Jumaat, 28 Disember 2012

Dazwischen! - Jahreslosung 2013, gehalten Silvester 2012

Predigt Silvester 12, Jahreslosung 2013: Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir (Hebr. 13,14)

Liebe Gemeinde!
Wir leben dazwischen. Selten wird mir das so bewusst wie in diesen Tagen. In den Tagen, die man „zwischen den Jahren“ nennt, an Silvester, dem letzten Tag des Jahres.  Eigentlich passiert ja gar nichts Aufregendes. Genauso wie am 9. Januar, am 24. März oder am 17. Oktober geht die Sonne unter und aller Wahrscheinlichkeit auch wieder auf, machen Menschen in der Welt unterschiedliche Dinge, gibt es fröhliche und traurige Menschen, werden Kinder geboren und andere Menschen sterben. Es gibt Kriege, Hunger und Elend genauso wie viele Gelegenheiten, sich zu freuen. Es passiert nichts Außergewöhnliches. Wenn man Papierkalender hat, wird eben ein neuer aufgehängt oder in die Tasche gesteckt. Den Nutzern elektronischer Kalender wird einfach morgen früh eine andere Jahreszahl angezeigt. Trotzdem bringen mich diese Tage, insbesondere der letzte Tag des Jahres, immer wieder zum Nachdenken. Die Zeit vergeht eben nicht nur irgendwie neutral, sondern mit ihr vergeht unweigerlich auch ein Stück eigenes Leben. Wieder ein Stück Zeit, das eben noch als Zukunft vor mir lag und nun Vergangenheit geworden ist. Prägungen für das weitere Leben waren vielleicht  dabei, vieles aber auch, was jetzt schon nicht mehr richtig erinnert werden kann, was verschwimmen und vergehen wird. Nichts bleibt für die Ewigkeit, noch nicht mal die Erinnerung. Oder bleibt doch etwas? Die Hoffnung auf eine Zukunft, die gut sein wird? Das Vertrauen in einen Gott, der vor aller Zeit war, der sich in dieser Zeit erfahren lässt und der nach aller Zeit noch sein wird? Gott, der uns in dieser Zeit hält, der uns hilft, diese Zeit anzunehmen und der uns über diese Zeit hinausführt? Ist es das, was bleibt? Oder die Erfahrung, dass im Gedächtnis der Menschen und der Menschheit sehr wohl Platz ist für Geschichte, dass wir sehr wohl Wurzeln in der Vergangenheit haben und um diese Wurzeln wissen? Vergehen oder Bleiben?
Wir leben dazwischen, finde ich. Zwischen ernüchternder Erfahrung und lebendiger Hoffnung.  Beides ist Teil unseres Lebens. Beides gehört zum Menschsein und vor allem zum Christsein dazu. Wir leben dazwischen. Denn da spielt sich Leben ab. Zwischen dem Wunsch nach Halt, Ruhe und Beständigkeit und der Sehnsucht und Hoffnung auf eine möglichst gute und bessere Zukunft. Manchmal bildet sich das auch räumlich ab. Mir begegnen immer wieder Menschen, die sagen: „Es ist doch furchtbar, so ein eigenes Haus, eine gut eingerichtete Wohnung zu haben.
 Wohnungen und Häuser, das sind doch eher unsoziale Rückzugsorte. Wie schön ist es doch im Süden, wo sich das Leben auf der Straße, in der Gemeinschaft abspielt!“ Und andere sind da, für die ist es wichtig, ein Haus oder eine Wohnung zu haben, in der sie in Ruhe gelassen werden. Und wo ist nun das Leben? Draußen, auf dem Marktplatz, da, wo viele zusammenkommen? Drinnen, in meinem Haus, in meiner Wohnung, wo ich das Gefühl von Sicherheit habe? Ich würde sagen: Dazwischen. Es gibt kein absolutes richtiges Bild von einem absolut richtigen Leben. Wir brauchen als Menschen, in unserem Leben beides: Privatheit und Öffentlichkeit. Räume zum Rückzug und Räume zur Begegnung. Wo eins von beiden fehlt, wird Leben schwer, manchmal unmöglich. Ich finde es sehr schön, dass die Jahreslosung, die uns durch das Jahr 2013 begleitet, sowohl auf den räumlichen als auch auf den zeitlichen als auch auf den geistigen und geistlichen Aspekt des Lebens Bezug nimmt. Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir. Keine schöne Perspektive, wenn ich gerade ein Haus gebaut oder eine Wohnung gekauft habe. Wenn ich gerade angefangen habe, an einem neuen Wohnort mich heimisch zu fühlen, Arbeit gefunden habe, Freunde gefunden habe. Da will ich doch, das was bleibt. Wie unbeständig räumliche Heimat sein kann, daran erinnern mich immer wieder die vielen Menschen aus unserer Gemeinde, die aus Russland und anderen ehemaligen Sowjetrepubliken zu uns gekommen sind. Die Vorfahren sind aus Deutschland an die Wolga gewandert, dort mit Zwang und oft unglaublicher Brutalität vertrieben, aus dem Nichts ein Neuanfang in Kasachstan, Sibirien oder anderswo,  dort geheiratet, Familien gegründet, Haus oder Wohnung, oft noch Garten gehabt, Familie und Freunde und dann ins unbekannte Deutschland. in eine alte, fremde Heimat mit unsicherem Neuanfang, mehrfacher Umzug aus Lagern und Übergangsheimen in Wohnungen und Häuser – was ist da Heimat? Wir haben hier keine bleibende Stadt – die Generation der 70, 80-jährigen Russlanddeutschen kann davon ein manchmal trauriges Lied singen. Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir – was für die einen bedrohlich klingt ist für andere eine Beschreibung der Lebenswirklichkeit und für wieder andere vielleicht wirklich Ausdruck der Hoffnung. Ich denke da heute besonders an die Millionen Flüchtlinge, die auch das Jahr 2012 produziert hat. Menschen, die vor dem Bürgerkrieg in Syrien fliehen. Christen in Ägypten, in Nigeria, dem Irak und vielen anderen Ländern, die vor Verfolgung fliehen und vor allem die Millionen, die wegen der ungerechten und ungleichen Verteilung von Nahrung, Möglichkeiten zur Gesundheitsversorgung, Bildung, Lebenschancen und Wirtschaftsgütern Heimat verlassen und neue Perspektiven in der Fremde suchen. In der Hoffnung auf ein besseres Leben, wenn nicht für sich selbst, dann für die Kinder. Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir – ein Spiegel unserer Wirklichkeit.
Der Schreiber des Hebräerbriefs, dem wir diesen Vers verdanken, der hatte natürlich nicht den Richtsberg oder Winnen, nicht Deutschland, Europa und die Welt im 21. Jahrhundert im Blick. Aber trotzdem passen die Worte bis heute. Weil sie helfen, mit der Angst vor dem Vergehen umzugehen. Weil sie helfen, Hoffnung wachzuhalten. Weil sei einen ehrlichen und realistischen Blick auf ein Leben im Glauben werfen. Der Zusammenhang, in dem die Verse stehen, ruft dazu auf, Christus nachzufolgen, der vor der Stadt gelitten hat und dessen Bestimmung sich außerhalb fester Häuser und Bezirke erfüllt hat. Das ist gerade heute ein spannender Gedanke. So sehr Kirchen als Gebäude Heimat geben können, so sehr sie Merkzeichen für den Glauben in einer Welt sind, die sich in Europa immer weniger interessiert an der Sache Jesu zeigt, so gut es tut, wenn Wohnort und Kirchengemeinde mehr oder weniger eins sind, so sehr müssen wir uns immer wieder darauf besinnen, dass dies höchstens als Hilfe für uns taugt. Dass die Botschaft Christi und seine Liebe und seine Zuwendung zu den Menschen über unsere Gebäude und Gemeindegrenzen hinausgeht und dass es nicht in erster Linie darum geht, Bestehendes so lange wie möglich zu verteidigen, sondern vor den Toren des Bekannten und Vertrauten Christus zu  vermuten und ihn mit dem, was wir sagen, was wir tun und lassen auch dort zu verkündigen.
Und das macht noch einmal deutlich, dass die zukünftige Wohnung, auf die wir nicht nur hoffen dürfen, sondern die wir ja suchen können, keine Wohnung aus Steinen ist, sondern eine, in der etwas davon zu spüren ist, was in Christus Gestalt gewonnen hat: die Freiheit von der Angst, nicht genügen zu können, die Freiheit, von der Sucht, alles festhalten zu müssen. die Freiheit zur Liebe. dort, wo gute Gedanken über den Mitmenschen da sind, dort wo Hilfe angeboten und angenommen werden kann, dort wo Vorurteile abgebaut werden und Urteile gnädig gesehen werden, dort, wo ich mich selbst als Bedürftigen wahrnehmen kann, dort wo ich trauern darf, wenn es an der Zeit ist und meine Freude laut werden darf, wenn es soweit ist, mich zu freuen, dort, wo Gerechtigkeit und Frieden wachsen können, dort ist etwas von dieser zukünftigen Stadt, von dieser Heimat, die haltbarer ist als jedes seit Generationen im Familienbesitz befindliche Haus, zu spüren. Das war hoffentlich an vielen Stellen 2012 so und das wird, mit Gottes Hilfe und Gnade, auch 2013 so werden. wir leben dazwischen. In einer Zeit, in der vieles nicht so ist, wie es sein sollte, in der Gott sich aber immer noch in dieser Welt erfahren lässt. Wir leben dazwischen. Nicht nur zwischen den Jahren. Wir leben dazwischen. Wir leben. Gott sei Dank.
Amen.

Sabtu, 22 Disember 2012

Besuch von ganz oben - 1. Weihnachtstag 2012, Reihe V

Text: Joh 3,31-36, Reihe V
Liebe Gemeinde!
Besuch von oben kommt! Wer im Berufsleben steht, der weiß, dass das oft genug mit gemischten Gefühlen verbunden ist. Der Chef kommt – da fallen einem doch gleich alle großen und kleinen Dinge ein, die nicht so gut gelaufen sind. Die möchte man dann nicht so gern zeigen. Schnell noch ein bisschen hier und da was ändern – damit der Chef einen guten Eindruck bekommt. Ob in der Schule die Schulinspektion angesagt ist, ob in der Kirche der Bischof mal vorbeikommt oder ob die eigene Mutter zu Besuch kommt – man will gut dastehen. Wenigstens einigermaßen soll alles in Ordnung gebracht werden. Und gerade beim letzten Besipiel finde ich es wirklich zum Schmunzeln, wie man als längst erwachsener Sohn, als längst erwachsene Tochter, die lange nicht mehr mit den Eltern unter einem Dach lebt, doch darauf achtet, den Maßstäben, die die Mutter in der Kindheit gesetzt hat, einigermaßen gerecht zu werden. Das ist nicht nur bei mir so, das erlebe ich ganz oft. Gut da stehen, nicht enttäuschen, auch wenn dazu ein bisschen getrickst und der Alltag ein bisschen kosmetisch aufgehübscht werden muss. Unter diesem Gesichtspunkt lässt sich vielleicht sogar dem Aufräumen und Putzen, dem Schmücken und Herrichten der Wohnung vor Weihnachten etwas abgewinnen. Viele versuchen, gerade zu Weihnachten etwas anderes, Schöneres, als den normalen eigenen Alltag zu zeigen. Weil Besuch von oben kommt? Weil man Jesus ein schönes Bild vom eigenen Leben zeigen will oder ihm dadurch, dass man aufgeräumt und alles so schön es geht gemacht hat, zeigen will, dass er wichtig und willkommen ist? Oder weil es einfach dazugehört, weil es alle machen und weil man irgendwie glaubt, nicht dazuzugehören, wenn man es nicht macht?
Eine Zeit lang war ich kritisch gegenüber allen äußeren Weihnachtsvorbereitungen. Und was Deko angeht, bin ich bis heute eher typisch Mann, da habe ich nicht so ein Händchen für. Aber mittlerweile finde ich auch, dass durch Äußerlichkeiten durchaus ausgedrückt werden kann, was einem innerlich wichtig ist. Klar, sehr viele nutzen Äußerlichkeiten zur Selbstdarstellung oder als letztlich innerlich leere Traditionspflege. Aber ich kann nicht über die inneren Einstellungen von anderen urteilen. Ich sehe nur, was vor Augen ist. Tiefer sehen kann nur der, der wirklich den Überblick hat. Der, der von oben schaut, von oben kommt. Der, der wirklich Herr über das Leben ist, neben dem alle irdischen Chefs, Direktoren, Meister, Bischöfe und selbst Mütter blass und klein aussehen. Gott, der in Jesus menschliche Gestalt angenommen hat. Der Leben überblickt, der tiefer sieht, als je ein Mensch das könnte.
Davon redet der Täufer Johannes zu Menschen vor langer Zeit in den Versen aus dem Johannesvangelium, die heute als Predigttext vorgesehen sind und die für mich auf den ersten Blick wenig weihnachtlich daherkommen. Im 3. Kapitel, in den Versen 31-36, werden diese Worte als Teil einer Rede des Täufers überliefert:
 Nicht nur Besuch von oben, der auch wieder geht, sondern einer, der von oben kommt und das Leben nicht nur irgendwie verändert, sondern der die Grenzen des Lebens sprengt.
„Wer an den Sohn glaubt, der hat das ewige Leben“. Grenzenlos leben. Nicht mit der Angst, dass am Ende alles sinnlos und vorbei ist und ich als Mensch auf die Fehler und Versäumnisse festgelegt werde, die ich bei Kurzbesuchen vielleicht überspielen, verschleiern, verstecken kann. Sondern ein Leben, in dem ich mich aufgehoben, geliebt, verändert wissen darf. Ein Leben in Beziehung zu seinem tiefsten Grund, die auch durch den Tod nicht zerstört wird. Nicht nur Besuch von oben, sondern einer, der Leben teilt, schenkt, bereichert. Weil er bleibt. Wie gesagt, dieser Abschnitt aus der Bibel hat auf den ersten Blick wenig Weihnachtliches. Aber für mich machen gerade diese etwas sperrigen Worte deutlich, dass sich das Geschehen, das wir an Weihnachten feiern, nämlich die totale Hinwendung Gottes zum Menschen, nicht auf zwei, drei für viele hoffentlich sehr nette und schöne, für andere anstrengende oder Angst besetzte Tage im Dezember reduziert. Wir feiern, dass Gott sich nicht nur als ferner Weltenlenker, als abgehobener Herrscher verehren lässt, sondern dass er sich in dieser Welt, in aller Armut und Vorläufigkeit zeigt. Dass er dem ganzen Leben, mit Geburt und Tod, mit Bedürftigkeit und allen Missverständnissen, eine wirklich unverlierbare Würde gibt, weil er sich dem Leben ganz ausgesetzt hat. Wir feiern, dass er die Grenzen endgültig sprengt: die Grenzen der Liebe, die sich eben nicht auf ein Volk, eine Rasse, Menschen mit einer bestimmten Bildung oder anderen, von uns gemachten Kriterien, beschränken lässt. Noch nicht mal auf die, die sich besonders bemühen, Gottes Willen gerecht zu werden. Seine Liebe sprengt diese Grenzen. Und auch die Grenze, die der Tod setzt. Auch da hört die Liebe nicht auf. Auch da sind Versöhnung und Beziehung möglich – oder auch unmöglich, wenn  das Vertrauen in die Kraft dieser Liebe fehlt Wenn das Vertrauen, dass Leben durch Jesus wirklich neu werden kann, nicht da ist. Mit dem, was in der Rede von Johannes hier „Zorn Gottes“ heißt, sind nicht irgendwelche perversen Höllenstrafen gemeint, sondern eine ewige Beziehungslosigkeit. Natürlich ist das alles bildlich gesprochen. Wir können nicht anders, als von Gott in menschlichen Bildern zu reden. Aber wenn ich im Bild bleibe: Auch in menschlichen Beziehungen ist nicht eine Strafe, eine Ohrfeige, ein Taschengeldentzug, ein Fernsehverbot, eine Lohnkürzung oder eine schlechte Note das wirklich Schlimme, sondern der Abbruch der Beziehung, die totale Sprachlosigkeit. Was mir als Pfarrer manchmal bei Beerdigungen ganz besonders bewusst wird, wenn zum Beispiel zwischen Eltern und Kindern Jahre- oder jahrzehntelang nur noch Schweigen war.
Durch seine Menschwerdung lädt Gott uns Menschen ein, eine dauerhafte Beziehung zu ihm einzugehen. Eine Beziehung, die auch schwere Zeiten, auch Zeiten der Entfernung aushält. Er lädt ein. Er zwingt nicht. Das feiern wir an Weihnachten. Was Weihnachten und dieses Zeugnis des Täufers perfekt zusammenbringt, ist für mich die Ergänzung. Diese Worte, die betonen, dass wir in Jesus wirklich Gott sehen, dass er allein von der Wahrheit Gottes wirklich erzählen kann, weil er sie von Anfang an kennt, sind zwar vielleicht erst beim zweiten, dritten, vierten Hören oder Lesen einigermaßen zu verstehen, aber sie machen deutlich: Bei dem, was der Kern von Weihnachten ist, da geht es um mehr als um ein leibliches Kind, das man gern in den Arm nehmen möchte. Da geht es um mehr als darum, von der Hinwendung Gottes zu den Hirten und anderen, die am Rand stehen zu reden. Da geht es um mehr als um ein gemütliches Fest. Da geht es um eine Sebstoffenbarung Gottes. Gott zeigt uns Menschen sein Wesen. Liebe. Aber eben auch, dass er als Gott immer auch Gott in Beziehung ist. Als Mensch macht er sich in dieser Welt erfahrbar – mit allen Konsequenzen, eben auch mit Hilfsbedürftigkeit eines Kindes. Mit der Armut. In alldem begegnet uns keine romantische Sehnsucht nach einem besseren Leben, sondern der wahre Gott. Und die Weihnachtsgeschichte macht uns deutlich, dass der, der von oben kommt, nicht der ist, der uns von oben herab behandelt. Leicht schleicht sich dieses Verständnis ein. Vielleicht auch, weil sich darin unsere menschliche Erfahrung widerspiegelt, dass die, von denen gesagt wird, sie seien oben – in der Gesellschaft, im Ansehen, in der Firma, oft genug so erfahren werden, dass sie glauben, sie seien bessere Menschen und andere als minderwertig behandeln. Nicht immer, aber die Erfahrungen werden gemacht. Hier ist es anders. Hier steigt Gott von oben hinab, um uns Menschen auf Augenhöhe zu begegnen. Weihnachten, das Kind in der Krippe, und die Worte von Johannes – beide gehören zusammen. Das Zeugnis von Gott, von der Wahrheit gewinnt auf Augenhöhe Gestalt. Und trotzdem nehmen es nicht alle an, trotzdem erkennen es viele nicht.  Vielleicht, weil andere Bilder die Wahrnehmung blockieren. Die Bilder eines Gottes, der seinen Macht in Gewalt oder naturwissenschaftlich unmöglichen Wundern zeigen müsste. Der seine Macht darin zeigen müsste, dass alle Menschen in Reichtum leben müssten. Gott erfüllt nicht unsere Wünsche, sondern seine Verheißungen – da stehen wir uns manchmal im Weg. Nicht nur damals, zu Zeiten des Johannes, sondern bis heute. Und bis heute ist die Spannung da, die er beschreibt. Das Gefühl, dass viele scheinbar nichts von dieser frei machenden, Leben schenkenden Botschaft wissen wollen. Selbst zu Weihnachten sind die Besucher der Gottesdienste die Minderheit, auch unter denen, die getauft sind. Da müssen wir uns nichts vormachen. Aber erstens kann man aus äußeren Kriterien wie Gottesdienstbesuch oder Taufe  nicht unbedingt schließen, ob jemand die Wahrheit, die Jesus bezeugt, für sein Leben angenommen hat oder nicht. Und zweitens ist die Perspektive, die uns in Jesus begegnet, eine andere. Nicht der Ärger über die, die nicht da sind, sondern die Freude über die, die Kommen. Und die Einladung, die immer wieder ergeht, das Suchen nach denen, die eben noch nicht da sind.
Besuch von oben kommt! Lassen wir ihn rein? Räumen wir auf? Haben wir ein wenig Bammel vor dem, was er vielleicht sehen und von uns denken könnte? Besuch von oben ist da! Gott sei Dank! Und er stört sich nicht an dem, was er sieht, sondern will helfen, Ordnung in unser Leben zu bringen. Damit wir befreit das ewige Leben, die unzerstörbare Beziehung zum Grund unseres Lebens, zur Liebe Gottes empfangen können. Besuch von oben kommt! Gott sei Dank immer wieder auch zu uns. Amen.

Der schöne Schein - Christvesper am Hl. Abend, Reihe V

Joh 7,28f.  i.V. mit „Die Heilige Nacht“ von Fritz von Uhde,
Liebe Gemeinde!
Die Kerzen fangen zu brennen an / das Himmelstor ist aufgetan / Alt und Jung sollen nun / Von der Jagd des Lebens einmal ruhn / Und morgen flieg ich hinab zur Erden / denn es soll wieder Weihnachten werden“. Jetzt ist es soweit, wie Theodor Storm es in seinem Gedicht vom Knecht Ruprecht beschrieben hat. Hoffentlich. Hoffentlich ist das Christkind auf der Erde, nicht als rot bemantelter Geschenkebringer, sondern als lebendige Liebe, die von Gott kommt. Hoffentlich gelingt es uns, nicht nur in dieser Stunde Gottesdienst am Heiligabend von der Jagd des Lebens ein wenig zu ruhen. Wenigstens tauchen die Kerzen heute Abend die Kirche in ein schönes, warmes Licht und hoffentlich erreicht dieser schöne Schein nicht nur die Augen, sondern auch unsere Herzen. Der schöne Schein, der über allem ist. Ich habe ihnen heute Abend eine Karte von einem gut 130 Jahre alten Bild des Malers Fritz von Uhde geschenkt. Ich habe sie ausgesucht, weil mich der schöne Schein auf dem Bild unmittelbar angesprochen hat. Das Kind, in dem sich Gott offenbart, liegt behütet und von warmem Licht beschienen in einem Stall. Finsternis ist noch da. Aber dort, wo das Kind ist, ist es warm und hell. Eine schöne junge Frau betrachtet liebevoll das Kind, in dem sie Gottes Wirken erkennt, wie an ihren zur Anbetung gefalteten Händen zu  erkennen ist. Links, eigentlich im Stil der alten Altarbilder ein eigenes Bild, stehen andächtig Hirten, die ebenfalls etwas von diesem schönen Schein abbekommen und rechts singt ein Engelchor aus schönen Kindern im warmen Licht. Für mich ein schönes Bild. Ein schöner Schein – wie unsere Christvesper im Kerzenschein. Interessant ist die Geschichte des Bildes. In der ersten Fassung hat der Maler eine etwas ältere Maria mit einer krummen, großen Nase gemalt, die Haare längst nicht so anmutig. Und links kamen keine Hirten, sondern Fabrik- und Landarbeiter, dreckig, direkt von der Arbeit. Und der Engelchor hätte meine 9. Klasse sein können. Liebenswert, aber chaotisch, manchmal frech und ziemlich durcheinander. Die Kritiker sagten, dass man doch Weihnachten nicht so hässlich darstellen könne – und der Maler hat das Bild tatsächlich korrigiert und übermalt und wirklich den schönen Schein gemalt. Darf man das? Weihnachten ganz realistisch malen? Darf man das? Die Wirklichkeit übermalen und einen schönen Schein zaubern? Ist nicht Weihnachten sowieso viel zu viel schöner Schein da, der nur eine trübe, manchmal raue und hässliche Wirklichkeit überdecken soll? Es ist gefährlich, gerade an Weihnachten vom schönen Schein zu reden. Leistet man damit nicht Kritikern Vorschub, die Christen vorwerfen, dass sie sich und der Welt nur was vormachen mit ihrem Glauben, der doch nur bestenfalls ein frommes Märchen ist, aber für die wirkliche Welt nichts zählt? Oder trauen wir uns erst recht, vom schönen Schein zu reden, der uns etwas von Gott erfahren lässt, der schon jetzt -und nicht erst in irgendeiner fernen Zukunft Leben und Welt verwandelt, der schon jetzt ganz normalem, einfachem, manchmal schwerem und rauem Leben einen Glanz gibt, den es sich selbst niemals geben könnte? Einen Glanz, der Wirklichkeit nicht künstlich schönt und tarnt, sondern der Leben tatsächlich verändert? Es wird Weihnachten – aber wer ist da zu uns auf die Erde gekommen? Ein romantisch glänzendes Christkind, holder Knabe im lockigen Haar? Oder Gott, der die Welt verändert und durch seine Gegenwart einen schönen Schein in alles Leben bringt?
Ich war zuerst geschockt, als ich gesehen habe, was für diesen Gottesdienst als Predigttext vorgesehen ist. Nichts Weihnachtliches, sondern eine Aussage des erwachsenen Mannes Jesus, der von sich weiß, dass er der Christus, der Gesalbte Gottes ist, und der im Streit mit Menschen, die glauben, Gott genau zu kennen, folgende Aussage macht, die wir im 7. Kapitel des Johannesevangeliums nachlesen können: Da rief Jesus, der im Tempel lehrte: Ihr kennt mich und wisst, woher ich bin. Aber nicht von mir selbst aus bin ich gekommen, sondern es ist ein Wahrhaftiger, der mich gesandt hat, den ihr nicht kennt. Ich aber kenne ihn; denn ich bin von ihm, und er hat mich gesandt. „Ihr kennt mich“ – als Jesus das ausrief, hätten die Menschen wahrscheinlich geantwortet: „Du bist der Sohn des Zimmermanns Josef, selber Zimmermann. Du kommst aus einem Städtchen in Galiläa, nicht gerade der Nabel der Welt. Du bist nichts Besonders und maßt dir an, Gottes Sohn zu sein. Du übertreibst.“ Die Wahrheit, so würde ich das, was Jesus zu seinen Kritikern sagt, übersetzen, die Wahrheit kennt ihr nicht, ihr lasst euch vom äußeren Schein leiten.
Und wir heute? Kennen wir wirklich Christus? Wir feiern Weihnachten. Wir feiern die Geburt Christi, wir feiern, dass Gott sich als Mensch erfahren lässt und Leben verändert. Oder feiern wir nur den schönen Lichterschein und die Gemütlichkeit in der Familie oder die Geschenke? Ich finde es irre, gleichzeitig irgendwie schön und doch irritierend und fast traurig, dass Menschen völlig losgelöst von Gott dieses Fest feiern. Nicht nur in China oder Japan, wo es nur sehr wenige Christen gibt, auch in Deutschland. Jesus spielt keine Rolle, aber Weihnachten muss gefeiert werden. Welche Wahrheit wird da gefeiert? Die Wahrheit, dass Menschen Ruheplätze vom Alltag brauchen? Die Wahrheit, dass Menschen manchmal auch Gelegenheit brauchen, sich selbst, ihre Beziehungen, ihre Familie zu inszenieren? Also: Weihnachten nur ein Fest der Scheine? Der Geldscheine und der schönen Scheine in Gedanken, die aber mit der Wahrheit Gottes nichts mehr zu tun haben?
Ich will Christus nicht verharmlosen, ich will ihn nicht zu einem harmlosen Spaßbringer in der Weihnachtszeit machen, an den man einmal im Jahr vielleicht noch von Ferne in Advents- und Weihnachtskonzerten denkt. Aber ich will auch nicht, erst recht nicht, etwas über Menschen sagen, die gerade zu Weihnachten das Bedürfnis haben, Gottesdienste zu besuchen und zumindest den Zipfel einer Ahnung davon bekommen, dass die Wahrheit über das Leben sich eben nicht darin erschöpft, den größten Baum zu haben, die schönsten Geschenke auszutauschen, im Alltag andere möglichst auszustechen und für sich, seine Familie oder seine Gruppe das Meiste rauszuholen oder nach Maßstäben, die andere an uns anlegen, schön, schlank, braungebrannt, muskulös und attraktiv zu sein.  Die Wahrheit, den Wahrhaftigen, der mich gesandt hat, kennt ihr nicht. Letztlich sagt Jesus das nicht nur zu den Frommen und Glaubenden seiner Zeit, die nicht glauben konnten, dass sich Gottes Wahrheit ausgerechnet im Sohn eines Zimmermanns offenbart. Auch ich kenne nur Bilder. Er sagt das letztlich auch zu mir, auch zu uns. Wir kennen die Bilder, die Andere uns gemalt haben. Mein Religionslehrer im Gymnasium das Bild eines revolutionären Umstürzlers, meine Oma das Bild eines guten Hirten und treuen Begleiters im Leben, mein Konfirmationspfarrer, meine Eltern, Freunde und Bekannte, und letztlich auch mein eigenes Leben, meine eigenen Erfahrungen im Beten und Hören bei Predigten – das alles hat mein Bild gemalt. Aber es ist nur ein Schein von dem, was die Wahrheit ist, nur ein Bild. Gerade zu Weihnachten wird mir das besonders bewusst. Wir wissen gar nicht, an welchem Tag Jesus tatsächlich geboren wurde. Und wie es drumrum aussah. Da haben wirklich Bilder unser eigenes Bild geprägt. Wir kennen die Wahrheit gar nicht. Wenn jemand heut etwas anderes sagt: Ich glaube, Jesus würde ihm so begegnen wie den Frommen seiner Zeit. Die Wahrheit ist größer als unsere Bilder, anders als unsere Bilder. Weihnachten ist nicht dann, wenn Schnee liegt oder Geschenke verteilt werden oder Lichter an Weihnachtsbäumen angesteckt werden oder die Weihnachtsgeschichte vorgelesen wird. Für mich gehört das dazu. Weihnachten ist dort, wo Gott uns einen Zipfel seiner Wahrheit zu erkennen gibt. Den Schein, der das Leben heller macht, der aber, und da bin ich Realist und das finde ich an dem Bild so schön, noch längst nicht alle Finsternis vertrieben hat. Wir  sehen noch nicht alles. Wir können ahnen. Nicht mehr und nicht weniger. Und wir können uns ein wenig anstecken lassen von dem schönen Schein Gottes, der ein Stück Licht, ein Stück Wahrheit in unser Leben bringt. Ich finde es schön, wenn wir uns an Weihnachten vom schönen Schein anstecken lassen. Nicht, damit wir aus der Wirklichkeit fliehen, sondern damit wir im Bewusstsein behalten, dass nicht das, was uns als Wirklichkeit verkauft wird, nämlich dass Leben käuflich sei, dass es auf Geld und gute Noten ankäme, das letztlich der Erfolg zählte, die Wahrheit ist. Der schöne Schein hält die Sehnsucht nach einer Wahrheit, in der Liebe und Gerechtigkeit sich endlich durchsetzen, wach. Die Wahrheit Gottes, die wir in diesen Tagen feiern dürfen, ist größer als alle Bilder, die wir davon haben. Und wenn wir die Bilder, die wir im Kopf und im Herzen haben, die Bilder, die von anderen inspiriert wurden, wirklich als Bilder annehmen können und nicht mit der Wahrheit selbst verwechseln, dann können wir feiern, dass Gottes Liebe mit ihrem Schein Leben wirklich zum Guten verändern will, dass dieser Schein Seiten in uns anrührt, die wir manchmal nicht wahrhaben können oder wollen. Dass Gott die Welt und ihre Machtverhältnisse nicht bestätigen, sondern verändern will. Dass Kinder Kinder sein dürfen und nicht an den Maßstäben gemessen werden müssen, die Erwachsene als wirtschaftlichen Erfolg definieren, dass Alte alt sein dürfen und nicht so tun müssen, als wären sie mit 80 noch wie 40 oder besser 30. Gott bringt seinen Schein in unsere Welt. Nicht, damit wir uns mit einer geschönten Schein-wirklichkeit zufrieden geben, sondern damit sich auch unsere Wirklichkeit im Schein seiner Wahrheit immer mehr verändert. Und wir Ruhe und Frieden finden. Das Himmelstor ist aufgetan / Alt und Jung sollen nun / Von der Jagd des Lebens einmal ruhn. Das offene Tor um Himmel, durch das Gott zu uns kommt. Der uns einlädt, zur Ruhe zu kommen. Das ist mein Bild. Und wie sieht ihres aus? Amen

Gott bei der Arbeit... - 3. Advent (und auch am 4. gehalten) 2012, Reihe V

Liebe Gemeinde!
Manchmal ist es schön, anderen bei der Arbeit zuzusehen. Aber dabei gibt’s Unterschiede. Einmal gibt’s die bequeme Art. Ich lehne mich gemütlich zurück, lasse andere für mich arbeiten. Wenig Einsatz, bei dem möglichst viel für mich herauskommt. Faul sein soll sich schließlich lohnen. Diese Art von Zusehen meine ich nicht. Ich finde sie auf Dauer unmenschlich, weil sie unglaublich egoistisch ist und andere Menschen nicht als Menschen, sondern nur als Mittel zum Zweck sieht, die hoffentlich dumm genug sind, das Ganze nicht zu durchschauen. Es gibt aber auch eine andere Art von Zusehen. Die, bei der ich mir die Zeit nehme, genau hinzuschauen, was der andere macht. Weil es mich vielleicht interessiert, weil ich was daraus lernen kann, weil ich Anregungen für die eigene Arbeit finde, weil ich auch mal Zeit zur Ruhe finde. Diese Art, anderen bei der Arbeit zuzusehen, ist ganz wichtig und wertvoll. Wer immer nur für sich selbst arbeiten will, wer glaubt, immer nur aktiv sein zu müssen, der verlernt es auf Dauer, zu lernen, zu leben. Der bleibt in sich selbst gefangen und wird am Ende wirklich leer und hohl wie seine Arbeit vermutlich auch. Es ist zutiefst menschlich, hinschauen zu können, von der Arbeit der anderen für sich selbst zu lernen und das, was für das Eigene passt, mitzunehmen. Und genau das erleben wir hier in der ersten Hälfte von dem, was ich gerade als Predigttext vorgelesen habe. Dieser Abschnitt aus dem Prophetenbuch gibt uns einen Einblick in die himmlische Arbeit Gottes. Er lässt uns Gott sozusagen bei der Arbeit zuschauen. Natürlich kann jetzt ganz viel dagegen gesagt werden.
Zum Beispiel: „Pfarrer, warum redest du vom Himmel? Davon steht nichts in den Bibelworten. Und im Himmel fliegen Flugzeuge und da gibt es ferne Galaxien, aber dass Gott da wohnt, diese Vorstellung passt doch nicht in die heutige Zeit.“ Alles richtig. In der Schule waren Mathe und die Naturwissenschaften meine liebsten Fächer. Und trotzdem finde ich, dass Himmel als Bild für eine Art Wohnort Gottes aus vielen Gründen gut ist.  Erstens hat es was mit unserem normalen Leben zu tun, ohne das es das Gleiche wäre wie unser Leben hier auf der Erde. Zweitens können wir aus eigener Kraft nicht so einfach dahin. Trotz aller Forschung und aller Hilfsmittel bleibt es uns doch auch ein ganzes Stück weit entzogen. Und drittens lädt der Himmel einfach dazu ein, nach oben zu schauen, ihn zu betrachten. Gott will uns nicht niederdrücken, wir sollen nicht dauernd nach unten sehen, sondern er will uns aufrichten – auch das steckt für mich in diesem Bild. Und der Einwand, dass das so nicht wörtlich in dem steht, was ich aus der Bibel vorgelesen habe, ist nur die halbe Wahrheit. Oft wird gerade dieser Abschnitt aus dem Buch Jesaja so verstanden, als würde von Anfang der Mensch, der in besonderer, guter Beziehung zu Gott steht, angeredet. „Tröstet, tröstet mein Volk, spricht der Herr“, oft wird das so verstanden, als sollte man als Mensch, der eine besondere Nähe zu Gott hat, loslegen und zu allen gehen, die man für trostbedürftig hält und sie am besten auf einmal trösten. Die Kinder ohne Eltern und die alleinlebenden Alten und die Leute in den Gefängnissen und die Kranken und die Trauernden und die und die und die und die und die auch noch. Vor lauter Trostbedürftigkeit kann einem ganz schwindlig werden und der Auftrag, da überall zu trösten, der würde auch den frommsten Christen und den gläubigsten Juden am Ende umhauen. Der Auftrag an den MENSCHEN, hier in der Gestalt des Propheten, der kommt in unserem Bibelabschnitt erst in der Mitte. Da heißt es „Es sprach eine Stimme: Predige!, und ICH sprach: Was soll ich predigen?“ Vorher gewährt uns diese Geschichte aus der Bibel einen Einblick in die HIMMLISCHE Arbeit Gottes. Natürlich kann man da fragen: „Aber mit wem redet Gott denn da?“
Es gibt die uralte Vorstellung, dass Gott von Engeln und anderen „Himmelswesen“  umgeben ist. Und als Christ kann ich auch glauben, dass Jesus ja nicht nur in den gut 30 Jahren seines Lebens auf der Erde existiert hat, sondern schon vorher ein Teil von Gott war. Aber auch das sind alles nur Bilder, an die man so wörtlich gar nicht glauben muss. Wichtig ist, dass diese Bilder deutlich machen: Gott ist von Anfang an Gott in Beziehung. Beziehung gehört zum Wesen Gottes mit dazu. Er ist kein tauber Stein, kein Einsiedler ohne Kontakt zu Außenwelt, sondern Gott ist immer Gott in Beziehung. Und weil Beziehung zu seinem Wesen gehört, ist das nicht nur auf den Umgang mit den Menschen beschränkt, sondern bildet sich auch auf besondere Art und Weise in der dem Menschen entzogenen göttlichen Welt ab. Es ist also nicht zuallererst der Mensch, der andere irgendwie trösten soll, auch nicht der von Gott besonders begabte, sondern Gott gibt sich sozusagen selbst den Auftrag, die Voraussetzungen zu schaffen, dass Trost in dieser Welt erfahren werden kann. Als Mensch darf  ich mich als Bedürftigen sehen. Ich muss nicht zuerst trösten, damit ich für Gott gut bin, sondern er macht sich auf den Weg zu mir, will erst Trost entstehen lassen, damit von da aus mehr geschehen kann und ich als Mensch aktiv werden kann. Ich glaube tatsächlich, dass gilt: Nur wer getrost ist, kann auch selber trösten. Getrost, nicht unbedingt schon getröstet. Getrost heißt für mich, dass ich auch in Situationen, die ich kaum aushalten kann und die mir zeigen, wie bedürftig ich bin, mit der Gegenwart und der Liebe Gottes rechne, auch wenn ich sie im Moment vielleicht nicht direkt erfahren kann. Manchmal steckt ja auch gerade im Zugeben der eigenen Zweifel und Trauer ein Stück Trost für andere. Die Bewegung des Trostes beginnt bei Gott. ER kommt auf UNS zu. Für mich das Entscheidende an diesen Worten aus der Bibel. In der Wüste lässt er sich einen Weg zu seinen Menschen bahnen. Die Wüste steht für eine Welt, in der Leben schwer ist. Es ist nicht nur heiß und trocken, sondern die Wege sind auch schwer zu erkennen und wo eben noch ein Weg war, kann er im nächsten Augenblick durch einen Sandsturm schon weg sein. Gott kommt mit seinem Trost durch die Wüsten des Lebens auf die Menschen zu. Damals, als die Worte zum ersten Mal zu hören waren, durch die Wüste eines Lebens in einem fremden Land mit fremder Sprache und fremder Religion ohne Aussicht auf Rückkehr in die Heimat leben zu müssen. Und heute? Durch welche Wüsten sucht sich  Gott heute einen Weg zu den Menschen? Vielleicht durch die Wüste der Jagd nach dem großen Geld, der alles Leben untergeordnet wird, wie es manchmal scheint. Es gibt viele, ganz unterschiedliche Erfahrungen, wo für einen Menschen, für mich, Leben wie eine Wüste, fast aussichtslos und ausweglos scheint. Und dann sollen auch noch die Gräben zugeschüttet und die Hügel eingeebnet werden: das, was den Blick auf Gottes Liebe verstellt, soll klein gehalten werden und das, was von Gott trennt, Schuld, die wir auf uns laden, soll nicht mehr vom Trost und der Liebe trennen. Schöne Bilder. Vor allem, weil sie deutlich machen, dass GOTT die Hindernisse für uns aus dem Weg räumt.
Erst dann geht es los mit der menschlichen Leistung. Und das ist hier die Predigt des Propheten. Das, was er sagen soll, das hört sich nicht attraktiv an. Leben ist vergänglich, das sagt er. Tolle (ironisch) Botschaft. Du bist endlich. Hört niemand gern. Aber es ist die Wahrheit. Und nur dann, wenn ich mir nichts vormache, kann ich Trost erfahren, der wirklich stark ist. „Das Wort des Herrn bleibt ewig“, das ist der Kern der Botschaft des Propheten. Wort des Herrn – das ist nicht die gedruckte Bibel, sondern das ist die Zusage Gottes, seinen Bund mit den Menschen aufrecht zu erhalten. Das ist die Liebe Gottes, die sich dem Menschen ganz zuwendet. Das ist die endgültige Vernichtung von dem, was dem Leben im Weg steht.  Darauf könnt ihr euch verlassen, sagt der Prophet. Gottes Liebe ist eben nicht so vergänglich wie das Leben der Menschen. Trost liegt nicht darin, dass ich als Mensch unendlich und unsterblich und mit Superkräften ausgestattet sein müsste, damit ich mit meinem bisschen Leben was wert wäre. Trost kann darin liegen, dass ich auf der einen Seite die Unvollkommenheit meines eigenen Lebens annehmen kann und in aller Unvollkommenheit darauf vertrauen kann, dass Gott seinen Weg zu mir immer wieder sucht und findet und seine Liebe viel stärker und haltbarer ist als alles, was ich als Mensch schaffen könnte.
Und das spiegelt sich dann eben auch im Schluss der Worte aus der Bibel wider. Da ist die Rede davon, dass von Jerusalem Freude ausgehen wird und dass Gott dort wohnt. Das ist nicht nur heute angesichts der unfriedlichen Lage in der Stadt schwer vorstellbar, das war es auch damals. Jerusalem war fast komplett zerstört, verarmt und der Tempel, der Ort, an dem Gott im Glauben der Menschen damals wirklich erfahrbar ist, war völlig kaputt. Und genau da, wo Menschen nur Trümmer sehen und denken, Gott hätte sich aus dem Staub gemacht, wird Trost und Frieden und Gerechtigkeit wachsen und Gott wird wieder zu erfahren sein. Seine Liebe und seine Zuwendung sind stärker als jede Zerstörung, als jeder Zweifel, weil die Welt eben ganz anders ist, als es im Sinn Gottes gut wäre. Nicht Vergänglichkeit, Zerstörung und Tod, nicht die Trostlosigkeit ist am Ende stark, sondern Freude, Geborgenheit, Trost und Erlösung sind es. Und das nicht deshalb, weil wir so toll wären oder weil wir es uns verdient hätten oder weil wir schon mal vorgearbeitet hätten. Nein, sondern einfach deshalb, weil Gott es so will, weil er die Menschen liebt, wie wir auch in wenigen Tagen wieder feiern dürfen.