Khamis, 23 Ogos 2012

"Vanity is the first sin" - Eitelkeit ist die Grundsünde - 13. So n. Tri., 02.09.13, Reihe IV

Die Predigt wurde im Rahmen eines Predigttausches auch am 12. So. n. Tr. gehalten
Text: Genesis (1. Mose) 4,1-16 (Einheitsübersetzung)

Liebe Gemeinde!
Mord in der Familie! Aktueller könnte in diesen Wochen kaum eine Geschichte aus der Bibel sein. Es waren Morde von Eltern an ihren Kindern, an ihren Ehepartnern, an sich selber, die in den letzten Wochen traurige Schlagzeilen gemacht haben. In manchen Fernsehberichten und auf manchen Fotos im Internet und in Zeitungen waren wieder mal Fotos von selbstgemachten Schildern mit der Frage „Warum?“ zu sehen. „Wie kann man das nur machen? Wie kann man nur die eigenen Kinder umbringen?“ Oder andere Menschen, zu denen man eine ganz besondere Vertrauensbeziehung hat. Ich frage mich das genauso wie Hunderttausende, vielleicht Millionen anderer auch. Morde in der Familie. Vielleicht kommen dem einen oder der anderen auch die sogenannten „Ehrenmorde“ wieder in den Sinn. Morde von Vätern, meistens aber von Brüdern, an ihren Schwestern oder Töchtern weil sie mit ihrer Art zu leben angeblich die Ehre der Familie verletzt haben. Wie kann man das nur machen? Alles nur eine Sache armer Irrer oder rückständiger Muslime? Ich habe keine gültige Antwort. Ich habe Fragen. Und ich habe einen Verdacht. Den Verdacht nämlich, dass das keine Frage rückständiger Muslime oder psychisch total kranker Menschen ist, kein unerklärliches Phänomen, sondern im Grunde eine Frage des Menschseins. Ich habe den Verdacht, dass es möglicherweise bei diesen unbegreiflichen Morden um etwas ganz Ähnliches geht wie in der Geschichte von Kains Brudermord an Abel. Da geht es für mich um gekränkte Eitelkeit. Gott nimmt Kains Opfer nicht wahr. Im Gegensatz zu dem seines Bruders Abel. Kains Eitelkeit, sein Gefühl, etwas gelten zu sollen und zu müssen, ist verletzt. Und dann geht die Geschichte so tragisch und dramatisch weiter. Bei einem Familienmord dieser Tage in Berlin ging es darum, dass der Mann nicht mit Schulden leben wollte und er auch seiner Familie keine materielle Armut zumuten wollte. Bei einem anderen Mord ging es darum, dass die Frau mit den Kindern den schlagenden Mann und Vater verließ, bei einem anderen darum, dass die Tochter älter wurde und sich von der alleinerziehenden Mutter löste. Bei den sogenannten Ehrenmorden einfach um das in den Augen der Männer beschädigte Ansehen. „Eigentlich steht mir doch mehr, was anderes zu. Eigentlich müsste ich doch besser dastehen. Ich will was sein, ich will was gelten, lieber will ich auf andere herabschauen als dass andere besser als ich sind.“ Gekränkte Eitelkeit. Vielleicht wie bei Kain, der nicht ertragen wollte, dass bei seinem Bruder was besser war. Er war doch der Ältere! Er hieß doch Kain, auf Deutsch etwa „Gewinn, Errungenschaft“ und nicht Abel, „Hauch, flüchtig, vergänglich“ wie sein kleiner Bruder! Gekränkte Eitelkeit. Ich finde es immer wieder erstaunlich, wie lebensnah, wie ehrlich, wie aktuell die Grunderzählungen über Gott und uns Menschen in der Bibel bis heute sind.
Natürlich führt gekränkte Eitelkeit nicht immer zum Mord. Ich bin selbst Bruder einer jüngeren Schwester und ich war zwar in meinem Stolz verletzt, dass ausgerechnet meine kleine Schwester beim Fußball vor mir gewählt wurde, dass sie zur Konfirmation mehr Geschenke bekam – aber meine Schwester lebt noch.
 Und Gott sei Dank die allermeisten anderen Geschwister auch noch. Aber ich vermute, dass die allermeisten das Gefühl kennen: Ich bin doch der Ältere, warum kriegt der Kleine alles nachgeworfen? Warum laufen ihm die Mädchen nach? Warum läuft es für ihn in der Schule besser? Oder, oder, oder. Mir steht das doch zu! Der Erste, der Beste, der Größte zu sein – unsere Gesellschaft ist sehr oft auf die Siegertypen ausgerichtet, die Gewinner, nicht nur unter Geschwistern. Mir steht es doch zu! Ich muss es doch zeigen! Eitelkeit hat nicht in erster Linie etwas damit zu tun, dass Frauen viel Geld in Kleidung investieren oder Jungs manchmal stundenlang die Haare stylen. Sondern sie geht tiefer. Die Sehnsucht danach, bestätigt zu bekommen, der Beste zu sein. „Eitelkeit ist die erste, die Grundsünde!“ Nicht von mir, dieser Satz, sondern aus dem Film: „Anwalt des Teufels“. Ein guter, sehr kluger Film und eine Einsicht, über die es sich nachzudenken lohnt.  Natürlich gibt es auch andere Möglichkeiten, den Brudermord von Kain an Abel zu deuten. Da gibt es die Deutung, dass deutlich werden soll: der geistige Mensch (Abel, sie erinnern sich an seine Namensbedeutung: Hauch) ist für Gott wichtiger als der materiell gesinnte Mensch (Kain, was ja „Gewinn“ bedeutet). Aber das wird der Geschichte nicht gerecht. Da gibt es auch die Deutung, dass Gott das Opfer von Abel bevorzugt, weil er großzügiger ist. Er gibt schließlich wertvolle Tiere, geht ein Risiko ein, weil er nicht weiß, wie viele Tiere noch geboren werden und wie viele an Krankheiten sterben. Kain wird als berechnend hingestellt, weil er nur einen kleinen Teil der Ernte opfert. Es gehe um Großzügigkeit, die den Vorzug vor der Berechnung hätte. Aber auch das wird der Geschichte nicht gerecht. Erstens: was hätte Kain denn sonst opfern sollen? Er hatte ja nur Getreide und er konnte ja schlecht den ganzen Acker anzünden. Zweitens, und das gilt für beide Deutungen: Die Geschichte erzählt mit keinem Wort,  warum Gott das eine Opfer annimmt und das andere nicht. Gottes Gnade ist unverfügbar. Menschen können sie nicht herbeizaubern. Eigentlich ein ganz moderner Gedanke. Drittens, und das ist das wichtigste: In erster Linie geht es um den Umgang Gottes mit Kain und um Kain und seinen Umgang mit Schuld und Sünde.
Ein Schlüssel zur Beziehung von Gott und Kain, von Gott zu uns Menschen überhaupt, ist die Anrede Gottes an Kain noch bevor der Mord geschieht: „Warum überläuft es dich heiß und warum senkt sich dein Blick? Nicht wahr, wenn du recht tust, darfst du aufblicken; wenn du nicht recht tust, lauert an der Tür die Sünde als Dämon. Auf dich hat er es abgesehen, doch du werde Herr über ihn!“ Du hast es in der Hand! Gott schenkt Handlungs- und Entscheidungsfreiheit. Lass dich nicht von deiner Eitelkeit, aus der Neid und noch mehr kommen, auffressen, lass das nicht zur Sünde gegen Gott und die Menschen werden, lass das vor der Tür. Die Versuchung, die Bedrohung ist da – aber noch wäre Zeit, sie draußen zu lassen. Es gibt ja auch, das kann und will ich nicht leugnen, die produktive Seite des Konflikts. Aus der gekränkten Eitelkeit kann ja auch der Ansporn werden, es demnächst besser zu machen oder sich auf andere Art und Weise anzustrengen. Ohne diese Konflikte gäbe es vermutlich die allermeisten Erfindungen nicht, keine spannenden Sportwettkämpfe und nur äußerst langweilige Kompositionen. Gott sagt nicht: Du darfst die Gefühle nicht haben, du musst sie unterdrücken. Er sagt: Pass auf, sie sind gefährlich. Lass sie nicht vernichtend werden. Bleibe du Herr über Eitelkeit und Neid und lass dich nicht davon beherrschen. Nicht „Habe es nicht!“ sondern „Verwandle es in Gutes“. Gott ist ein Gott, der uns Menschen Freiheit schenkt. Auch darin besteht die Würde unserer Gottebenbildlichkeit. Unsere echte Beziehungsfähigkeit. Aber die Kehrseite der Freiheit ist die Möglichkeit, schuldig zu werden. Und diese Möglichkeit ergreift Kain hier. Er tötet seinen Bruder. Nicht die Beziehung zu Gott, erst recht nicht die Beziehung zu seinem Bruder, allein die Beziehung zu sich selbst und die gekränkte Eitelkeit werden zum Maßstab seines Handelns. Sünde ist nicht die eine falsche Tat, nicht das eine falsche Gefühl, die sind höchstens Ausdruck der Sünde. Sünde ist das Verweigern der Beziehungsstruktur, in der Gott uns geschaffen hat, der reine Selbstbezug, das Sich-um-sich-selbst-drehen. Ich bin meine Welt – und letztlich heißt das: ich bin mein Gott. Spannend ist für mich nicht so sehr die Tat des Kain, sondern wie es dann weitergeht. Erst einmal tut Kain so, als ginge ihn das alles nichts an. Typisch Mensch. „Ich doch nicht! Was habe ich denn gemacht? Ich weiß von nichts!“ Als er dann von Gott mit der Wahrheit konfrontiert wird, da macht er etwas ganz Neues – er steht zu seiner Schuld! „Zu groß ist meine Schuld, als dass ich sie tragen könnte“, sagt er. In manchen Bibelübersetzungen steht nicht ganz richtig, dass er sagen würde „Zu groß ist meine Strafe“ – das führt in die Irre. Wörtlich steht da tatsächlich das Anerkenntnis der Schuld. Und dann erst das Erschrecken über die Strafe. Seine Eltern haben noch anders reagiert. Adam sagte auf die Frage, warum er die verbotene Frucht aß: „meine Frau hat’s mir gegeben“ und Eva beschuldigt die Schlange. „Der andere war’s!“ – Hier ist es anders. Die Folgen sind gleich – der Verlust von Sicherheit und Heimat, Ruhelosigkeit. Aus diesem Schuldanerkenntnis entsteht eine neue Beziehung zu Gott. Gott liebt den Sünder, nicht die Sünde – durch Jesus ist dieser Teil des göttlichen Seins endgültig ans Licht gekommen. Aber auch schon hier ist etwas von dieser Menschenliebe zu spüren. Gott schützt das Leben von Kain. Blut wird nicht durch Blut gerächt. Oft wird behauptet, der Gott, der sich im Alten Testament offenbart, ist ein Gott des  Zornes und der Rache. Aber gerade in den Grundgeschichten über Gott und uns Menschen wird deutlich, dass Gott ein Gott der Beziehung, ein Gott des Lebens ist. Auch Schuld rechtfertigt nicht den Tod eines Menschen. Gott schützt Leben – vor der Rachsucht des Menschen, vor dem Neid. Gott sucht Beziehung – auch dort, wo nicht wieder gut zu machende Schuld da ist. Gott vertuscht nicht, er stellt uns Menschen vor unsere Verantwortung, vor unsere Freiheit, vor unsere Schuld – aber er hilft uns auch, uns zu ertragen, weil er die Beziehung zu uns sucht. Gott sei Dank. Amen

Jumaat, 17 Ogos 2012

Ich bin kein guter Christ - 11. Sonntag n. Trinitatis, 19.08.2012, Reihe IV

Text: Galater 2,16-21 (Zürcher)

Liebe Gemeinde!
„Wissen sie, Herr Kling-Böhm, ich bin kein guter Christ!“ – Immer wieder erzählen mir Menschen so etwas. Manche alten Menschen, die ich zu Geburtstagen oder im Altersheim besuche genauso wie manche jungen Eltern, von denen ich ein Kind taufen soll oder Paare, die heiraten möchten. Manchmal auch Konfirmanden oder Schülerinnen und Schüler. Unterschiedliches steck mit in der Aussage: „Ich finde es schön, dass sie mich besuchen, mir zum Geburtstag gratulieren, aber machen sie sich keine Hoffnung, dass ich deshalb jetzt immer in den Gottesdienst komme. Ich bin kein guter Christ, viel zu vieles in meinem Leben macht es mir schwer, einfach so an Gott zu glauben.“ „Wir finden es wichtig, dass unser Kind von Gott angenommen ist, aber wir leben ehrlich gesagt nicht so wie gute Christen leben sollten.“ „Das Standesamt allein ist uns zu wenig, aber wir haben in letzter Zeit nichts mit der Kirche zu tun gehabt!“ „Ich finde es zwar ganz okay, dass es Reli gibt und ich will konfirmiert werden, aber ich will auch meinen Spaß haben!“ Manchmal bekomme ich das so gesagt. Und wenn ich dann mal nachfrage, was  denn nach ihrer Meinung ein guter Christ wäre, dann bekomme ich  zu hören: „Ein guter Christ geht sehr regelmäßig in die Kirche. Ein guter Christ kennt sich richtig in der Bibel aus. Ein guter Christ hält sich an die 10 Gebote. Ein guter Christ zweifelt nicht, trinkt nicht, raucht nicht und ist im Wesentlichen ein asexuelles Wesen – außer zur Fortpflanzung. Ein guter Christ kennt viele Regeln und Gebote und hält sich an die.“ Ein ganz schön strammes Programm. Aber eines, das man klar nachvollziehen kann und nach dem man Menschen einteilen kann: gute Christen – schlechte Christen – gar keine Christen. Ich habe manchmal den Eindruck, dass wir Menschen das ganz dringend brauchen: die Möglichkeit uns und damit auch andere in Kästchen einzuteilen. In drinnen und draußen, in die, die dazugehören und okay sind und die, die Außenseiter und nicht so toll sind. Funktioniert nicht nur bei der Einteilung in gute und schlechte Christen, sondern auch in gute und schlechte Eltern – „Oh, das Kind kriegt kein Bio-Gemüse? – Dann können die Eltern aber nicht so toll sein!“ In gute und schlechte Ehen, in drinnen und draußen bei vielen unterschiedlichen Gruppen und Grüppchen. Ein guter Christ macht, gute Eltern machen, ein guter Lehrer macht,  eine gute Ehefrau macht, ein guter Punker macht, ein guter Skater macht, ein cooler Zocker macht und so weiter und so weiter. Wir sehen von außen, an welche Regeln sich jemand scheinbar hält und teilen ein und urteilen.
Vielleicht können wir nicht anders. Vielleicht lohnt es sich aber öfter mal, einen anderen Ansatz zu probieren. Das ist keine Frage der heutigen Zeit, sondern das ist etwas, was wahrscheinlich schon immer in Menschen drin ist, seit wir denken können und uns in Beziehungen zusammenfinden. Drinnen und draußen, gut und schlecht. Und deshalb beschäftigt sich zum Beispiel auch Paulus in der Bibel, in seinen Briefen, mit solchen Fragen. In seinem Brief an die Galater, das sind die Christen, die in der Mitte der heutigen Türkei leben, da nimmt er Stellung zu der Frage, ob das Einhalten von Regeln und Gesetzen einen Menschen zu einem guten Christen machen. Petrus und ein paar andere haben nämlich Wert darauf gelegt, dass nur die wirklich gute Christen sind, die sich auch an die Gesetze des Alten Testaments halten und zusätzlich zum Christsein auch noch Juden werden, wenn sie es nicht schon längst waren. Petrus ging soweit, dass er dann nicht mal mehr mit denen gegessen hat, die sich als Christen nicht an die jüdischen Regeln und Gesetze gehalten haben. Paulus, der ja selber ein Jude war, schreibt dann unter anderem dazu:
Lesen: Galater 2,16-21
Zugegeben, das sind heute nicht mehr unsere Probleme. Aber ich glaube, dass wir für das Leben als Christen genauso wie für das Zusammenleben überhaupt eine Menge von Paulus lernen können, unabhängig von dem Glauben, den ein Mensch hat. Es hört sich ja erst einmal sehr merkwürdig an, wenn Paulus schreibt: Gerechtigkeit kommt nicht aus dem Gesetz und wenn sich ein Mensch an das Gesetz hält, dann wird er dadurch nicht gerecht. Paulus meint ja hier erst einmal das Gesetz Gottes, die Gebote aus der Bibel. Was er sagen will ist, glaube ich, nicht: haltet euch nicht an Regeln und macht was ihr wollt. Was er sagen will, ist eher: Du kannst Gott nicht durch
dein Handeln blenden, du wirst nicht perfekt sein und vor allem: hört doch endlich auf, euch in gute und schlechte Christen einzuteilen, indem ihr darauf schaut, wer sich an welche Regeln hält oder nicht. Es gibt Christen. Punkt. Gut oder schlecht ist kein passendes Kriterium. Was wichtig ist, ist, dass ich darauf vertraue, dass Jesus mich nicht nach meiner Schuld beurteilt, sondern mich liebt. Dass ich darauf vertraue, dass Vergebung möglich ist und dass ich die nicht dadurch kriege, dass ich mich immer verbissener an Regeln, die andere aufgestellt haben, halte, sondern dass ich die Vergebung deshalb kriege, weil ich bereit bin, mich auf die Liebe, die Gott schenkt und die Gott ist, einzulassen, weil ich mich lieben lasse und dadurch fähig werde, selber zu lieben. So einfach und so schwer ist das. Einfach, weil ich nicht ständig komplizierte Regeln im Kopf haben muss und nicht ständig denken muss: Mache ich auch ja alles richtig? Schwer, weil die Liebe Freiheit schenkt und Verantwortung und weil es sehr viel schwerer ist, Freiheit verantwortlich zu gestalten als nach starren Regeln zu leben. Auch wenn Paulus sich ziemlich kompliziert ausdrückt, ist das eigentlich gar nicht so schwer nachzuvollziehen. Kann man daraus, dass jemand sich äußerlich an die Regeln und Gesetze hält, die zum Beispiel im Alten Testament, im ersten Teil der Bibel, stehen, schließen, dass der ein guter Mensch ist und Gott liebt? Eigentlich nicht. vielleicht hält er sich an die Regeln einfach deshalb, weil’s Tradition ist und ihm nichts besseres einfällt, aber die anderen Menschen sind ihm egal und er glaubt gar nicht an Gott. Oder er hält sich aus Angst daran, weil er Angst vor Strafe hat, aber er findet es eigentlich blöd oder vielleicht hält er sich auch nur dran, damit er vor anderen gut dasteht und bewundert wird, obwohl ihn innerlich das alles gar nicht interessiert und er ein ziemlicher Egoist ist, der gar nicht an Gott glaubt und von Jesus und Vergebung nichts wissen will. Und das gilt doch auch für anderes: ich will vielleicht zu den coolen gehören, ziehe bestimmte Klamotten an und rauche, trinke, fluche, obwohl ich es blöd finde, aber so falle ich nicht auf. Ich will als guter Pfarrer gelten und rede in einer frommen, abgehobenen Sprache und tu so, als würde ich Bier blöd finden, nur damit alle denken, ich bin ein toller Pfarrer. Ich passe mich an, steh aber nicht dahinter – am Verhalten kann man die innere Einstellung nicht erkennen. Und den Glauben eines Menschen erst recht nicht. Paulus geht so weit, dass er sagt: Der Mensch sündigt gegen Gott, gegen Jesus, wenn er das Einhalten von Gesetzen, die Konzentration auf das äußerlich sichtbare Verhalten, zum Maßstab von Glauben und Liebe zu Gott macht. Jesus wäre dann umsonst gestorben, weil er doch dadurch uns von dem Zwang, uns durch äußere Anpassung selbst toll machen zu müssen, erlöst hat. Ich leugne, dass ich Jesus, die Liebe brauche, ich bin selbst der, der alles kann – das wäre wirklich Sünde. Aber reicht dann die innere Einstellung allein? Ich glaub an Jesus, ich vertraue auf ihn  - also kann ich machen, was ich will? Wäre das richtig? Das Gegenteil von „richtig“ ist zwar nicht unbedingt „gut gemeint“, aber trotzdem reicht das nicht. Wenn ich darauf vertraue, dass Jesus für alle Menschen da ist und alle Menschen liebt dann ist der Maßstab immer die Liebe zu Gott, zum Mitmenschen und zu mir selbst. Jesus sagt ja einmal, dass die einzige Regel, die man sich merken müsse, sei: „Liebe Gott von ganzem Herzen und deinen Nächsten wie dich selbst“. Wenn ich also auf Jesus vertraue, dann kann ich mich aus dem Glauben heraus an Regeln halten, die dabei helfen, anderen nicht zu schaden. Nicht weil ich dadurch besser werde, sondern weil sie ein Ausdruck der Anerkennung der Schutzwürdigkeit des anderen und seiner Menschenwürde sind. Nicht die Regel ist das Entscheidende, sondern der Mensch, der durch die Regel geschützt wird und dass ich erkenne, dass dieser Mensch von Gott so wie ich auch geliebt werde. Wenn das so gelebt werden kann, dann wird wahr, was Paulus schreibt, dass der alte Mensch, der glaubte, sich durch Regeln besser als andere machen zu können, tot ist und Christus, der den Menschen ins Zentrum der Liebe Gottes gestellt hat, in ihm lebt. Aber jeder, der schon eimal geliebt hat und geleibt worden ist, weiß, wie schwer das mit der Liebe klappt und wie leicht man davon weg kommt. Deshalb schriebt Paulus ja auch, dass wir Menschen immer wieder auf die Gnade angewiesen bleiben, auch jeder Christ, weil wir nicht immer nur Sachen aus Liebe tun, weil wir die Liebe, auch die Liebe Gottes, auch immer wieder verneinen. auch dadurch, dass wir uns einteilen, in gute und schlechte, vor allem auch in gute und schlechte Christen. Es gibt keine guten und schlechten. Es gibt nur Christen. Menschen, die auf Gottes Liebe vertrauen, versuchen sie zu leben und dabei immer wieder auf Jesus, auf Vergebung, angewiesen sind. Und für Gott gibt es nur Menschen. Menschen, die er liebt. Menschen, die er nicht, so wie wir, in Kästchen einteilt. Wir sind nicht Gott, wir müssen es nicht sein. Gott sei Dank bietet er auch uns seine Gnade an, wenn wir nicht diese Weite haben und uns lieblos einteilen. Amen

Sabtu, 11 Ogos 2012

Alles gut?! - 10. Sonntag n. Tr. (Israelsonntag), 12.08.2012, Reihe IV

Text: Jesaja 62,6-12
Liebe Gemeinde!


Am Ende wird alles gut! Genau das verspricht hier der Prophet, der Jesaja genannt wird, den Menschen, denen er lange vor unserer Zeit das gesagt hat, was ich eben vorgelesen habe. Die Stadt, die im Krieg zumindest teilweise zerstört wurde, wird wieder aufgebaut. Sie wird so etwas wie der Mittelpunkt der Welt, ein Anziehungspunkt für viele, viele Menschen, die sehen können, wie gut das Leben sein kann. Die Menschen in der Stadt werden in Frieden leben. Es gibt keine Ausbeutung mehr. Jeder wird mit seiner eigenen Arbeit genug zum Leben verdienen. Die Menschen in der Stadt werden erlöst sein. Die Stadt wird ein Vorbild für andere sein, alle werden die Stadt suchen wollen, weil man dort den Frieden mit Gott sehen und spüren kann. Am Ende wird alles gut! Aber wann wird das sein?

Ein Happy-End, das gibt’s ja mittlerweile höchstens noch in Filmen, die an der Grenze zum Kitsch stehen oder in wenigen Büchern. Wenn es im Film überhaupt ein Happy-End gibt, ahnt man doch meistens schon, dass das nur eine Durchgangsstation zu neuen Schwierigkeiten ist, eine kurze Pause, bevor in Teil 2, Teil 3 und Teil 4 neue große und kleine Katastrophen und Unglücke hereinbrechen. Am Ende wir eben nicht alles gut, zumindest nicht auf Dauer. Das lehren uns nicht nur Filme. Auch im wirklich gelebten Leben gibt es nicht für alles ein glückliches Ende. Auch Menschen, die ganz fest auf Gott vertrauen, werden krank, sterben manchmal einsam und mit Schmerzen. Auch Ehen von Menschen, die auf Gott vertrauen, können scheitern und nicht alle, die an Gott glauben, finden einen tollen Beruf oder sind richtig gute Schüler.

Am Ende wird alles gut?! – Da fällt einem mehr als ein Grund ein, vorsichtig zu sein und vielleicht auch zu den-ken: An dem Punkt hat sich der Prophet in der Bibel aber doch so ein bisschen geirrt. Vor allem dann, wenn man sich klar macht, welche Stadt es ist, die der Prophet da beschreibt und von der er so ein schönes Bild in der Zu-kunft entwirft. Es ist eine Stadt, die es heute noch gibt: Jerusalem. Heilige Stadt für Juden, Christen und Musli-me. Und seit Jahrtausenden eine Stadt, die auch für die Zerrissenheit der Menschen steht. Mehrfach wurden die Bewohner vertrieben und mit ihnen sollte der Glauben an Gott aus der Stadt getrieben werden. Im Jahr 70 wurde von den Römern der Tempel zerstört und etwas später wurde Juden verboten, die Stadt überhaupt zu betreten. Auch nach dem Ende der römischen Herrschaft war die Stadt immer wieder umkämpft, Zentrum grausamer Krie-ge, vor allem Muslime und Christen haben sich da durch Gewalt hervorgetan. Und heute? Bestenfalls herrscht in
 dieser Stadt angespannte Ruhe. Vom Frieden ist die Stadt weit entfernt. Und weit entfernt davon, ein Licht des Friedens und der Gerechtigkeit für die Völker zu sein. Muss man also sagen: „Nichts wird gut? Der Prophet hat sich geirrt?“ Das Festhalten an ihrem Glauben hat für die Juden fast in der Vernichtung geendet, von getauften Christen geplant und fast bis zu Ende getrieben. Die Reli-gionen, die sich auf den einen Gott der Bibel berufen, Ju-den und Christen allzumal, denen das erste, das so genannte Alte Testament gemeinsam ist, aber auch die Muslime, die im Koran ja eine Weiterentwicklung der Bibel sehen, diese Religionen lassen gerade in dieser Stadt wenig von der Hoffnung auf Frieden lebendig werden. Und Christen geben dabei manchmal ein besonders lächerliches Bild ab, wenn sich manche, wie es tatsächlich bis heute vorkommt, in der Kirche, die über dem Grab Jesu gebaut wurde, darum prügeln, wer wann Gottesdienste dort feiern darf und wer an welcher Ecke beten darf. Nach außen sichtbar ist nicht viel gut ge-worden. Muss man dann die Bibel als frommes Märchen-buch sehen, sollte man dann besser nicht mehr über diese Worte des Propheten, voller Hoffnung auf ein Happy-End predigen?

Sicher muss man kritisch mit solchen Worten der Hoffnung sein und man kann nicht einfach sagen: Wenn alle mal an Gott glauben würden, dann erfüllt sich das zu einhundert Prozent. Erstens macht der Prophet, der hier diese Wahrheit Gottes weitererzählt, seine schöne, hoffnungsvolle Ankündigung nicht davon abhängig, dass irgendwann mal alle an Gott glauben und DANN erfüllt sich die Verheißung, sondern er sagt: Gott wird Verheißungen erfüllen und DAS IST dann so schön, dass es ein lebendiges, attraktives Zeichen auch für die ist, die bis jetzt noch nicht an Gott geglaubt haben. Zweitens ist für mich die Tatsache, dass die Worten bis heute Juden und Christen wichtig sind und dass sie bis heute Menschen dazu anstiften, sich nicht mit einer gottlosen, unmenschlichen, unfriedlichen und ungerechten Gegen-wart abzufinden, sondern Hoffnung zu leben und für andere schon etwas von dem umzusetzen, was noch aussteht, ein Zeichen dafür, dass Glauben, Hoffnung und Liebe stärker sind als alle Gewalt und Unrecht und Krieg. An Gott zu glauben und seinen Versprechen zu vertrauen, heißt nicht, die Augen vor der Gegenwart zu zu machen, sondern in dieser Gegenwart im Vertrauen auf die Wirklichkeit Gottes zu leben. In dieser Gegenwart zu leben, zu handeln, Zeichen der Hoffnung zu entdecken. Und damit zu rechnen, dass die Gegenwart, die ja leider nur allzu selten echte Happy-Ends hat, eben nicht das letzte Wort für alles Leben ist.

Es bleibt die Frage, ob es als Grund der Hoffnung reicht, dass diese Verheißungen jahrtausendelang nicht unterzu-kriegen waren. Die Frage bleibt vor allem auch deshalb, weil sich Gottes Verheißung ja auf eine ganz konkrete Stadt, nämlich Jerusalem, und auch auf ein ganz konkre-tes Volk, das biblische Volk Israel, im Wesentlichen also unsere jüdischen Geschwister, bezieht. Und weder die konkrete jüdische Geschichte noch die Geschichte Jerusa-lems ist eine bruchlose Geschichte, die einfach immer weiter in Richtung Einheit mit Gott und „alles wird gut“ verläuft. Wäre es nicht einfacher, wenn die Verheißungen nur so ganz allgemein von einer Kraft sprechen würden, die da ist und wenn Gottes Liebe sowieso allen Menschen gilt? Warum sucht er sich dann ein Volk aus, noch dazu eins, das kleiner und schwächer als seine Nachbarn war und ist? Ich glaube, dass Gott hier deutlich machen will, dass er kein Allerweltsgott ist, bei dem alles irgendwie richtig ist, sondern dass Gott greifbar – und damit auch angreifbar ist. Gott zeigt den Menschen nicht irgendwie, was richtig ist, sondern er zeigt sich als Gott in Beziehung, der Menschen in Bewegung bringt. Im Zusammenhang mit unserem Predigttext geht es ja um die wahrgewordene Verheißung, dass die im Krieg Vertriebenen wieder in die alte Heimat gehen konnten. Lange davor ist es Abraham, der aufbricht und in seinem Aufbruch zum Segen wird, es ist die Befreiung aus der Sklaverei, der Weg in die Freiheit aus Ägypten ins gelobte Land. Später dann Jesus, der nicht einfach rumsitzt und wartet, sondern zu den Menschen geht – und die Menschen zu ihm. Es ist der Jude Paulus, der die Botschaft von Gott in die damals bekannte Welt trägt, der aufbricht, es sind viele andere mehr, die tatsächlich oder im übertragenen Sinn in Bewegung kommen und Glauben lebendig sein lassen. Und es ist die erstaunliche Wahrheit, dass selbst die Zerstreuung in alle Welt und die fast vollständige körperliche Vernichtung Gottes Volk nicht haben auslöschen können. Und diese Stadt, Jerusalem, ist bei allem Unfrieden bis heute ein Ansporn und Mahnmal, Verbindendes zu suchen, Frieden zu suchen. Gott ist kein Allerweltsgott, sondern ein Gott, der sich greifbar macht. In seiner Beziehung zu Menschen. Gott ist einer, der Menschen bewegt. In jeder Hinsicht.

Zwei Punkte aus dem Predigttext sind mir dabei noch be-sonders wichtig. Der eine Punkt ist der Anfang des Predigttextes. Da wird von Wächtern erzählt, die Gott in den Ohren liegen sollen, bis seine Verheißungen wirklich erfüllt sind. Gott lässt sich an seine Verheißungen erinnern. Wir Menschen dürfen das tun. Wir dürfen Gott in den Ohren liegen. Dann, wenn wir Zweifel daran bekommen, ob seine Verheißungen wirklich wahr werden. Hier wird nicht gesagt: „Haltet Ruhe, Gott macht das schon!“ – Sondern Gott ist ein Gott des Gesprächs, der Dialog – Gott in Beziehung. Und der andere Punkt ist, dass deutlich gemacht wird, dass jeder von seiner Arbeit leben kann. Das keine Ausbeutung mehr herrschen soll. Viel zu lange wurde und wird Ausbeutung von Menschen durch Menschen mit einem angelblich göttlichen Plan gerechtfertigt. Für mich ist gerade dieser Teil sehr aktuell. Für mich heißt das, dass auch Menschen in der Pflege nicht für Gotteslohn, also umsonst, arbeiten sollen, sondern gerecht bezahlt werden sollen. Dass Landwirte überall auf der Welt einen Preis für Milch, Getreide und anderes bekommen sollen, der ihnen ein menschenwürdiges Leben ermöglicht. Viel zu oft leben wir auf Kosten der Landwirte in Deutschland und vor allem in Ländern der sogenannten Dritten Welt. Für mich heißt das auch, dass es nicht sein kann, dass Menschen ausgebeutet werden, nur damit wir in den rei-chen Ländern billige Textilien oder Elektronik bekom-men. Gottes Verheißungen haben Konsequenzen. Ich lebe das selber sicher nicht immer richtig. Aber es ist gut, dass uns die Bibel, Gottes lebendiges Wort, an seine Verhei-ßungen, die Hoffnung schüren und Konsequenzen für das Leben zeigen, erinnert – so, wie wir Gott auch daran er-innern dürfen. Alles wird gut - wird alles gut? Das weiß Gott und das gebe Gott und er gebe auch, dass wir ihm nicht zu oft im Weg stehen. Amen

Khamis, 2 Ogos 2012

Vorbilder statt Abziehbilder - 9. Sonntag n. Trinitatis, Reihe IV

Text: Jeremia 1,4-10 (wird im Verlauf der Predigt gelesen)


Brauchen Menschen, brauchen wir Vorbilder? Ich finde, dass sich die Frage nicht so leicht beantworten lässt. In meinem Urlaub vor ein paar Wochen habe ich, passend zu den jetzt stattfindenden olympischen Spielen, zwei interessante Filme gesehen. Der eine berichtete von einem Jungen aus Somalia, dessen Vater vor seinen Augen getötet wurde, als er noch klein war. Als kleines Kind wurde er entführt, als Kindersoldat erlebte er im Grundschulalter unvorstellbare Grausamkeiten. In einem Flüchtlingslager lebte er dann mehrere Jahre als Jugendlicher und wurde schließlich von einer amerikanischen Familie adoptiert. In den USA war er zunächst Außenseiter, aber er lief gern und gut. So gut, dass er vor vier Jahren bei der Eröffnung der olympischen Spiele in Peking die amerikanische Fahne bei der Eröffnungsfeier tragen durfte. Der andere Film berichtete von einer jungen Frau, für deren Figur „dick“ noch eine freundliche Umschreibung war. Aber sie ist unglaublich sportlich, sehr gelenkig, spielt als erste Frau in einer College- Männermannschaft Football, was bei uns in etwa der 2. Fußballbundesliga entspricht, und nimmt für die USA in diesem Jahr als Gewichtheberin an den olympischen Spielen teil. Auf ihre Figur angesprochen, antwortete sie in etwa: „Wenn andere denken, ich wäre deshalb behindert oder blöd, sollen sie erst mal das leisten, was ich kann.“ Ich denke schon, dass die beiden auf ihre unterschiedliche Art Vorbilder sein können. Nicht, weil jeder sportlich sein und an olympischen Spielen teilnehmen muss, sondern weil sie etwas anderes zeigen. Der junge Mann könnte andere inspirieren, die als Kinder ebenfalls sehr Schlimmes erlebt haben, die Hoffnung zu behalten, dass nicht das ganze Leben zerstört sein muss und dass man einen Weg finden kann. Die junge Frau könnte Menschen inspirieren, deren Aussehen ebenfalls nicht den Maßstäben der Werbung, von Filmen und Modeindustrie genügt, jenseits aller Vorurteile und Verurteilungen einen eigenen Weg zu finden.
Wenn Vorbilder dazu inspirieren, eigene Wege zu gehen, dann ist das was Gutes. Wenn Vorbilder aber dazu führen, das Eigene zu vergessen und man nur noch so werden will wie sie, dann werden sie zu Idolen, Götzen, nehmen gefangen, lenken von den eigenen Möglichkeiten ab – und das ist nicht gut.
Wenn jemand aber sagt:“ Ich bin ich, ich brauche keine Vorbilder“ – dann ist das auch nicht unbedingt gut. Denn „Ich bin ich“ ist zwar an sich richtig, kann aber zwei Gefahren haben: einmal die bequeme Variante: „Ich bin halt so, ich kann und will mich nicht ändern und will auch aus meinen Fehlern nicht lernen“. Zum anderen aber auch die Variante: „Ich bin ich, ich interessiere mich nicht für die anderen, ich schau nicht nach rechts und links, zieh mein Ding durch, notfalls mit dem Kopf durch die Wand!“ Rücksichtsloser Egoismus – genauso gefährlich wie totale Bequemlichkeit oder blindes Folgen und Aufgeben der eigenen Persönlichkeit. Inspiration für den eigenen Weg, das ist etwas richtig Gutes. Ziemlich langer Vorspann, ich weiß. Aber ich  möchte heute mit Euch und Ihnen über den Predigttext mal unter der Überschrift „Vorbilder“ nachdenken. Der Predigttext steht im Buch Jeremia im 1. Kapitel und erzählt, wie Jeremia überhaupt Prophet wurde.
Lesen: Jer 1,4-10
Ist Jeremia ein Vorbild für Menschen, die den Glauben an Gott leben? Warum sollten wir uns im Jahr 2012 sonst mit einem Mann beschäftigen, der ungefähr 600 Jahre vor Christus gelebt hat? Jeremia ist einer, der Gottes Wahrheit den Menschen in seinem Land sagt. Und, so erzählt es ja hier der Anfang, er kann sich auch ziemlich sicher sein, dass das, was er sagt, nichts ist, was er sich ausgedacht hat, sondern wirklich von Gott kommt. Gott sucht sich einen Menschen dafür aus, der von sich sagt „Ich bin zu jung!“ Das muss sich nicht unbedingt nur auf das Lebensalter beziehen. Mitgemeint war auch: ich bin nicht besonders gebildet. Ich komme nicht aus einer Familie, die besonders angesehen ist. Ich bin nicht besonders reich und habe wenig Einfluss auf andere. So einen sucht Gott sich aus. Er soll die Wahrheit sagen, die meistens ziemlich unbequem ist.  Ihm wird versprochen, dass Gott wirklich bei ihm ist und dass diese Wahrheit -  und deshalb auch Jeremia - letztlich mächtiger ist als alle Königreiche und Staaten. Jeremia hat die Wahrheit Gottes gesagt, auch die unbequeme. Und er hat erlebt, dass diese Wahrheit ziemlich einsam machen kann, dass ihm nur wenige glaubten und zuhören wollten, dass bis auf wenige Ausnahmen Freunde sich abwandten. Er hat an seinem Auftrag, an der Wahrheit gelitten, aber er hat Gott und die Wahrheit nicht verraten. Was am Ende aus ihm geworden ist, wissen wir nicht. Seine Geschichte endet im Dunkel der Zeit.
Jeremia, ein Vorbild? Ein Vorbild für Christen in Marburg 2012?
Vielleicht sehen manche in ihm ein Vorbild in der Art, dass sie sagen: So will ich auch sein. So wie Jeremia immer das sagen, was Gott sagt, immer die Wahrheit Gottes sagen, auch wenn ich Nachteile in Kauf nehmen muss. Als Pfarrer, als Prediger, als Jugendarbeiter, als Erzieherin, als Mutter oder Großvater.  So wie Jeremia auch unbequeme Wahrheiten sagen, auf der richtigen Seite stehen, auch wenn das manchmal heißt: für die Wahrheit Gottes leiden zu müssen.
Aber ich glaube nicht, dass Jeremia in dieser Hinsicht als Vorbild taugt. Nicht, weil es heutzutage falsch wäre, die Wahrheit Gottes zu sagen, sondern weil der Weg falsch ist, zu sagen: Ich will ein Jeremia für unsere Zeit werden. Jeremia hat sich das nicht ausgesucht. Wenn ich etwas an dieser Geschichte wirklich vorbildlich finde, ist es vor allem, dass Jeremia bereit ist, seiner Berufung zu folgen, sich auf den Weg zu machen, der Mensch zu werden, als den Gott ihn geschaffen hat. Jeremia geht mit Gottes Hilfe den Weg zu Gott und dadurch auch den Weg zu sich selbst. Aber, und das finde ich an diesem Buch insgesamt so gut, nicht so, dass da gesagt wird: das ist ein einfacher und gerader Weg, sondern immer wieder ein Weg mit Reibungen und Auseinandersetzungen, auch Reibungen und Auseinandersetzungen mit Gott. Und Jeremia sitzt am Ende nicht satt und zufrieden und perfekt mit großer Enkelschar im Haus am See, sondern der Weg bricht ab. Trotz aller Brüche das Leben, den Weg, auf den Gott uns weist, zu gehen und auch dann anzunehmen, wenn es nicht perfekt ist und wird, sondern auch auszuhalten, dass Leben ein Fragment bleibt, unvollendet, das ist für mich die vorbildliche Inspiration von Jeremia. Der Weg, den Gott Jeremia gegeben hat, ist nicht mein Weg. Auch als Prediger gehe ich einen anderen Weg. Und der Weg, den Daniel geht, ist ein eigner, er kann und muss nicht Jeremia und auch nicht wie Jeremia werden. Und Frau Schmidts Weg ist anders als der von Milli und beide sind anders als die von Jeremia. Sich berufen zu lassen, Berufung zu leben – das ist für mich ein vorbildlicher Gesichtspunkt an der Geschichte von Jeremia. Berufung heißt nicht, irgendeine merkwürdige Stimme zu hören, sondern damit zu rechnen, dass Gott für mich längst Wege kennt, die ich vielleicht noch nicht entdeckt habe oder die ich mir gar nicht zutraue. Berufung heißt, sich zu trauen, der Mensch zu werden, der ich bin und nicht, der Mensch zu bleiben, von dem ich glaube, dass ich er sein sollte. Wenn ich sage: Ich bin ich, ich brauch mich nicht zu ändern, dann bleibe ich stehen. Gott inspiriert Menschen nicht immer so, wie er das bei Jeremia getan hat. Das war Gottes Weg mit Jeremia. Er kann auch durch die Begegnung mit anderen inspirieren, die mir Anregungen geben, neue Wege auszuprobieren, die mir etwas zutrauen. Er kann vor allem auch im Gebet inspirieren und Wege zeigen. Dazu muss ich mich auch mal trauen, ruhig zu werden, hinzuhören und nicht meine vorgefasste Meinung, meine Vorurteile, auch die positiven, über mich, mein Leben und das, was für mich und andere gut sein sollte, nach hinten zu stellen. Als letztes heißt das für mich, auch bestätigt durch das Vorbild von Jeremia, nicht darauf zu warten, dass das Leben auf dieser Welt perfekt wird. Leben mit Gott heißt oft genug auch: die Brüche und Abbrüche auszuhalten und in dem, was manchmal nur als unfertige Bauruine Leben erscheint, ein Stück von dem Großen zu sehen, das Gott bereit hält. Ich muss mein Leben nicht vollkommen perfekt machen, auch wenn ich noch so sehr mit Gott lebe. Gott wird es zum Guten bringen. Noch so eine Inspiration.
Also noch einmal: Brauchen Menschen Vorbilder? Ja, als Inspiration für ein eigenes Leben, einen eigenen Weg, den Gott angelegt hat. Nein als Abziehbild, das vorgaukelt, ein anderes statt das eigene Leben, eine fremde Berufung statt der eigenen zu leben. Ohne in diesem Sinn inspirierende Vorbilder wäre das Leben doch arm, wenn ich letztlich nur mich selber hätte und nicht nach rechts und links, oben und unten schauen würde.
Amen