Sabtu, 24 Disember 2011

Werdet laut, singt, was das Zeug hält - 1. Weihnachtstag 2011

Text: Psalm 98,1-4


Singet dem HERRN ein neues Lied,

denn er tut Wunder. Er schafft Heil mit seiner Rechten und mit seinem heiligen Arm.

Der HERR lässt sein Heil kundwerden;
vor den Völkern macht er seine Gerechtigkeit offenbar.
Er gedenkt an seine Gnade und Treue für das Haus Israel,
aller Welt Enden sehen das Heil unsres Gottes.

Jauchzet dem HERRN, alle Welt,
singet, rühmet und lobet!

Liebe Gemeinde!

Wer von Ihnen, wer von Euch hat gestern Abend gesungen oder auf andere Art Musik gemacht, mit Flöte oder Keyboard oder anderen Instrumenten? Mit der Musik ist das ja so eine Sache. Fast alle hören gern Musik, sie kann Stimmungen verbessern oder verstärken. Ohne Musik wäre das Leben viel trauriger. Aber nicht jeder hat die Zeit oder Geduld, ein Instrument zu lernen. Und das Instrument, das Gott jedem von uns geschenkt hat, die eigene Stimme, die traut sich auch nicht jeder aus vollem Hals zu benutzen. Viele finden sich peinlich, wenn sie singen, haben Angst, den richtigen Ton zu verpassen und ausgelacht zu werden. Das Fernsehen liefert uns ja mit den Castingshows seit Jahren Beispiele genug dafür. Schade, dass das Singen oft unter einem solchen Leistungsdruck steht. Wie wäre es denn, wenn wir in diesem Jahr zu Weihnachten unser Geschenk mal wirklich annehmen und so laut wir können singen, jauchzen, rühmen, loben. Mit den unterschiedlichen Musikstilen, die wir gut finden. Mit Kirchenliedern oder Volksliedern. Mit Rap und Hip-Hop, mit Pop, Rock oder Schlager. Mit perfekt getroffenen Tönen genauso wie mit Tönen, die knapp oder deutlich neben dem liegen, was sich Komponisten gedacht haben. Die kannten halt unsere Stimmen nicht, was können wir denn dafür, wenn sie nicht für unsere Stimmen komponieren! Singt dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder! Und Gott, der Herr, wird sicher keine himmlische Castingshow veranstalten und das nächste Supertalent, den nächsten Superstar oder die Stimme des Himmels suchen.

Fast jedem Menschen macht es Spaß, allein für sich unter der Dusche oder im stillen Kämmerlein zu singen. Ich kann mir vorstellen, dass es für Jesus ein tolles Geburtstagsgeschenk wäre, wenn wir ihm mit dem, was Gott uns geschenkt hat, mit unseren Stimmen, ein vielstimmiges, weltweites Geburtstagsständchen singen würden. Laut und so vielstimmig und unterschiedlich, wie wir sind und wie Gott uns gewollt und gemeint hat. Das größte Weihnachtslied aller Zeiten, von einem Ende der Welt bis zum anderen gesungen, ich stelle es mir einfach nur schön vor, weil die Menschen dabei merken, dass sie zusammengehören. Weil wir Menschen endlich merken, dass sich am Ende gerade in der Vielfalt die Einheit und Einzigartigkeit Gottes abbildet, der sich auf keine Rasse, auf kein Geschlecht, auf keine Nation und kein Bild als das von uns Menschen festlegen lässt, was ihm angeblich entspricht. Gott überrascht uns, indem er uns Vielfalt schenkt.
Und Gott überrascht uns, indem er uns in dieser Vielfalt nicht allein lässt und untergehen lässt, sondern uns Halt, Orientierung und Zuwendung schenkt.

Gott legt sich fest – auf uns Menschen als sein geliebtes Gegenüber. Und deshalb verbündet er sich mit Menschen, die seinen Bund weitertragen, in denen wir seine Liebe zu uns erkennen. Er hat sich an das Volk Israel gebunden. Ein kleines Volk, im Vergleich zu den mächtigen Nachbarn oft unscheinbar, manchmal auch unterdrückt. Ein Volk, das alles andere als perfekt war. Aber durch die Bewahrung auch in schweren Zeiten, in Niederlagen und Kriegen, durch die Begleitung über Jahrtausende schmerzhafter Geschichte, durch die Befreiung aus der ägyptischen Sklaverei genauso wie aus der Vernichtungswut der Nazis und anderer Antisemiten, teilweise, wenn man an den iranischen Präsidenten oder an neue Nazis in Deutschland und anderen Ländern Europas denkt, bis heute. Ausgerechnet in der Liebe zu diesem klei-nen, weltpolitisch unbedeutenden und angefeindeten und manchmal ziemlich unvollkommenen Volk offenbart sich Gott. Und für uns dann darin, dass er diese Liebe eben nicht auf dieses eine Volk beschränkt, sondern durch Jesus zu allen Menschen auf der ganzen Welt bringt.

Gott übersieht das Kleine nicht. Vor ihm gilt nicht der Ruhm bei den Menschen und in den Geschichtsbüchern. Er durchschaut die Streber, die sich auf Kosten von anderen immer in die erste Reihe stellen wollen, damit sie am meisten bekommen. Für mich wird das gerade zu Weihnachten besonders deutlich. Die ersten, die in Jesus, einem am Rande der Welt unter einfachsten Umständen geborenen Kind, Gottes Liebe zu allen Menschen erkennen können, sind die Hirten. Keine Könige, keine Priester, keine besonders frommen Menschen, die möglichst alle Gebote von Gott perfekt beachten und durch eine Exklusivstory belohnt werden. Nein, ganz einfache Menschen. Nicht perfekt, oft übersehen.

Für mich ist auch das ein Grund, Gott ganz laut zu singen und Jesus ein ganz großes und vielstimmiges und ehrliches, nicht geschöntes, Ständchen zu bringen. Ich darf nicht erst dann zu Gott, ich werde nicht erst dann von ihm geliebt, wenn ich perfekt bin und genug geübt habe. Auch wenn noch so manches danebengeht und nicht jeder Ton sitzt und so manches schiefgeht, darf ich mitsingen, mit loben, mit leben, gilt seine Liebe mir.

Was mir an diesem alten Lied aus der Bibel, aus den Psal-men, das ja schon lange vor der Geburt von Jesus gesungen wurde, so wichtig und lieb ist, sind drei Dinge.

Einmal die Ermutigung, laut zu singen. Als ich ein Kind war und in dem Kinderchor in meinem Heimatdorf mitsingen wollte, hieß es nach einer Weile und manchen Sonderproben: mit dir hat das wohl nicht so viel Sinn. Erst ein Musiklehrer hat mir viel später Mut gemacht, laut zu singen, was ich immer noch gern mache – und auch meine ersten eigenen Konfis, die vor 18 Jahren sagten: „Es ist so schön, wenn sie in der Kirche falsch singen, da hat man was ,worüber man lachen kann“ – und ich feststellen durfte, dass sie damit nicht meinten, dass sie mich böse auslachen, sondern dass es einfach Spaß macht, wenn man nicht immer alles so perfekt können muss, aber trotzdem gern machen darf. Ich wünsche uns den Mut, im Singen Lebensfreude zu entdecken. Singen nicht, um ein Star oder einfach bewundert zu werden, sondern weil es ein Geschenk Gottes ist und meine Stimme im großen Chor zur Ehre Gottes fehlen würde, wenn ich mich nicht traue, laut zu werden.

Dann ist da die Weite, die Gott schenkt. Vor den Völkern macht er seine Gerechtigkeit offenbar. Er gedenkt an seine Gnade und Treue für das Haus Israel, aller Welt Enden se-hen das Heil unsres Gottes. So drückt es der Psalm aus. Gottes Liebe ist grenzenlos, sie macht vor den Grenzen, die wir Menschen ziehen, nicht halt. Aber diese Grenzenlosigkeit ist kein Verrat an seiner ersten Liebe. Die Treue zu seinem ersten Bund bleibt. Gott ist treu, auch das ist eine große Hoffnung. Und Gottes Treue hält auch menschliche Untreue aus. Gott verrät seine Liebe nicht, auch wenn wir vielleicht nicht immer so liebenswert sind oder uns liebenswert verhalten. Auch wenn wir meinen, wir bräuchten ihn nur für uns, auch wenn wir, im Glauben wie in vielen anderen Fragen der Liebe, ganz leicht eifersüchtig werden und Zäune ziehen und Abgrenzen statt öffnen. Weihnachten ist das Familienfest Gottes – und diese Familie ist so viel größer, als wir oft denken.

Und das dritte, das mir gut gefällt, und für mich eigentlich auch das Wichtigste, ist, dass Gott offensichtlich nicht nur so zum Spaß oder weil’s gerade Mode ist oder zu einer bloßen Verehrung seiner Macht oder damit möglichst viele Gottesdienste gefeiert werden das alles tut. Nein, ihm geht es um Heil und Gerechtigkeit. Gerechtigkeit für alle Völker. Davon sind wir auch Weihnachten 2011 weit weg. Es würde zu lang dauern, alles Unrecht aufzuzählen und auch alles aufzuzählen, wo wir am Unrecht und an der Ungerechtigkeit beteiligt sind. Gottes Wille ist Gerechtigkeit. Nicht nur für Europa, nicht nur für Christen und Juden, nicht nur für hellhäutige Menschen. Und vielleicht kann in dem lauten Jubel ja auch etwas davon erzählt werden, dass die, die unter Ungerechtigkeit leiden, Gott besonders nahe sind. Und wenn wir mit dem Singen fertig sind, haben wir vielleicht auch noch die Kraft, nicht nur von Unrecht zu reden, sondern erleichtert und erheitert und gestärkt kleine Schritte auf dem Weg zu mehr Ge-rechtigkeit zu gehen. Angefangen dort, wo ich lebe, wo ich arbeite, wo ich einkaufe. Und die Augen nicht zumache vor Unrecht. Aber auch weiß, dass letzte Gerechtigkeit nur Gott schenken kann. So wie nur er umfassendes Heil schenken kann. Keine Politik, keine menschliche Ideologie, kein Geld. Heil, das mehr ist als körperliche Gesundheit. Heil, das Zustände, die Leben scheitern lassen oder schwer machen, beseitigt. Jesus ist Gottes lebendiges Zeichen, dass das möglich ist. Ganz konkretes, richtiges, heiles Leben. Und auch dann, wenn wir, auch zu Weihnachten, auch in seiner Nachfolge, daran scheitern, dass mit unserer Kraft hinzukriegen oder auch darunter leiden, dass das eigene Leben im Moment vielleicht gerade alles andere als heil ist, dürfen wir mitsingen. In Vorfreude auf das, was noch kommen wird. In Dankbarkeit für Liebe, die da ist. Im Vertrauen darauf, dass Gott treu ist und seine Liebe nicht nur zu Weihnachten sichtbar ist. Und nicht nur bei uns, sondern in aller Welt.

Amen.

Und wo sind die Engel? - Christvesper als Lichterkirche, Hl. Abend 2011

Johannes 1,14a in Verbindung mit Jacopo Tintoretto "Anbetung der Hirten"
Liebe Gemeinde!


Und wo sind die Engel? Wenn etwas zu Weihnachten gehört, dann doch die Engel! Die Menge der himmlischen Heerscharen, die den Hirten die frohe Botschaft von der Geburt Jesu erzählten. Der Engel, der Maria die Botschaft brachte, dass sie schwanger werden würde und dass sich ausgerechnet in ihrem Kind Gott den Menschen zeigen will. Der Engel, der, wie Matthäus es erzählt, Josef im Traum erschien und ihn dazu brachte, zu seiner Frau, die ganz offensichtlich nicht von ihm schwanger war, zu bleiben und der ihn rechtzeitig vor König Herodes warnte, der die neugeborenen Kinder umbringen ließ. Engel als Verbindung zwischen der Welt Gottes und der Welt der Menschen. Engel als diejenigen, die gute Nachrichten bringen oder vor Bösem warnen und so Leben beschützen. Engel haben nicht nur zu Weihnachten Hochkonjunktur. Wenn ich mit Eltern spreche, die ihr Kind taufen lassen wollen, dann ist oft die Hoffnung da, dass Gott dem Kind einen Engel an die Seite stellt. Den kann man, so glauben und hoffen sie, zwar nicht sehen, aber er ist eine Verbindung zu Gott. Und Jugendliche und auch richtig alte Menschen sind oft davon überzeugt, dass Engel für sie da sind. Manche Menschen tun sich schwer, an Gott zu glau-ben. Der scheint ihnen so weit weg, so fern und so groß und vor allem so unsichtbar zu sein, dass sie gar nicht wissen, ob es ihn gibt und was sie von ihm halten sollen. Engel sind da eine Nummer kleiner, menschlicher. Und deshalb fällt es vielen, glaube ich, leichter, an Engel zu glauben. Und jetzt sind ausgerechnet auf dem Bild, dass ich Ihnen und Euch zu Weihnachten schenken möchte, gar keine Engel drauf. Oder fast keine. Wenn man ganz genau hinschaut, dann schauen ganz oben in der Mitte kleine Engel staunend durch das kaputte Dach auf das, was sich da abspielt und was sie mit angerichtet haben. „Anbetung der Hirten“ heißt das Bild des venezianischen Künstlers Jacopo Tintoretto. Nachdem die Engel den Hirten erzählt haben, dass Gott sich in einem kleinen Kind der Welt zeigt und auch für sie da sein will, machen sie sich auf in den Stall. So erzählt es Lukas. Ich habe mir immer vorgestellt, dass die Hirten zwar schnell hingelaufen sind, dann aber vor Ehrfurcht still und andächtig das Kind betrachtet haben. Hier auf dem Bild passiert aber etwas anderes. Da ist wirklich Leben im Stall. Oben beten zwar zwei Hirten, aber der eine scheint entweder selber zu essen oder das Kind füttern zu wollen. Und unten, im eigentlichen Stall, da geht es sehr munter zu. Nicht so, als ob man Rücksicht auf das neugeborene Kind nehmen will, sondern so, dass man schon beim ersten Hinschauen merkt: Hier ist das Leben. Und die Frau unten rechts scheint sich auch gar nicht so für das Kind zu interessieren, einer der Hirten ist für sie interessanter. Gerade das ist für mich ein Bild für Weihnachten. Es interessiert gar nicht alle, was da passiert ist. Für manche, vielleicht sogar für viele Menschen, sind ganz andere Dinge im Moment viel spannender. Und trotzdem: genau in diese Welt, in diese Bruchbude von Welt kommt neues Leben – durch Gott. Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns und wir sahen seine Herrlichkeit“ – so drückt es der Evangelist Johannes in seiner Sprache aus. Gott macht sich greifbar. Mitten im Leben. Das eben oft wie eine Bruchbude daherkommt. Und in dem es Zeiten gibt, in denen Gott alles andere als herrlich oder sichtbar zu sein scheint und in dem es Menschen gibt, die von ihm wenig oder nichts wissen wollen. Die ihren Blick auf andere Dinge richten. Bemerkenswert und, obwohl es alt ist, sehr zeitgemäß an diesem Bild finde ich, dass nicht nur die Engel kaum sichtbar am Rand des Bildes sind. Auch Jesus, das Kind in der Krippe, in dem sich Gott zeigt, ist nicht im Mittelpunkt und verschwindet fast vor den ganzen Ablenkungen für’s Auge.
Maria lüftet ein wenig das Tuch, um das Kind zu zeigen und etwas von dem Licht, von der Herrlichkeit Gottes, strahlen zu lassen. Wenn sie das nicht tun würde, dann würde man gar nichts besonders sehen können.

Wie gesagt, eigentlich ziemlich zeitgemäß. Es gibt sicher vieles, was es Menschen schwer macht, den Blick auf das zu richten, was Weihnachten wirklich wichtig ist. Ich denke an die Menschen, die sich manchmal an Äußerlichkeiten festbeißen und die glauben, nur mit Schnee in die richtige Weihnachtsstimmung zu kommen. Ich denke auch an die vielen, die Angst vor Weihnachten haben. An die, die das Schöne gar nicht sehen können, weil ein für sie wichtiger Mensch gestorben ist, weil sie allein oder krank sind. An die, die Angst vor Armut haben müssen und an die, die wirklich arm sind. An die Kinder, die zu Weihnachten geschlagen und misshandelt werden. Und an die, für die es einfach nur darum geht, möglichst viel zu trinken oder möglichst gut zu essen. Und ich denke an die in meinen Augen mehr als dämliche Media-Markt Werbung, die vorgaukeln will, dass Weihnachten unterm Baum entschieden wird und sich Menschen, und vor allem Kinder und Jugendliche, nur dann freuen, wenn sie teure Unterhaltungselektronik geschenkt bekommen. Weih-nachten wird nicht unterm Baum entschieden, sondern Weihnachten ist schon längst entschieden worden. Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns und wir sahen seine Herrlichkeit“ – die ist schon da, diese Herrlichkeit. Auch wenn unsere Augen und Gedanken manchmal abgelenkt werden und anderes viel glitzernder, verlockender und toller zu sein scheint. Ich glaube, dass wir dann, wenn wir vor lauter Trubel oder auch vor lauter Trauer die Herrlichkeit nicht mehr sehen können, wirklich Engel brauchen. Da sind sie dann wieder, diese Boten Gottes. Wir brauchen Botschafter von Gott, die uns helfen, die Herrlichkeit zu sehen. Von allein wären die Hirten ja wohl auch nicht auf die Idee gekommen, in einen Stall zu gehen und in einem Kind dort Gott zu finden. Wir brauchen solche Boten. Und oft genug kommen, denke ich, diese Boten, diese Engel, ganz menschlich daher. In Gestalt von Menschen, die Zeit haben und offene Ohren für Sorgen, Trauer und Nöte, die einem nicht gleich einreden, dass alles wieder gut wird oder dass alles nicht schlimm sei, sondern die bei einem stehen und bleiben, bis man selbst wieder Licht im Dunkel, Gottes Herrlichkeit in aller Not sehen kann. Wir brauchen solche Boten Gottes. Ohne sie können wir die Herrlichkeit nicht sehen. Das müssen keine Pfarrer oder Profis sein. Wen Gott als Boten mitten ins Leben schickt, das lässt sich nicht voraussagen.

Vielleicht fragt jetzt ja auch jemand: Gibt’s denn eigentlich wirklich Engel? Da redet der Pfarrer die ganze Zeit davon, aber gesehen habe ich noch keinen! Ja, ich glaube, dass es Engel gibt. Dass Gott Verbindung schafft, damit wir spüren können: er ist da. Manchmal sind diese Engel recht menschlich. Denn das Wort Engel heißt übersetzt nichts anderes als „Botschafter“. Und manchmal ist es einfach ohne feste Gestalt die Erfahrung, dass Gott da ist – vielleicht, weil man bei einem schweren Unfall gut herausgekommen ist. Vielleicht, weil man trotz einer schweren Krankheit den Mut nicht verloren hat und das Lachen auch nicht. Da ist keine geflügelte Gestalt, die man zeichnen könnte, aber das feste Gefühl: mitten in MEINEM Leben ist jemand, der ganz für mich da ist und dem ich am Herzen liege, der mehr schenkt als alle anderen schenken können.

Und da sind wir wieder bei Weihnachten, dem Geschenk Gottes für uns. Weihnachten wird es nicht, weil wir Ge-schenke austauschen. Weihnachten wird es nicht, weil es im Winter schneit oder weil sich pfiffige Ladenbesitzer was zur Umsatzsteigerung ausgedacht haben. Weihnachten wird es nicht, weil wir in Stimmung sein müssten oder weil die Welt perfekt ist. Weihnachten wird es, weil Menschen den Boten, der Botschaft Gottes Vertrauen schenken: die Welt ist nicht verloren. In dem Kind und in dem, was aus diesem Kind wird, ist Gott lebendig und zu entdecken. Das Wort wird Fleisch und wir sahen seine Herrlichkeit – Gott bleibt nicht weit weg, sondern er ist mitten im Leben zu finden. Auch dann, wenn sich manche gar nicht drum kümmern. Weihnachten wird es, weil Gott nicht nur ein Freund, sondern der Geber, der Erhalter und der Vollender des Lebens ist. Weihnachten wird es, damit ALLE Menschen etwas vom Leben haben. Und nicht nur die, die schon immer auf der Sonnenseite stehen. Gebe Gott, dass wir uns von seinen Boten, von seiner Botschaft zum Leben anstiften lassen und gebe Gott, dass wir die Kraft und die Weisheit und die Einsicht finden und selbst zu Boten werden. Durch unser Leben, durch das, was wir tun und lassen. Nicht nur zu Weihnachten. Da, wo Leben möglich ist, trotz aller Widerstände, da, wo Menschen sich am Leben freuen können und andere mit ihrer Freude anstecken, da sind die Engel. Manchmal ziemlich mensch-lich. Und nicht nur zu Weihnachten. Gott sei Dank. Amen.

Weihnachtsführerschein - nur für Kinder? Christvesper mit Krippenspiel, Hl. Abend 2011

Die Predigt kommt im Gottesdienst natürlich nach dem Krippenspiel, das unten aufgeführt ist und von vershciedenen Liedern unterbrochen wird.
Wer darf eigentlich Weihnachten feiern? Manchmal habe ich den Eindruck, es gibt gerade zu Weihnachten so eine Art Führerschein. Und da sollte man auch so etwas wie eine Prüfung bestehen. Und anders als beim Autoführerschein, den man frühestens mit 17 machen darf, scheint es beim Weihnachtsführerschein so zu sein, dass man ihn als Kind viel leichter bekommt.

(Ein Kind nach vorn holen) So, jetzt schauen wir mal, ob du Weihnachten feiern darfst. (Fragen checken).

Alles klar, das lassen wir mal so gelten – Weihnachts-Checker mit Weihnachtsführerschein! Aber eigentlich kann man den Führerschein für Weihnachten gleich zerreißen. Gut, dass es so etwas nicht gibt, finde ich. Jeder darf Weihnachten feiern. In dem Krippenspiel von den Kindern eben ging es vor allem drum, dass Gott auch zu den Kindern kommt. Und dass Jesus ganz besonders für die traurigen Kinder gekommen ist. Und für die Bettler, die nichts haben. Und für die Hirten, die hart arbeiten müssen und die von den reichen Leuten vielleicht gar nicht so ernst genommen werden. Ja, das ist das Tolle an dem, was wir Weihnachten feiern: Gott zeigt uns durch das Jesuskind, dass Kinder nicht weniger wert sind als Erwachsene. Und dass für ihn nicht nur die Menschen wichtig sind, die viel Geld haben oder die alle gut kennen und mögen, sondern auch die, die vergessen werden, die arm sind und die hart arbeiten müssen.

Aber Weihnachten wird es eben nicht nur für Kinder und für besonders arme Leute. Gott sei Dank muss man mit 18 oder 20 den Weihnachtsführerschein nicht neu machen.
Gott sei Dank darf man so lange man lebt Weihnachten feiern. Jesus ist nämlich auch für die gestressten Eltern da. Und ich glaube auch, dass für Eltern der Sinn von Weihnachten mehr ist, als Geschenke zu besorgen oder alles so hinzukriegen, dass es für andere, für die Kleinen oder für die Großeltern oder für andere perfekt wird. Gott sei Dank müssen wir keine Prüfungen für den Weihnachtsführerschein ablegen, sondern wir kriegen ihn einfach so geschenkt. Gott lädt uns alle zum Mitfeiern ein: Kinder und Erwachsene, vergessene und die, die im Mittelpunkt stehen… Gestresste und Entspannte. Fröhli-che und Leute, denen nur noch zum Weinen zu Mute ist. Durch Jesus zeigt Gott allen Menschen: Ich liebe euch. Ich komme zu euch, damit ihr selbst menschlich werden könnt. Damit ihr euch gegenseitig neu sehen könnt. Damit ihr euch auch mal ausruhen könnt. Bei mir, an der Krippe, zu Weihnachten – und hoffentlich dadurch auch für die anderen Tage Kraft bekommt. Damit ihr euch gegenseitig besser sehen könnt und keiner mehr das Gefühl haben muss, vergessen zu sein. Weihnachten ohne Stress. Ohne Prüfung. Ein Fest – nicht nur für die Kinder, nicht nur für die Armen. Sondern für die Menschen. Für alle Menschen. Ein Fest, das jeder feiern darf. Weil Gott uns liebt. Weil Gott uns sich selber schenkt. Amen


Das Gotteskind und die Menschenkinder


Mitwirkende:

- Erzähler/in

- Maria und Josef - Wirt

- vier Kinder

- zwei Hirten

- Joel, der Bettler

Der Aufbruch

Erzähler/in: Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde. Und diese Schätzung war die allererste und geschah zu der Zeit, da Quirinius Statthalter in Syrien war. Und jedermann ging, dass er sich schätzen ließe, ein jeder in seine Stadt. Da machte sich auf auch Josef aus Galiläa, aus der Stadt Nazareth, in das jüdische Land zur Stadt Davids, die da heißt Bethlehem, weil er aus dem Hause und Geschlechte Davids war. Damit er sich schätzen ließe mit Maria, seinem vertrauten Weibe, die war schwanger.

Josef: (tritt auf, er ruft) Maria, komm, lass uns jetzt gehen, wir haben einen weiten Weg vor uns!

Maria: (erscheint mit einer Tasche oder Ähnlichem) Hier bin ich. Ja, wir wollen gehen. Ich freue mich so auf Bethlehem. Dort ist der große König David geboren. Von dort stammen unsere Vorfahren her. - Josef, wir wollen uns von unseren Nachbarn verabschieden!

Maria und Josef: (treten vor, rufen ins Publikum und winken) Auf Wiedersehen, auf Wiedersehen!

Kinder: (rufen zurück) Gute Reise! Kommt bald wieder

Die Herbergssuche

Maria und Josef treten auf

Wirt: Nein, alle Zimmer sind belegt. Ihr seid zu spät dran. So, wie ihr ausseht, seid ihr sowieso ein Fall für die Sozialstation. Geht doch dorthin!

Maria: Aber wir erwarten ein Kind!

Wirt: Was? Ein Kind? Kindergeschrei, das fehlte mir grade noch. So geht doch endlich. Merkt ihr nicht, dass ihr den ganzen Betrieb aufhaltet?

Maria: Oh, Josef, so habe ich mir das nicht vorgestellt. Ich habe mich so auf Bethlehem gefreut. Ich war so froh, so glücklich, als der Engel zu mir sagte: »Du Auserwählte - durch dich soll Gottes Kind auf die Erde kommen!« - Und jetzt erscheint mir das alles wie ein ferner Traum. Ich bin so müde.

Josef: Setz dich hierher, Maria. (Er deutet auf einen Holzklotz oder ähnliches.)

Maria: Das tut gut.

Josef: Ich gehe da hinüber und sehe nach, ob es noch irgendwo einen Platz

für uns gibt. - (Josef geht und kommt nach einer kleinen Weile zurück.) - Komm, Maria,

dort drüben ist ein Stall. Er ist warm und trocken. Heu und Stroh sind da und eine kleine Futterkrippe.

(Während die Gemeinde ein Lied singt, wird die Krippe aufgebaut.)

Die Kinder

Lautes Klopfen, drei bis fünf Kinder stehen da.

Josef: Wer seid ihr denn?

Kind 1: Wir sind Kinder aus Bethlehem. Wir sind auf uns selbst gestellt, weil niemand für uns Zeit hat.

Maria: Wie sollen wir das verstehen? Kind 2: Unsere Eltern sorgen nicht mehr für uns, wir sind mal hier, mal da.

Kind 3: Und manchmal übernachten wir hier im Stall.

Josef: (zu Kind 1) Du bist also ein Kind, ein vergessenes Kind?

Kind 1: Ja, mein Vater hat den größten Gasthof hier in Bethlehem. Noch nie war so ein Betrieb bei uns wie heute, wegen der Volkszählung. Wenn ich meinen Vater etwas fragen will, sagt er: »Geh zu deiner Mutter. Ich hab jetzt keine Zeit.« Sage ich zu meiner Mutter: »Der große Stern macht mir Angst.«, fragt sie bloß: »Welcher Stern? Ich kann jetzt nicht in den Himmel gucken, ich muss mit meinen Rechnungsbüchern klarkommen. Geh ins Bett, Kind!« Meine Eltern merken gar nicht, dass ich jede Nacht mit meinen Freunden hier unterwegs bin.

Kind 2: Und als wir gerade die Straße heraufkamen, sagte die Kleine hier:

Kind 4: Der große Stern steht genau über unserem Stall!

Kind 2: Ich sagte: »Du spinnst!«

Kind 3: Aber ich habe gesehen, dass Licht im Stall brennt.

Kind 2: Und deswegen haben wir hereingeschaut.

Kind 3: Oh, seht nur, da ist ein kleines Kind! Psst - es schläft!

Kind 4: Wie heißt es?

Maria: Es ist heute Nacht geboren. Der Engel hat gesagt, es soll »Jesus« heißen. Er hat auch gesagt, wenn das Kind groß ist, wird es uns Frieden und Gerechtigkeit bringen.

Kind 1: Das ist gut. Und deshalb leuchtet der Stern über dem Stall.

Kind 2: Dürfen wir dem Kind ein Lied singen?

Maria und Josef: Ja gerne, das gefällt uns und dem Kind.

Lied: Gottes Liebe ist so wunderbar (KG 146)

Joel und die Hirten

Mitten in die Musik hinein: lautes Husten.

Kind 1: Oh weh, das ist Joel, der Bettler.

Kind 2: Der übernachtet auch manchmal hier. Der wird sauer sein, wenn hier schon Leute sind.

Joel: (kommt hustend herein) Was ist denn hier los?

Kind 3: Joel, sieh mal, hier ist ein kleines Kind. Es ist heute Nacht geboren. Der Engel hat gesagt

Joel: (unterbricht) ... es gibt keine Engel. Es gibt nur böse Menschen.

Josef: Joel, wie kannst du nur so etwas sagen. Du kannst ruhig im Heu dahinten schlafen. Wir werden ganz leise sein.

Joel: (zeigt auf die Kinder) Die da und leise, ha! Ich kenn euch gut. Wie oft schnappt ihr mir die besten Brocken weg!

Kind 4: Wir haben auch Hunger, Joel.

Stimme: (noch nicht zu sehen, ruft Laut) Ist hier ein neugeborenes Kind? Es muss in einer Futterkrippe liegen.

Kind 2: Hört doch, da sucht jemand den kleinen Jesus.

Kind 1: (der Stimme entgegengehend) Komm hierher, da bist du richtig.

Zwei Hirten: (kommen in den Stall und bleiben vor der Krippe stehen) Das muss das Kind sein, das wir suchen. Gottes Kind!

Josef: Woher wisst ihr denn, dass dies Gottes Kind ist?

Hirte 1: Ein Engel hat es uns gesagt.

Joel: (laut und grob) Es gibt keine Engel.

Die Hirten: Aber wir haben Engel gesehen.

Die Kinder: Erzählt, erzählt!

Hirte 2: Wir saßen nach dem Abendbrot um die Feuerstelle. Es war schon dunkel. Der Vater besprach mit den Hirten die Arbeiten des nächsten Tages. Und dann redeten sie über den merkwürdigen Schweifstern am Himmel. Einer sagte: »So ein Stern bringt Unglück.«. Aber der uralte Hirte Dan sagte: »In den alten Schriften steht geschrieben, wenn so ein Stern erscheint, wird der König des Friedens geboren.«

Hirte 1: Plötzlich wurde es taghell. Und wie ein Blitz vom Himmel herabfährt, so stand er vor uns. Wir waren furchtbarerschrocken. Einige von uns sprangen auf. Es wurde so hell, dass wir unsere Augen mit den Armen und Händen schützen mussten. Wir wagten sie erst wieder aufzumachen, als wir die Stimme hörten: »Fürchtet euch nicht!«

Hirte 2: Und der Engel sagte zu uns weiter: »Ich bringe euch eine gute Botschaft, große Freude, die alle Menschen erfahren sollen. In Bethlehem, in einem Stall, ist der Heiland geboren. Gottes Sohn ist Mensch geworden. Der Retter der Welt. Seine Mutter hat ihn in Windeln gewickelt und in eine Futterkrippe gelegt, weil sonst kein Platz für ihn war. Die Krippe ist das Zeichen, wenn ihr ihn, nachher sucht.« - Kleine Stille. -

Kind 3: Und dann?

Hirte 1: Und dann war es, als ob am Himmel ein großes Tor aufgestoßen würde, denn es waren da Engel, die lobten Gott und sprachen: »Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden, weil Gott alle Menschen liebt.«. Dann sangen sie ein Lied, so etwas Wunderbares habt ihr noch nie gehört. Der ganze Himmel war erfüllt davon.

Kind 4: Und dann? Erzählt weiter!

Hirte 2: Eine Weile war es ganz still. Dann sagte einer von uns: »Kommt, lasst uns nach Bethlehem gehen und das Kind suchen.« Der Vater sagte: »Das Kind liegt in einer Futterkrippe - dann sind die Eltern arme Leute.« Da ist jeder zu seinem Zelt gegangen, um etwas zum Mitnehmen zu holen.

Hirte 1: Zu uns sagte der Vater: »Lauft voraus und seht nach, wo das Gotteskind, ist!«

Joel: Das habt ihr alles wirklich erlebt? Das ist also alles wahr?

Hirten: Mit unseren eigenen Augen haben wir es gesehen. Alles, was wir erzählt haben.

Joel geht zur Krippe und bleibt davor stehen.

Kind 1: Heißt das, dass Gott auch, zu uns Kindern kommt?

Kind 4: Dann wird Gott ja ein Menschenkind. So wie wir.

Kind 3: Bei Gott sind wir Kinder dann nicht verlassen oder vergessen?

Hirte 1: Bei Gott ist durch dieses Kind kein Mensch vergessen oder verlassen.

Hirte, 2: Gott kommt durch dieses Kind allen Menschen nahe.

Elisabeth Braun

Sabtu, 17 Disember 2011

Weihnachten wird NICHT unterm Baum entschieden - 4. Advent, 18.12.2011, Reihe IV

Text: 2. Korinther 1,17-22
Liebe Gemeinde!


Kann man es denn am 4. Advent nicht einfacher haben? Da erzählt Paulus wieder so was Kompliziertes von Ja und Nein und das Gott Ja sagt aber die Leute denken, dass Paulus und die anderen Ja UND Nein sagen und alles ist so kompliziert! Sollte es denn am 4. Advent nicht einfach nur mal schön sein?! In einer Woche ist Weihnachten. Und da wäre es doch schön, wenn es in der Kirche wenigstens ruhig und einfach und besinnlich ist, so dass man ein gutes Gefühl bekommt und einfach mal vom Alltag abschalten kann, Stress vergessen darf und so richtig schöne Vorfreude auf Weihnachten bekommt. Und dann machen der Pfarrer und Paulus es so kompliziert! Kann einem denn der Glauben an Gott, Jesus, nicht helfen, das Leben ein bisschen leichter und einfacher zu machen? Ist das denn zu viel verlangt in einer Welt, in der man kaum noch durchblickt und in der selbst die, die sich für Experten halten, nichts mehr wirklich auf die Reihe kriegen?

Ja, es ist eigentlich ganz einfach mit dem Glauben. Durch Jesus sagt Gott Ja zu uns Menschen. Durch Jesus sagt er uns, dass er die Welt und die Menschen retten will und dass sein Wille nicht der Tod oder die Vernichtung des Lebens ist, sondern das Leben. Ganz einfach eigentlich, was Paulus hier schreibt. Für Paulus spielt die Geburt von Jesus keine Rolle. Für ihn ist es viel wichtiger, dass Jesus nicht tot geblieben ist, sondern dass Gott in ihm gezeigt hat, dass er stärker als Tod und Schuld ist. Aber trotzdem ist es ja nicht falsch, sich daran zu erinnern, dass das alles nur deshalb passieren konnte, weil Gott sich als Mensch in dieser Welt gezeigt hat. Und zum Menschsein gehört ja nicht nur der Tod, sondern auch die Geburt. Also, ganz einfach. In Jesus sagt Gott Ja zu uns Menschen und deshalb können wir auch gern Weihnachten feiern.

Ja, alles ganz einfach- wenn nur nicht wir Menschen wären!
Wir hätten es gern einfach und machen es doch oft so kompliziert! Weil wir eben nicht nur harmoniebedürftig, liebevoll, hilfsbereit und offen für andere sein können, sondern auch ganz schön egoistisch, rechthaberisch sind und glauben, dass Gott eigentlich gefälligst so sein soll, wie ich denke, dass er sein muss. Das ging Paulus nicht anders, das ging den Menschen in Korinth, an die Paulus diesen Brief geschrieben hat, auch nicht anders. Paulus hatte versprochen, sie zu besuchen. Sie hatten sich gestritten, Paulus und die Menschen in Korinth, weil diese nach Meinung von Paulus auf dem besten Weg waren, ihren Glauben an Gott wieder zu verlieren. Und weil Paulus sich nicht streiten wollte, hat er den Besuch einfach abgesagt. Prompt kam dann natürlich der Vorwurf, dass Paulus gar nicht ernst meint, was er sagt, und wenn er Ja sagt, meint er Nein, auf ihn könne man sich nicht verlassen und überhaupt, wenn Paulus so unzuverlässig ist, dann ist wahrscheinlich auch das falsch und unzuverlässig, was er den Menschen von Jesus erzählt hat. Wenn’s kleine Mädchen wären, würde ich bei dem kleinlichen Rumgenörgel wahrscheinlich Zickenterror sagen.

Ja, wir Menschen wollen wissen, wo wir dran sind, viel-leicht gerade auch im Glauben. Wir Menschen brauchen was, an dem wir uns festhalten können. Wir brauchen einen festen Halt, der uns Stärke gibt, wenn’s im Leben schwer wird, der uns Hoffnung gibt, wenn wir merken, dass wir mit unserer Kraft nicht weiterkommen und der uns trotz aller Enttäuschungen, die wir erleben, auch Mut macht, es immer wieder mit der Liebe zu versuchen. Wir wollen das alles möglichst einfach haben. Klar verständlich. Zum Einpacken in die Tasche, zum Mitnehmen, damit wir es rausholen können, wenn wir es brauchen. Und viel kosten darf das alles auch nicht.

Aber leider ist das mit Weihnachten und Jesus und dem Glauben nicht ganz so bequem, wie es die Korinther gern wollten und wie wir das, glaube ich, auch heute noch gern hätten. Klare Ansage und Schluss! Aber so läuft das mit dem Glauben leider nicht. Auch nicht in der Adventszeit, wenn alles so schön gemütlich ist und auf das Kind in der Krippe hinausläuft. Jesus selbst sagt einmal: „Hütet euch vor denen, die euch erzählen wollen, dass sie genau wüssten, wo es im Glauben hingeht! Die, die sagen: Schau mal, hier bei mir ist Jesus, ich zeige euch viele wunderbare Sachen, die wollen oft nur von Gott wegbringen und ihren eigenen Ruhm vermehren!“ (Lk 17,20-24par) Keiner von uns, kein Pfarrer, kein Priester, kein Mitarbeiter, kein Papst, kein Bischof, kein Kling-Böhm, keine Frau Pieh, kein Daniel, ist so groß, dass er alles durchschauen könnte, was Gott meint und will. Es gibt eine absolute Wahrheit, die sicher ist: Gott hat in Jesus Ja zu den Menschen gesagt. Gott liebt diese Welt und will, dass sie nicht zu Grunde geht, sondern dass Liebe, Gerechtigkeit, Frieden sich durchsetzen und Macht gewinnen. Gott ist kein Freund der Sünde, aber ein Freund der Sünder, die er von einem Weg, der zum Tod führt auf einen Weg bringen will, auf dem am Ende ein-fach nur noch ein richtig gutes Leben ist. Aber keiner von uns kann genau sagen, wie dieser Weg dahin im Einzel-nen aussieht und keiner ist vor Zweifeln sicher. Es gibt eine absolute Wahrheit, die kennt aber nur Gott ganz. Selbst die tiefgläubigsten Menschen mit dem tollsten Be-nehmen haben immer nur einen Teil der Wahrheit. Viel-leicht kennt Gott für andere Menschen auch ganz andere Wege, die wir nicht verstehen und kennen, selbst wenn wir ihm ganz und gar vertrauen. Es reicht doch, dass wir den Weg annehmen, den Gott für uns öffnet. Und anderen helfen, die Tür zu ihrem Weg zu finden. Das ist manchmal mühsam und manchmal macht man auch die falschen Türen auf. Und so kommen die Missverständnisse zustande, auf die Paulus im 2. Korintherbrief reagiert und mit denen wir bis heute leben müssen.

Aber jetzt mal Hand aufs Herz: Was ist denn das Ent-scheidende am Glauben? Für mich das, was Paulus schreibt: dass ich annehmen kann, dass ich in Jesus Got-tes Ja zu dieser Welt entdecke. Dass ich mich, sichtbar auch durch die Taufe, als Gottes Kind fühlen darf, von ihm gewollt und geliebt. Und dass ich nicht glaube, dass Gott uns auf den Arm nehmen möchte und seine Spiel-chen mit uns treibt, sondern dass er es mit seiner Liebe zu uns ernst meint. So ernst, dass er uns durch Jesus sagt: „Weil du Mensch bist und ich dich liebe, werde ich auch Mensch. Einfach so. Für dich.“ Für mich. Nicht nur für Menschen vor 2000 Jahren. Nicht nur für Menschen, die es studiert haben. Nicht nur für Menschen, die glauben, dass sie wüssten, wo’s langgeht. Auch für die, die ihre Zweifel haben, die Ängste und Sorgen kennen und manchmal gar nicht mehr wissen und sehen, wo’s lang geht.

Ich glaube, dass Gott uns nicht die Suche nach ihm ab-nimmt, sondern dass er sagt: ich will dir helfen, mich zu finden, aber du musst das auf deinem Weg tun, ich zwinge dir nichts für dein Leben auf.

Und da bin ich für mich wieder bei Weihnachten. „Weih-nachten wird unterm Baum entschieden“ will uns der Me-dia-Markt weißmachen. Dort, wo die teuersten elektroni-schen Geschenke, Smartphones, Spielekonsolen, Tablets und mehr ausgetauscht werden, dort stehen die Weihnachtsgewinner. Ich erzähle gern aus der Schule. Deshalb zum Ende der Predigt noch mal eine fast frohe Botschaft aus meiner 10. Klasse. Nur 4 von 14, die am Donnerstag da waren, werden Weihnachten in die Kirche gehen. Nur 5 von 14 sagen, dass sie was mit dem Glauben an Gott anfangen können. Aber 10 von 14 finden, dass Geschenke zwar schön, aber nicht so wichtig sind. Auch bei Jugendlichen wird Weihnachten nicht unterm Baum entschieden. Und merkwürdigerweise ist auch für die, die sagen, dass Gott ihnen total unwichtig ist, das wichtig, was sich nicht unterm Baum, sondern im Stall von Bethlehem entschieden hat: dass in einer Welt, die oft schwer zu verstehen ist und die alles andere als liebevoll ist und in der es ganz viel Streit gibt, Liebe und Hoffnung keine Spinnereien sind, sondern dass es sie gibt und dass Versöhnung und ein Miteinander auch dann möglich ist, wenn man glaubt, dass es menschlich gar nicht mehr miteinander geht. Die Hoffnung und Erfahrung von Kindern aus Familien, die nicht einfach Vater, Mutter, zwei Kinder sind, sondern die ein kompli-zierteres Leben haben. Die Erfahrung von Jugendlichen, die sich im Prozess des Erwachsenwerdens bis an die Schmerzgrenze mit Erwachsenen und Gleichaltrigen rei-ben. Für mich ein klitzekleines Zeichen dafür, dass Gottes Ja zu uns größer ist als unser kleinliches Rechthaben wol-len. Gottes Ja ist größer als wir je glauben können. Und dieses Ja zum Leben von Gott inspiriert sogar die Men-schen, die meinen, Gott ist was völlig unbedeutendes. Weihnachten wird eben nicht in der Geschenkeschlacht unterm Baum und erst recht nicht an der Kasse vom Me-dia-Markt entschieden. Sondern Weihnachten ist längst entschieden: im Stall von Bethlehem. In Jesus, in dem Gottes Liebe ein menschliches Gesicht bekommen hat.

Amen.

Jumaat, 2 Disember 2011

Sehnsüchtig hoffen - 2. Advent, 04.12.2012, Reihe IV

Text: Jesaja 63,15-64,4
Liebe Gemeinde!


Manchmal gebe ich die Hoffnung auf, mit den Achtklässlern, die ich in Religion unterrichten muss, zurechtkommen und gut reden zu können. Und dann schaffen sie es doch, mich mit guten Einsichten und Fragen aus der totalen Hoffnungslosigkeit rauszuholen. Wenigstens für einen Moment. Hoffnung ist hier das Stichwort. In der letzten Stunde hatten wir uns mit dem Bibelvers „Nun aber bleiben Glauben, Hoffnung, Liebe, diese drei; die Liebe ist aber die Größte unter ihnen“ beschäftigt. Ich habe gedacht, dass gerade die Mädchen das genauso bestätigen. Aber die wollten das gar nicht einsehen. Die meisten sagten mir: „Aber die Hoffnung ist doch wichtiger. Um lieben zu können, brauche ich doch die Hoffnung, dass das funktioniert. Und ein Leben ohne Hoffnung ist doch mindestens so arm wie eins ohne Liebe. Wenn ich ohne Liebe lebe, dann kann ich doch wenigstens noch die Hoffnung haben, dass das anders wird.“ Die Diskussion ging noch weiter – aber mich hat aus vielen Gründen in dieser Woche die Frage nicht mehr losgelassen, welchen Wert die Hoffnung eigentlich hat. Und von welcher Hoffnung ich heute am 2. Advent ihnen und euch etwas erzählen soll.

Wie ein Geschenk kamen mir dann die Verse aus dem Buch Jesaja vor, die für heute als Predigttext vorgesehen sind. Schon die Form der Worte hat für mich viel mit dem zu tun, was ich in diesem Advent erlebe und gern weitersagen möchte. Da redet keiner, der gerade erzählt, wie toll alles bei ihm ist und wie super alles läuft, auch im Glauben, wie einfach es ist, an Gott zu glauben und wie sich dann alles von selbst zum Guten verändert. Da beten Menschen. Das, was da in der Bibel steht, was ich eben vorgelesen habe, das ist nichts andres als ein Gebet. Da beten Menschen, die Angst davor haben, dass ihnen die Hoffnung ganz wegbricht. Da reden Menschen zu Gott, die, in unsere Alltagssprache übersetzt, zu ihm sagen: „Du bist so weit oben im Himmel, so wunderbar und hast früher den Menschen, geholfen – wir merken im Moment aber gar nichts davon! Wir haben das Gefühl, dass du uns gar nicht mehr siehst und dass wir dich nicht erkennen können. Du bist doch unser Vater – aber das Gute, dass du unseren Vorfahren, Abraham und Jakob - Israel, geschenkt hast, das ist längst aufgebraucht. Zeige dich endlich wieder als der Gott, der die Welt verändert. Wir brauchen dich!“

Vielleicht ist ja in dem Moment noch nicht einmal wirklich Hoffnung da. Ich weiß es nicht. Hoffnung heißt ja, davon auszugehen, dass sich wirklich etwas ändern kann. Vielleicht ist es erst einmal nur die kleine Schwester der Hoffnung, die Sehnsucht, die da ist. Sehnsucht – für mich heißt das, dass eine Ahnung davon da ist,
dass es ganz anders, viel besser sein kann, als es im Moment ist. Vielleicht erst einmal nur ein Traum, der möglicherweise gar nicht Wirklichkeit wird. Aber ein Traum, der einen, wenn auch manchmal nur klitzekleinen, Anker in der Wirklichkeit hat. Vielleicht ist Hoffnung manchmal wirklich ein sehr großes Wort, wenn man in seinem Leben in einem ganz dunklen Tal ist. Vielleicht ist im Moment gar keine Hoffnung da, jemals wieder Licht zu sehen – aber die Sehnsucht nach dem Licht kann trotzdem ganz groß sein. Und ich glaube, dass es diese Sehnsucht ist, diese Ahnung, dass da doch etwas ganz anderes möglich ist, die die Menschen damals dazu angetrieben hat, ihre Sache im Gebet vor Gott zu bringen. Und ich glaube, dass das auch heute eine Möglichkeit ist, in einem hoffnungsarmen, manchmal vielleicht auch hoffnungslosen dunklen Tal etwas zu verändern, wenn die Sehnsucht nach einem ganz anderem, gelingenden Leben, mich, oder jemand anderen dazu bringt, Gott an das zu erinnern, was er versprochen hat. An ein anderes, gerechtes, friedliches Leben voller Liebe. Sehnsucht, die aus der fernen Erinnerung an Gott dazu treibt, mit ihm zu reden, kann der Hoffnung langsam auf die Beine helfen und Nahrung geben.

Was mir an diesem Gebet ganz wichtig geworden ist, ist, dass die Menschen nicht Gott die Schuld für ihre schlechte Situation geben. Bei denen ist eine Ahnung da, dass sie es verbockt haben. „Warum hast du uns von den falschen Wegen nicht abgehalten und unser Herz so kalt und hart werden lassen?“ Das ist keine Anklage an Gott, die ihm die Schuld für das eigene Versagen in die Schuhe schieben will. Hier ist es wirklich die Einsicht, dass es die Schuld der Menschen ist, das Gute, dass sie kennen konnten, den Weg der Gerechtigkeit, des Friedens, der Liebe nicht gegangen zu sein. Und dass sie ihn so weit gegangen sind, dass sie von allein da nicht wieder raus kommen.

Für mich ist das eine Botschaft, die gut in den Advent passt. Wenn du die Sehnsucht nach Hoffnung hast und wenn Gott deiner Hoffnung neue Nahrung gibt, dann heißt das auch, dass du erkennst, wo du selbst der Hoff-nung im Weg stehst. Wenn Advent heißt, sich selbst auch darauf vorzubereiten, die Botschaft, dass Gott in die Welt gekommen ist, um sie zum Guten zu verändern, wirklich fassen und mit Leben füllen zu können, dann gehört zum Advent eben auch, eigene Schuld, eigenes Versagen sehen und eingestehen zu können. Vor Gott kann ich nicht und muss ich nicht besser sein als ich bin. Im Gegenteil. Ich kann und darf mich trauen, ihm auch meine Schuld und meine Zweifel zu sagen. Genauso wie meine Sehnsucht und meine Fragen.

Und diese Sehnsucht nach Hoffnung und einer neuen Welt, die drückt sich in einem der für mich schönsten und radikalsten Bilder der Bibel aus: Ach dass du den Himmel zerrissest und führest herab, dass die Berge vor dir zer-flössen, wie Feuer Reisig entzündet und wie Feuer Wasser sieden macht, dass dein Name kundwürde unter deinen Feinden und die Völker vor dir zittern müssten, wenn du Furchtbares tust, das wir nicht erwarten – und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen! Reiß den Himmel auf, halte dich nicht mehr fern von uns Menschen, verändere die Welt – auch wenn es weh tut, du wirst es so viel besser machen als alles, was ist! Krieg in Afghanistan, Weltpolitikkrise, Klimakatastrophe, Unschuldige, die zum Tode verurteilt werden, Rechtsradikale, die Ausländer ermorden, junge Menschen, die viel zu früh sterben, Kinder, die unheilbar krank sind, Eltern, die ihre Kinder mit Psychoterror demütigen und fertig machen – im Advent 2011 gibt es so viel, bei dem wahrscheinlich nicht nur bei mir der Schrei nach Gott, der all dem und noch viel mehr endlich ein Ende machen soll, der nicht mehr fern im Himmel bleiben möge, sondern den Himmel aufreißen und die Welt radikal umgestalten möge, auf den Lippen. Die Sehnsucht ist da. Und was ist mit der Hoffnung? Solange ich mich traue, mit Gott zu reden und zu beten, ist sie als Funke noch da. Und wenn nicht? Vielleicht gibt es dann andere, die sich trauen, für mich zu hoffen, die meine Sehnsucht und dann auch meine Hoffnung neu anfachen.

Was mir Hoffnung macht, ist das Lied, das wir gleich sin-gen. Gedichtet wurde es von Friedrich Spee, einem katholischen Priester im 17. Jahrhundert, der das erste große Buch gegen den Hexenwahn seiner Zeit herausbrachte und der in seiner Arbeit als Seelsorger für Pestkranke in Trier starb. Er hat erkannt, was auch in der Kirche und mit kirchlicher Billigung falsch läuft, wo Glauben und Macht missbraucht werden. Er hat sich nicht den Armen und Bedürftigen entzogen. Er hat viel Elend gesehen und wurde persönlich bedroht. Vielleicht haben die Worte, die heute Predigttext sind und die er zu einem Lied umgedichtet hat, ihm die Kraft gegeben, in allem Elend, in aller Not, in aller Anfechtung die Hoffnung und die Liebe nicht zu verlieren. Das andere in dunkler Zeit gehofft, gebetet, gehandelt haben, dass die Sehnsucht nach einer besseren Welt mit Gott nicht läh-men und vom Alltag wegführen, sondern den Alltag zu leben hilft, macht mir Mut.

Genauso wie Schülerinnen und Schüler, die überraschende Einsichten und Fragen haben und so einen Pfarrer am Rande der Hoffnungslosigkeit was diese Klasse betrifft wirklich begeistern können.

Das alles hält weder bei mir noch bei anderen, die viel-leicht ähnliche, vielleicht andere Hoffnungserfahrungen gemacht haben oder machen, nicht ewig. Aber nicht nur im Advent schenkt Gott uns die Möglichkeit, unsere Sehnsucht und alles, was Hoffnung schwer macht und Sehnsucht fast vertreibt, mit ihm selbst auszumachen und ihn nach dem zu fragen und an das zu erinnern, was Leben in seinem Sinn gut sein lässt. Und auch dabei dem eigenen Leben und der eigenen Schuld ins Gesicht zu se-hen. Durch Jesus will er uns allen, aller Welt helfen, die-sen Blick, diese Erkenntnis auszuhalten und mit neuer Kraft zu leben. bis der Himmel wirklich zerrissen ist und Himmel und Erde eins sind.
Amen.