Text: Philipper 1,15-21
Liebe Gemeinde!
Ungeheuerlich war die Meldung, die am Dienstag in den Nachrichten kam und auch an den folgenden Tagen der vergangenen Woche in den Schlagzeilen war. Zweiundzwanzig Schülerinnen und Schüler und sechs Erwachsene starben bei einem Busunfall in der Schweiz auf der Heimfahrt von einer Skifreizeit. Zweiundzwanzig Leben, die gerade erst begonnen hatten, die selbst noch so viele Pläne und Hoffnungen hatten, die von den Eltern, Geschwistern und Freunden mit so vielen Hoffnungen begleitet wurden einfach ausgelöscht. Und sechs weiter Leben, die allesamt sicher auch noch einiges an Hoffnungen, Liebe und Erwartungen hatten, die in Beziehung zu vielen anderen waren, auch. Zu Recht sind in den Druckausgaben der Lutherbibel manche Verse und Sätze fett gedruckt. Weil sie wichtig sind. Weil sie im Ge-dächtnis hängen bleiben. Auch im Predigttext, den ich eben vorgelesen habe, ist ein Satz fett gedruckt. Welcher das wohl ist, da muss man, glaube ich, gar nicht lang überlegen. „Christus ist mein Leben und Sterben ist mein Gewinn.“ Sterben als Gewinn? Zu Recht würden mir wahrscheinlich, hoffentlich hätten sie noch die Kraft dazu, die Eltern der tödlich verunglückten Kinder, die Kinder der tödlich verunglückten Lehrer und Busfahrer die Bibel um die Ohren hauen, wenn ich ihnen das vorlesen würde.
„Christus ist mein Leben, Sterben ist mein Gewinn“ – wie zynisch hört sich das an, wenn man diesen Vers Menschen vorliest, die mit den unaussprechlichen und unvorstellbaren Schrecken des Todes konfrontiert sind. dieser Satz lässt sich leicht so hören: „Das Leben in der Welt ist nichts wert, gib es weg, es gibt viel Besseres!“ Der Satz lässt sich leicht missbrauchen. Von Fanatikern. Christus ist mein Leben, Sterben ist mein Gewinn - das kann zur gleichen Logik pervertiert werden, wie sie Selbstmordattentäter und andere Fanatiker haben. Es lohnt sich, sein Leben für etwas wegzuwerfen, weil am Ende eine Belohnung wartet. Ganz leicht lässt sich dieser eine Satz, der fett gedruckt ist, missbrauchen und missverstehen. als eine zynische Vertröstung, wenn man Schmerz nicht mit aushalten und mit teilen will. als eine zynische Geringschätzung des Lebens als Geschenk Gottes.
Christus ist mein Leben, Sterben ist mein Gewinn. Ich h-be diesen Satz aber auch ganz anders erlebt. Als einen Trost für einen Schwerkranken, dessen Körper von Krebs zerfressen war, dessen Leben von Schmerzen gezeichnet war und der darauf wartete, dass die Schmerzen endlich ein Ende finden. Als eine Hoffnung einer alt gewordenen Dame, die einfach nur das Gefühl hatte, dass sie ihr Leben hier in dieser Welt gelebt hatte und die sich in ihrem Leben sicher war, dass Gott auch jenseits des Lebens, das sie kannte, mit seiner Liebe für sie da sein wird.
Christus ist mein Leben, Sterben ist mein Gewinn. Ich kann von niemandem verlangen, dass er diesen Satz für gut, wichtig und hilfreich hält. Ich kann ihn anderen nicht als vermeintlichen Trost um die Ohren und Herzen hauen.
Ich kann diesen Satz nur für mich und mein Leben sagen. Wenn ich dazu bereit bin. Und vielleicht wird daraus ja eine Einladung für einen anderen, darüber nachzudenken und eine Wahrheit und Hilfe für das eigene Leben zu entdecken. So kann dieser Satz nicht als eine Aufforderung, Leben gering zu schätzen oder gar wegzuwerfen, missverstanden werden, sondern zu einer Hilfe werden, Leben auch in ganz schweren Zeiten anzunehmen und zu leben. Christus ist mein Leben, Sterben ist mein Gewinn. Das ist keine dogmatische Aussage, die ich auswendig lernen und für wahr halten muss, sondern etwas, das ich im wahrsten Sinn des Wortes nur erleben kann.
Und da bin ich beim biblischen Hintergrund. Paulus hat diesen Satz nicht geschrieben, weil er die Nase voll hatte und sein Leben einfach wegwerfen wollte. Es ging ihm schlecht, keine Frage. Paulus war im Gefängnis. Ihm wurde der Prozess gemacht, weil er Menschen zum Glauben an Jesus führen wollte. Er wurde als Staatsfeind angeklagt und musste mit der Todesstrafe rechnen. Und in dieser Situation erfährt er, dass andere das ausnutzen und ganz anders als er von Jesus erzählen. Sie wollen, dass die Gemeindne sich von dem Weg, den Paulus ihnen gezeigt hat, wegbewegen und sich von Paulus lossagen. Sie waren vielleicht neidisch auf ihn. Menschlich gesehen wäre es sehr verständlich, wenn Paulus gesagt hätte: „Ich hab keine Lust mehr. Lohnt sich doch alles nicht mehr. Ich will nur noch sterben.“ Aber Paulus macht erstmal was ganz anderes. Er freut sich natürlich darüber, dass nicht alle so gegen ihn sind, dass er besucht wird und dass für ihn gebetet wird. Aber er macht die, die anders als er sind, nicht fertig, sondern er sagt sinngemäß: „Ich freue mich zwar nicht über die Art und Weise, wie sie es tun, aber ich freue mich darüber, dass andere von Jesus erzählen. Das ist das Wichtige. Und nicht, ob ich das tue oder jemand anders das vielleicht ganz anders tut.“ Dazu gehört schon ganz schön viel Größe. Wenn einer mich in Frage stellt, vielleicht sogar meine Schwäche ausnutzt, wie bei Paulus hier das Gefängnis, dann wünsche ich ihm, glaube ich, erstmal nichts Gutes. Das Persönliche schiebt sich ganz leicht vor die Sache, um die es geht. Auch bei Christen. Ich finde es schade, dass Christen immer wieder glauben, eigene Gemeinden und eigene Gottesdienste gründen zu müssen und feiern zu müssen, nur weil andere ihnen nicht frei genug oder zu frei beten, weil die Lieder zu altmodisch oder zu modern sind oder weil die einen die Heilungen zu wenig oder den Heiligen Geist zu stark betonen. Wir sagen zwar, als Gemeinden, als Verantwortlich ein den Gemeinden, als Mitglieder in den Gemeinden, dass es uns um Christus geht, aber viel zu oft geht’s ums Rechthaben und darum, sich einfach besser als andere zu fühlen. Die Gelassenheit von Paulus, die Einsicht, dass CHRISTUS unser Leben und nicht die Rechthaberei, würde uns, nicht nur, aber auch in Marburg oft gut tun.
Und diese Gelassenheit führt Paulus dazu, auch in einer ganz schweren Zeit, in der sein Leben wirklich bedroht ist, sagen zu können: Christus ist mein Leben, Sterben ist mein Gewinn. Nicht, weil er sein Leben wegwerfen will oder weil er nicht mehr leben will, sondern weil er für sich weiß und sicher ist: Egal, was ich tue: Christus war und ist in meinem Leben bei mir, gibt mir Halt und Kraft und das wird sich mit dem Tod nicht ändern. Mir kann zwar das Leben genommen werden, aber nicht die Liebe, die Gott in mein Leben gelegt hat. Sterben ist mein Gewinn – nicht weil das Leben nichts wert wäre, sondern weil Jesus gezeigt hat, dass der Tod die Liebe nicht auslöscht und weil sich da die wahre Kraft der Liebe und der Versöhnung und Vergebung zeigt.
Christus ist mein Leben, Sterben ist mein Gewinn – aus dieser Aussage, die auf den ersten Blick erstmals Lebensmüdigkeit auszudrücken scheint, wächst das Gegenteil, nämlich Kraft zum Leben. Weil ich nicht krampfhaft alles festhalten muss, weil ich nicht krampfhaft dafür sorgen muss, dass alles rund wird und Leben nur dann einen Sinn hätte, wenn alles glatt und am besten so, wie ich es will, läuft, sondern weil Christus auch in den dunklen Zeiten und bei den Niederlagen mit seiner Liebe nicht wegläuft und weil der Sinn nicht zerstört wird, wenn ich MEIN Leben aus der Hand geben muss, kann ich kraftvoller und entspannter die Zeit gestalten, die mir als Lebenszeit geschenkt ist und muss nicht das Gefühl haben, Leben wäre nichts wert und müsste weggeworfen werden, wenn was ganz anders läuft, als es in meinen Augen gut ist. So verstehe ich Paulus. Und so wird auch nicht ein zynisches Totschlagargument aus der ganz persönlichen Aussage von Paulus, sondern so kann sie vielleicht in einem ganz persönlichen Leben, das nicht das von Paulus, sondern ein ganz eigenes ist, auch Kraft entfalten.
Und wie ist das mit den Eltern der Eltern und Angehörigen der toten Kinder, mit den Familien und Freunden der toten Lehrer und Busfahrer? Ich kann mir kaum vorstellen, dass etwas anderes als einfach nur dasein, nicht weglaufen, mit aushalten auch nur den Hauch von Trost langsam wachsen lassen kann. Vielleicht kann eine Mutter oder ein Bruder, eine Ehefrau oder ein Sohn oder eine Freundin irgendwann einmal sagen: ich habe gespürt, dass auch da, wo ich dachte, ganz allein zu sein und nur im Dunkeln gehen zu müssen, Christus mit seiner Liebe nicht ganz weg war. Und ich habe gespürt, dass mir die Liebe Kraft gegeben hat, mein Leben mit aller Trauer weiterzuleben und nicht wegzuwerfen. Christus mit seiner Liebe ist mein Leben. Und Sterben ist mein Gewinn, weil ich mein Leben lebe und weiß, dass die Liebe nicht fortgeht, sondern dass ich in Liebe dieses Leben beenden kann und dann in der gleichen Liebe geborgen bin wie die, die ich nicht zurückholen kann und deren Tod eine unaussprechliche Lücke in mein Leben gerissen hat.
Ich weiß nicht, ob das so sein wird. Wie gesagt, Christus ist mein Leben, Sterben ist mein Gewinn kann immer nur ein persönlicher Satz sein. Ich kann dafür beten, dass es so sein möge. Bei anderen, bei mir. Dafür auch, dass nicht der erste Teil des Satzes wegfällt und nur noch der zweite Teil gehört wird. Dafür, dass es auch in schweren Zeiten heißen kann: Sterben ist mein Gewinn. Dann, wenn es soweit ist. Aber bis dahin ist Christus mein LE-BEN. Jetzt. Dafür kann ich beten. In der Hand habe ich es nicht. Bei anderen nicht. Und auch nicht bei mir selbst.
Amen.
Jumaat, 16 Mac 2012
Sabtu, 10 Mac 2012
Aller Anfang ist leicht - Okuli, 11.03.2012, Reihe IV
Text: 1. Petrus 1,13-21
Liebe Gemeinde!
Aller Anfang ist leicht! Na gut, vielleicht nicht aller An-fang. Aber ich glaube, es stimmt nicht, wenn man einfach so immer wieder sagt: „Aller Anfang ist schwer!“ Es gibt jede Menge Anfänge, die leicht sind. Da ist am Anfang ganz viel Schwung, ganz viel Lust, Neues zu sehen und zu entdecken. Für mich ist die Schule so ein Beispiel. Ganz, ganz viele Kinder freuen sich auf die Schule. Wenn ich in der Kita bei der Verabschiedung der Großen, in unserer Kita Berliner Str. sind das die „Wackelzähne“, dabei bin oder wenn ich den Gottesdienst für die Schulanfänger halte, dann ist bei den allermeisten Kindern ganz klar: Wir freuen uns auf die Schule und Lernen macht ganz viel Spaß. Im 8. Schuljahr sieht das ein bisschen anders aus. Lernen macht auch Mühe, nachdem es am Anfang oft ziemlich schnell vorwärts geht, stellen sich auch Misserfolge ein, Anderes wird auch wichtig. Der Anfang war leicht, aber das Durch-halten ist gar nicht so einfach. In einer Liebesbeziehung ist das manchmal so ähnlich. Wenn erstmal die erste Verliebtheit verflogen ist, wenn die Macken nach und nach rauskommen, wenn man sich auch öfter mal unausgeschlafen, gereizt und ungeschminkt begegnet ist, dann braucht man Stehvermögen, das manchmal auch Kraft kostet. Und ich denke, dass es im Glauben an Jesus so ähnlich ist. Und auch früher schon so ähnlich war. Der Anfang ist oft gar nicht so schwer. Da begegnet man Menschen, die einen faszinieren, die einem ganz toll von Jesus erzählen und die das auch ganz überzeugend vorleben. da hat man Power und Lust, es selbst mal zu probieren, man merkt, dass es ganz gut klappt. Aber dann kommt der Alltag. Nicht alles, was man sich vom Glauben erhofft hat, trifft sofort ein. Es gibt Rückschläge und man merkt mehr oder weniger schnell, dass auch guten Menschen Böses passiert.
Für so eine ähnliche Situation vor fast 2000 Jahren ist auch der Brief geschrieben, aus dem der Predigttext für heute ist. Es ist der erste Petrusbrief. Ziemlich schnell hat der Glauben an Jesus damals neue Anhänger gefunden. Kein Wunder. Er hat frei gemacht. Zum Beispiel frei davon, die Menschen in Kästchen je nach ihrem Besitz oder ihrer Stellung einzuteilen. Damals gab es viele Sklaven. Die waren in der christlichen Gemeinde genauso viel wert wie Kaufleute oder Landbesitzer. Die Sklaven waren zwar immer noch nicht unbedingt frei, aber sie konnten wissen: die Leute bilden sich was ein, wenn sie glauben, andere Menschen besitzen zu können. Man kann zwar Menschen durch Macht oder Gewalt zu etwas zwingen, aber für Gott sind die Sklaven mindestens so viel wert wie jeder reiche Mensch. Gott sieht nicht auf das, was ein Mensch äußerlich darstellt, sondern was in ihm steckt. Und auch manche reichen Menschen haben gespürt, dass der Glauben an Jesus sie wirklich frei machen will. „Ich muss nicht mehr mit meinem Nachbarn konkurrieren,
wer das schönste Haus oder das meiste Land oder das meiste Geld hat, wer am schönsten angezogen ist oder wer sich am meisten Luxus leisten kann. Nicht der Besitz macht mich gut und wertvoll, sondern die Liebe von Jesus“. Und manche Menschen haben erlebt, dass der Glauben an Jesus auch von Krankheiten frei macht und Leben wirklich heil wird. Ja, der Glauben hat frei gemacht und viele haben sich angesprochen gefühlt. Der Anfang war leicht. Aber dann: der Alltag. So anstrengend. Und da hat sich eben nicht die schnelle Verwandlung der Welt in eine Gesellschaft, so, wie Gott sie will, vollzogen. Da gab es weiter Schwierigkeiten, im persönlichen Leben genauso wie in der Gemeinde. Da konnte dann auch nicht jeder mit jedem, da gab es auch Neid. Und dann die Frage, ob sich der Glauben lohnt und ob es nicht doch dem Nachbarn, der nichts von Jesus hält und viel Geld macht, besser geht und man nicht so weitermachen sollte wie früher.
Die Einzelprobleme sind heute sicher anders als früher. Aber das Grundproblem ist vielleicht gar nicht so anders. Nämlich die Frage: wie kann ich eigentlich im Alltag Christ sein, wie kann ich glauben, wenn nicht alles immer so klar und einfach ist und wenn der Zauber des Anfangs weg ist? An Leute, die diese Frage hatten, an Menschen, die der Glaubensalltag langsam müde gemacht hat, hat sich der erste Petrusbrief gerichtet.
Der erste Tipp, den der Briefschreiber den Menschen gibt, hört sich für unsere Ohren erstmal ganz seltsam an: Darum umgürtet die Lenden eures Gemüts, seid nüchtern und setzt eure Hoffnung ganz auf die Gnade, die euch angeboten wird in der Offenbarung Jesu Christi. Wenn man versteht, dass der Briefschreiber auf den Aufbruch des Volkes Israel aus der Sklaverei in Ägypten anspielt, wenn man weiß, dass die israelitischen Sklaven bereit sein sollten, sich auf den Weg in die Freiheit zu machen und dazu gegürtet, also aufbruchsbereit angezogen, sein sollten, dann kann man vielleicht ahnen, dass es hier um was ganz wichtiges geht. Glauben heißt: beweglich im Kopf zu bleiben, nicht immer nur dasselbe wiederkäuen, nicht das zu machen, was alle machen, sondern bereit zu sein, sich auch im Kopf, im Geist, auf den Weg zu machen. Nüchtern sein – also nachdenken, offene Augen haben, den Verstand nicht ausschalten, das hat auf den ersten Blick gar nichts mit Hoffnung zu tun. Oft scheint man ja gegen die Vernunft hoffen zu sollen oder hoffen zu müssen. Aber ich finde es ganz erfrischend und befreiend, dass schon in diesem Anfang vom Predigttext so viel drinsteckt: Du musst deinen Kopf, deinen Verstand nicht abgeben, wenn du an Gott glaubst. Im Gegenteil. Nicht die spektakuläre Show, die krasse Heilung ist das Entscheidende, sondern dass du den ganz normalen Wahnsinn des Alltags durchblickst und siehst, was da gut ist und was eben nicht weiterhilft. Das steckt drin. Und das Glauben frei macht. Und das Glauben und die Zuwendung Gottes und die Vergebung und die Liebe keine Besitz sind. Ein Angebot, zu dem und mit dem wir auf dem Weg sind, bis Gott die Welt endgültig neu macht. Wir sind auf dem Weg. Bei Gott ist das Ziel schon beschlossene Sache. Aber wir sind noch nicht am Ziel. auf dem Weg dahin kann man müde werden, enttäuscht werden - aber ohne dass wir uns auf den Weg machen, kommen wir nicht ans Ziel.
Und auf dem Weg sind wir frei. Für Gott sind wir keine Sklaven, keine Objekte, mit denen er irgendwas macht, sondern Subjekte, eigenständige Personen. Und deshalb können wir uns auch so verhalten, wie es der Liebe ent-spricht, nämlich heilig. Heilig heißt nicht, dass wir perfekt sein sollen. Das können wir gar nicht. Heilig macht uns auch nicht unser Verhalten, sondern die Tatsache, dass wir zu Gott gehören. Durch die Taufe. Durch die Liebe. Durch Jesus. Heilig zu sein heißt, sich die Freiheit zu nehmen, anders zu sein. Der Briefschreiber sagt was davon, dass die Menschen nicht den Begierden, in denen wir früher lebten, dienen sollen. Auf heute übertragen denke ich, dass wir gegenüber dem, was uns als normal angeboten wird, kritisch bleiben sollen. Es ist der einfache Weg, sein Leben danach auszurichten, dass ich möglichst reich werde, vielleicht einen möglichst tollen Schul- oder Uniabschluss kriege, vielleicht schöner als andere bin und mir auf das alles was einzubilden und Menschen danach einzuteilen. Begierden hat hier nichts in erster Linie mit Sex zu tun, sondern damit, dass ich gierig werde. Und mehr, Besseres, Größeres als andere haben will und nicht genug bekommen kann. Heilig zu sein heißt „Nein“ sagen zu können, verzichten zu können, wirklich frei zu sein. Frei werde ich nicht dadurch, dass ich alles besitze, sondern dadurch, dass ich auch verzichten kann. Wer nicht verzichten kann, wer sich an irgendwas klammert, der ist nicht frei. Und Freiheit ist eigentlich das große Geschenk, das Gott uns im Glauben macht. Der Briefschreiber drückt das wieder etwas merkwürdig aus: ihr wisst, dass ihr nicht mit vergänglichem Silber oder Gold erlöst seid von eurem nichtigen Wandel nach der Väter Weise, sondern mit dem teuren Blut Christi als eines unschuldigen und unbefleckten Lammes. Er ist zwar zuvor ausersehen, ehe der Welt Grund gelegt wurde, aber offenbart am Ende der Zeiten um euretwillen, die ihr durch ihn glaubt an Gott, der ihn auferweckt hat von den Toten und ihm die Herrlichkeit gegeben, damit ihr Glauben und Hoffnung zu Gott habt. Nichts Materielles sorgt für unsere Freiheit, sondern die totale Liebe, das Leben selbst. „Blut“ spielt nicht nur auf den gewaltsamen Tod Jesu an, sondern auch darauf, dass in ihm der Sitz des Lebens gesehen wurde. Gottes Zuwendung zum Leben selbst, sein Leben, macht uns frei. Von Anfang an war das sein Plan. Durch die Auferstehung, den Sieg über den Tod, haben wir eine Ahnung davon, was das heißen kann. Aber das Ziel ist noch nicht erreicht. Glauben und Hoffnung – ein Weg zum Leben, ein Weg zur Freiheit. Aller Anfang ist leicht, auch der Anfang, diesen Weg zu gehen. Durchhalten, weitergehen ist das, was müde macht. Dazu brauchen wir Glauben und Hoffnung. Nicht als Besitz, sondern als Proviant für den Weg. Sein Ziel ist die Liebe, das Leben, so wie es sein soll, so wie es in Jesus schon la aufgeblitzt ist. Ich hab das Gefühl, noch so viel sagen zu müssen. Über die Gottesfurcht, die keine angst ist, sondern Respekt und Liebe. Gott ist nicht der Kumpel, der alles durchgehen lässt und nicht der Jagdhund, der uns zur Strecke bringen will, sondern der Vater, der uns liebt und uns zum Leben führt. Oder darüber, dass vor Gott das Ansehen der Person nichts gilt. Da ist der Pfarrer nicht mehr als der Konfi. Aber ich mach jetzt Schluss. Lebne und gehen müssen wir selber. Da helfen auch noch so schlaue Briefe und noch so lange Predigten nichts. Gebe Gott, dass unser Anfang mit ihm leicht ist und dass wir auf dem Weg mit ihm nicht den Mut und die Kraft verlieren.
Amen.
Liebe Gemeinde!
Aller Anfang ist leicht! Na gut, vielleicht nicht aller An-fang. Aber ich glaube, es stimmt nicht, wenn man einfach so immer wieder sagt: „Aller Anfang ist schwer!“ Es gibt jede Menge Anfänge, die leicht sind. Da ist am Anfang ganz viel Schwung, ganz viel Lust, Neues zu sehen und zu entdecken. Für mich ist die Schule so ein Beispiel. Ganz, ganz viele Kinder freuen sich auf die Schule. Wenn ich in der Kita bei der Verabschiedung der Großen, in unserer Kita Berliner Str. sind das die „Wackelzähne“, dabei bin oder wenn ich den Gottesdienst für die Schulanfänger halte, dann ist bei den allermeisten Kindern ganz klar: Wir freuen uns auf die Schule und Lernen macht ganz viel Spaß. Im 8. Schuljahr sieht das ein bisschen anders aus. Lernen macht auch Mühe, nachdem es am Anfang oft ziemlich schnell vorwärts geht, stellen sich auch Misserfolge ein, Anderes wird auch wichtig. Der Anfang war leicht, aber das Durch-halten ist gar nicht so einfach. In einer Liebesbeziehung ist das manchmal so ähnlich. Wenn erstmal die erste Verliebtheit verflogen ist, wenn die Macken nach und nach rauskommen, wenn man sich auch öfter mal unausgeschlafen, gereizt und ungeschminkt begegnet ist, dann braucht man Stehvermögen, das manchmal auch Kraft kostet. Und ich denke, dass es im Glauben an Jesus so ähnlich ist. Und auch früher schon so ähnlich war. Der Anfang ist oft gar nicht so schwer. Da begegnet man Menschen, die einen faszinieren, die einem ganz toll von Jesus erzählen und die das auch ganz überzeugend vorleben. da hat man Power und Lust, es selbst mal zu probieren, man merkt, dass es ganz gut klappt. Aber dann kommt der Alltag. Nicht alles, was man sich vom Glauben erhofft hat, trifft sofort ein. Es gibt Rückschläge und man merkt mehr oder weniger schnell, dass auch guten Menschen Böses passiert.
Für so eine ähnliche Situation vor fast 2000 Jahren ist auch der Brief geschrieben, aus dem der Predigttext für heute ist. Es ist der erste Petrusbrief. Ziemlich schnell hat der Glauben an Jesus damals neue Anhänger gefunden. Kein Wunder. Er hat frei gemacht. Zum Beispiel frei davon, die Menschen in Kästchen je nach ihrem Besitz oder ihrer Stellung einzuteilen. Damals gab es viele Sklaven. Die waren in der christlichen Gemeinde genauso viel wert wie Kaufleute oder Landbesitzer. Die Sklaven waren zwar immer noch nicht unbedingt frei, aber sie konnten wissen: die Leute bilden sich was ein, wenn sie glauben, andere Menschen besitzen zu können. Man kann zwar Menschen durch Macht oder Gewalt zu etwas zwingen, aber für Gott sind die Sklaven mindestens so viel wert wie jeder reiche Mensch. Gott sieht nicht auf das, was ein Mensch äußerlich darstellt, sondern was in ihm steckt. Und auch manche reichen Menschen haben gespürt, dass der Glauben an Jesus sie wirklich frei machen will. „Ich muss nicht mehr mit meinem Nachbarn konkurrieren,
wer das schönste Haus oder das meiste Land oder das meiste Geld hat, wer am schönsten angezogen ist oder wer sich am meisten Luxus leisten kann. Nicht der Besitz macht mich gut und wertvoll, sondern die Liebe von Jesus“. Und manche Menschen haben erlebt, dass der Glauben an Jesus auch von Krankheiten frei macht und Leben wirklich heil wird. Ja, der Glauben hat frei gemacht und viele haben sich angesprochen gefühlt. Der Anfang war leicht. Aber dann: der Alltag. So anstrengend. Und da hat sich eben nicht die schnelle Verwandlung der Welt in eine Gesellschaft, so, wie Gott sie will, vollzogen. Da gab es weiter Schwierigkeiten, im persönlichen Leben genauso wie in der Gemeinde. Da konnte dann auch nicht jeder mit jedem, da gab es auch Neid. Und dann die Frage, ob sich der Glauben lohnt und ob es nicht doch dem Nachbarn, der nichts von Jesus hält und viel Geld macht, besser geht und man nicht so weitermachen sollte wie früher.
Die Einzelprobleme sind heute sicher anders als früher. Aber das Grundproblem ist vielleicht gar nicht so anders. Nämlich die Frage: wie kann ich eigentlich im Alltag Christ sein, wie kann ich glauben, wenn nicht alles immer so klar und einfach ist und wenn der Zauber des Anfangs weg ist? An Leute, die diese Frage hatten, an Menschen, die der Glaubensalltag langsam müde gemacht hat, hat sich der erste Petrusbrief gerichtet.
Der erste Tipp, den der Briefschreiber den Menschen gibt, hört sich für unsere Ohren erstmal ganz seltsam an: Darum umgürtet die Lenden eures Gemüts, seid nüchtern und setzt eure Hoffnung ganz auf die Gnade, die euch angeboten wird in der Offenbarung Jesu Christi. Wenn man versteht, dass der Briefschreiber auf den Aufbruch des Volkes Israel aus der Sklaverei in Ägypten anspielt, wenn man weiß, dass die israelitischen Sklaven bereit sein sollten, sich auf den Weg in die Freiheit zu machen und dazu gegürtet, also aufbruchsbereit angezogen, sein sollten, dann kann man vielleicht ahnen, dass es hier um was ganz wichtiges geht. Glauben heißt: beweglich im Kopf zu bleiben, nicht immer nur dasselbe wiederkäuen, nicht das zu machen, was alle machen, sondern bereit zu sein, sich auch im Kopf, im Geist, auf den Weg zu machen. Nüchtern sein – also nachdenken, offene Augen haben, den Verstand nicht ausschalten, das hat auf den ersten Blick gar nichts mit Hoffnung zu tun. Oft scheint man ja gegen die Vernunft hoffen zu sollen oder hoffen zu müssen. Aber ich finde es ganz erfrischend und befreiend, dass schon in diesem Anfang vom Predigttext so viel drinsteckt: Du musst deinen Kopf, deinen Verstand nicht abgeben, wenn du an Gott glaubst. Im Gegenteil. Nicht die spektakuläre Show, die krasse Heilung ist das Entscheidende, sondern dass du den ganz normalen Wahnsinn des Alltags durchblickst und siehst, was da gut ist und was eben nicht weiterhilft. Das steckt drin. Und das Glauben frei macht. Und das Glauben und die Zuwendung Gottes und die Vergebung und die Liebe keine Besitz sind. Ein Angebot, zu dem und mit dem wir auf dem Weg sind, bis Gott die Welt endgültig neu macht. Wir sind auf dem Weg. Bei Gott ist das Ziel schon beschlossene Sache. Aber wir sind noch nicht am Ziel. auf dem Weg dahin kann man müde werden, enttäuscht werden - aber ohne dass wir uns auf den Weg machen, kommen wir nicht ans Ziel.
Und auf dem Weg sind wir frei. Für Gott sind wir keine Sklaven, keine Objekte, mit denen er irgendwas macht, sondern Subjekte, eigenständige Personen. Und deshalb können wir uns auch so verhalten, wie es der Liebe ent-spricht, nämlich heilig. Heilig heißt nicht, dass wir perfekt sein sollen. Das können wir gar nicht. Heilig macht uns auch nicht unser Verhalten, sondern die Tatsache, dass wir zu Gott gehören. Durch die Taufe. Durch die Liebe. Durch Jesus. Heilig zu sein heißt, sich die Freiheit zu nehmen, anders zu sein. Der Briefschreiber sagt was davon, dass die Menschen nicht den Begierden, in denen wir früher lebten, dienen sollen. Auf heute übertragen denke ich, dass wir gegenüber dem, was uns als normal angeboten wird, kritisch bleiben sollen. Es ist der einfache Weg, sein Leben danach auszurichten, dass ich möglichst reich werde, vielleicht einen möglichst tollen Schul- oder Uniabschluss kriege, vielleicht schöner als andere bin und mir auf das alles was einzubilden und Menschen danach einzuteilen. Begierden hat hier nichts in erster Linie mit Sex zu tun, sondern damit, dass ich gierig werde. Und mehr, Besseres, Größeres als andere haben will und nicht genug bekommen kann. Heilig zu sein heißt „Nein“ sagen zu können, verzichten zu können, wirklich frei zu sein. Frei werde ich nicht dadurch, dass ich alles besitze, sondern dadurch, dass ich auch verzichten kann. Wer nicht verzichten kann, wer sich an irgendwas klammert, der ist nicht frei. Und Freiheit ist eigentlich das große Geschenk, das Gott uns im Glauben macht. Der Briefschreiber drückt das wieder etwas merkwürdig aus: ihr wisst, dass ihr nicht mit vergänglichem Silber oder Gold erlöst seid von eurem nichtigen Wandel nach der Väter Weise, sondern mit dem teuren Blut Christi als eines unschuldigen und unbefleckten Lammes. Er ist zwar zuvor ausersehen, ehe der Welt Grund gelegt wurde, aber offenbart am Ende der Zeiten um euretwillen, die ihr durch ihn glaubt an Gott, der ihn auferweckt hat von den Toten und ihm die Herrlichkeit gegeben, damit ihr Glauben und Hoffnung zu Gott habt. Nichts Materielles sorgt für unsere Freiheit, sondern die totale Liebe, das Leben selbst. „Blut“ spielt nicht nur auf den gewaltsamen Tod Jesu an, sondern auch darauf, dass in ihm der Sitz des Lebens gesehen wurde. Gottes Zuwendung zum Leben selbst, sein Leben, macht uns frei. Von Anfang an war das sein Plan. Durch die Auferstehung, den Sieg über den Tod, haben wir eine Ahnung davon, was das heißen kann. Aber das Ziel ist noch nicht erreicht. Glauben und Hoffnung – ein Weg zum Leben, ein Weg zur Freiheit. Aller Anfang ist leicht, auch der Anfang, diesen Weg zu gehen. Durchhalten, weitergehen ist das, was müde macht. Dazu brauchen wir Glauben und Hoffnung. Nicht als Besitz, sondern als Proviant für den Weg. Sein Ziel ist die Liebe, das Leben, so wie es sein soll, so wie es in Jesus schon la aufgeblitzt ist. Ich hab das Gefühl, noch so viel sagen zu müssen. Über die Gottesfurcht, die keine angst ist, sondern Respekt und Liebe. Gott ist nicht der Kumpel, der alles durchgehen lässt und nicht der Jagdhund, der uns zur Strecke bringen will, sondern der Vater, der uns liebt und uns zum Leben führt. Oder darüber, dass vor Gott das Ansehen der Person nichts gilt. Da ist der Pfarrer nicht mehr als der Konfi. Aber ich mach jetzt Schluss. Lebne und gehen müssen wir selber. Da helfen auch noch so schlaue Briefe und noch so lange Predigten nichts. Gebe Gott, dass unser Anfang mit ihm leicht ist und dass wir auf dem Weg mit ihm nicht den Mut und die Kraft verlieren.
Amen.
Sabtu, 3 Mac 2012
Ich hab keine Lust mehr! - Reminiszere, 04.03.2012, Reihe IV
Text: Jesaja 5,1-7
Liebe Gemeinde!
Ich hab keine Lust mehr! In jedem Spätwinter werden mühsam Blumen vorgezogen. Die ersten Salatpflänzchen werden aufs Frühbeet vorbereitet und der Garten wird frühjahrsfit gemacht. Und noch ein bisschen mehr als unbedingt nötig. Gepflanzt wird, gegossen, Unkraut und Schädlinge werden bekämpft. Viel Liebe und Mühe wird reingesteckt. Und was kommt dabei raus? Nichts!!! Die blöden Blumen blühen nicht richtig, das Gemüse bleibt mickrig. Es lohnt sich nicht. Soll alles doch verwildern, mir egal. Ich hab keine Lust mehr! Wer ein bisschen Garten hatte oder Garten hat, kennt vielleicht genau diesen Frust. Er ist da, aber relativ harmlos, solange es um Pflanzen und Ernte geht.
Ich hab keine Lust mehr. Jeden Tag neu der Versuch, als Lehrer freundlich zu den Schülern zu sein. Geduld und Verständnis zu haben, wenn sie mal mies drauf sind. Ihnen zu helfen, wenn sie was nicht verstehen. Immer wieder und wieder. Telefonate mit Eltern, Besprechungen mit allen möglichen Leuten, Kontakte aufbauen, um Hilfen für die besonders Schwachen anbieten zu können. Und der Dank: Jeden Tag das gleiche Chaos in der Klasse, Respekt ist ein Fremdwort, Hausaufgaben werden nicht gemacht, Vorstellungsgespräche, die organisiert wurden, gar nicht besucht, jeder macht, was er will. Es reicht. Sollen die doch sehen, wo sie bleiben. Was interessiert mich ihr späterer Arbeitsplatz, was interessiert mich ihre Zukunft. Sollen die doch machen, was sie wollen, ich will meine Ruhe.
Ich hab keine Lust mehr. Immer wieder decke ich meine Freundin, wenn sie keine Hausaufgaben hat, Schule schwänzt, Liebeskummer hat. Ich helfe ihr immer wieder. Und der Dank? So bald Leute auftauchen, die scheinbar cooler als ich sind, lässt sie mich links liegen, kennt mich nicht mehr, bis sie wieder heulend ankommt. Soll sie doch sehen, wo sie bleibt! Soll sie doch verrecken. Ich hab keine Lust mehr.
Ich hab keine Lust mehr. Immer wieder habe ich es hin-genommen, dass mein Mann es mit der Treue nicht so genau nimmt. Ja, er liebt mich, er braucht mich, er ver-lässt mich nicht. Sagt er immer wieder. Aber er tut mir weh. Jedes Mal. Und erst recht, wenn er trinkt und sich nicht unter Kontrolle hat. Wenn er mich lächerlich macht und sich lächerlich benimmt. Tausendmal hat er Besse-rung versprochen. Und nichts hat‘s genützt. Ich habe kei-ne Lust mehr!
Wenn’s um MEHR als Pflanzen geht, wenn’s um Men-schen geht, um Liebe, um Zeit und Kraft, die in Bezie-hungen investiert wird, um Enttäuschungen, um Schuld, dann ist dieser Frust alles andere als harmlos.
Ich glaube, dass ganz viele diese Gefühle kennen. Zum Teil als diejenigen, die frustriert und enttäuscht wurden. „Ja, hör auf, du hast genug getan, überlass das alles mal sich selbst, wenn der oder die oder das es nicht anders kann und will, dann ist eben Ende der Fahnenstange! Sollen die doch sehen, wo sie bleiben und kaputtgehen.“ Ein Urteil, dem sich viele, ich oft genug auch, anschließen können. Und wie ist das auf der anderen Seite? Wenn man nicht enttäuscht wurde, sondern enttäuscht hat?
Wenn man das Gute, das man hätte tun können, nicht getan hat, sondern, im Gegenteil, aus Faulheit, Bequemlichkeit oder Berechnung einfach das Falsche gemacht hat? Merkt doch keiner, hat doch keine Konsequenzen!
Im ersten Moment ein ganz alter Text, den ich eben aus der Bibel, vom Propheten Jesaja vorgelesen habe. Keiner von uns kennt sich mit Weinbergen aus, glaube ich. Längst nicht alle haben einen Garten. Und Männer aus Jerusalem und Juda sind wir sowieso nicht. Keiner von uns. Im ersten Moment also: abschalten, langweilig, anderen Text suchen. Und im zweiten Moment? Im zweiten Moment ist das nichts, was weit über 2500 Jahre alt und in einem fernen Land zu Hause ist, sondern etwas, das ganz viel über unsere Wirklichkeit sagt.
Es ist ein ehrliches Stück aus der Bibel. Nichts, wo gleich der Joker „Liebe“ rausgeholt wird – und alles wird gut. Es ist ein Stück aus der Bibel, das den Opfern Hoffnung macht. Rechtsbruch und Schlechtigkeit, fehlende Gerechtigkeit, werden sich nicht auszahlen. Vor 2700 Jahren so aktuell wie heute. Hoffnung für die Opfer. Nicht der trinkende Ehemann, der seiner Frau die Selbstachtung nimmt, nicht die prügelnden Eltern, die ihr Kind verletzen und demütigen, nicht Geschäftemacher, die durch teure Kredite den Armen das letzte bisschen Geld noch aus der Tasche ziehen, nicht die einflussreichen Wirtschaftsleute, die sich Gesetze nach ihren Wünschen machen lassen, nicht wir Verbraucher aus den reichen Ländern, die wird durch unser Verbrauchsverhalten auf Kosten der Menschen in vielen Ländern Afrikas und Asiens leben, nicht die Wahlbetrüger, nicht die Erpresser, die wehrlosen Fünft- und Sechstklässlern Smartphones und Geld abziehen, werden am Ende ungeschoren durchkommen, sondern solches Verhalten führt dazu, das alles verwüstet wird und sie, wir, selbst am Ende nackt und schutzlos dastehen. Der Prophet Jesaja macht den Menschen hier nicht weis, dass sie nur mehr Gutes tun müssten und die Welt dann heil würde. Dazu ist das Leben zu kompliziert, dazu sind wir Menschen viel zu kompliziert und zu wenig berechenbar. Gott steht kompromisslos auf der Seite der Opfer von Rechtlosigkeit, Profitgier, Machtgeilheit, Schlechtigkeit. Und das Verhalten der Täter bleibt nicht ohne Konsequenzen. Eine Gesellschaft, die sich von Gerechtigkeit verabschiedet, wird kaputtgehen. Vor diese Konsequenz stellt der Text nicht nur die Menschen vor ewigen Zeiten – damals hat es sich im Nachhinein als wahr erwiesen. Das Land Israel, in dem Jesaja die Menschen im Auftrag Gottes gewarnt hat, ist für Jahrhunderte nach einem Krieg von der Landkarte verschwunden. Haben wir heute gelernt? Wenn die Sorge um die Kranken und die Einrichtung von Kran-kenhäusern nicht mehr als gemeinsame Aufgabe der Ge-sellschaft, nämlich aller verstanden wird, in der es nicht um Gewinn, sondern um Sorge für Menschen in Not geht, wenn ich mir anschaue, dass das Geld, das wir alle einzahlen, um Kranken eine gute Behandlung zu ermögli-chen, nicht mehr als ein gemeinsamer Topf verstanden wird, sondern wenn Kliniken wie hier in Marburg ver-kauft werden, damit wenige Eigentümer einer Kapitalge-sellschaft Gewinn machen und das Ganze auch noch auf dem Rücken der Kranken und dem Rücken der Menschen, die sich um Kranke kümmern, ausgetragen wird, dann sehe ich die verwüstete Gesellschaft, in der jeder nur sich selbst der Nächste ist und in der sich keiner mehr auf den anderen verlassen kann und Angst haben muss, in Not zu geraten, eine Gesellschaft, in der es sich nicht mehr zu leben lohnt, nicht mehr so weit entfernt.
Aber wir sollten uns davor hüten, bloß von uns weg auf die Lahnberge oder sonstwohin zu zeigen. Klar, es gibt eindeutig Täter und es gibt eindeutig Opfer. Aber die allermeisten von uns kennen beide Seiten. Es ist nicht die eine einzige böse Tat, um die es geht. Es geht um die Unfähigkeit, der Liebe wirklich gerecht zu werden und als Mensch aus sich heraus Freiheit so zu leben, dass kein anderer in seinem Menschsein und seiner Freiheit verletzt wird.
Ich stelle mir vor, dass die Bürger von Jerusalem und die Männer aus Juda nicht einfach furchtbar böse Menschen waren. Oft sicher gedankenlos, oft egoistisch. Meistens bequem. Ich hab keine Lust mehr! Das hätte, damals wie heute, sicher nicht nur ein Ausruf frustriertere und erfolgloser Arbeiter, Lehrer, Freunde sein können. Sondern auch ein Eingeständnis der Mühen, die es macht, sich mit den Folgen von dem auseinanderzusetzen, was aus dem eigenen Handeln oder Nichthandeln entsteht. An Unrecht, an Unfreiheit, an Schuld.
Jesaja spricht kein Urteil über die Menschen in Jerusalem und Juda. Gott auch erstmal nicht. Was da steht, ist erstmal das Aufdecken und die Erkenntnis von Schuld. Ich glaube, dass es wichtig ist, das auch auszuhalten. Eben nicht zu schnell den Joker „Liebe“ oder „Vergebung“ oder „Jesus“ zu ziehen und alles gut sein oder gut werden zu lassen. Schuld und Versagen muss mit allen Konsequenzen auch mal ausgesprochen und ausgehalten werden. Und trotzdem sind diese Verse aus dem Buch Jesaja nicht ohne Hoffnung. Einmal nicht ohne Hoffnung für die Opfer. Aber auch nicht ohne Hoffnung für die Täter. Die Hoffnung besteht darin, dass vor allem Anspruch auf Ernte die Mühe des Weinbergbesitzers steht – Gottes Liebe zu seinem Volk, zu dem durch Jesus auch wir gehören. Das ist die Überschrift. Und am Ende steht da wörtlich, dass an diesen Menschen Gottes Herz hängt. Martin Luther übersetzt nicht ganz richtig, wenn er „hing“ schreibt. Die Liebe bleibt, trotz aller Schuld und Enttäuschung. Gottes Liebe ist – hoffentlich – anders als unsere Liebe. „Ich hab keine Lust mehr!“ – Ob das das letzte Wort ist? Ich weiß es nicht. Ich hoffe, dass es nicht so ist. Und Jesus, Gottes Angebot zur Versöhnung, macht mir Mut zu hoffen. Aber was aus der Liebe wird, das kann ich nicht sagen. Das liegt an dem, der die Liebe schenkt.
Amen.
Liebe Gemeinde!
Ich hab keine Lust mehr! In jedem Spätwinter werden mühsam Blumen vorgezogen. Die ersten Salatpflänzchen werden aufs Frühbeet vorbereitet und der Garten wird frühjahrsfit gemacht. Und noch ein bisschen mehr als unbedingt nötig. Gepflanzt wird, gegossen, Unkraut und Schädlinge werden bekämpft. Viel Liebe und Mühe wird reingesteckt. Und was kommt dabei raus? Nichts!!! Die blöden Blumen blühen nicht richtig, das Gemüse bleibt mickrig. Es lohnt sich nicht. Soll alles doch verwildern, mir egal. Ich hab keine Lust mehr! Wer ein bisschen Garten hatte oder Garten hat, kennt vielleicht genau diesen Frust. Er ist da, aber relativ harmlos, solange es um Pflanzen und Ernte geht.
Ich hab keine Lust mehr. Jeden Tag neu der Versuch, als Lehrer freundlich zu den Schülern zu sein. Geduld und Verständnis zu haben, wenn sie mal mies drauf sind. Ihnen zu helfen, wenn sie was nicht verstehen. Immer wieder und wieder. Telefonate mit Eltern, Besprechungen mit allen möglichen Leuten, Kontakte aufbauen, um Hilfen für die besonders Schwachen anbieten zu können. Und der Dank: Jeden Tag das gleiche Chaos in der Klasse, Respekt ist ein Fremdwort, Hausaufgaben werden nicht gemacht, Vorstellungsgespräche, die organisiert wurden, gar nicht besucht, jeder macht, was er will. Es reicht. Sollen die doch sehen, wo sie bleiben. Was interessiert mich ihr späterer Arbeitsplatz, was interessiert mich ihre Zukunft. Sollen die doch machen, was sie wollen, ich will meine Ruhe.
Ich hab keine Lust mehr. Immer wieder decke ich meine Freundin, wenn sie keine Hausaufgaben hat, Schule schwänzt, Liebeskummer hat. Ich helfe ihr immer wieder. Und der Dank? So bald Leute auftauchen, die scheinbar cooler als ich sind, lässt sie mich links liegen, kennt mich nicht mehr, bis sie wieder heulend ankommt. Soll sie doch sehen, wo sie bleibt! Soll sie doch verrecken. Ich hab keine Lust mehr.
Ich hab keine Lust mehr. Immer wieder habe ich es hin-genommen, dass mein Mann es mit der Treue nicht so genau nimmt. Ja, er liebt mich, er braucht mich, er ver-lässt mich nicht. Sagt er immer wieder. Aber er tut mir weh. Jedes Mal. Und erst recht, wenn er trinkt und sich nicht unter Kontrolle hat. Wenn er mich lächerlich macht und sich lächerlich benimmt. Tausendmal hat er Besse-rung versprochen. Und nichts hat‘s genützt. Ich habe kei-ne Lust mehr!
Wenn’s um MEHR als Pflanzen geht, wenn’s um Men-schen geht, um Liebe, um Zeit und Kraft, die in Bezie-hungen investiert wird, um Enttäuschungen, um Schuld, dann ist dieser Frust alles andere als harmlos.
Ich glaube, dass ganz viele diese Gefühle kennen. Zum Teil als diejenigen, die frustriert und enttäuscht wurden. „Ja, hör auf, du hast genug getan, überlass das alles mal sich selbst, wenn der oder die oder das es nicht anders kann und will, dann ist eben Ende der Fahnenstange! Sollen die doch sehen, wo sie bleiben und kaputtgehen.“ Ein Urteil, dem sich viele, ich oft genug auch, anschließen können. Und wie ist das auf der anderen Seite? Wenn man nicht enttäuscht wurde, sondern enttäuscht hat?
Wenn man das Gute, das man hätte tun können, nicht getan hat, sondern, im Gegenteil, aus Faulheit, Bequemlichkeit oder Berechnung einfach das Falsche gemacht hat? Merkt doch keiner, hat doch keine Konsequenzen!
Im ersten Moment ein ganz alter Text, den ich eben aus der Bibel, vom Propheten Jesaja vorgelesen habe. Keiner von uns kennt sich mit Weinbergen aus, glaube ich. Längst nicht alle haben einen Garten. Und Männer aus Jerusalem und Juda sind wir sowieso nicht. Keiner von uns. Im ersten Moment also: abschalten, langweilig, anderen Text suchen. Und im zweiten Moment? Im zweiten Moment ist das nichts, was weit über 2500 Jahre alt und in einem fernen Land zu Hause ist, sondern etwas, das ganz viel über unsere Wirklichkeit sagt.
Es ist ein ehrliches Stück aus der Bibel. Nichts, wo gleich der Joker „Liebe“ rausgeholt wird – und alles wird gut. Es ist ein Stück aus der Bibel, das den Opfern Hoffnung macht. Rechtsbruch und Schlechtigkeit, fehlende Gerechtigkeit, werden sich nicht auszahlen. Vor 2700 Jahren so aktuell wie heute. Hoffnung für die Opfer. Nicht der trinkende Ehemann, der seiner Frau die Selbstachtung nimmt, nicht die prügelnden Eltern, die ihr Kind verletzen und demütigen, nicht Geschäftemacher, die durch teure Kredite den Armen das letzte bisschen Geld noch aus der Tasche ziehen, nicht die einflussreichen Wirtschaftsleute, die sich Gesetze nach ihren Wünschen machen lassen, nicht wir Verbraucher aus den reichen Ländern, die wird durch unser Verbrauchsverhalten auf Kosten der Menschen in vielen Ländern Afrikas und Asiens leben, nicht die Wahlbetrüger, nicht die Erpresser, die wehrlosen Fünft- und Sechstklässlern Smartphones und Geld abziehen, werden am Ende ungeschoren durchkommen, sondern solches Verhalten führt dazu, das alles verwüstet wird und sie, wir, selbst am Ende nackt und schutzlos dastehen. Der Prophet Jesaja macht den Menschen hier nicht weis, dass sie nur mehr Gutes tun müssten und die Welt dann heil würde. Dazu ist das Leben zu kompliziert, dazu sind wir Menschen viel zu kompliziert und zu wenig berechenbar. Gott steht kompromisslos auf der Seite der Opfer von Rechtlosigkeit, Profitgier, Machtgeilheit, Schlechtigkeit. Und das Verhalten der Täter bleibt nicht ohne Konsequenzen. Eine Gesellschaft, die sich von Gerechtigkeit verabschiedet, wird kaputtgehen. Vor diese Konsequenz stellt der Text nicht nur die Menschen vor ewigen Zeiten – damals hat es sich im Nachhinein als wahr erwiesen. Das Land Israel, in dem Jesaja die Menschen im Auftrag Gottes gewarnt hat, ist für Jahrhunderte nach einem Krieg von der Landkarte verschwunden. Haben wir heute gelernt? Wenn die Sorge um die Kranken und die Einrichtung von Kran-kenhäusern nicht mehr als gemeinsame Aufgabe der Ge-sellschaft, nämlich aller verstanden wird, in der es nicht um Gewinn, sondern um Sorge für Menschen in Not geht, wenn ich mir anschaue, dass das Geld, das wir alle einzahlen, um Kranken eine gute Behandlung zu ermögli-chen, nicht mehr als ein gemeinsamer Topf verstanden wird, sondern wenn Kliniken wie hier in Marburg ver-kauft werden, damit wenige Eigentümer einer Kapitalge-sellschaft Gewinn machen und das Ganze auch noch auf dem Rücken der Kranken und dem Rücken der Menschen, die sich um Kranke kümmern, ausgetragen wird, dann sehe ich die verwüstete Gesellschaft, in der jeder nur sich selbst der Nächste ist und in der sich keiner mehr auf den anderen verlassen kann und Angst haben muss, in Not zu geraten, eine Gesellschaft, in der es sich nicht mehr zu leben lohnt, nicht mehr so weit entfernt.
Aber wir sollten uns davor hüten, bloß von uns weg auf die Lahnberge oder sonstwohin zu zeigen. Klar, es gibt eindeutig Täter und es gibt eindeutig Opfer. Aber die allermeisten von uns kennen beide Seiten. Es ist nicht die eine einzige böse Tat, um die es geht. Es geht um die Unfähigkeit, der Liebe wirklich gerecht zu werden und als Mensch aus sich heraus Freiheit so zu leben, dass kein anderer in seinem Menschsein und seiner Freiheit verletzt wird.
Ich stelle mir vor, dass die Bürger von Jerusalem und die Männer aus Juda nicht einfach furchtbar böse Menschen waren. Oft sicher gedankenlos, oft egoistisch. Meistens bequem. Ich hab keine Lust mehr! Das hätte, damals wie heute, sicher nicht nur ein Ausruf frustriertere und erfolgloser Arbeiter, Lehrer, Freunde sein können. Sondern auch ein Eingeständnis der Mühen, die es macht, sich mit den Folgen von dem auseinanderzusetzen, was aus dem eigenen Handeln oder Nichthandeln entsteht. An Unrecht, an Unfreiheit, an Schuld.
Jesaja spricht kein Urteil über die Menschen in Jerusalem und Juda. Gott auch erstmal nicht. Was da steht, ist erstmal das Aufdecken und die Erkenntnis von Schuld. Ich glaube, dass es wichtig ist, das auch auszuhalten. Eben nicht zu schnell den Joker „Liebe“ oder „Vergebung“ oder „Jesus“ zu ziehen und alles gut sein oder gut werden zu lassen. Schuld und Versagen muss mit allen Konsequenzen auch mal ausgesprochen und ausgehalten werden. Und trotzdem sind diese Verse aus dem Buch Jesaja nicht ohne Hoffnung. Einmal nicht ohne Hoffnung für die Opfer. Aber auch nicht ohne Hoffnung für die Täter. Die Hoffnung besteht darin, dass vor allem Anspruch auf Ernte die Mühe des Weinbergbesitzers steht – Gottes Liebe zu seinem Volk, zu dem durch Jesus auch wir gehören. Das ist die Überschrift. Und am Ende steht da wörtlich, dass an diesen Menschen Gottes Herz hängt. Martin Luther übersetzt nicht ganz richtig, wenn er „hing“ schreibt. Die Liebe bleibt, trotz aller Schuld und Enttäuschung. Gottes Liebe ist – hoffentlich – anders als unsere Liebe. „Ich hab keine Lust mehr!“ – Ob das das letzte Wort ist? Ich weiß es nicht. Ich hoffe, dass es nicht so ist. Und Jesus, Gottes Angebot zur Versöhnung, macht mir Mut zu hoffen. Aber was aus der Liebe wird, das kann ich nicht sagen. Das liegt an dem, der die Liebe schenkt.
Amen.
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