Jumaat, 25 Mei 2012

Ihr seid nicht normal! - Pfingstsonntag, 27.05.2012, Reihe IV

Text: 1. Korinther 2,10-16

Liebe Gemeinde!


Sie sind nicht normal! Erwachsene, die an Gott glauben, die in Gottesdiensten, in Liedern, Lesungen und Predigten ihren Glauben stärken und sich vergewissern wollen – nicht normal! Jugendliche, die nach Gott fragen, die nach der Bedeutung von Jesus für ihr Leben fragen, die im Glauben an Jesus einen Gewinn für ihr Leben sehen – nicht normal! Klar, das Wort „normal“ ist schwierig. Was ist schon „normal“? Wir leben in einer Zeit, in der sehr viel möglich ist. Gott sei Dank wird niemandem in Deutschland mehr vorgeschrieben, was er zu glauben und welcher Kirche oder Religion er anzugehören hat. Ob ich in die Kirche gehe oder nicht, ob ich heirate oder nicht, Männer oder Frauen liebe, die Haare bunt färbe oder gern Anzüge trage – so ziemlich alles wird akzeptiert. Aber nicht alles ist normal. Vor allem nicht, an Gott so zu glauben, dass ich von ihm sagen kann: er hat sich wirklich in Jesus gezeigt. An eine höhere Kraft zu glauben, die irgendwo da ist und das Leben nicht weiter stört, das ist normal. Aber daran zu glauben, dass Gott sich in einem lebendigen Menschen offenbart hat, dass er sich den Außenseitern zugewandt hat, dass er gelitten hat, gestorben ist, den Tod besiegt hat, dass der Glaube an Gott auch im Alltag Konsequenzen hat, das ist nicht normal. Das stört. Wie gewaltig der Glauben an Gott stört, das haben mir in der letzten Woche zwei ganz unterschiedliche Ereignisse gezeigt. Einmal ist da eine Auseinandersetzung in Kassel. Eine katholische Kirche zeigt in einer Ausstellung eine menschliche Figur im Kirchturm, gut sichtbar in der Nähe der Weltkunstaustellung „documenta“, die demnächst eröff-net wird. Die Leiterin der documenta hat sich darüber beschwert. Sie fühle sich von der Figur bedroht, die Kir-che solle sich doch auf das zurückziehen, was sie könne, und das sei eben nicht Kunst. Was Kunst sei, sei auf ihrer documenta zu sehen. Außer der Arroganz und Intoleranz der Leiterin einer solchen Ausstellung wundert mich auch, dass es keine öffentlichen Proteste gegen diese Intoleranz gibt. Scheinbar ist es tatsächlich normal, dass der Glauben an Jesus Christus irgendwo an den Rand gehört, vielleicht geduldet beim Abschied aus dem Leben, aber auch dort bitte so, dass er nicht zu sehr stört, Kreuze in Friedhofshallen sind nicht mehr überall selbstverständlich oder gern gesehen.

Das andere Ereignis war ein Gespräch mit einer Vier-zehnjährigen. Sie erzählte mir von einer heftigen Diskus-sion im Kunstunterricht ihrer Klasse, in der es darum ging, ob und wie Gott dargestellt werden dürfe. Als sie in der Diskussion auch sagte, dass ihr der Glauben an Gott etwas bedeutet und sie es nicht richtig findet, dass er in manchen Serien im Fernsehen bösartig veralbert wird, sagten manche dann sehr abfällig: „Na, dann geh doch halt in die Kirche und lass uns in Ruhe“.

Nein, es ist wirklich nicht normal, an Gott zu glauben. Es ist nicht normal, darauf zu vertrauen, dass Gott da ist, auch wenn viele schlimme Dinge in der Welt und manchmal ja auch im eigenen Leben passieren. In einer Welt, in der „Opfer“ ein echtes Schimpfwort ist, ist es nicht normal, daran zu glauben, dass sich Gott ausgerechnet in einem Opfer zeigt und auf der Seite der Opfer steht. Es ist nicht normal, Liebe auch denen zu zeigen, die ganz anders sind, als ich es gern hätte. Es ist nicht normal, den Wert eines Menschen nicht an seiner Bildung oder seinem Vermögen zu messen, sondern im Menschen einen Wert an sich zu sehen. In jedem Menschen, weil ihm als Menschen die Liebe Gottes gilt.


Genau deshalb glaube ich, dass das, was Paulus vor fast 2000 Jahren an die Christen in Korinth geschrieben hat, auch für uns heute wichtig sein kann. Es hört sich vielleicht fremd und abgehoben an, wenn Paulus schreibt, dass der Mensch nur menschliche Gedanken kennen kann und dass der natürliche Mensch Gott nicht erkennen kann. Nur der Geist Gottes kann Gott erkennen. Gott ist größer als alle Gedanken, die wir uns machen können. Und wenn wir ihn objektiv beschreiben könnten, dann müsste er ja kleiner als unsere Gedanken sein. Dann brauchen wir Gott wirklich nicht, dann wäre er eine menschliche Erfindung – oder, wie Fische, Bäume oder Katzen, Teil der Natur, die wir erforschen können. Es ist ein Geschenk, eine Offenbarung, wenn Menschen Gott erkennen und ihm glauben und vertrauen können, wenn Menschen etwas von Gott wissen und sagen können. Es war nicht normal, als Paulus den Brief geschrieben hat – da waren Siegergötter gefragt, Kaiser oder Götterväter, Götter, die man durch Opfer oder etwas anderes ma-nipulieren konnte, Götter, die die bestehende Gesellschaftsordnung bestätigen. Ein Gott, der sich mit den Opfern gleichstellt, ein Gott, der sich den Verlorenen zuwendet, ein Gott, dem alle Menschen gleich viel wert sind – der stört! Und es ist bis heute nicht normal, diesem Gott, der in der Bibel bezeugt wird, zu vertrauen. Dieser Gott stört bis heute. Manche denken: wer an Gott glaubt, der muss seinen Verstand abgeben. Der muss sein Denken ausknipsen und irgendwas für wahr halten, was unwahrscheinlich oder unmöglich ist. Das ist nicht so. Überhaupt nicht. Glauben hat eher etwas damit zu tun, dass ich mich als Menschen akzeptiere und mir eingestehe, dass ich begrenzt bin und nicht letzte Maßstäbe setzen kann. Glauben heißt zu erkennen, dass alles was Menschen machen oder von dem sie glauben, dass das eine sichere wissenschaftliche Erkenntnis ist, nur vorläufig ist. Hilfreich und wichtig, aber nicht wirklich sicher. Wenn Gottes Geist das Geschenk des Glaubens macht, dann hilft er auch, das zu akzeptieren. Und auch zu akzeptieren, dass Glauben, Hoffen und Lieben nicht planbar und kein Besitz sind. Die Wahrheit des Glaubens entscheidet sich nicht daran, ob die Mehrheit der Menschen dasselbe glaubt. Die Wahrheit des Glaubens entscheidet sich nicht an Trends, an der Meinung von Professoren, Politikern oder Wortführern, nicht an der Sendezeit im Fernsehen, nicht an der Präsenz im Internet und nicht an dem, was in Meinungsumfragen an Trends ausgemacht wird. Das alles sind, so würde Paulus vielleicht sagen, menschliche Dinge, die vom Menschen beurteilt werden können, die aber nicht den Kern der Beziehung zu Gott treffen, die nicht den Kern des Geistes beinhalten, den Gott den Menschen schenkt, um ihn erkennen zu können. Ich glaube, dass Menschen, heute genauso wie in der Zeit, als Paulus den Brief nach Korinth geschickt hat, immer mal wieder die Bestätigung brauche: „Auch wenn ganz viele um dich herum den Glauben an Jesus für Unsinn halten, bist du auf einem guten Weg!“ Ich denke da an die Jugendliche, die im Kunstunterricht ihren Glauben verteidigt hat. Und ich denke auch an die, die von Menschen angegriffen werden, die eine angeblich humane Toleranz predigen, in Wirklichkeit aber nur das akzeptieren, was ihrem Geschmack und ihrer Meinung entspricht.

Es tut richtig gut, so wie hier von Paulus, bestätigt zu bekommen: Du bist auf dem richtigen Weg. Und die anderen können nicht über dich urteilen, weil sie Gott nicht erkennen, ihnen fehlt der Geist dazu. Ich kann verstehen, dass Paulus Menschen stark machen wollte, die sich angegriffen gefühlt haben, die auch ihre Zweifel hatten. Aber eine Gefahr ist da, wenn man den Brief von Paulus an die Gemeinde in Korinth nicht zu Ende liest. Wenn ich nur die paar Verse habe, die ich eben vorgelesen habe, dann könnte ich schnell denken: Super, mir als Christ kann keiner was, ich bin immer im Recht und die anderen sind weniger wert. Aber so meint es Paulus nicht und vor allem: So meint es Jesus nicht, zu dem der Geist Gottes ja eine Beziehung herstellt. Der Geist offenbart ja nicht Gott als einen, der Menschen in wertvolle und weniger wertvolle Menschen einteilt, sondern der offenbart Gott als den, der sich gerade denen, die sich von ihm entfernt haben, mit ganz besonderer Liebe zuwendet. Paulus kritisiert in seinem Brief weiter hinten die Rechthaber, die zu anderen sagen: du darfst nur so von Jesus reden, wie ich das tue. Paulus kritisiert, dass manche die Gaben und Geschenke des Geistes nur auf das beziehen, was sie können und was Gott ihnen mitgegeben hat. Es geht darum, dass der Geist Zusammenhalt stiftet und Gemeinschaft, nicht Trennung. Es kann sein, dass der Geist Heilung schenkt, oder die Fähigkeit, in fremden Sprachen zu reden oder eine besonders starke Beziehung im Gebet. Aber das alles dient nicht dazu, dass der, der das hat, besser als andere dastehen kann, sondern dazu, dass jeder erkennt: egal, was ich habe: ich habe nur einen Teil und brauche die anderen, die auch was haben und können, damit wirklich was wachsen kann, was eine Ahnung von Gott und Jesus geben kann. Auch das ist nicht normal. Normal wäre, dass jeder versucht, seins durchzusetzen und seine Art, von Gott zu reden, zu glauben, zu beten als die einzig richtige und tollste hinstellt. Ich wünsche uns allen ganz viel von diesem Geist, der nicht normal ist, der uns dazu anstiftet, mehr zu erkennen als das, was wir sehen. Ich wünsche uns ganz viel von diesem Geist, der uns den Mut gibt, andere und uns selbst zu akzeptieren. Ich wünsche uns ganz viel von dem Geist Gottes, dem Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit, denn: wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit. Gebe Gott uns die Freiheit, nicht normal, sondern durch ihn wirklich frei sein zu wollen und zu können.

Ahad, 20 Mei 2012

Der Bund fürs Leben - Exaudi, 20.05.2012, Reihe IV

Text: Jeremia 31,31-34

Liebe Gemeinde!


Der Bund für’s Leben! Eine tolle Sache, wenn es klappt. In diesem Jahr werde ich als Pfarrer so viele kirchliche Trauungen begleiten dürfen, Paare für ihren gemeinsamen Weg segnen dürfen wie schon lange nicht mehr. Und jedes dieser Paare möchte mit vollem Ernst und aus voller Überzeugung von mir gefragt werden: Willst du den Menschen, den Gott dir anvertraut, lieben und ehren und die Ehe mit ihm nach Gottes Gebot und Verheißung führen in guten und in bösen Tagen, bis dass der Tod euch scheidet? Und ich habe schon lange niemanden mehr erlebt, der irgendwie verschämt ein undeutliches „Ja“ genuschelt hätte, sondern meistens höre ich ein kräftiges und deutliches „Ja, mit Gottes Hilfe!“ Die Gottesdienstordnungen unserer Kirche geben auch die Möglichkeit, die Frage anders zu formulieren und auf das „bis das der Tod euch scheidet“ zu verzichten. Statistisch gesehen wird es bei etwa einem Drittel der Paare sicher nicht der Tod sein, der die beiden scheidet, sondern ein weltliches Gericht. Und auch Pfarrer, Kirchenmitarbeiter und wirklich ganz fromme Christen sind nicht immun dagegen, dass aus dem Bund für’s Leben am Ende nur ein Bund auf Zeit wird. Und trotzdem ist es für die allermeisten Jugendlichen, mit denen ich rede, am Ende ein Ziel, jemanden zu finden, mit 20 vielleicht oder mit 25, mit dem man wirklich den ganzen Rest des Lebens teilen will. Und trotz ernüchternder Statistik schließen immer noch, und vielleicht sogar im Moment wieder mehr, Paare den Bund für’s Leben nicht nur auf dem Standesamt, sondern ausdrücklich auch mit dem Versprechen „vor Gott und seiner Gemeinde“, wie es in der Vorrede zu der entscheidenden Frag ein unseren Hochzeitsgottesdiensten heißt.

Als Erwachsener weiß man, und als Kind hat man es manchmal miterleben müssen, dass so ein Bund aber bei allem guten Willen nicht unendlich viele Enttäuschungen verträgt. Irgendwann ist Schluss. Vor allem dann, wenn nicht nur einmal das Vertrauen missbraucht und die Treue gebrochen wurde. Und manchmal ist es für mich auch ein Zeichen christlicher Nächstenliebe, einer Frau Mut zu machen, sich von einem Mann zu trennen, der sie schlägt, der das Geld verzockt und der ihren guten Willen durch permanente Demütigung, Unterdrückung und Untreue missbraucht.

Wie viel Untreue, wie viel Verrat verträgt ein so ein Bund? Wenn wir uns unsere menschlichen Bünde, nicht nur die für’s Leben, auch die Freundschaftsbünde, die Geschäftsbünde oder die Verbindung in einer Kirchen-gemeinde anschauen, dann mag das zwar im Einzelnen unterschiedlich sein, aber im Ganzen muss man feststel-len: diese Zahl ist äußerst endlich. Irgendwann ist dann Schluss.

Und dann? Rache? Selbstvorwürfe? Depression? Freunde bleiben ist jedenfalls in den allermeisten Fällen eine bloße Illusion, da macht man sich was vor.

Erfahrungen aus dem ganz normalen Leben. irgendwann kann man doch nicht mehr richtig lieben. Und irgendwann fangen Menschen an, die Vorstellungen, die sie ha-ben, auf Gott zu übertragen. Das muss doch einer sein, der irgendwann mal genug von der Untreue der Menschen hat. Wir Menschen kriegen soft genug so viele Chancen, Gutes zu tun, zu lieben und einfach nur so zu leben, wie wir eigentlich ja wissen, dass es richtig wäre – und wir schaffen es immer wieder nicht. Und Gott sollte doch endlich mal dazwischenhauen und Ernst machen.
 Strafen! Aber Gott geht mit den Menschen einen anderen Weg. Er lässt sich auf einen echten Bund für’s Leben ein. Dafür steht nicht erst Jesus, dafür stehen nicht Pfarrerinnen und Pfarrer, die immer mal, und manchmal vielleicht auch zu oft, von der Liebe Gottes erzählen. Dafür steht schon die Geschichte Gottes mit seinem Volk, mit Israel. Schon im ersten, im Alten Testament, beim Propheten Jeremia ist Gott nicht der rächende Gott, der aus Enttäuschung seinen Bund mit Israel kündigt, sondern einer, der den Bund trotz aller Enttäuschungen neu schließt:



Lesen: Jeremia 31,31-34



Gott hat seinem Volk Israel Freiheit geschenkt, Freiheit aus der ägyptischen Sklaverei. Und im Laufe der Zeit hatten die Menschen nichts Besseres zu tun, als diese Freiheit zu missbrauchen. Schwächere wurden ausgebeutet, die Rechte der Armen missachtet, im nördlichen Teil des Landes, der damals den Namen Israel hatte, dann auch ganz offiziell die Götter fremder Völker angebetet. Schien irgendwie ganz wichtig zu sein, es sich mit den Nachbarn nicht zu verderben. Dieser Teil des Landes ist etwa 150 Jahre vor Jeremia vernichtet worden und untergegangen. Aber der Süden, das Land Juda, hatte nichts gelernt. Auch hier musste Gott hinter die Politik zurücktreten, auch hier schien es wichtiger zu sein, dass es wenigen gut geht und Gott war nur noch einer, an den man bei Feiertagen dachte. Und auch dieser Teil des Landes wurde vernichtet. Auch Menschen, denen Gott etwas Gutes, Freiheit, schenkt, die wissen, dass er sie liebt, die sogar die Gefahren sehen, die da sind, wenn man sich von dem Weg, der gut für’s Leben ist, verabschiedet, sind nicht in der Lage, treu zu sein. Aber Gott ist nicht der, der Rache und Vernichtung will, sondern der, der einen Neuanfang schenkt. Gott bindet sich in seiner unendlichen Freiheit so sehr an die Men-schen, dass er sie auch nach Enttäuschungen zurück zum Grund und zur Quelle des Lebens holen will.

Wenn ich sage: „Ich verstehe Gott oft nicht“, dann denke ich meistens an ganz schreckliche und traurige Ereignisse. Den Tod junger Menschen, die Demütigungen und Misshandlungen, die manche Kinder ertragen müssen, den Sinn von Kriegen, das Leiden von Menschen, die nach meinen Maßstäben richtig gutes Leben geführt ha-ben, an Hirntumoren und anderem – ich verstehe es nicht. Ich will es auch nicht verstehen und auch als Pfarrer denke ich manchmal, dass ich Gott nicht verstehe.

Aber eigentlich muss ich sagen und zugeben, dass ich seine Liebe noch viel weniger verstehe. Seine Treue. Liebe und Treue, die auch Veränderungen aushalten, die sich nicht irre machen lassen, sondern die immer wieder den Neuanfang suchen: das ist nicht zu verstehen. Die Größe Gottes, und das zieht sich durch die ganze Bibel, zeigt sich nicht darin, dass er die tollsten Wunderdinge vollbringt, Naturgesetze außer Kraft setzen würde – wobei ich mich immer wieder frage, warum Menschen glauben, Gott sollte in seiner Allmacht das, was er geschaffen hat, verneinen und die Welt chaotisch sein lassen, für mich ist die relative Verlässlichkeit der Welt, die Naturgesetze, an die Gott seine Schöpfung gebunden hat, ein spiegel der Schönheit und der Größe Gottes. Der Liebe zu uns, dass er eben nicht alles chaotisch sein lässt, undurchschaubar, sondern dass er uns Möglichkeiten und die Freiheit gibt, uns selbst in dieser Welt, seiner Welt zurechtzufinden. Also: die Größe Gottes zeigt sich nicht in seiner Fähigkeit, Naturgesetze zu durchbrechen, sondern in seiner Vergebungsbereitschaft und seiner Liebe. Im neuen Bund.

Wir Christen sollten uns davor hüten, das jetzt allzu schnell exklusiv auf uns zu beziehen und zu sagen: Na, das hat sich doch in Jesus so erfüllt. Wenn wir Gottes Wort ernst nehmen, dann steht die endgültige Vollendung noch aus – auch wir warten auf die Wiederkunft Christi, auf die Welt, in der kein Leid und keine Tränen mehr sein werden, in der Gottes Gegenwart alles erfüllt. Und der Bund, von dem der Prophet hier erzählt, ist eben auch auf das Gesetz, die Thora, die Weisungen, die Gott seinem Volk Israel offenbart hat, bezogen: das soll der Bund sein, den ich mit dem Hause Israel schließen will nach dieser Zeit, spricht der HERR: Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein und ich will ihr Gott sein. Aber er ist eben jetzt offen für die, die die Weisungen Gottes in Herz und Sinn haben. Nicht mehr nur ein Bund der auf einem geschichtlichen Ereignis beruht, sondern Gott öffnet diesen Bund, indem er die Menschen für sein Wort öffnet. Und das, was ich menschlich am schönsten finde: ist der Schlusssatz: es wird keiner den andern noch ein Bruder den andern lehren und sagen: »Erkenne den HERRN«, sondern sie sollen mich alle erkennen, beide, Klein und Groß, spricht der HERR; denn ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr ge-denken. Nicht wir Menschen bestimmen, wer dazu kommt, nicht die, die zuerst da waren, haben die Weisheit Gottes mit Löffeln gegessen, sondern Gott stellt uns geschwisterlich nebeneinander. Juden und Christen. Katholiken, Orthodoxe, Evangelische. Christustreff, Baptisten, Landeskirche, evangelische Gemeinschaft, Licht der Hoffnung. Keiner soll und wird dem andern sagen: „Erkenne Gott, so wie ich ihn erkannt habe“. Gott schließt seinen Bund nicht exklusiv mit einem kleinen Teil derer, die sein Wort im Herzen haben. Jeder macht sich schuldig. Und jedem gilt die Zusage der Vergebung. Noch ist es nicht soweit, dass wir diesen Bund des Lebens wirklich so erfahren. Noch steht die endgültige Verwirklichung aus. Immer noch. Aber dieser Bund des Lebens macht uns Mut und Hoffnung, dass wir, trotz aller Fehler, Bünde für’s Leben eingehen können. Mit Menschen. Mit Gott. Ihm sei Dank!



Selasa, 8 Mei 2012

Mehr als Musik... - Kantate, 8.5.2012, Marginaltext

Die Überschrift ist "geklaut" von Davee (Einfach guter Song!)
Text (später verlesen): 1. Samuel 16, 14-23
Liebe Gemeinde!


Über Musik reden, das geht eigentlich gar nicht. Natürlich kann man Musik beschreiben und auseinandernehmen, man kann dicke Bücher darüber schreiben und wunderbar streiten, welche Musik in die Kirche gehört und welche nicht, welche Musik schön ist und welche nicht, aber das sind alles nur Nebenschauplätze. Musik lebt davon, dass sie anders ist als Sprache. Für mich ist sie ein ganz großes Geschenk Gottes, weil sie Menschen erreicht, die durch Sprache nicht mehr oder noch nicht zu erreichen sind, weil sie es schafft, Menschen zu verbinden, die ganz verschiedene Sprachen sprechen und die sich durch Worte nicht verstehen würden. Musik ist ein großes Geschenk von Gott, weil sie Menschen in ganz traurigen Momenten aufrichten kann, weil sie Kraft, Power geben kann, wenn jemand ganz unten ist. Sie ist ein ganz großes Geschenk von Gott, denn ich glaube, sie verhindert manchmal auch Gewalt. Es gibt ja nicht nur so positiven Rap, wie wir ihn eben gehört haben, da gibt es noch ganz andere Sachen und manchmal berichten seriöse Zeitungen ganz aufgeregt, wie hart die Sprache da ist. Aber ich glaube, dass diese harte Sprache manchen hilft, Aggressionen so los zu werden, dass sie eben nicht zuschlagen oder zerstören, sondern ihre Aggressionen anders loswerden können. Kann man sicher lange und gut drüber streiten, wie über Musik insgesamt. „Singt dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder“ – diesen Vers aus dem 98. Psalm werden wir am Ende des Gottesdienstes nochmal als Begleitung für die nächste Woche hören. Ja, Gott ist wunderbar und er tut Dinge, über die wir nur staunen können, weil unser Verstand gar nicht groß genug ist, sie zu wirklich verstehen. Und wenn vom Gefühl her nichts anderes übrigbleibt, als einfach nur zu staunen, „wow“ zu sagen und wenn „Danke“ einem einfach viel zu wenig zu sein scheint, warum denn nicht singen, alte Lieder, neue Lieder, einfach Gott ein Stück von seinem großen Geschenk Musik zurückschenken? Aber was ist die richtige Musik für Gott? Von dem Schweizer Theologieprofessor Karl Barth, der vor gut 40 Jahren gestorben ist, wird erzählt, dass er mal gesagt hat: „Wenn die Engel im Himmel Gott loben, spielen sie Bach und wenn sie für sich selbst musizieren, spielen sie Mozart“. Für mich ganz tolle Musik, die ich manchmal richtig gern höre. Und wenn aus dem Weihnachtsorato-rium der Chor „Jauchzet, frohlocket“ erklingt, dann habe ich ein unglaublich gutes Gefühl. Und Mozarts Requiem nimmt dem Tod zwar nicht den Schrecken, aber schafft es bei mir auch, auf eine fast überirdische Weise ein Gefühl von Geborgenheit trotz aller bösen Erfahrungen entstehen zu lassen. Aber ich glaube nicht, dass die Engel vor Gott und für sich nur Musik spielen, die von studierten Musikern, Doktoren und Professoren für wertvoll erachtet wird. Ich glaube, dass es auch Rap- und HipHop-Engel, Rock- und Pop-Engel, Schlager- und Volksmusikengel gibt.
Ich glaube schon, dass Gott alle Styles gefallen, wenn man damit ausdrückt: „Danke, Gott, dass du uns so tolle Möglichkeiten gegeben hast, danke, dass du mich rausholen willst, wenn ich mich ganz unten fühle, danke, dass es so viele Möglichkeiten und Chancen gibt, mit dir in Kontakt zu kommen!“ Und ich glaube auch, dass Gott sich darüber freut, wenn wir unsere Stimme einfach benutzen und aus vollem Herzen singen, auch wenn sich das nicht immer perfekt hört und wir nicht immer die richtigen Noten treffen. Gott wollte, dass wir ganz unterschiedlich sind. Erst in der bunten Vielfalt der Menschen, als Männer und Frauen, als Menschen mit verschiedener Hautfarbe und verschiedenen Sprachen sind wir das Ebenbild Gottes. Wenn Gott so viel Vielfalt will und zulässt, wieso sollte er dann einen so einseitigen Musikgeschmack haben und nur Bach und Paul Gerhard ihm angemessen sein? Es ist ihm angemessen, keine Frage, weil das Musik ist, die Menschen berührt und die Menschen gute Botschaften von Gott vermittelt, die ich selbst oder noch viel schlauere Menschen als ich auch mit den besten Predigten nicht hinkriegen würden. Und genau das ist der Punkt. Andere Menschen berührt andere Musik und Gott tritt auf seine Weise auch über Musik mit uns in Kontakt. Davon erzählt auch eine Geschichte aus dem Alten Testament, aus dem 1. Buch Samuel:

1. Samuel 16,14-23

Wenn man von der etwas altertümlichen Ausdrucksweise und dem Drumherum von König und Hirten mal absieht, ist das eigentlich eine ganz moderne Geschichte. Musik hilft bei Depressionen. König Saul ist anscheinend sehr depressiv, zu Zeiten, in denen es noch keine Psychiater gab, hieß es eben: er hat einen bösen Geist von Gott, der ihn ängstigt. Und seine Berater haben eine Ahnung davon, dass gut gemeinte Worte da nicht helfen, sondern dass Musik her muss. David schien nicht nur ein guter Musiker zu sein, sondern auch sonst viele Qualitäten zu haben und so wurde er engagiert. Die Chemie zwischen dem Musiktherapeuten und dem Patienten stimmte und Davids Musik machte Sauls Depressionsschübe erträglich. So weit, so richtig, so modern.

Aber es lohnt sich, noch mal ein bisschen hinter die Ge-schichte zu schauen. Da ist zum Beispiel der Grund, wa-rum Saul depressiv wird. Saul hatte sich nicht nach dem gerichtet, was Gott wollte, sondern ihm war wichtiger, dass er vor den Menschen gut da stand. Weil er Angst vor den Menschen hatte, hat er Gottes Gebote nicht be-folgt. Es ging um Bereicherung nach einem Krieg. Die ständige Frage: „Wie stehe ich vor den anderen da?“, der ständige Wunsch, Menschen mehr als Gott gefallen zu wollen, die Versuchung, sich zu bereichern an Dingen, die einem nicht gehören und die einem nicht zustehen, bringen weg von Gott und diese Trennung von Gott er-fährt Saul als Depression.

Ich glaube, dass das eine sehr moderne Einsicht ist und wieder zeigt, wie aktuell die Bibel ist, wenn man mal hinter die Kulissen schaut. Wenn ich mich vom Grund meines Lebens abwende, wenn ich zu sehr danach schaue, was andere von mir denken, wie ich vor anderen gut dastehe, wie ich mich bereichern kann, dann werde ich auf Dauer krank. Was ich an dieser Geschichte so faszinierend finde, ist dann auch wieder das, was Sauls Depressionen lindert, was ihn zumindest ein Stück weit wieder näher zu Gott bringt. Es ist eine Mischung aus menschlicher Nähe und Musik. Es lässt sich nicht ge-geneinander ausspielen. Es ist nicht nur die Musik, es ist nicht nur die menschliche Nähe. Musik kann viel, aber nicht alles. Menschen können viel, aber nicht alles. Gott verbindet beides, damit Menschen mit ihm in Verbin-dung kommen. Und ich glaube, dass er das bis heute tut. Für die einen vielleicht in wunderbarer klassischer Chormusik. für die andere in Gospeln. Für wieder andere in einem als Konzertbesuch mit Menschen, die einem was bedeuten, für die nächsten vielleicht im gemeinsamen Musik machen. In Rap und Schlager, in Rock und Klassik, in gregorianischen Chorälen und Volkmusik, in barocker Schönheit oder schlichtem Punk – und vor allem dann, wenn Musik miteinander erlebt wird. Singt dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder. Auch heute noch. Singt dem Herrn ein neues Lied – ja, es darf wirklich auch neu sein. Muss aber nicht. Singt dem Herrn eine neues Lied, denn er tut Wunder. Halleluja. Gelobt sei Gott.

Amen.

Khamis, 3 Mei 2012

Lebst du noch oder wohnst du schon? - Konfirmation 2012


Musik einspielen, HipHop: dann „Mach doch mal die Musik leiser, was sollen denn die Nachbarn denken!“ – „Ist mir doch egal!“ Dann was Orientalisches: „Boaah wieder die aus dem 3. Stock mit ihrer arabischen Eierkochermusik, ich halt‘s nicht aus, ich hol gleich die Polizei!“ Dann Volksmusik: „Die Frau Schulze soll sich gefälligst mal Kopfhörer zulegen, wenn sie mit ihren 90 nicht mehr gut hört, das ist ja nicht mehr zum Aushalten!“


Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, liebe Eltern, Paten, Großeltern, Verwandte und Freunde, liebe Gemeinde!
Es ist nicht einfach wenn viele verschiedene Menschen zusammenleben. Und es gibt ja noch viel mehr Streitpunkte: der Müll, das Putzen, die Gerüche beim Kochen und, und, und. Oder auch die Geschwister, die nerven und einem keinen Platz lassen, die Eltern, die andere Vorstellungen von Ordnung haben und die Augen verdrehen, wenn sie die kreative Raumgestaltung der Kinder sehen oder, oder, oder. Jeder kann wahrscheinlich eine ganze Menge Erfahrungen beitragen. Und je nachdem, wie man wohnt, sind die Träume dann schnell da: wenigstens ein eigenes Zimmer, das ich für mich habe, wo ich die Tür zumachen kann und keine Geschwister nerven. Endlich eine eigene Wohnung, wo die Eltern nicht mehr reinreden. Oder ein eigenes Häuschen, in dem man die Geräusche und Gerüche der Nachbarn nicht mehr so mitbekommt. Ein Stück persönlicher, ganz privater Himmel! Da passt alles, da ist es fast perfekt.

Ein Stück Himmel! Ja. Ein Stück Himmel ist auch auf den Gottesdienstblättern heute drauf. „Was, das ist doch der Richtsberg!“ werden jetzt vielleicht manche denken. Ja, das ist der Richtsberg. Und auch noch eine Ansicht, auf der man ganz besonders die Hochhäuser mit ihren vielen Wohnungen sieht. Und viele wissen oder können sich ausmalen, was da alles ist: Neben vielen netten Men-schen auch unglaublich anstrengende Leute. Leute, die mittags schon besoffen auf dem Marktplatz oder vor der Kirche sitzen. Jugendliche, die auch mal kriminelle
Sa-chen machen. Eltern, die ihre Kinder vernachlässigen oder schlagen. Alte Leute, die total allein sind. Ehepaare, die sich total verkracht haben. Und das soll der Himmel sein?

Nein, das ist nicht der Himmel! Aber ein Stück vom Himmel. Und das nicht nur, weil eine himmlische Kon-fergruppe im letzten Jahr hier oben zu Hause war. Ich habe für heute ein paar Sätze von Jesus ausgesucht, die etwas vom Himmel erzählen. Vom Himmel als dem Ort, an dem Gott ist, an dem Leben endlich so ist, wie Gott es gewollt hat. „ Euer Herz erschrecke nicht! Glaubt an Gott und glaubt an mich! In meines Vaters Haus sind viele Wohnungen.“ Das sagt Jesus. Der Himmel ist für mich kein Ort, an den man kommt, wenn man gestorben ist und vorher brav war. Sondern der Himmel ist etwas, was in kleinen Stücken schon auf dieser Welt sein kann. Noch nicht perfekt, noch nicht 100%, aber so, dass ich schon merken kann, wie viel tolle Sachen Jesus für uns gemacht hat und noch macht und erst recht machen wird. Und da bin ich wieder am Richtsberg und bei den Konfis: Wenn Jesus sagt, dass im Haus Gottes viele Wohnungen sind, dann heißt das: jede und jeder hat seinen eigenen Platz bei Gott. Es gibt keinen riesigen Saal, in dem alle gleich sein müssen, Uniform tragen, damit man nicht auffällt, einen Platz, an dem nur die Masse zählt und dass man in der Masse nicht auffällt, sondern Jesus schenkt uns Raum zum Leben, Raum ein eigener Mensch zu sein. Was ich an euch als Konfergruppe richtig super fand, war, dass ihr niemanden ausgegrenzt habt. Klar, es gab Freundschaften, die schon vor Konfer da waren. Lara und Milena oder Carina und Viki oder Marc und Mika zum Beispiel. Es gab auch welche, die kannten vorher niemanden, wie Ela zum Beispiel, und die haben hier Freunde gefunden. Oder es gab, gerade bei den Jungs, ganz viele Supererfahrungen miteinander, ich sag da nur Egli! Es gab welche, die waren immer mittendrin und welche, die waren eher ruhiger. Aber egal, wo der Platz war: immer war klar: der oder die gehört dazu. Und auch dann, wenn manches am anderen so war, dass man selber es nicht verstanden hat oder es anders gemacht hätte. Für mich ein kleines Stück Himmel, so wie ich glaube, dass Jesus es gewollt hätte.

Und da bin ich beim Richtsberg: Hier gibt es eben viele verschiedene Leute. Anstrengende und weniger anstrengende. Und in einem großen Mietshaus mit vielen Wohnungen kriege ich auch manches mit, was mich nervt. Himmel heißt nicht, dass Gott nur für die da ist, die so ticken wie ich selber, sondern dass Gottes Liebe auch für die Platz hat, die ich eigentlich nicht so gern in meiner Nachbarschaft hätte. Und von hier aus wird vielleicht auch langsam klar, warum Jesus zuallererst sagt: „Euer Herz erschrecke nicht!“ Jeder redet so gern von Liebe, auch ich als Pfarrer mach das gern. Aber halte ich das überhaupt aus, die große Liebe Gottes? Ich krieg schon manchmal einen Schreck, wenn ich darüber nachdenke, wie groß die Liebe von Jesus ist und dass meine Liebe nie so groß werden kann. Deshalb finde ich es auch wirklich super, dass Jesus sagt: es gibt viele Wohnungen. Ich hab meinen Platz. Auch dann, wenn ich die anderen mal kaum aushalte und Fragen habe und Zweifel. Ich gehöre dazu. Ich darf mitwohnen. Ich werde auch Dinge mitkriegen, die mich vielleicht stören. Aber Gott gönnt mir meinen Platz. Und der darf anders sein als der von anderen. Anders als der von Daniel oder Ursel, von Milena oder Marc, von Flo oder Michael, von Christian oder Alina, von Aurelia oder Vicki. Als Konfi darf ich anders sein als der Pfarrer oder die Mitarbeiter, als Eltern darf ich anders sein als die Kinder und umgekehrt. Nicht immer leicht auszuhalten, aber wichtig und richtig und gut. Mich als Pfarrer erschreckt das manchmal schon, dass Konfis sich anders entwickeln, als ich es gern hätte. Und Eltern erschreckt das erst recht, dass Kinder ganz anders sein können, als man sie gern hätte und Kinder erschreckt das auch, dass Eltern nicht immer so sind, wie man sie gern hätte oder bräuchte. „Euer Herz erschrecke nicht! In meines Vaters Haus sind viele Wohnungen!“ Gut, dass die Liebe von Gott und Jesus größer ist als meine Liebe. Gut, dass ich wissen kann: auch bei den Leuten, mit denen ich mich schwer tue, hört Gottes Liebe nicht auf. Gut, dass ich wissen kann: Auch wenn meine Eltern nicht so sind, wie ich sie gern hätte, gehört ihnen Gottes Liebe. Auch wenn mein Kind Wege geht, die ich nicht verstehe, liebt Gott es doch.

Vielleicht ist das Erschrecken im Moment bei manchen aber auch ganz anders. Da geht heute ein Jahr zu Ende, in dem man viel Schönes erlebt hat, in dem man gespürt hat, dass Jesus für einen da ist – wie wird das jetzt weitergehen, wo Konfer aufhört? Klar, es gibt Angebote. Konfi Reloaded, Teensclub, jeden Sonntag supercoole Gottesdienste „zwinker, zwinker“. Aber schaffe ich es auch, wenn alles freiwillig ist und die Schule noch anstrengender wird, an Gott zu glauben und weiter nach Jesus und seiner Liebe zu suchen? Vielleicht ist so ein bisschen Erschrecken da, dass das, was jetzt gewachsen ist, langsam verlorengeht.

Die Angst hatten die Jünger von Jesus, denen er zuerst die Sätze, die auf dem Gottesdienstblatt stehen, gesagt hat, auch. Der zweite Satz ist deshalb ganz wichtig. „Glaubt an Gott und glaubt an mich“. Eigentlich wäre es besser, zu sagen: Glaubt Gott und glaubt ihm, glaubt Jesus. Glaube nicht an alte Sätze oder an Gebäude oder so was, sondern glaube, dass Gott dich liebt. Vertrau drauf, dass Gottes Liebe groß genug ist, dich auch dann zu lieben, wenn du mal wieder am suchen bist oder dabei bist, was richtig in den Sand zu setzen. Vertrau drauf, dass Gott dich überall rausholen kann und will und dass Du gemeint bist. So wie Gott mit seiner Liebe auch die Alkoholiker meint, die hier viele stören, die Jugendlichen, die nicht so nett sind, wie ihr das seid, die Lehrer, die ungerechte Noten geben, die besten Freunde, die Eltern und Großeltern, die nervigen Geschwister, den Pfarrer, die Mitarbeiter, die Leute, die wir gern als Nachbarn haben und die Leute, die es einem so schwer machen, dass man am liebsten umziehen würde.

Vertrau drauf, dass du geliebt wirst und liebenswert bist. Glaub Gott. Glaub Jesus, dass er es ernst mit dir meint. Und dich nicht nach dem ersten oder zweiten Streit ver-lässt. Vielleicht hat Konfer ja dazu geholfen, der Liebe zu glauben. Wäre cool.

Musik an, HipHop: „Cool, kannst du mal n bisschen lau-ter machen, ich versteh den Text so schlecht!“ Orientali-sche Musik „Ey krass, so Musik kenn ich gar nicht“ Volksmusik: „Man, es gab ja schon Musik vor der Erfin-dung der CDs“

Manchmal kann’s auch so gehen. Manchmal ist es auch schön, Mitbewohner zu haben, die unsere Gedanken wei-ter werden lassen. Gut, dass Gott uns nicht allein lässt. Dass er mir meine Wohnung gibt, in der ich sein darf. Weil er mich liebt. Gut, dass er mir Nachbarn gibt, die er auch liebt. Gut, dass es euch gibt.

Amen

Glaubst du Gott? - Konfirmation 2012, Beicht- und Abendmahlsgottesdienst

Text: Lukas 7,36-50
Liebe Konfis, liebe Gemeinde!


Glaubst du Gott? Nein, ich hab mir jetzt nicht angewöhnt so wie manche Jugendliche zu sprechen und Satzteile wegzulassen, so nach dem Motto: „Gehst du Kirche? Hast du Rücken?“ Ich will wirklich nicht fragen: „Glaubst du an Gott?“, sondern: „Glaubst du Gott?“ Die Frage hat vor ein paar Monaten Fossy in seiner Predigt im letzten Jugendgottesdienst gestellt. Fast alle von euch Konfis waren da. Und obwohl wir jetzt fast ein Jahr viel miteinander erlebt und geredet haben, obwohl ich euch immer ein Stück mehr kennengelernt habe, weiß ich nicht, wie ihr antworten würdet. Ihr könnt alle auswendig sagen: „Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen…“ und so weiter. Und ich glaube euch tatsächlich, dass ihr das, trotz und mit allen Fragen, die ihr habt, auch ernst meint, wenn ihr das im Gottesdienst mitsprecht. Aber ob ihr Gott glaubt, dass er jeden von euch tatsächlich liebt, dass er mit jedem von euch tatsächlich was zu tun haben will? Es hört sich einfach an, wenn ich jetzt, am Ende der Konferzeit, nachdem ihr alles, was ihr lernen solltet auch ganz passabel gelernt habt, sage: „Ihr braucht nicht an Aussagen zu glauben, die Leute lange vor euch gemacht haben, ihr braucht nicht an Gebote zu glauben, es reicht, wenn ihr Gott glaubt!“ – dann hört sich das viel einfacher an, als es ist. Es ist nämlich viel leichter, daran zu glauben, dass es zum Beispiel Regeln und Gebote gibt, die sinnvoll und hilfreich sind, an Sätze zu glauben wie „Gott ist der Schöpfer der Welt“ oder „Jesus starb für unsere Schuld“, als Gott seine Liebe zu mir zu glauben. Hört sich vielleicht jetzt abgehoben und oberschlau an, ist aber eigentlich genau das, um was es in der Geschichte aus der Bibel geht, die wir gerade gehört haben und was meiner Meinung nach auch das Entscheidende im Glauben überhaupt ist: Nicht möglichst viele Sätze zu kennen und zu können, sondern Vertrauen zur Liebe zu haben, Gott zu glauben, dass er mich kennt, mich liebt, mich meint.

Simon, der in der Geschichte aus der Bibel Jesus zum Essen eingeladen hat, war einer, der es ernst mit dem Glauben meinte. Er kannte die Regeln gut
und hat sich dran gehalten. Er hat Jesus zum Essen eingeladen, weil er Gott wirklich nahe sein wollte. Und mit Jesus hat er viele Freunde von sich eingeladen, die genauso fromm waren und sich auch an die Gebote Gottes hielten. Und dann kommt eine Frau, die stört. Stadtbekannt war sie als Sünderin. In manchen Übersetzungen steht, dass sie eine Prostituierte war. Mal wieder typisch. Kaum ist von Sünde die Rede, denken die meisten an Sex. Ich finde es besser, dass es, wie im Original, offen bleibt. Man kann eben wirkliche eine ganze Menge falsch machen und sich ganz schnell einen schlechten Ruf erarbeiten. Und die Frau, die keiner dabei haben will, weil sie eben nicht klassisch an Gott glaubt und Bekenntnisse und Gebote aufsagen kann und sich in ihrem Leben auch nicht so verhalten hat, dass sie gezeigt hätte, dass sie fromm ist, die glaubt ganz einfach Gott. Die traut Gott, die traut Jesus zu, dass seine Liebe auch für sie gilt. Die liebt ganz einfach. Die hält sich nicht an Regeln fest, sondern die glaubt der Liebe – und so erfährt sie auch, was Vergebung heißt. Vergebung heißt nicht, dass man irgendwas wieder gut macht. Die meisten Dinge kann man nicht wieder gut machen. Die Beleidigung ist ausgesprochen, das Vertrauen, das durch Klauen zerstört ist, ist erstmal kaputt, fremdgehen kann man nicht aus dem Leben streichen, und erst recht kann man niemanden wieder lebendig machen. Vergebung heißt für mich: der Liebe zuzutrauen, dass man einen Neuanfang schafft, trotz allem, was vorher gewesen ist.

Ich will nicht sagen, dass Gebote und Regeln für den, der Gott glaubt, nutzlos oder unwichtig sind. Im Gegenteil. Die Zehn Gebote sind zum Beispiel tolle Wegweiser für die Freiheit zum Leben. Wenn ich wirklich nur Gott als Gott verehre und keinen anderen Menschen zu einem Gott mache, dann entlaste ich auch den anderen und nehme ihn ernst. Keine Freundin, kein Freund, kein Mann, keine Frau kann wirklich alles für einen anderen sein. Damit ist jeder überfordert. Jede und jeder von uns hat seien Macken und Fehler und auch Schuld. Ich nehme den anderen als Menschen ernst, ich kann ihn als Menschen lieben, wenn ich ihn oder sie nicht zu Gott mache. Und wenn ich nicht Geld oder Autos oder gute Noten oder was auch immer zu dem mache, was meinem Leben Sinn gibt. Und die meisten Gebote schützen ja die, die schwächer sind, davor, dass sie nicht von den Starken ausgenutzt werden. Freiheit ohne Regeln ist keine Freiheit, sondern die Diktatur der Skrupellosen. Absolut lieblos.

Glaubst du Gott, dass er es mit seiner Liebe zu dir ernst meint? Wenn ich das glauben kann, dann kann ich auch glauben, dass Gott es mit seiner Liebe zu anderen, die mir nicht so nahe sind oder die ganz anders sind als ich, ernst meint. Gott liebt mich nicht, weil ich an ihn glaube, sondern weil er an mich glaubt. An meine Fähigkeit, Liebe zu schenken, Dinge besser zu machen, Fehler und Schuld nicht nur bei anderen, sondern bei mir zu sehen.

Ich denke, dass Simon in unserer Geschichte zu viel an die Gebote geglaubt hat und noch zu wenig einfach Gottes Liebe in Jesus vertraut hat. Aber das kann ja noch werden.

Ich wünsche euch, dass ihr Gott glauben könnt, dass ihr liebenswert seid. Ich wünsche euch, dass euch das so stark macht, dass ihr selber Liebe schenken könnt, dass ihr anderen vergeben könnt und Vergebung annehmen könnt. Ich wünsche euch, dass ihr nicht daran verzweifelt, dass ihr nicht jeden lieben könnt, sondern dass ihr eure Grenzen als Herausforderung seht und Gott zutraut, dass seine Grenzen größer sind als eure.

Und ich wünsche mir, dass ich das nicht nur als gut gemeinte Predigt zu Konfis und Eltern und Verwandten sage, sondern dass ich das zuallererst selber hören kann.

Amen