das wirklich seltsam an. Nicht Mensch, sondern wie Gott sein wollen, das ist das, was die Bibel von Anfang an als Sünde bezeichnet. Sünde ist nicht zuerst das geklaute Armband oder das Fremdgehen,
 Sünde ist, die eigenen Grenzen nicht anzunehmen und wie Gott sein zu wollen. Schon in der Geschichte von Adam und Eva erzählt die Bibel davon. Wenn Menschen wie Gott sein wollten und sich selbst an diese Stelle gesetzt haben, dann hat das immer zu Katastrophen geführt. In ganz große, wie man zum Beispiel bei Hitler und Stalin gesehen hat, aber auch in fast unsichtbare, ganz in unserer Nachbarschaft, wo ein Mann seine Frau, seine Schwägerin, seine Kinder aufs Übelste missbraucht hat, indem er sich als absolut höchste Autorität aufgebaut und widerspruchslose Verehrung verlangt hat. Und er bekam das alles, weil er massive Gewalt einsetzte.
Es ist also nicht automatisch was Tolles, was man einfach so hinnehmen sollte, wenn Jesus hier sagt: „Wer glaubt, der hat das ewige Leben.“ Ich glaube, es ist wichtig, sich klar darüber zu werden, dass mit ewigem Leben erstens keine banale Unsterblichkeit gemeint ist. Bis heute ist auch der frömmste Christ, den man sich vorstellen kann, gestorben. Und es ist auch nicht gemeint, dass man ewig in der Erinnerung von Menschen weiterlebt. Manchmal höre ich  bei Beerdigungen solche Sätze wie „Solange sich noch jemand erinnert, lebt der Mensch weiter.“ Aber wie traurig und ungerecht wäre es, wenn ewiges Leben an Erinnerungen geknüpft wäre. Dann hätte zum Beispiel Nero, der brutale Christenverfolger, doch Recht behalten und ganz viele heute längst vergessene Menschen, die unter Einsatz ihres Lebens im Stillen Gutes getan haben, wären die Loser schlechthin. Und ich glaube, dass es auch ziemlich traurig und falsch wäre, im ewigen Leben eine billige Vertröstung auf ein besseres Leben nach dem Tod zu sehen. Manchmal kommt es mir so vor, als würde für manche Menschen der Satz von Jesus „Wer glaubt, der hat das ewige Leben“ bedeuten: „hier geht es dir vielleicht schlecht, hier musst du wegen deinem Glauben leiden oder bist krank oder wirst gemobbt, aber nach dem Tod wird’s dir besser gehen, wenn du nur an Jesus glaubst.“ Ich will ja gar nicht ausschließen, dass da was dran sein könnte, aber Jesus redet hier im Johannesevangelium nicht erst von irgendeiner Zukunft. Er redet in der Gegenwart. Ganz überspitzt könnte man sagen: „Wer jetzt glaubt, der hat jetzt schon das ewige Leben“.
Es geht nicht nur um die Zukunft, es geht schon um die Gegenwart. Und zwar nicht nur in irgendeiner Vergangenheit, in der Johannes sein Evangelium aufgeschrieben hat, sondern auch im Jahr 2013. Vielleicht ist das ja ein sehr merkwürdiger Gedanken. Ewiges Leben schon jetzt. Ich glaube, dass wir nur weiterkommen, wenn wir uns die Bilder und Geschichten näher ansehen, die Jesus hier benutzt. Da ist die Geschichte von der Befreiung des Volkes Israel aus der ägyptischen Sklaverei. Unterwegs in der Wüste gab es ganz konkrete Not und Hungererfahrung. Gott, so erzählt es die Überlieferung, hat diese Not ernstgenommen und mit seiner Hilfe wurde der Hunger gestillt. Manna nennt die Bibel dieses Brot, das die Menschen in ihrem körperlichen Hunger ganz konkret satt gemacht hat. Und das das körperliche Überleben gesichert hat. Hilfe zum Überleben in den Wüsten des Lebens – für mich etwas, das bis heute für Gott steht. Wo sind hier und heute die Erfahrungen von Wüste? Die Erfahrung, dass der Weg in die Freiheit ziemlich lang sein kann, dass Tag für Tag das Gleiche passiert, nichts vorangeht, dass Hilfe dringend nötig wäre?  Ganz unterschiedliche Erfahrungen können das sein. Vielleicht kommt dem einen manchmal die Schule wie eine Wüste vor, ein endlos langer Weg, das Ziel nicht vor Augen, weil das Gefühl da ist, dass die Mitschüler oder die Lehrer einen so gar nicht verstehen. Oder Erfahrungen im Beruf, wo man sich nach sinnvollen Veränderungen sehnt, danach, endlich seine Fähigkeiten einsetzen zu dürfen und man nur Druck spürt und die Angst, entlassen zu werden. Oder die Wüste einer Beziehung, die schon lange kaputtzugehen droht, wo man kein vernünftiges Wort mehr miteinander reden kann, wo nur Vorwürfe oder Schweigen sind. Oder die Erfahrung von Krankheit. Oder, oder, oder. Wüsten mitten im Leben. Und dann gibt es vielleicht auch die Erfahrungen, dass wie durch ein stärkendes Brot plötzlich neue Kraft da ist. Menschen, die einem die Augen öffnen, die zu einem stehen, die helfen, gute Gedanken, die Gott ganz konkret schenken kann. So, wie es die Geschichte vom Manna in der Bibel erzählt. Diese konkrete Hilfe, die Gott im Leben schenkt, ist wichtig. Aber Jesus verspricht hier noch mehr. Jesus erzählt von einem Leben, das diese Wüstenerfahrungen ganz hinter sich gelassen hat. Von einem Leben, in dem Zweifel, Not, Tränen und Trauer keine Macht mehr haben.  Für uns ein Traum. Aber ein Traum, der ganz konkret im Leben, Sterben und in der Auferstehung Jesu seinen Anhaltspunkt hat. Das, was Jesus gibt, ist zeitlich nicht begrenzt. Ewig also. Unser Leben wird keinen Tag länger dauern, egal ob wir an Jesus glauben oder nicht. Aber welche Macht der Tod über das Leben hat, das hängt eben auch davon ab, ob ich mich auf die Liebe Gottes, das konkrete Lebensbrot Jesus einlasse und mich von ihm stärken lasse.  Es geht im Glauben an Jesus darum, schon jetzt, schon hier in diesem Leben aus der Kraft heraus zu leben, dass der Tod keine endgültige Macht mehr hat. Nicht nur der Tod am Lebensende, sondern auch der Tod mitten im Leben. Jesus will Mut machen, die kleinen Schritte gegen diesen alltäglichen Tod zu wagen. Dort, wo einem erzählt wird, dass auf Schwache keine Rücksicht genommen werden muss, da ist dieser Tod mitten im Leben zu spüren. Dort, wo die Gesundheit von Menschen gefährdet wird, weil manche Lebensmittelproduzenten nur den Gewinn vor Augen haben. Dort, wo Geschöpfe gequält werden, weil Milch, Eier, Fleisch einfach nur billig sein sollen. Dort, wo Kinder und vor allem alte Menschen hauptsächlich als Verursacher von Kosten gesehen werden, dort ist der Tod mitten im Leben zu spüren.  Ein Wirtschaftswissenschaftler hat vor kurzem gesagt: „Wie gut eine Firma und ein Betriebsklima wirklich ist, zeigt sich daran, wie im Firmenalltag mit Kranken umgegangen wird.“ An viel zu vielen Stellen ist der Tod mitten im Leben zu spüren, die Herabsetzung von Menschen und von Gottes Schöpfung. Ich glaube, dass Jesus eben nicht nur von ewigem Seelenheil spricht, wenn er sagt, dass Glauben an ihn Anteil am ewigen Leben gibt, sondern dass er schon jetzt Anteil an dem gibt, was den Tod endgültig besiegt. Der Glauben an Jesus, das Vertrauen, dass sich in ihm wirklich Gott zeigt, gibt den Mut, schon jetzt umzukehren. Es anders zu machen. Niemandem wird das perfekt gelingen. Wir bleiben darauf angewiesen, dass Gott vergibt und vollendet.  Aber in diesem Bewusstsein könne wir schon Anteil haben an dem, was Jesus uns schenkt: Leben, dass sich nicht von der Angst leiten lässt, sondern Leben, das weiß: ich bin gewollt, geliebt, gehalten. wie anderes Leben auch. Und das nicht erst nach dem Tod, sondern schon hier und jetzt. Amen.

Jumaat, 1 Mac 2013

Lückenbüßer, kein Rechthaber! so ist er nun mal, oder? - Okuli, 03.03.2013, Reihe V

Text: Jeremia 20,7-11

Liebe Gemeinde!
Ja, wenn es dir schlecht geht, dann denkst du an Gott. Wenn die große Liebe kaputt gegangen ist, dann denkst du: Gott, warum hast du da nichts gegen gemacht? Oder: Gott, lass mich wieder eine neue Liebe finden! Und wenn sie dann da ist? Dann ist Gott doch ganz weit weg! Wenn deine Mutter schwer an Krebs erkrankt ist und wenig Hoffnung da ist, wenn ein Kind missbraucht wird, wenn ein Irrer Amok läuft und unschuldige Menschen einfach so über den Haufen schießt, wenn du in der Schule kurz vorm Sitzenbleiben stehst, wenn du feststellen musst, dass dein Kind Drogen nimmt oder dein Mann fremdgeht, wenn du wieder mal die Bilder vom Krieg in Syrien siehst oder wenn sich jemand aus deiner Nachbarschaft umgebracht hat, wenn das Geld hinten und vorne nicht reicht, wenn du das Gefühl hast, keine Freunde zu haben, wenn alles um dich herum den Bach heruntergeht: dann denkst du an Gott. Dann denkst du: „Warum ich? Warum jetzt? Wieso ist Gott so ungerecht?“ Und sonst? Wenn es dir gut geht, wenn du glücklich bist, wenn alles einfach läuft? Wenn es Weihnachten wird, dann denkst du vielleicht an Gott, ja, man könnte ja mal wieder in die Kirche gehen, erste Reihe Krippenspiel oder die tolle Kirchenmusik in der E-Kirche. Und im Hochsommer? Auch da sind die Kirchen offen. Auch da werden Gottesdienste gefeiert. Wenn die Konfirmation kurz bevor steht, dann denkst du an Gott. Aber wie ist das ein halbes Jahr später? Keine Angst, ich will jetzt niemandem einreden, dass er nicht hierher gehören würde. Und ich will auch nicht in den gerade von Pfarrern oder von hoch engagierten Christen manchmal gemachten Vorwurf einfallen: „Wenn du wirklich an Gott glaubst, dann darf Gott kein Lückenbüßer sein! An schlechten Tagen zu glauben ist doch viel zu einfach, wahrer Glaube zeigt sich dann, wenn du Gott nicht vergisst, wenn es dir gut geht!“ Natürlich wäre es unglaublich schön, wenn das so funktionieren würde. Aber es steht mir nicht zu, Menschen ihren Zugang zu Gott zu verbieten. Und ganz oft finden Menschen Zugang zu Gott durch eine Leere, die sie in ihrem Leben spüren. Durch eine Lücke, die sich aufgetan hat. Gerade durch Jesus hat Gott ein für allemal deutlich gemacht, dass er sich nicht zu schade ist, der Lückenbüßer zu sein, derjenige, der genau dahin geht, wo Menschen Leere in ihrem Leben empfinden, wo eine Gerechtigkeitslücke sich auftut, wo vielleicht auch das Gefühl da ist: ich bin Gott egal, um mich kümmert er sich ja doch nicht. Genau dahin ist Jesus gegangen, wo dieses Gefühl ganz groß war. Dorthin, wo Menschen es schon längst aufgegeben hatten, nach Gott zu suchen und nach Gott zu fragen. Gott hat sich nicht als der Gott gezeigt, der stur auf seinem Tempelberg sitzt und darauf wartet, dass man zu ihm kommt und ihn verehrt, sondern er ist zu den Menschen hin gegangen, auch dahin, wo es weh tut, auch dahin, wo Ablehnung war.
Menschen wollen Recht haben, immer wieder. Sie empfinden es als Kränkung, wenn sie nicht das bekommen, was ihnen der eigenen Meinung nach zusteht. Menschen wollen Recht haben und die eigene Meinung, den eigenen Glauben bestätigt bekommen. Ich glaube, gerade in der heutigen Zeit ist das ein menschliches Grundgefühl. „Ich habe doch das Recht, in der Schule abzuschreiben oder Referate im Internet zu klauen, wenn der Lehrer das alles nicht so erklärt, dass ich es kapiere!“ „Ich habe doch das Recht, bei der Steuer zu betrügen, wenn der Staat meine Steuern nicht so ausgibt, wie ich es für sinnvoll halte!“ „Ich habe doch das Recht, Gott lächerlich zu machen, wenn der Papst,
der Pfarrer, ein anderer, der von sich sagt, er wäre ein guter Christ sich nicht so verhält, wie ich es für einen guten Christen erwarte!“ Ich habe Recht! Und vielleicht denken manche auch: „Ich muss Recht behalten. sonst stehe ich als Schwächling, Feigling, Depp da! Wenn ich nicht Recht habe, dann bin ich nichts wert.“ Gott ist sich nicht nur nicht zu schade dafür, ein Lückenbüßer zu sein. Er ist noch dazu auch das Gegenteil von einem Rechthaber. Am Kreuz hat er auf alle Rechthaberei verzichtet, damit wir nicht am Recht zu Grunde gehen und nicht auf Recht und Schuld festgelegt werden, sondern damit wir aus dieser Spirale, nämlich notfalls auf Kosten anderer Recht haben zu wollen und zu müssen, die uns immer wieder schuldig werden lässt, herauskommen und auch dann, wenn wir nicht im Recht sind, leben dürfen.
Gott als Lückenbüßer. Gott als der, der auf das Rechthaben verzichtet. Gott als der, der so anders ist, dass es oft genug schwer ist, ihn zu sehen und sein Anderssein auszuhalten. Vielleicht sind das auch ein paar Ideen, Erkenntnisse, die Jeremia, der Prophet, lange vor Jesus hatte. Jeremia ist wohl extrem verzweifelt. Er fühlt sich von Gott getäuscht, enttäuscht, überrumpelt. Er soll Gottes Wort weitersagen. Und das ist eine harte Botschaft in seiner Zeit. Jeremia legt den Finger in die Wunden. In die Wunden der sozialen Ungerechtigkeit, in die Wunden, dass den meisten ihr Glauben völlig egal geworden ist, nur noch was für Feiertage, in die Wunden, dass das Vertrauen auf politische Spielereien und Kriegsabenteuer den Untergang bringen wird. Keiner hört das gern, keiner lässt sich gern kritisieren. Und Jeremia droht an Gott irre zu werden. Er will nichts mehr sagen, den Mund halten, seine Ruhe haben – und er kann es nicht. Gott ist stärker. Er will Gott loswerden – und er schafft es nicht. Ja, die Hoffnung, dass am Ende alles ins Lot kommt und Gott ihn ins Recht setzt, die hat er nicht aufgegeben. Aber die Gegenwart ist kaum auszuhalten. Gott ist anders, fremd. Und selbst der, der fest auf ihn vertraut und mit vielen persönlichen Nachteilen seinen Einsatz für Gott und seine Sache bezahlt, der wird nicht automatisch ein glücklicher Mensch. Wozu glauben, wozu hoffen, wozu sich für den Glauben einsetzen, wenn Gott mir noch nicht mal für die, die sich gar nicht um ihn kümmern sichtbar Recht gibt? Wozu Beleidigungen einstecken, verfolgt werden, wenn ich doch nicht sichtbar im Recht bin? Gott, du machst es mir extrem schwer, Gott, du wirst mir ziemlich fremd – und doch komme ich nicht weg von dir. Du hast mich fest im Griff. Vielleicht kann man das, was wir hier als ein Gespräch von Jeremia mit Gott gehört haben, so übersetzen.
Gott macht es Menschen nicht immer leicht, zu glauben, zu hoffen, zu vertrauen. Er ist oft so ganz anders. Und das nicht erst heute in einer Zeit, in der sich immer wieder darüber beschwert wird, dass nur Äußerlichkeiten gelten würden und dass überhaupt die Gottlosigkeit immer mehr um sich greift. Ich glaube sogar, dass unsere Zeit nicht gottferner ist als jede andere Zeit vor uns. Heute trauen sich die Menschen nur offener, über die Gottferne zu reden und heute muss, und das meine ich jetzt wörtlich, Gott sei Dank keiner mehr ums sein Leben oder sein persönliches Ansehen fürchten, wenn er sich kritisch zum Glauben äußert oder den Glauben an Gott ablehnt. Was wäre das denn für ein kleinkarierter, mickriger Gott, der als Rechthaber keine Kritik duldet? Wie kleinkariert wäre es, wenn Jesus zwar den Menschen sagen würde: „Liebe deine Feinde“, Gott aber nicht hinter diesem Anspruch stehen würde, sondern nur das fortsetzt, was unsere Rechthaberei dem Globus immer wieder an Kriegen, Auseinandersetzungen und Leid beschert hat und immer noch beschert?
Gott ist so anders, dass es provoziert, wenn die Logik der Stärke, des Rechthabenmüssens in Frage gestellt wird. Wie sehr der Glauben an Gott provoziert, habe ich diese Woche in facebook gesehen. Am letzten Donnerstag begann die neue Staffel von „Germany’s next Topmodel“. Eine Kandidatin, eine 17-jährige Schülerin, hat erstens zumindest im Moment noch keine typische Topmodelfrisur und redet vor allem zweitens offen darüber, dass sie an Gott glaubt, sich in der Kirche engagiert und vielleicht mal Pfarrerin werden will. Gerade das hat zu relativ vielen Beleidigungen in den Kommentaren zu einem Foto von ihr auf facebook geführt. Jetzt ist Jacqueline, so heißt dieses Mädchen, ganz bestimmt nicht Jeremia. Aber erstens provoziert es offensichtlich immer noch, anders zu sein und nicht das nachzuplappern, was einem manchmal viel zu viele andere vorsagen und was als normal gilt und zweitens macht es Gott Menschen, die sich zu ihm bekennen, offensichtlich nicht so leicht, dass sie automatisch für alle sichtbar im Recht sind und superglücklich werden. Ich weiß nicht, wie Jacqueline mit den Beleidigungen umgeht, ich weiß nicht, wie sie sich entwickeln wird und wie sich ihre Beziehung zu Gott entwickelt. Vielleicht wird sie auch einmal eine Leere spüren, denken: „Wenn du mich so hängen lässt, wieso sollte ich dann noch was mit dir anfangen?“ Ich weiß es nicht. Was ich aber weiß ist, dass Gott sich nicht zu schade dafür ist, genau in solche Erfahrungen von Leere hineinzugehen. Was ich weiß ist, dass Gott sich nicht zu schade dafür ist, Lückenbüßer zu sein, dort, wo im Herzen, wo im Leben eine Lücke ist. Was ich weiß ist, dass Gott nicht ein Gott ist, der bedingungslose Jasager will und fördert, sondern dass er sich nicht zu schade ist, so wie von Jeremia auch in Frage gestellt zu werden.
Gott ist anders. Gott sei Dank.
Amen.