Sabtu, 25 Februari 2012

Wie geht's? - Gut! - Wirklich? - Invokavit, 25.02.12, Reihe IV

Liebe Gemeinde!
Du hast es gut, Paulus! Du hast es so richtig gut! Du lässt dich nicht unterkriegen. Egal, was dir an traurigen Dingen passiert: Du hältst den Kopf oben! Immer voller Freude, auch im Gefängnis, auch wenn dir andere mit dem Tod drohen. Arm, ohne Besitz, angefeindet – na und? Du kommst mit allem klar! Du Superheld, du! Nichts haut dich um!
Mir macht Paulus Angst. Wenn er wenigstens sagen würde: „Mir geht’s gut. Ich hab einen tollen Job, ich muss mir finanziell keine Sorgen machen, ich habe viele Freunde, mir will niemand was Böses, ich bin gesund – ich hab keinen Grund, dass es mir schlecht geht. Und dazu glaube ich so fest an Gott, dass ich weiß, er ist für mich da! Meinen glauben hat nichts erschüttert!“ Wenn er wenigstens so was sagen würde, dann könnte ich sagen: „Ja, Mann, das kann ich verstehen! Du hast echt das große Los gezogen. Super, dass es dir gut geht!“ Aber so macht er mir Angst. Paulus macht mir Angst, weil ich mich frage: „Was würde ich eigentlich sagen, wenn es mir so wie ihm gehen würde? Wenn hinter meinem Rücken geredet und gelästert wird, wenn ich wegen meines Glaubens ins Gefängnis müsste, wenn ich Folter, Schläge, Drohungen aushalten müsste, wenn die, in die ich großes Vertrauen hatte, beginnen, sich von mir abzuwenden?“
 Das alles ist Paulus passiert. Ihm geht’s gut. Ich glaube nicht, dass es mir gut gehen würde, wenn ich das alles hätte erleben müssen. Vielleicht würde ich, wenn ich das eine oder andere davon erlebt hätte, schon sagen: „Ganz gut!“ wenn mich jemand fragt, wie’s mir so geht. „Ganz gut“, „Normal“, „Passt schon“ – die üblichen Antworten halt auf die Frage, wie’s einem so geht.
Viele sagen, dass diese Antworten gegeben werden, weil’s den anderen ja sowieso nicht interessiert und man nur aus Höflichkeit und weil es üblich ist, so fragt beziehungsweise gefragt wird. Aber ich glaube, dass die Antworten hin und wieder auch Selbstschutz sind. Ich glaube, manchmal ist es die Angst, nicht aufhören zu können, wenn man von seinen Niederlagen und seinen Sorgen erzählt, die einen dazu bringt, oberflächlich zu antworten. Oder die Angst davor, schwach zu wirken. Klar, wenn man wie Paulus sagen kann: „Das macht mir alles nichts aus“, dann kann man das schon offen sagen. Aber was ist, wenn’s einem doch was ausmacht?
Mir machen Leute Angst, denen nichts etwas ausmacht. Mir machen sie Angst, weil ich mich dann noch kleiner, dümmer, schwächer fühle und denke, ich darf noch weniger zeigen, dass nicht alles einfach so an mir vorbeigeht und dass es mir immer wieder auch mal schwer fällt, das Gute zu sehen.
Mir machen aber auch Leute Mut, die mich von dem Wahn befreien, dass ich perfekt sein müsste oder mein Leben perfekt sein müsste, damit es gut ist. Mit machen Leute Mut, die mich auch mal freundlich in den Hintern treten, damit ich ihn hochkriege und nicht im Selbstmitleid hocken bleibe. Mir machen Leute Mut, die mir helfen, die Augen aufzukriegen und zu sehen, dass nicht alles super und perfekt sein muss, damit ich leben kann.
Und da finde ich gerade den Anfang von dem, was ich eben vorgelesen habe, ganz hilfreich. „Als Gottes Mitarbeiter wenden wir uns auch an euch; wir bitten euch: Lasst die Gnade, die Gott euch schenkt, in eurem Leben nicht ohne Auswirkungen bleiben“, schreibt Paulus da. Klar, das kann man als einen Anspruch verstehen, der da wieder mal gestellt wird. Schon wieder muss man was tun. Schon wieder soll man funktionieren.
In der Familie, in der Schule, im Beruf, in der Gemeinde: immer funktionieren, immer was tun. Aber es kann auch mit einem ganz anderen Gewicht gemeint sein. Zuerst ist da mal einer, der bittet. Und das ist ernst gemeint. Es wird nicht befohlen, es wird nicht alternativlos nahegelegt, es wird nicht erwartet. Bitte. Jemanden zu bitten lässt ihm die Freiheit, auch anders zu handeln. Bitten, die ernst gemeint sind, haben die Zielrichtung, den andere zu überzeugen, nicht zu überrumpeln, nicht zu überreden, nicht zu zwingen. Das zweite, das in diesem Anfangssatz steckt, ist die Überzeugung: Gnade – also die Zuwendung Gottes zu diesem Leben, der Willen Gottes, auch dieses Leben zu lieben, der Willen Gottes, diesem Leben Halt und Kraft zu geben, ist schon längst da. Gott hat schon längst zu diesem Leben „Ja“ gesagt. Bevor überhaupt nur der Hauch von einem Anspruch kommt, ist da erst einmal die Zusage: „Unabhängig davon, was ich als Mensch, als einer, der an Gott glaubt und der Jesus traut, von dir, von deiner Situation, von deinem Handeln denke, ist schon ganz, ganz viel da.“ Und dann kommt erst die Zumutung oder der Anspruch: „Mach was aus dem, was du mitbekommen hast!“ Aber eben als Bitte, die einem die Augen öffnen will, und trotzdem die Freiheit lässt, es so oder auch anders zu sehen und zu machen. Ich glaube, dass da eine ganz große Stärke liegt, die auch ganz viel über den Weg Gottes mit uns Menschen sagt. Da geht’s nicht um Drohungen, um gewaltsames Umdrehen von Menschen, um Hinzwingen in eine bestimmte Richtung. Es geht um die Liebe, die Freiheit lässt. Stark ist nicht der, der seine Stärke ausnutzt, oder der die besseren Psycho- und anderen Tricks kennt oder der mehr Geld und Einfluss hat und anderen seinen Willen und seinen Weg aufzwingen lässt. Stark ist der, der andere überzeugen will, weil er selbst überzeugt ist, der einlädt aber nicht daran zu Grunde geht, dass manche die Einladung nicht haben wollen. Stärke liegt nicht darin, andere zu zwingen, sondern anderen Freiheit zu schenken. Das ist Gottes Weg mit uns, den Paulus auch hier deutlich macht. „Lasst die Gnade, die Gott euch schenkt, in eurem Leben nicht ohne Auswirkungen bleiben“ ist kein Aufruf, in hektische Betriebsamkeit zu verfallen und tausend Dinge anzufangen, von denen ich denke, dass sie Gott und meinen Mitmenschen weiterhelfen. Zuallererst heißt das mal: „Nimm dein eigenes Leben an! Steh zu deinem Leben, das auch dann nicht gottverlassen ist, wenn du den Eindruck hast, dass das so sein könnte!“ Wenn ich die Gnade leugne und nicht annehme, dann glaube ich, alles allein machen zu können und zu müssen. Dann lasse ich mich gefangen nehmen und festlegen – auf meine Fehler, auf meine Stärken, auf mein Aussehen, meine Macht, auf das, was ich vor anderen darstellen will, auf die Ansprüche, die andere an mich stellen. Paulus lädt dazu ein, die Sichtweise zu verändern. Keine Zeit der Forderung zu sehen, keine Zeit des Niedergangs oder der Schwäche, sondern in dem, was JETZT ist zu erkennen: „Seht doch: Jetzt ist die Zeit der Gnade! Begreift doch: Heute ist der Tag der Rettung!“ In allem, was jetzt, heute, gerade eben auch schwer ist, was schiefgeht, bist du nicht ohne Zukunft, bist du nicht ohne Liebe. Ich glaube, dass Paulus das den Menschen nahebringen wollte. Aus dieser Liebe heraus und für diese Liebe hat er sich in den Dienst nehmen lassen. In den Dienst im Namen Jesu für die Menschen. Paulus versteht sich nicht als einer, der ein besonderes Amt hätte, das ihn über andere stellt und von dem aus er anderen erzählen könnte, was richtig oder falsch ist. Er versteht sich als einer, der dient und der Gottes Liebe nicht im Weg stehen will, der den Menschen Wege zu Gottes Liebe zeigen möchte. Wir „bemühen uns, ´so zu leben,` dass wir niemand auch nur das geringste Hindernis ´für den Glauben` in den Weg legen; denn der Dienst, ´den Gott uns übertragen hat,` darf auf keinen Fall in Verruf geraten.“ Es geht nicht um persönliche Vorteile, sondern darum, die Menschen zu ermutigen, ihren Weg mit Gott zu gehen. Es geht darum, einzuladen, die Gegenwart, heute, diesen Tag als einen Tag sehen zu können, der zu mir, meinem Leben, meiner Zukunft gehört, weil er von Gott begleitet und gehalten ist, auch wenn nicht alles gut läuft, manches sogar vielleicht ziemlich danebengeht. Eine Einladung, kein Befehl.
Paulus macht mir Angst. Immer noch. Weil ich glaube, dass mir das alles, was er aufzählt, und was ihm wenig auszumachen scheint, ziemlich viel ausmachen würde. Aber er macht mir auch Mut, denn vor meinem Leben, vor der Gegenwart und vor meiner Zukunft kann ich nicht davonlaufen. „Seht doch: Jetzt ist die Zeit der Gnade! Begreift doch: Heute ist der Tag der Rettung!“ Bis heute gilt das. Jeden Tag. Jeden Tag lädt Gott mich ein, mein Leben mit seiner Liebe anzunehmen. Und zu leben. Für mich und andere. Und wenn ich es an diesem Tag nicht schaffe: Es ist nur der erste Tag meiner Zukunft mit Gott. Durch Jesus lässt er diese Liebe, diese Einladung stehen. Jeden Tag. Ich muss dazu nicht Paulus werden. Ich darf Ulrich sein. Und… Und … Amen.

Heute ist der erste Tag deiner Zukunft - Sonntagsgedanken für die Oberhessische Presse, 25.02.12

Zukunft ist was Wunderbares. Wenn man mit 16, 19 oder 20 Jahren die Schule abgeschlossen hat, einen Studienplatz oder Ausbildungsvertrag in der Tasche hat und einem die ganze Welt offenzustehen scheint. Zukunft ist was Wunderbares. Wenn man gerade glücklich geheiratet hat und sich Träume vom gemeinsamen Leben machen kann. Zukunft ist was Wunderbares. Wenn man gerade Vater oder Mutter eines gesunden Kindes geworden ist, das man sich auch gewünscht hat und finanziell einigermaßen abgesichert ist. Zukunft ist was Wunderbares, wenn… - und wenn nicht? Heute ist der erste Tag deiner Zukunft – wenig verlockende Aussicht, wenn es der erste Tag ohne Job ist. Oder wenn ich eine niederschmetternde medizinische Diagnose bekommen habe. Oder gerade verlassen worden bin. Oder die Abiprüfung, Examen oder anderes sich wie eine unüberwindliche Hürde vor mir auftürmt. Oder wenn Krankheit und Alter das Verlassen der geliebten und gewohnten Umgebung unausweichlich gemacht haben.
Es ist ein Märchen, dass jedem Anfang ein Zauber innewohnt, „der uns beschützt und der uns hilft, zu leben“, wie Hermann Hesse es in seinem Gedicht „Stufen“ beschreibt. Es gibt Anfänge, die in eine Zukunft weisen, die nicht gerade zauberhaft zu werden verspricht. Ich selber finde es manchmal unerträglich, wenn dauergrinsende Zombies, die sich manchmal auch Motivationstrainer nennen, mir einhämmern wollen: „Denke positiv!“ Nur mit positiven Gedanken allein lässt sich die eigene Zukunft nicht zum Guten lenken. Ich finde es anmaßend, Menschen weis machen zu wollen: „Alles wird gut!“ Es wird nicht alles gut. Aber manchmal finde ich es sehr hilfreich, sich nicht in einer tatsächlichen oder auch nur gefühlten Leidensspirale nach unten ziehen zu lassen.
Da gibt es einen Menschen, dem droht sein Lebenswerk völlig zu entgleiten. Er hat Beziehungen geknüpft, Netzwerke aufgebaut – und plötzlich lassen die, die ihn eben noch gut fanden, ihn fallen. Ideen, die gestern noch gut waren, scheinen heute nichts mehr zu gelten. Andere haben sich in den Vordergrund gespielt. Der Mensch ist unten angekommen. Gefängnis, üble Nachrede, böse Gerüchte – das kennt er nicht nur aus fremden Erzählungen, das war oder ist Teil seines Lebens. Nein, nicht des Lebens von Anton Schlecker oder Christian Wulff. Teil des Lebens von Paulus. Seines Zeichens Christ, Missionar, Apostel, Gemeindegründer. Vor fast 2000 Jahren. Viele halten ihn für gescheitert. Mit seiner wichtigsten Gründung, der Gemeinde in Korinth, lebt er in heftigem Streit. Und genau in dieser Situation schreibt er: „Siehe, jetzt ist die Zeit der Gnade, siehe, jetzt ist der Tag des Heils“ (2. Korinther 6,2). Die Gegenwart ist nicht deshalb gut und heilsam, weil sie so schön ist, sondern weil es eine Zeit ist, in der Gott sich nicht aus der Welt verabschiedet. Gott selber hat sich schwach gezeigt. Jesus am Kreuz – für viele Menschen, nicht nur zu Zeiten des Paulus, eine lächerliche Niederlage. Was Paulus, und mit ihm und nach ihm und vor ihm viele, die Gott vertrauen, stark gemacht hat, ist nicht das Leugnen oder Ausblenden von Leid und Schwäche. Es ist die Hoffnung und das Vertrauen, dass das Leid nicht das letzte Wort behält und dass aus der Schwachheit neues Leben entsteht.  Die Zukunft wird nicht leicht und rosig und manches wird auch in Zukunft danebengehen. Aber auch da wird Gott sich nicht verabschieden, sondern Kraft zum Leben geben.
Heute ist der erste Tag deiner Zukunft! So richtig wie banal. Mir bleibt nichts anderes, als diesen Tag zu leben. Und jeden anderen Tag meiner Zukunft auch. Mir bleibt die Hoffnung, dass dieser erste Tag, wie alle anderen Tage auch, nicht gottverlassen ist, auch wenn manche Tage so wirken. Und mir bleibt Vertrauen. Vertrauen in Gnade und Heil, die nicht künstlich beschönigen, aber aktiv helfen, das Leben anzunehmen. Ich habe kein anderes. Heute ist der erste Tag meiner Zukunft. So ist es.

Sabtu, 11 Februari 2012

Ich will mich (nicht) ändern (und die Welt bleibt sowieso, wie sie ist) - Sexagesimae, 12.02.2012, Marginaltext

Text: Matthäus 13,33
Liebe Gemeinde!


In Reli ist es viel zu laut, Herr Kling-Böhm, da kann ich mich gar nicht konzentrieren und mitmachen! Stimmt, wenn du mal aufhören würdest, mit deinen Nachbarinnen zu schwätzen, wäre es ruhiger und du würdest besser werden. Aber der Luca und der Leon und der Nico stören doch viel mehr. Und da ist es dann so laut, da reden wir halt auch, wir kommen ja sowieso nicht weiter im Unterricht! Wir kommen nicht weiter, weil jeder glaubt, der andere sollte zuerst aufhören mit dem Schwätzen! Ist doch so, sonst hat es ja keinen Sinn! Wenn du denkst, dass es besser ist, wenn alle einigermaßen ruhig sind, dann fang du doch an. Die anderen werden schon nach und nach mitmachen. Nö, das ist mir zu anstrengend. Wenn alle ruhig sind, mach ich mit! Sie müssen uns halt bestrafen und strenger sein, mit Nachsitzen oder so. Oder es so machen wie der Herr XXXX. Da müssen wir nur 20 Minuten arbeiten und dann können wir machen, was wir wollen.

Ein nicht gerade untypisches Gespräch mit Menschen aus meiner 8. Klasse, die ich übrigens wirklich gern unterrichte, nicht nur, weil sie mir immer wieder Stoff für Predigten liefert. Ganz ehrlich und offen wird hier ausgesprochen, was bei uns Erwachsenen genauso oft üblich ist. Die Haltung zum Beispiel: „Wenn alle das Richtige tun, dann mach ich auch mit. Aber ich bin doch nicht so blöd und fange an! Da sollen die anderen mal anfangen, damit nicht jemand mein richtiges Handeln ausnutzt. Schließlich ist der Ehrliche ja oft genug der Dumme!“ ein Beispiel ist für mich das ganze Hin und Her und die Diskussion über unseren Bundespräsidenten, die mich mittlerweile nicht nur anödet, sondern richtig anwidert.

Klar, vieles ist da sehr falsch gelaufen von ihm. Wie einfach wäre es gewesen, ganz früh zu sagen: „Also hört mal, ich weiß, dass ich einiges gemacht habe, das zwar nicht ungesetzlich war, dass aber trotzdem falsch ist, weil es Menschen dazu bringt, zu denken, dass Politik käuflich ist. Ich will es besser machen, gebt mir die Chance und messt mich daran, ob ich aus den Fehlern wirklich gelernt habe!“ Ehrlichkeit, Vergebung, die Chance, neu anfangen zu dürfen – davon rede ich gern in Predigten. Und wenn Gott uns Menschen nicht auf unsere Fehler festlegt, dann dürfen wir das in unserem Umgang miteinander ruhig mal probieren.

Aber stattdessen wird auf der einen Seite gar nicht aufge-räumt und auf der anderen Seite – und das widert mich so richtig an - so getan, als ob die Journalisten der Bild-Zeitung und des Spiegel, und der sogenannte kleine Mann oder die sogenannte einfache Frau so viel besser wären. „Die da oben, die gucken doch nur auf ihren Vorteil, denen kann man doch nicht trauen!“ Das höre ich immer wieder. Ich frage mich, wie viele von denen, die so reden, tatsächlich bereit sind,
 auf Vorteile zu verzichten, die ihnen angeboten werden, gerade dann, wenn es exklusiv ist. Wie viele sind bereit, auf Tricks bei der Steuererklärung zu verzichten oder wie viele achten beim Einkauf darauf, möglichst Transfairprodukte oder Fleisch und Milch zu fairen Preisen zu kaufen, damit ihr Vorteil nicht zu Lasten der Produzenten, der Landwirte in Deutschland und anderswo geht? Ich selber halte das, ehrlich gesagt, auch nicht total ein. Aber ist das eine Ausrede, zu sagen: Ich mach gar nicht mit! Ich kann sowieso nichts ändern, ich bin ein kleines Licht. Wenn alles gut läuft, weil die anderen vorgelegt haben, dann mache ich mit! Nein, diese Haltung finde ich falsch.

Gerade auch, wenn ich an den Predigttext heute denke. Ein einziger Vers. Ein Gleichnis. Ein anderes Gleichnis sagte er ihnen: Das Himmelreich gleicht einem Sauerteig, den eine Frau nahm und unter einen halben Zentner Mehl mengte, bis es ganz durchsäuert war. Für die, die vom Backen nicht so viel Ahnung haben: Sauerteig dient dazu, Brot lockerer, geschmackvoller und haltbarer zumachen. Man braucht nur ganz wenig und vor allem, wenn es gut gemischt wird, dann verbreitet sich der Sauerteig eben in der ganzen Menge, praktisch von selbst.

Der kleine, oft unscheinbare und unsichere Anfang schafft es, das Große zu verändern. Für mich ist das ein Punkt, der zu den Beispielen aus dem Alltag passt. Und der vor allem auch danach fragt: Was ist eigentlich meine Hoffnung, wenn ich Jesus vertraue und an Gott glaube? Hoffe ich, dass Gott jenseits dieser Welt ein perfektes Reich hat, in dem alles super ist und bis es soweit ist, wurstel ich mich hier eben irgendwie durch, kommt nicht so drauf an, die Welt ist sowieso ziemlich unvollkommen. Und ich kann nichts ändern. Wenn Gott alles perfekt haben will, dann macht er das auch. Ist das meine Hoffnung? Oder hoffe ich, dass das Gute, das, was Jesus mit Himmelreich beschreibt, schon längst in der Welt und möglich ist und sich nach und nach wirklich durchsetzen wird? Hoffe ich, dass kleine Anfänge nicht sinnlos sind und dass aus kleinen Anfängen mehr werden kann? Für mich legt das Gleichnis eher die zweite Hoffnungshaltung nahe.

Aber was ist das eigentlich: Himmelreich? Wenn Jesus davon erzählt, dann meint er nicht eine Welt, weit weg von unserer, in die die Toten irgendwann mal kommen. Jesus erzählt hier davon, dass ein Stück Himmel schon mitten in der Welt da ist. Himmel ist keine Ortsbestimmung so wie Marburg oder Amerika. Himmel ist eine Art Symbol für das, was bei Gott wirklich gilt. Und das ist ein Leben, in dem Schwache nicht mehr Angst haben müssen, von Starken überrumpelt und überrannt zu werden. Das ist ein Leben, in dem jeder sein Recht auf Leben hat. Eine Welt, in der Sprachen, Herkunft, Hautfarbe, Bankkonto keine Rolle mehr spielen. Eine Welt, in der niemand mehr Angst haben muss. Eine Welt, in der, kurz gesagt, Liebe die entscheidende Wirklichkeit ist. Liebe nicht in dem Sinn, dass ich mich in einen bestimmten Menschen verliebe und es total kribbelt, wenn ich diesen Menschen sehe oder bei ihm bin. Sondern Liebe in dem Sinn, dass im anderen der Mitmensch gesehen wird, dass ich mich selbst als wertvoll erleben kann, auch wenn ich mit meinem Aussehen oder meinen Fähigkeiten unzufrieden bin, dass jede und jeder wirklich zu seinem Recht kommt und Leid, Tränen, Schmerzen der Vergangenheit angehören. Eine Welt, in der die ganze Schöpfung, die Natur, wirklich respektiert wird.

Die Welt, in der wir leben, ist nicht so. Klar. Aber Jesus sagt hier in dem Gleichnis, dass spätestens mit ihm etwas davon in dieser Welt sichtbar geworden ist und dass sich nach und nach die Welt in diese Richtung verändern wird. Mir geht das auch manchmal zu langsam, wenn ich mir die letzten 2000 Jahre anschaue. Aber dann denke ich mir auch: wenn ich erst dann anfange, an Gott zu glauben und Jesus und seiner Botschaft zu vertrauen, wenn alles perfekt ist, welchen Sinn hat das dann noch? Wenn ich nicht mit der Hoffnung anfange, wenn ich nicht bereit bin, die kleinen Zeichen zu sehen und kleine Schritte zu machen – wer soll das dann tun? Gott hat seinen Schritt auf mich hin schon gemacht. Gehe ich mit oder warte ich ab, bis alles perfekt ist? Keiner von uns kann das Himmelreich bauen. Ich nicht, kein Konfi, kein Schüler, kein Bundespräsident, kein Kirchenvorsteher. Niemand. So, wie der Sauerteig sich nach und nach vermehrt, liegt die Vollendung in Gottes Hand. Aber Gott lädt uns ein, mit zu hoffen, mit zu vertrauen, mit zu gehen. Ein Stück weit. Mit Fehlern, mit Rückschlägen, die wir auch erleben. Aber er lädt eben dazu ein, schon jetzt, in der Gegenwart, das zu leben, das zu hoffen. Was ich so schön am Glauben an Gott, an Jesus finde, ist, dass es da nicht darum geht, irgendwann irgendwo nach dem Tod was Tolles zu erleben, sondern dass es darum geht, schon jetzt zu leben und mit dem Leben anzufangen. Nicht darauf zu warten, dass andere für mich leben und mir was Perfektes vorsetzen. Sondern dass ich mit meinem kleine bisschen Kraft, mit meinen minimalen Möglichkeiten schon das, was gut ist, umsetzen darf. Auch wenn ich es nicht zu Ende bringe und wenn es nicht perfekt wird. Für die Vollendung wird Gott sorgen. Ich darf jetzt leben. Und jetzt etwas von dem tun, von dem ich glaube, dass es nicht nur für mich, sondern für viele gut ist und etwas von der Liebe widerspiegelt, die Gott uns schenkt.

In Reli ist es viel zu laut, Herr Kling-Böhm, da kann ich mich gar nicht konzentrieren und mitmachen! Stimmt, ich hab euch nicht immer im Griff und manchmal sind meine Fragen zu schwer und mein Unterricht ist zu langweilig. Aber wenn du mal aufhören würdest, mit deinen Nachbarinnen zu schwätzen, wäre es schon ruhiger. Klar, schaff ich schon, ich probier es mal!

Das wäre fast zu schön um wahr zu sein, wenn ich so eine Unterhaltung am Dienstag in einer Woche, wenn ich wieder Reli in der 8 habe, führen könnte. Und am Ende des Schuljahrs könnte es dann vielleicht so gehen:

Ich hab’s zwar nicht immer geschafft, Herr Kling-Böhm, aber es war echt besser, auch von den anderen! Stimmt, ich war auch nicht immer super, aber wenn wir uns im nächsten Schuljahr wiedersehen, dann schaffen wir noch ein bisschen mehr.

Und meine Hoffnung ist, dass solche Unterhaltungen und Haltungen auch in der Politik, in der Gemeinde, im Leben miteinander von Erwachsenen normal werden. Wir werden nicht die Perfekte Welt herstellen, aber Gott hat uns schon ein Stück Himmel geschenkt und wir dürfen hoffen, dass es mehr wird. Wir dürfen mitgehen.

Amen.

Sabtu, 4 Februari 2012

Ich weiß, was Gott will??? - Septuagesimae, 05.02.12, Reihe IV



Text: Jeremia 9,22-23

Liebe Gemeinde!

Woher weiß ich eigentlich, was Gott mir sagen will? Woher weiß ich, was wirklich von Gott kommt, was Gottes Wort für mich ist, und was sich Menschen ausgedacht haben? woher weiß ich, dass ich mir nichts einbilde, wenn ich glaube, dass Gott etwas will, mit mir, für mich, für die Welt? Nicht nur in der Schule oder im Konfirmandenunterricht, nicht nur im Gespräch mit Jugendlichen, mit jungen Erwachsenen tauchen solche Fragen auf. Auch ältere und alte Menschen stellen solche Fragen. Es ist ein Märchen, wenn man denkt, dass im Alter der Glauben an Gott fester und sicherer wird. Bei gar nicht mal wenigen ist es auch so, dass sie im Alter kritischer und zweifelnder werden, weil sie sehr viel erleben mussten, dass ihren Glauben an Gott, der behü-tet, beschützt, der greifbar ist, in Frage stellt. Es sind für mich keine rhetorischen Fragen, wenn junge oder alte Menschen so fragen: „Woher weiß ich, was Gott will? Woher weiß ich, dass ich mir nichts einbilde, nichts vormache, wenn ich glaube? Woher weiß ich, dass mir andere, Pfarrer, kirchliche Mitarbeiter, Lehrer, Eltern, Großeltern nicht irgendeinen selbst ausgedachten Unsinn erzählen?“

Ich könnte es mir leicht machen. Ich könnte sagen: „Werde still, öffne dein Herz, bete, und dann redet Gott zu dir!“ Ich könnte sagen: „Lies in der Bibel! Da begegnet dir Gottes Wort, da kannst du lesen, was Gott will!“ Ich könnte sagen: „Nimm dir das zu Herzen, was Vorbilder im Glauben getan und gesagt haben oder tun und sagen!“ Ich könnte es mir leicht machen. Nichts von dem ist falsch. Aber wirklich richtig ist auch nichts von dem. Ich weiß nämlich selber nicht, wie es funktioniert. Und ich glaube, dass niemand auf der Welt, auch nicht der frömmste und beste Christ, das wirklich wissen kann. Der erste Schritt, zu erfahren, was Gott mir für mein Leben, was Gott für die Welt, für das Leben überhaupt zu sagen hat, ist es , dass ich mich traue, unsicher zu sein.
 Ich muss mich trauen, damit zu leben, dass ich den Glauben und das, was Gott zu sagen hat, nicht so kennen und lernen und wissen kann, wie ich zum Beispiel die Funktionsweise eines Automotors kennen und lernen und wissen und beschreiben kann. Ich muss mich trauen, zuzugeben und zuzulassen, dass Gott größer ist als alle meine Vorstellungen je sein könnten und dass es im Glauben an Gott an erster Stelle nicht um Tatsachenwissen wie in der Schule oder in vielen Berufen und in großen Teilen des Alltags geht, sondern um Ver-trauen und Liebe. Das ist eine Wirklichkeit, die da ist, ohne dass ich sie in feste Formen und Beweise packen kann. Nur mit Beweisen oder Formeln werde ich Gottes Wort, Gottes Willen nicht begegnen. Nur mit Vertrauen kann das funktionieren. Mit Vertrauen, das auch Unsi-cherheit zulassen und zugeben kann. Glauben ist keine Technik und Glauben ist auch mehr, als ein Bekenntnis auswendig zu lernen und aufzusagen. Glauben ist mehr als einfach nur zu sagen, dass ich Jesus mein Leben an einem bestimmten Tag bei einem bestimmten Ereignis übergeben habe. Glauben braucht jeden Tag neu Liebe und Vertrauen.

Ohne Vertrauen werde ich die Worte aus der Bibel oder das, was andere mir sagen, oder das, was ich in mir spüre, wenn ich bete oder ruhig werde, nicht als Wort Gottes oder als Hinweis auf Gottes Willen entdecken können. Das alles ist keine Frage, die erst im 20. und 21. Jahrhundert mit seinen ganzen Fortschritten in der wissenschaftlichen Forschung oder der Technik aufgetaucht wäre. Es ist von Anfang an eine ganz grundsätzliche Frage. Schon die Propheten, die Gott lange vor Jesus in Dienst genommen hat, damit sie an-dere wieder auf die richtige Spur im Leben bringen, hatten damit zu kämpfen, dass Menschen kein Vertrauen hatten. Als Jeremia das im Auftrag Gottes gesagt hat, was wir heute als Predigttext haben, haben viele gedacht: „Was will der denn? Wir leben doch ganz gut, wir haben uns mit unseren Nachbarn arrangiert. Wir opfern Gott regelmäßig und sonst soll er uns in Ruhe lassen. Manche sind eben reich und andere arm. Jeder ist für sich selbst verantwortlich. Und Glauben ist was Schönes für die Feiertage, aber im Alltag nicht so wichtig. Da kommt es auf Geschäftssinn und Härte und politisches Denken an!“ Kritik wollten sie nicht hören. Und Jeremia konnte ja schließlich nicht beweisen, dass er Gottes Wort sagt. Kann ja jeder behaupten. Es ging schief, Die, die glaubten, Gott ist so ganz bequem, haben einen Krieg verloren und teuer bezahlt. Das gute an Gott ist, dass er nach der Niederlage die Menschen nicht aufgegeben hat. Er hat nicht gesagt: „Ich habs ja immer gewusst, mit euch kann man nichts anfangen“. sondern er hat immer wieder Botschaften, Worte, Gedanken und schließlich dann auch Jesus, sich selbst, in die Welt geschickt. Nicht, damit Zorn und Rache und Zerstörung für die Ignoranz der Menschen kommen, sondern damit die Menschen, damit wir merken, dass er es ernst meint mit seiner Liebe. Und Liebe braucht Vertrauen. Bis heute. Was haben wir eigentlich zu verlieren, wenn wir es, gerade was Gott angeht, mit Vertrauen einfach mal versuchen. Mit aller Unsicherheit, die dazu gehört? Zu verlieren haben wir nichts. Aber bis heute viel zu gewinnen. Zum Beispiel gutes Leben, in dem nicht nur wenige reich werden, sondern bei dem es vielen gut geht. Gutes Leben, das auch dann seinen Sinn behält, wenn ich nicht das beste Zeugnis, das meiste Geld oder das schönste Aussehen habe.

Wenn wir das mal mit Jeremia hier, den zwei Versen ver-suchen. Vertrauen wir doch einfach mal probeweise drauf, dass das, was er sagt, von Gott kommt. Was heißt das denn? Ein Weiser rühme sich nicht seiner Weisheit, ein Starker rühme sich nicht seiner Stärke, ein Reicher rühme sich nicht seines Reichtums. Weisheit – also Klugheit ist nichts, worauf man sich was einbilden und sein Leben gründen kann. Es gibt Menschen, die sind sehr weise, die wissen ganz viel. Aber bessere Menschen sind das nicht. Das ist nicht nur ein Trost für alle, deren Zeugnis jetzt nicht so toll war. Wenn ich mein Selbstwertgefühl oder gar meine Überlegenheit daraus gewinne, dass ich klüger bin als andere – dann komme ich schnell ans Ende. Ich darf stolz sein auf Dinge, die ich erreicht habe. Aber wichtiger und besser macht mich das nicht. Ich denke da auch an Menschen mit Demenz. mit Alzheimer. Die hören ja nicht auf. Mensch zu sein. An Menschen mit geistigen Behinderungen. Aber auch an die vielen, die von anderen einfach nur für dumm gehalten werden.

Und Stärke, egal ob Körperkraft oder politischer Einfluss oder Macht ist sehr vergänglich. wo es hinführt, wenn man sich daran klammert, sieht man in viel zu vielen Diktaturen in der Welt. Reichtum ist vergänglich. Nicht nur der von Herrn Schlecker. Und Herr Pohl ist auch kein besserer Mensch als mancher Hartz IV Empfänger. Es gibt reiche, starke, kluge Menschen. Jeremia bestreitet das nicht im Namen Gottes und er sagt auch nicht, dass es das nicht geben darf. Er sagt nur, dass nichts davon taugt, sein Leben danach auszurichten und seinen Selbstwert darauf aufzubauen. Das einzige, was wirklich weiterhilft, und worauf man bauen kann ist es, Gott zu vertrauen. Gott, der sich Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit äußert. Was haben wir zu verlieren, wenn wir darauf vertrauen, dass das wirklich Gottes Wort und willen für das Leben ist: Barmherzig-keit, Recht, Gerechtigkeit? Nichts. Aber gewinnen können wir ganz viel. Wir können Gott da erkenne, wo Vergebung möglich ist. wo ich so frei werde, andern, die mir etwas schuldig sind, zu vergeben, wo ich erlebe, dass mir vergeben wird. wo Menschen sich erbarmen und wo das Schicksal anderer einem nicht egal ist, sondern wo Menschen sich anrühren lassen. einander Gutes tun, einander helfen, und auch füreinander beten. In Recht und Gerechtigkeit begegnen wir Gott, erfüllt sich sein Wort. eine tolle Vorstellung, finde ich. Nicht da, wo Starke sich nehmen, was sie kriegen können, sondern wo dem, der keine Mittel hat, zu seinem recht verholfen wird. wo nicht das Land, in dem man geboren wurde, nicht der Stadtteil, in dem man aufgewachsen ist, nicht die Schule, die man besucht hat, endgültig über Lebenschancen entscheiden. wo Menschen in Würde altern können. wo Kinder und Jugendliche raum haben. Wo Eltern, die Hilfe brauchen, Hilfe bekommen. Wir leben nicht i n einer perfekten Welt. Und keiner von uns wird die Welt perfekt hinkriegen. Aber wir können darauf vertrauen, dass wir Schritte dahin gehen können. immer wieder. wir müssen vertrauen, dass Gott auch dann da ist, wenn Rückschläge da sind. Ohne das Vertrauen, dass die Liebe, dass Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit am Ende stärker sind als Reichtum, nachprüfbares Wissen, Körperkraft und politische Kraft wird die Welt unerträg-lich kalt. Und das nicht nur in Tagen, in denen sibirische Hochdruckgebiete das Wetter bestimmen. Gebe Gott, dass wir nicht alles wissen wollen bevor wir vertrauen können. Gebe Gott, dass wir fähig werden und bleiben, Vertrauen und Liebe zu schenken und anzunehmen und dadurch leben entdecken, das gut ist. Leben mit ihm. le-ben mit Menschen, die seien geleibten Kinder sind. Leben in seiner geliebten Welt. Leben, das nicht für wenige, sondern für viele wirklich gut wird.



Amen.