Text: Matthäus 12,38-42
Liebe Gemeinde!
Wir wollen Beweise haben! Wir brauchen Zeichen, die eindeutig sind. Sichere Zeichen, die man nicht lange interpretieren muss. Zeichen, die so sind, wie wir sie eigentlich erwarten. Die Forderung, die vor langer Zeit an Jesus gestellt worden ist und die ich eben als Predigttext vorgelesen habe, die ist vielleicht gerade heute hochaktuell. Angesichts der Erdbeben-, Tsunami und Atomkatastrophe in Japan, der eigentlich hier bei uns schon vergessenen Erdbebenkatastrophe in Haiti vor gut einem Jahr, der Bürgerkriege und Aufstände in Libyen und anderen Ländern Nordafrikas und Arabiens habe ich mehr als einmal gehört: Wenn es Gott wirklich geben würde, dann müsste er uns doch jetzt ein Zeichen geben, dass es ihn wirklich gibt. Ein eindeutiges Zeichen dafür, dass bei so viel Leid und Zerstörung das Leben wirklich einen Sinn hat und es sich lohnt, zu leben. Ich weiß es nicht und ich will auch nicht zu viel in Natur- und technische Katastrophen hinein interpretieren. Aber vielleicht steckt ja in alle dem auch ein Zeichen. Ein Zeichen dafür, zu akzeptieren, dass wir Menschen das Leben mit allen seinen Facetten, auch mit aller Technik, die hilfreich sein kann, nicht wirklich in den Griff bekommen und kontrollieren können. Ein Zeichen dafür, dass auch noch so viel Wohlstand und technisches Wissen das Restrisiko nicht zum Verschwinden bringen können. Ein Zeichen dafür, dass wir, trotz allem wissenschaftlichen und technischen Fortschritt, das Leben nicht wirklich kontrollieren und risikolos halten können.
Wir wollen Zeichen, die eindeutig sind. Aber am liebsten so eindeutig, dass sie uns das bestätigen, was wir sowieso denken und glauben. Wir wollen Zeichen, die eindeutig beweisen, dass sich Leben, dass sich Risiko, dass sich Vertrauen und Glauben lohnen. Wir haben vielleicht auch Zeichen. Aber wenn wir sie nicht mit un-seren Mitteln und Maßstäben kontrollieren können, vertrauen wir ihnen nicht. Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser! Ja, Kontrolle ist in vielem gut und wichtig. Ob es um die technische Sicherheit von Autos und Atomkraft-werken, um die richtige Abrechnung von Beihilfen oder auch nur die Einhaltung von Verkehrsregeln geht: Kontrolle ist wichtig. Aber sie kann Vertrauen nicht ersetzen. Ohne den Mut, Vertrautes loszulassen, ohne den Mut, auch ungewöhnlichen Zeichen und Hinweisen zu vertrauen, ohne den Mut, zu glauben und auch ohne Beweise zu lieben, ist Leben im Sinne Jesu, ist menschliches Leben nicht nur arm, sondern zum Scheitern veru-teilt. Nicht, dass ich jetzt so verstanden werde, dass Mut zum Risiko heißen würde, alles zu machen, was ich tun kann, ohne Rücksicht auf das Ergebnis. Mut zum Risiko zu haben heißt auch, den Mut zu haben, im richtigen Moment und auf scheinbare Vorteile verzichten zu können. Mut zum Risiko heißt auch, dem scheinbar wissenschaftlichen Wahn, dass alles, was gemacht werden kann, auch gemacht werden muss, entgegentreten zu können.
Die menschliche Sehnsucht, alles kontrollieren und im Griff haben zu wollen, ist nichts, was erst in den letzten Jahren aufgetaucht wäre. Dieser Wunsch nach Kontrolle und der Einordnung des Lebens und Glaubens in Kategorien, die ich selber im Griff habe, steckt für mich auch hinter dem Wunsch nach Zeichen, die eindeutig beweisen, dass Jesus von Gott kommt, so wie es die Predigtgeschichte von heute erzählt.
Bevor diese Geschichte erzählt wird, erzählt Matthäus, der das Leben von Jesus aufgeschrieben hat, davon, wie Jesus einen Mann mit einer gelähmten Hand und einen, der sowohl taub als auch blind ist, geheilt hat. Direkt davor. Wenn wir glauben sollen, dann wollen wir noch einen Beweis und noch einen Beweis und noch einen Beweis. Was ist das für ein Glauben, der nur das glaubt, nur dem vertraut, was den eigenen engen und begrenzten Vorstellungen und Möglichkeiten, etwas zu verstehen, entspricht? Glauben muss nicht unvernünftig sein. Aber ein Glauben, der Gott auf das beschränkt, was dem Menschen technisch machbar ist, ordnet Gott den Men-schen unter. Ein Glauben, der nur das glaubt, was ich mir sowieso gedacht habe oder was mir wissenschaftlich nachprüfbar bewiesen ist, ist nicht mehr als ein Rechenspiel, nicht bereit, die eigenen Voraussetzungen zu hinterfragen. Eine Liebe, die nur das liebt, was beweisbar ist, verpasst das Wesentliche an der Liebe. Ohne das Vertrauen, dass auch da, wo meine Kontrollmöglichkeiten versagen, Leben und Liebe möglich sind, wird Leben doch nur noch kalt und lieblos.
Jesus widersetzt sich der Forderung, immer mehr Beweise dafür zu liefern, dass sich der Glauben an Gott lohnt und dass der Weg, den Jesus zeigt, der richtige Weg ist. Wahres Leben gibt es nur um den Preis, Liebe und Vertrauen zu wagen. Ohne Netz und doppelten Boden und Garantie. Jesus redet von Zeichen und von Menschen, die das geschafft haben. Umzukehren, falsche Wege zu lassen, neugierig zu bleiben, nach Weisheit zu suchen, auch ohne Beweise und Absicherungen. Als böse und treulos bezeichnet Jesus die Menschen, die ihm in dieser Zeit begegnen. Ein Zeichen will er ihnen geben: das des Jona. Jona sollte den Einwohnern der Stadt Ninive im Auftrag Gottes sagen, dass ihr böser Lebenswandel zur Vernichtung führt. Jona will nicht, hat Angst, versucht, zu fliehen, wird ins Meer geworfen und überlebt, so erzählt es die Geschichte, im Bauch eines großen Fisches. Er geht nach Ninive, erledigt seinen Auftrag und die Leute lassen sich anrühren. sie erkennen ihre Fehler, büßen dafür und können weiterle-ben. Jesus sagt, dass er mehr als Jona ist. Auch er ruft zur Umkehr von falschen Wegen und zeigt die tödlichen Konsequenzen von menschlicher Überheblichkeit auf. Sein Zeichen ist das Kreuz – der Tod und die Auferstehung. Drei Tage im Tod gefangen. Ob die Men-schen verstehen und umkehren? Die Menschen aus Ni-nive, die Gott nicht kannten, die von Gott nichts wissen wollten, die hatten verstanden. Die haben ihre Chance zur Umkehr genutzt. Auch ohne Zeichen, nur auf die Worte von Jona hin. Sie haben vertraut, obwohl es un-bequem für sie war.
Dann ist noch von der Königin aus dem Süden die Rede, aus Saba, vermutlich im heutigen Äthiopien. Sie war neugierig, sie wollte mehr von Gott wissen. Sie hat sich aufgemacht, ist aus ihrer Heimat losgezogen in die Fremde. Salomo, der König, hat ihr von Gott, erzählt. Sie war offen für Neues, hat Weisheit gefunden, weil sie aufbrechen, vertrauen konnte, ohne vorher Beweise da-für zu haben, dass sich das Vertrauen wirklich lohnt.
Es ist kein Zufall, dass ausgerechnet die Menschen aus Ninive und die Königin aus dem Süden hier erwähnt werden. Jesus steht dafür, dass alle zu Gott kommen dürfen. Unabhängig von ihrer Vorgeschichte. Unabhängig von ihrer Herkunft. Nicht die, die glauben, dass sie Gott fest für sich, am besten für sich allein haben, sind die, um die es geht, sondern die, die es wagen, zu vertrauen, obwohl sie Schuld auf sich geladen haben oder von weit her kommen. Glauben ist kein Besitz, den man kontrollieren und beweisen kann, sondern ein Weg, Leben zu finden. Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser. Die Menschen, die von Jesus Zeichen gefordert haben, die wollten Gottes Liebe, den Zugang zu Gott kontrollieren und in ihrem Sinn und Verständnis regeln. Jesus macht deutlich, dass das nicht geht. Gott überrascht uns. Mir geht das manchmal mit den Konfis so. Da denke ich mir manchmal: wieso sind die eigentlich da. Die interessieren sich für nichts richtig, die reden dazwischen, die machen Unsinn. Hat wenig Zweck, die sollte man nicht konfirmieren, weil sie es nicht ernst meinen. Aber dann denke ich mir auch: Vielleicht verstehe ich nur die Zeichen nicht richtig. vielleicht hat Gott mit denen etwas vor, das ich im Moment einfach nicht sehen kann. Sie sind ja auch neugierig, sie fragen. Sie provozieren mich.
Die Zeichen richtig deuten, eindeutige Zeichen haben wollen, ja, das kenne ich von mir. Und wenn ich am Anfang von anderen gesprochen habe, die angesichts der Katastrophen Zeichen fordern, dann weiß ich bei den kleinen und großen Katastrophen, die ich wahrnehme, dass ich auch oft genug froh wäre, wenn ich solche eindeutigen Zeichen hätte. Auf Kontrolle zu verzichten, loszulassen, aufzubrechen und Gott zu vertrauen, dass er den Weg kennt und Wege zeigt, auf den Menschen glauben, lieben, leben können, trotz aller Katstrophen, das fällt nicht immer leicht. Auch mir nicht. Aber am Ende gibt es keinen anderen Weg als den, auf Vertrauen hin zu leben. Ohne Absicherung. Ohne Vertrauen werde ich Liebe, auch und gerade die Liebe Gottes, nicht finden.
Amen.
Sabtu, 19 Mac 2011
Ahad, 13 Mac 2011
Es gibt kein zurück - Invokavit, 13.03.2011, Reihe III
Text: Genesis / 1. Mose 3,1-19
Liebe Gemeinde!
Es gibt kein zurück! Nein, ins Paradies, in eine Welt, in der die Menschen, die Tiere, die Schöpfung und Gott in völliger Harmonie miteinander leben, in der es kein Böses gibt, in eine solche Welt kommen wir nicht mehr. Und das alles bloß, weil die Frau mal wieder zu neugierig gewesen ist. Typisch Frau! Und das alles bloß, weil der Mann ohne nachzudenken einfach so das nimmt, was seine Frau ihm hinhält. Bisschen dumm vielleicht. Typisch Mann! Und das alles bloß, weil die Schlange Lust auf verbotene Früchte gemacht hat. Und das alles bloß, weil… - ist doch ungerecht! Ich kann doch nichts dafür! Sollen die doch büßen, die Schuld dran haben! Ich nicht, die anderen! Und schon sind wir mittendrin. Nicht in einer Geschichte, die tausende von Jahren alt ist und die auf bildliche Art erzählt, wie die Menschen das Paradies verloren haben. Wir sind mitten-drin in unserer Geschichte. In unserem Leben, das wahrlich kein Paradies ist. Wir sind mittendrin in unserer Welt, in der es an der Tagesordnung ist, Schuld erstmal von sich selbst weg zu weisen und bei anderen nach Schuld zu suchen. Nicht Guttenberg mit seiner fehlerhaften Doktorarbeit und seinem sehr wählerischen und nicht gerade offenen Umgang mit der Wahrheit war Schuld an seinem Rücktritt, sondern neidische politische Gegner und neidische Parteifreunde und die Medien. Nicht ich, die anderen - dieses Prinzip wird immer wieder rausgekramt. Seit Adam und Eva. Und es bringt uns immer wieder ein Stück weiter weg von Gott, ein Stück weiter weg vom Paradies. Es bringt nichts, sich in ein Paradies, in eine Welt perfekter Harmonie zurück zu träumen. Diese Welt haben wir verloren. Und aus eigener Kraft, wenn wir uns nur anstrengen würden und alle Menschen davon überzeugen könnten, Gutes zu tun, können wir sie nicht zurückgewinnen. Wir können sie nicht zurückgewinnen, weil wir von Anbeginn der Schöpfung an von Gott mit einer Komplettausstattung versehen wurden. Die biblischen Erzählungen von der Erschaffung des Menschen, gerade auch die Erzählung, die wir eben als Predigttext gehört haben, machen deutlich: Gott wollte kein willenloses Etwas, das sich einfach nur fortpflanzt und seinen Lebenssinn in der Zellteilung erfüllt sieht. Gott will ein Gegenüber, keine Marionette. Zum richtigen Gegenüber gehören auch die Möglichkeiten, zu zweifeln, zu denken, falsche Entscheidungen zu treffen. Die Freiheit des Scheiterns ist von Anfang an da.
Der Mensch konnte wissen, was gut ist. Gott hat ihm die Konsequenzen klar gesagt: du wirst sterben, wenn du vom Baum der Erkenntnis isst. Die Schlange hat die Hand der Frau nicht geführt. Sie hat noch nicht mal direkt gesagt: Tu doch das Verbo-tene! Sie hat die Frau selbst auf den Gedanken kommen lassen. Und der Mann hätte auch nicht zubeißen müssen. Die Frau hat keine Gewalt angewendet. Der Mensch, Mann und Frau, hätten die Chance gehabt, Nein zu sagen und Mensch bleiben können. Aber die Versu-chung, wie Gott sein zu wollen, war größer. Wichtig da-bei ist, was es in dieser Geschichte eigentlich heißt, wie Gott zu sein. Das ist eben nicht in erster Linie unbe-schränkte Macht oder Gewalt. Wie Gott zu sein heißt zuallererst hier in der Geschichte, Gut und Böse unterscheiden zu können und einen Blick auf das eigene Leben zu gewinnen.
Und der Blick auf das eigene Leben ist ernüchternd. Das erste, was Mann und Frau erkennen, ist, dass sie nackt und schutzlos sind. Der Mensch hier in der biblischen Geschichte kann diese Einsicht nicht aushalten. Er versteckt sich. Er will nicht zeigen, nicht wahrhaben, dass er im Grunde ausgeliefert und auf andere, letztlich auf Gott angewiesen ist. Und ich glaube, dass bis heute in diesem Punkt der Ursprung von ganz vielen Dingen steckt, die wir in unserer alltäglichen Sprache als Sünde bezeichnen. Ich glaube, dass hier die Wurzel für vieles von dem liegt, was wir in unserem Leben als Sünde oder falsch wahrnehmen. Nicht wenige machen im eigenen Leben oder mit anderen Menschen die Erfahrung: Ehe ich zugebe, dass ich verletzlich oder schwach sein kann und um Hilfe bitte, saufe ich mich lieber solange zu, kiffe ich lieber so lange, bis ich mich stark genug fühle und draufhauen kann, klauen kann, andere verletzen kann, damit ich mein eigenes Elend nicht sehen muss. Der relative Wohlstand, in dem wir leben, auch auf dem Richtsberg und trotz aller Armut hier, mit der Möglichkeit zu kostenloser Bildung und relativer Exis-tenzsicherung ist nicht nur deutschem Können und europäischem Fleiß, sondern auch dem Umstand geschuldet, dass nicht nur in Deutschland, sondern vor allem im Weltmaßstab Arbeit und Rohstoffe extrem ungerecht bezahlt werden und wir auf Kosten Ärmerer leben. Schwächen ausnutzen, damit eigene Schwächen nicht offenbar werden. Sicher gibt es auch ganz viele Gegenbeispiele von gelingendem Leben, von wahrgenommener Verantwortung, von selbstloser Nachbarschaftshilfe und vielem mehr. Keine Frage. Aber das, was in der alten katholischen Theologie als Todsünden beschreiben wird und was als Hauptlaster bis heute ja menschliches Miteinander schwer macht: Hochmut, Geiz, Genusssucht, Rachsucht, Maßlosigkeit, Neid und Faulheit, ist in allen seinen praktischen Ausprägungen der oft schlecht verborgene Versuch, die eigene Blöße, die eigene Nacktheit zu verbergen und an-dere stattdessen nackt und bloß dastehen zu lassen.
Auf den ersten Blick malt die Geschichte vom Sünden-fall im Paradies ein sehr trauriges Bild von uns Men-schen: Wir kommen nicht in den Zustand der Unschuld zurück. Wir sind nackt, ausgeleifert, wir sind leicht ver-führbar. Die Schlange in der Geschichte fordert die Frau ja nicht zum plumpen Regelverstoß auf, sie sät Zweifel. „Hat Gott wirklich gesagt, dass ihr von den Bäumen nicht essen dürft?“ – Hat er natürlich nicht. Die Frau sagt: „Natürlich dürfen wir, nur von dem einen nicht“ – Und schon bekommt der eine Baum eine besondere Wichtigkeit. Auf einmal wird das kleine Verbot viel wichtiger als alles, was erlaubt ist. Ja, wir sind verführ-bar. Wie gesagt, wir sind sozusagen eine Komplettliefe-rung: Mit Zweifeln, mit Denken, mit Neugier. Und mit der Möglichkeit, uns zu uns selbst, zu Gott, zu den Mit-geschöpfen zu verhalten. Mit allem guten, was dadurch möglich ist. Und mit den Schattenseiten. Mit der Entfer-nung zu Gott, weil wir uns selbst und das, was uns nicht gut tut, wichtig nehmen und ausprobieren. Wir können nicht einfach nur gut sein. Weil wir denken und bewusst handeln können. Weil wir mehr sind als ein vorprogrammierter Zellhaufen. Auf den ersten Blick also kein besonders optimistisches Bild.
Auf den zweiten Blick ergibt sich aber mehr. Das Leben ist hart nach der Vertreibung aus dem Paradies. Mühsam muss vieles der Erde abgetrotzt werden und auch die Liebe, die Beziehung hat ihre Unschuld verloren und wird nicht schmerzfrei sein. Hart – aber nicht gottverlassen. Auch wenn der Mensch, wenn ich mich von Gott entferne: Gott bleibt in der Nähe, er hilft zum Leben. Im Fortgang der Geschichte durch Kleidung, die er dem Mann und der Frau zu ihrem Schutz macht. Dadurch, dass er später selbst den Brudermörder am Leben lässt, ihn, den Schuldigen, zwar weiter in die Einsamkeit treibt, aber eben nicht unbegleitet lässt und ihm die Möglichkeit zum Leben und zur Umkehr schenkt. Ein für allemal und unübertrefflich hat er das durch seinen Sohn dann Gestalt werden lassen. Jesus, der im wahrsten Sinn Liebe und Gutes verkörpert und der durch die Schuld und wegen der Schuld der Menschen sterben musste. Schuld, Sünde trennen nicht länger endgültig von Gott. Wir können zum Leben, zu ihm umkehren. Wir werden das Paradies nicht herstellen können. Auch durch ein noch so moralisches Leben nicht. Wo Menschen dies versuchten und versuchen, da sind Hass und Diktatur nicht weit. Wo das Paradies auf Erden errichtet werden soll, ob im Namen Gottes oder im Namen einer politischen Ideologie, da geschieht genau das, was schon am Anfang zum Verlust der Einheit mit Gott geführt hat: Der Mensch will wie Gott sein und ihm nicht überlassen, was sein ist.
Wir müssen nicht Gott sein und Gott spielen. Wir dürfen Leben, trotz aller Schuld, auch wenn es oft hart ist. Wir dürfen leben und Gott geht, trotz aller Schuld, unseren Weg mit, damit wir Leben und zu ihm finden können.
Liebe Gemeinde!
Es gibt kein zurück! Nein, ins Paradies, in eine Welt, in der die Menschen, die Tiere, die Schöpfung und Gott in völliger Harmonie miteinander leben, in der es kein Böses gibt, in eine solche Welt kommen wir nicht mehr. Und das alles bloß, weil die Frau mal wieder zu neugierig gewesen ist. Typisch Frau! Und das alles bloß, weil der Mann ohne nachzudenken einfach so das nimmt, was seine Frau ihm hinhält. Bisschen dumm vielleicht. Typisch Mann! Und das alles bloß, weil die Schlange Lust auf verbotene Früchte gemacht hat. Und das alles bloß, weil… - ist doch ungerecht! Ich kann doch nichts dafür! Sollen die doch büßen, die Schuld dran haben! Ich nicht, die anderen! Und schon sind wir mittendrin. Nicht in einer Geschichte, die tausende von Jahren alt ist und die auf bildliche Art erzählt, wie die Menschen das Paradies verloren haben. Wir sind mitten-drin in unserer Geschichte. In unserem Leben, das wahrlich kein Paradies ist. Wir sind mittendrin in unserer Welt, in der es an der Tagesordnung ist, Schuld erstmal von sich selbst weg zu weisen und bei anderen nach Schuld zu suchen. Nicht Guttenberg mit seiner fehlerhaften Doktorarbeit und seinem sehr wählerischen und nicht gerade offenen Umgang mit der Wahrheit war Schuld an seinem Rücktritt, sondern neidische politische Gegner und neidische Parteifreunde und die Medien. Nicht ich, die anderen - dieses Prinzip wird immer wieder rausgekramt. Seit Adam und Eva. Und es bringt uns immer wieder ein Stück weiter weg von Gott, ein Stück weiter weg vom Paradies. Es bringt nichts, sich in ein Paradies, in eine Welt perfekter Harmonie zurück zu träumen. Diese Welt haben wir verloren. Und aus eigener Kraft, wenn wir uns nur anstrengen würden und alle Menschen davon überzeugen könnten, Gutes zu tun, können wir sie nicht zurückgewinnen. Wir können sie nicht zurückgewinnen, weil wir von Anbeginn der Schöpfung an von Gott mit einer Komplettausstattung versehen wurden. Die biblischen Erzählungen von der Erschaffung des Menschen, gerade auch die Erzählung, die wir eben als Predigttext gehört haben, machen deutlich: Gott wollte kein willenloses Etwas, das sich einfach nur fortpflanzt und seinen Lebenssinn in der Zellteilung erfüllt sieht. Gott will ein Gegenüber, keine Marionette. Zum richtigen Gegenüber gehören auch die Möglichkeiten, zu zweifeln, zu denken, falsche Entscheidungen zu treffen. Die Freiheit des Scheiterns ist von Anfang an da.
Der Mensch konnte wissen, was gut ist. Gott hat ihm die Konsequenzen klar gesagt: du wirst sterben, wenn du vom Baum der Erkenntnis isst. Die Schlange hat die Hand der Frau nicht geführt. Sie hat noch nicht mal direkt gesagt: Tu doch das Verbo-tene! Sie hat die Frau selbst auf den Gedanken kommen lassen. Und der Mann hätte auch nicht zubeißen müssen. Die Frau hat keine Gewalt angewendet. Der Mensch, Mann und Frau, hätten die Chance gehabt, Nein zu sagen und Mensch bleiben können. Aber die Versu-chung, wie Gott sein zu wollen, war größer. Wichtig da-bei ist, was es in dieser Geschichte eigentlich heißt, wie Gott zu sein. Das ist eben nicht in erster Linie unbe-schränkte Macht oder Gewalt. Wie Gott zu sein heißt zuallererst hier in der Geschichte, Gut und Böse unterscheiden zu können und einen Blick auf das eigene Leben zu gewinnen.
Und der Blick auf das eigene Leben ist ernüchternd. Das erste, was Mann und Frau erkennen, ist, dass sie nackt und schutzlos sind. Der Mensch hier in der biblischen Geschichte kann diese Einsicht nicht aushalten. Er versteckt sich. Er will nicht zeigen, nicht wahrhaben, dass er im Grunde ausgeliefert und auf andere, letztlich auf Gott angewiesen ist. Und ich glaube, dass bis heute in diesem Punkt der Ursprung von ganz vielen Dingen steckt, die wir in unserer alltäglichen Sprache als Sünde bezeichnen. Ich glaube, dass hier die Wurzel für vieles von dem liegt, was wir in unserem Leben als Sünde oder falsch wahrnehmen. Nicht wenige machen im eigenen Leben oder mit anderen Menschen die Erfahrung: Ehe ich zugebe, dass ich verletzlich oder schwach sein kann und um Hilfe bitte, saufe ich mich lieber solange zu, kiffe ich lieber so lange, bis ich mich stark genug fühle und draufhauen kann, klauen kann, andere verletzen kann, damit ich mein eigenes Elend nicht sehen muss. Der relative Wohlstand, in dem wir leben, auch auf dem Richtsberg und trotz aller Armut hier, mit der Möglichkeit zu kostenloser Bildung und relativer Exis-tenzsicherung ist nicht nur deutschem Können und europäischem Fleiß, sondern auch dem Umstand geschuldet, dass nicht nur in Deutschland, sondern vor allem im Weltmaßstab Arbeit und Rohstoffe extrem ungerecht bezahlt werden und wir auf Kosten Ärmerer leben. Schwächen ausnutzen, damit eigene Schwächen nicht offenbar werden. Sicher gibt es auch ganz viele Gegenbeispiele von gelingendem Leben, von wahrgenommener Verantwortung, von selbstloser Nachbarschaftshilfe und vielem mehr. Keine Frage. Aber das, was in der alten katholischen Theologie als Todsünden beschreiben wird und was als Hauptlaster bis heute ja menschliches Miteinander schwer macht: Hochmut, Geiz, Genusssucht, Rachsucht, Maßlosigkeit, Neid und Faulheit, ist in allen seinen praktischen Ausprägungen der oft schlecht verborgene Versuch, die eigene Blöße, die eigene Nacktheit zu verbergen und an-dere stattdessen nackt und bloß dastehen zu lassen.
Auf den ersten Blick malt die Geschichte vom Sünden-fall im Paradies ein sehr trauriges Bild von uns Men-schen: Wir kommen nicht in den Zustand der Unschuld zurück. Wir sind nackt, ausgeleifert, wir sind leicht ver-führbar. Die Schlange in der Geschichte fordert die Frau ja nicht zum plumpen Regelverstoß auf, sie sät Zweifel. „Hat Gott wirklich gesagt, dass ihr von den Bäumen nicht essen dürft?“ – Hat er natürlich nicht. Die Frau sagt: „Natürlich dürfen wir, nur von dem einen nicht“ – Und schon bekommt der eine Baum eine besondere Wichtigkeit. Auf einmal wird das kleine Verbot viel wichtiger als alles, was erlaubt ist. Ja, wir sind verführ-bar. Wie gesagt, wir sind sozusagen eine Komplettliefe-rung: Mit Zweifeln, mit Denken, mit Neugier. Und mit der Möglichkeit, uns zu uns selbst, zu Gott, zu den Mit-geschöpfen zu verhalten. Mit allem guten, was dadurch möglich ist. Und mit den Schattenseiten. Mit der Entfer-nung zu Gott, weil wir uns selbst und das, was uns nicht gut tut, wichtig nehmen und ausprobieren. Wir können nicht einfach nur gut sein. Weil wir denken und bewusst handeln können. Weil wir mehr sind als ein vorprogrammierter Zellhaufen. Auf den ersten Blick also kein besonders optimistisches Bild.
Auf den zweiten Blick ergibt sich aber mehr. Das Leben ist hart nach der Vertreibung aus dem Paradies. Mühsam muss vieles der Erde abgetrotzt werden und auch die Liebe, die Beziehung hat ihre Unschuld verloren und wird nicht schmerzfrei sein. Hart – aber nicht gottverlassen. Auch wenn der Mensch, wenn ich mich von Gott entferne: Gott bleibt in der Nähe, er hilft zum Leben. Im Fortgang der Geschichte durch Kleidung, die er dem Mann und der Frau zu ihrem Schutz macht. Dadurch, dass er später selbst den Brudermörder am Leben lässt, ihn, den Schuldigen, zwar weiter in die Einsamkeit treibt, aber eben nicht unbegleitet lässt und ihm die Möglichkeit zum Leben und zur Umkehr schenkt. Ein für allemal und unübertrefflich hat er das durch seinen Sohn dann Gestalt werden lassen. Jesus, der im wahrsten Sinn Liebe und Gutes verkörpert und der durch die Schuld und wegen der Schuld der Menschen sterben musste. Schuld, Sünde trennen nicht länger endgültig von Gott. Wir können zum Leben, zu ihm umkehren. Wir werden das Paradies nicht herstellen können. Auch durch ein noch so moralisches Leben nicht. Wo Menschen dies versuchten und versuchen, da sind Hass und Diktatur nicht weit. Wo das Paradies auf Erden errichtet werden soll, ob im Namen Gottes oder im Namen einer politischen Ideologie, da geschieht genau das, was schon am Anfang zum Verlust der Einheit mit Gott geführt hat: Der Mensch will wie Gott sein und ihm nicht überlassen, was sein ist.
Wir müssen nicht Gott sein und Gott spielen. Wir dürfen Leben, trotz aller Schuld, auch wenn es oft hart ist. Wir dürfen leben und Gott geht, trotz aller Schuld, unseren Weg mit, damit wir Leben und zu ihm finden können.
Sabtu, 5 Mac 2011
Mit Jesus chillen - Estomihi, 06.03.2011, Reihe III
Text: Lukas 10,38-42
Liebe Gemeinde!
Chillen, faulenzen, abhängen – ist das was Gutes? Kommt wahrscheinlich drauf an, wen man fragt. Wenn ich die Martha aus der Bibel fragen könnte, und mit ihr alle, die sich abrackern, damit es anderen gut geht, dann ist die Antwort klar: NEIN! Das ist nichts Gutes. Es ist doch gut und wichtig, anderen etwas Gutes zu tun. Für Gäste alles schön zu machen. Martha macht es ja nicht für sich. Sie hat Jesus – und mit ihm wahrscheinlich ja auch die Jünger oder andere, die mit ihm unterwegs waren - eingeladen. Und es macht viel Arbeit, etwas für andere vorzubereiten. Und die eigene Schwester setzt sich hin und chillt, hängt ab, faulenzt. Geht gar nicht. Es gibt viele, die, wie Martha, alles tun, damit es anderen gut geht. Frauen und Männer, ohne die kranke Angehörige nicht gepflegt würden. Die für ihre Kinder sich abrackern. Die in Kirchengemeinden oder Vereinen alles tun, damit es läuft und andere ihren Spaß haben. Die nicht nach Überstunden und Bezahlung fragen, sondern die für andere da sind und für andere arbeiten. Chillen, faulenzen, abhängen? Wenn alle anpacken wür-den, wäre vieles leichter und würde schneller gehen. Wenn Maria mit anpacken würde, hätte Martha auch früher Zeit, mit den Gästen da zu sitzen. Klar, dass für alle, die anpacken, die machen und tun, das nichts Gutes ist.
Und dann höre ich Schüler oder Konfis, die sagen: „Herr Kling-Böhm, chillen sie doch mal!“ Die sagen das, wenn ich sie zum Arbeiten bringen will, wenn ich will, das aufgeräumt wird oder dass es endlich losgehen kann. „Chillen sie doch mal!“ Wenn die Schüler oder die Kon-fis ein bisschen bibelfester wären und die Geschichte, die ich eben vorgelesen habe, kennen würden, dann könnten sie ja auch versuchen, mich sozusagen mit meinen eigenen Waffen, mit der Bibel, zu schlagen: „Jesus hat doch auch über Maria, die mit
ihm abhängt, mit ihm chillt, gesagt: sie hat das gute Teil gewählt. Er hat das nicht zu Martha gesagt, die sich abrackert und die will, dass ihre Schwester aufspringt und arbeitet. Also chillen sie doch auch mal!“ Wer hat jetzt Recht?
Wenn ich die Geschichte aus der Bibel ernst nehme, dann hat keiner Recht. Weder Maria und die Chiller noch Martha und die Fleißigen. Oder es haben beide Recht. Jesus sagt ja zu Martha nicht: „Du bist doch blöd, dass du arbeitest, Arbeit ist nichts wert.“ Er nimmt ihre Sorge um die Gäste, ihre Arbeit, ihre Mühe ernst. Und zu Maria sagt Jesus ja auch nicht: „Du machst es richtig! Ein bequemes Leben, in dem du andere für dich arbeiten lässt, ist das, was ich erwarte.“ Es geht nicht um das, was grundsätzlich besser wäre. Es geht darum, zur rechten Zeit das Richtige zu tun oder zu lassen. Es geht um den Wert des Zuhörens. Es geht nicht um bloßes Faulenzen. Es geht darum, die Situation richtig zu begreifen. Bleiben wir in der Geschichte: Jesus ist da. Er, der an anderer Stelle sagt: „Ich bin das Leben“. Das, was er zu sagen hat, das öffnet uns Menschen für dieses Leben. Aber auf das Wort vom Leben kann ich nicht hören, wenn ich glaube, gleichzeitig noch hundert andere Dinge erledigen zu müssen. Jesus zuzuhören, sein Wort vom Leben ins eigene Leben hineinzulassen, das braucht Zeit. Martha will für Jesus alles perfekt machen. Ich kann mir gut vorstellen, wie sie Gemüse schnippelt, Salat putzt, Brot backt und das beste Geschirr sauber macht, wie sie atemlos durch die Küche wirbelt, damit es Jesus gut geht. Sie liebt ihn so sehr, dass sie ihn rundherum bedienen und alles für ihn tun will. Und Maria, in Marthas eifrigen, ruhelosen Augen ein faules Stück Schwester, sitzt einfach nur da und hört ihm zu. Das will sie doch auch und vorher ist noch so viel zu erledigen! Der Clou an dieser Geschichte ist, dass Jesus das alles gar nicht braucht. Oder zumindest nicht zuerst. Er erwartet von Martha – und auch von uns heute – nicht, dass sie die perfekte Gastgeberin und ihm dient, dass wir ihm perfekt dienen. Er ist eben nicht gekommen, damit er bedient wird, sondern damit er den Menschen, Martha, Maria, dir, ihnen, mir, dient. Mit Worten, die neu für das Leben öff-nen. Mit Worten und Taten, die Leben gut und heil machen. So haben die Konfis oder die Schüler schon manchmal recht, wenn sie mir sagen: „Chillen sie doch mal!“ Ja, ich muss mir wirklich manchmal sagen lassen, mich selbst und das, was ich tue, nicht allzu wichtig zu nehmen. Mir Zeit zu nehmen, hinzuhören. Nicht auf den Lärm des Alltags. Nicht auf die scheinbar ständig wichtigen Anforderungen, die Kirchenleitung, Kirchenkreis, Gemeinde an mich stellen. Nicht auf die Versprechungen, die mir Werbung oder falsche Heilsbringer geben wollen, sondern auf das, was Jesus mir jetzt wirklich sagen will.
So oft und so ernsthaft wie in diesem Konfirmandenjahrgang bin ich noch nie gefragt worden, wie das geht, wie Jesus, wie Gott gehört werden kann. Ich finde das wirklich gut. Eine Antwort lässt sich aber nicht so einfach geben. Ruhe, offene Ohren und ein offenes Herz sind mir dafür wirklich wichtig. Worte, Gedanken aus der Bibel, die ihre Kraft nach und nach entfalten. Die manchmal Zeit brauchen, um zu mir zu sprechen. Vielleicht, das wünsche ich allen, die da sind, können auch Gottesdienste zu Orten und Zeiten werden, in denen Gott, in denen Jesus zu Menschen spricht. Nicht, weil ich so tolle Sachen predigen würde. Das sieht jeder sicher anders und das ist wirklich zweitrangig. Wenn die Predigt zu langweilig ist, zu lang oder gar nicht die Situation anspricht, in der man selber gerade ist, bietet sie doch 10, 15 oder manchmal mehr Minuten Gelegenheit, ruhig zu werden. Nachzudenken. Hinzuhören, auf das, was eigentlich gerade dran ist. Und vielleicht werde ich auch so ruhig, dass ich höre, was Gott mit meinem Leben im Moment gerade vorhat. Und das kann ja was ganz anderes sein als das, was ich als Pfarrer der Gemeinde, ihnen und euch, gerade jetzt oder ein anderes Mal erzähle. Zuhören, nicht nur auf die eigene Kraft, die eigenen Gedanken vertrauen, sich Zeit nehmen. Sich öffnen für das Wort vom Leben. Das sieht nach außen sicher manchmal wie abhängen, wie chillen aus. Aber es ist was anderes, als zu faulenzen. Faulenzen heißt: sich aus dem Leben rausziehen. Die Jesus-Art zu chillen heißt: sich dem Leben zu öffnen. Sich Zeit nehmen, das eigene Leben besser zu verstehen und sich wirklich beschenken zu lassen. Mit Liebe. Kostet nichts und macht nicht dick.
Mit Jesus chillen, ihm zuhören, das heißt für mich aber nicht, dass ich mich dann für den Rest meines Lebens berieseln lasse. Zuhören und arbeiten, Maria und Martha – beides hat seinen Sinn und seine Zeit. Ohne die Marthas, ohne die, die ihre Kraft für andere einsetzen, da wäre das Leben unerträglich. Es wäre kalt, von lauter lauen Egoisten beherrscht, die zu faul sind, sich zu bewegen und andere Menschen in den Blick zu nehmen. Gott, Jesus in den Blick zu bekommen, ihn zu hören, das heißt ja doch auch: einen Sinn, ein Gespür für das Leben zu bekommen. Und zu meinem Leben gehören auch die bekannten und unbekannten Menschen, denen ich begegne, die, so wie ich, von Gott geliebte Menschen sind. Was ich da tun kann, wie ich was tun kann – das ist ja ganz unterschiedlich. Nicht jeder ist eine Haushalts-, Koch-, Back- und Putz-Martha. Es geht darum, die eigenen Gaben zu entwickeln, die eigenen Stärken sehen und annehmen zu können. Aber eben nicht, um Gott damit einen Gefallen zu tun oder um mich vor ihm und vor der Welt zu produzieren, sondern weil ich das kann und weil das zu dem gehört, was mir geschenkt worden ist. Arbeit ist das halbe Leben. Ja, das ist sie. Das halbe Leben. Nicht alles. Aber auch nicht Nichts. Beten und Arbeiten. Chillen und Schaffen. Maria und Martha. Das gehört zusammen. Aber, und das macht diese Geschichte deutlich: erst zuhören, dann zupacken. Damit’s kein Krampf wird.
Amen.
Liebe Gemeinde!
Chillen, faulenzen, abhängen – ist das was Gutes? Kommt wahrscheinlich drauf an, wen man fragt. Wenn ich die Martha aus der Bibel fragen könnte, und mit ihr alle, die sich abrackern, damit es anderen gut geht, dann ist die Antwort klar: NEIN! Das ist nichts Gutes. Es ist doch gut und wichtig, anderen etwas Gutes zu tun. Für Gäste alles schön zu machen. Martha macht es ja nicht für sich. Sie hat Jesus – und mit ihm wahrscheinlich ja auch die Jünger oder andere, die mit ihm unterwegs waren - eingeladen. Und es macht viel Arbeit, etwas für andere vorzubereiten. Und die eigene Schwester setzt sich hin und chillt, hängt ab, faulenzt. Geht gar nicht. Es gibt viele, die, wie Martha, alles tun, damit es anderen gut geht. Frauen und Männer, ohne die kranke Angehörige nicht gepflegt würden. Die für ihre Kinder sich abrackern. Die in Kirchengemeinden oder Vereinen alles tun, damit es läuft und andere ihren Spaß haben. Die nicht nach Überstunden und Bezahlung fragen, sondern die für andere da sind und für andere arbeiten. Chillen, faulenzen, abhängen? Wenn alle anpacken wür-den, wäre vieles leichter und würde schneller gehen. Wenn Maria mit anpacken würde, hätte Martha auch früher Zeit, mit den Gästen da zu sitzen. Klar, dass für alle, die anpacken, die machen und tun, das nichts Gutes ist.
Und dann höre ich Schüler oder Konfis, die sagen: „Herr Kling-Böhm, chillen sie doch mal!“ Die sagen das, wenn ich sie zum Arbeiten bringen will, wenn ich will, das aufgeräumt wird oder dass es endlich losgehen kann. „Chillen sie doch mal!“ Wenn die Schüler oder die Kon-fis ein bisschen bibelfester wären und die Geschichte, die ich eben vorgelesen habe, kennen würden, dann könnten sie ja auch versuchen, mich sozusagen mit meinen eigenen Waffen, mit der Bibel, zu schlagen: „Jesus hat doch auch über Maria, die mit
ihm abhängt, mit ihm chillt, gesagt: sie hat das gute Teil gewählt. Er hat das nicht zu Martha gesagt, die sich abrackert und die will, dass ihre Schwester aufspringt und arbeitet. Also chillen sie doch auch mal!“ Wer hat jetzt Recht?
Wenn ich die Geschichte aus der Bibel ernst nehme, dann hat keiner Recht. Weder Maria und die Chiller noch Martha und die Fleißigen. Oder es haben beide Recht. Jesus sagt ja zu Martha nicht: „Du bist doch blöd, dass du arbeitest, Arbeit ist nichts wert.“ Er nimmt ihre Sorge um die Gäste, ihre Arbeit, ihre Mühe ernst. Und zu Maria sagt Jesus ja auch nicht: „Du machst es richtig! Ein bequemes Leben, in dem du andere für dich arbeiten lässt, ist das, was ich erwarte.“ Es geht nicht um das, was grundsätzlich besser wäre. Es geht darum, zur rechten Zeit das Richtige zu tun oder zu lassen. Es geht um den Wert des Zuhörens. Es geht nicht um bloßes Faulenzen. Es geht darum, die Situation richtig zu begreifen. Bleiben wir in der Geschichte: Jesus ist da. Er, der an anderer Stelle sagt: „Ich bin das Leben“. Das, was er zu sagen hat, das öffnet uns Menschen für dieses Leben. Aber auf das Wort vom Leben kann ich nicht hören, wenn ich glaube, gleichzeitig noch hundert andere Dinge erledigen zu müssen. Jesus zuzuhören, sein Wort vom Leben ins eigene Leben hineinzulassen, das braucht Zeit. Martha will für Jesus alles perfekt machen. Ich kann mir gut vorstellen, wie sie Gemüse schnippelt, Salat putzt, Brot backt und das beste Geschirr sauber macht, wie sie atemlos durch die Küche wirbelt, damit es Jesus gut geht. Sie liebt ihn so sehr, dass sie ihn rundherum bedienen und alles für ihn tun will. Und Maria, in Marthas eifrigen, ruhelosen Augen ein faules Stück Schwester, sitzt einfach nur da und hört ihm zu. Das will sie doch auch und vorher ist noch so viel zu erledigen! Der Clou an dieser Geschichte ist, dass Jesus das alles gar nicht braucht. Oder zumindest nicht zuerst. Er erwartet von Martha – und auch von uns heute – nicht, dass sie die perfekte Gastgeberin und ihm dient, dass wir ihm perfekt dienen. Er ist eben nicht gekommen, damit er bedient wird, sondern damit er den Menschen, Martha, Maria, dir, ihnen, mir, dient. Mit Worten, die neu für das Leben öff-nen. Mit Worten und Taten, die Leben gut und heil machen. So haben die Konfis oder die Schüler schon manchmal recht, wenn sie mir sagen: „Chillen sie doch mal!“ Ja, ich muss mir wirklich manchmal sagen lassen, mich selbst und das, was ich tue, nicht allzu wichtig zu nehmen. Mir Zeit zu nehmen, hinzuhören. Nicht auf den Lärm des Alltags. Nicht auf die scheinbar ständig wichtigen Anforderungen, die Kirchenleitung, Kirchenkreis, Gemeinde an mich stellen. Nicht auf die Versprechungen, die mir Werbung oder falsche Heilsbringer geben wollen, sondern auf das, was Jesus mir jetzt wirklich sagen will.
So oft und so ernsthaft wie in diesem Konfirmandenjahrgang bin ich noch nie gefragt worden, wie das geht, wie Jesus, wie Gott gehört werden kann. Ich finde das wirklich gut. Eine Antwort lässt sich aber nicht so einfach geben. Ruhe, offene Ohren und ein offenes Herz sind mir dafür wirklich wichtig. Worte, Gedanken aus der Bibel, die ihre Kraft nach und nach entfalten. Die manchmal Zeit brauchen, um zu mir zu sprechen. Vielleicht, das wünsche ich allen, die da sind, können auch Gottesdienste zu Orten und Zeiten werden, in denen Gott, in denen Jesus zu Menschen spricht. Nicht, weil ich so tolle Sachen predigen würde. Das sieht jeder sicher anders und das ist wirklich zweitrangig. Wenn die Predigt zu langweilig ist, zu lang oder gar nicht die Situation anspricht, in der man selber gerade ist, bietet sie doch 10, 15 oder manchmal mehr Minuten Gelegenheit, ruhig zu werden. Nachzudenken. Hinzuhören, auf das, was eigentlich gerade dran ist. Und vielleicht werde ich auch so ruhig, dass ich höre, was Gott mit meinem Leben im Moment gerade vorhat. Und das kann ja was ganz anderes sein als das, was ich als Pfarrer der Gemeinde, ihnen und euch, gerade jetzt oder ein anderes Mal erzähle. Zuhören, nicht nur auf die eigene Kraft, die eigenen Gedanken vertrauen, sich Zeit nehmen. Sich öffnen für das Wort vom Leben. Das sieht nach außen sicher manchmal wie abhängen, wie chillen aus. Aber es ist was anderes, als zu faulenzen. Faulenzen heißt: sich aus dem Leben rausziehen. Die Jesus-Art zu chillen heißt: sich dem Leben zu öffnen. Sich Zeit nehmen, das eigene Leben besser zu verstehen und sich wirklich beschenken zu lassen. Mit Liebe. Kostet nichts und macht nicht dick.
Mit Jesus chillen, ihm zuhören, das heißt für mich aber nicht, dass ich mich dann für den Rest meines Lebens berieseln lasse. Zuhören und arbeiten, Maria und Martha – beides hat seinen Sinn und seine Zeit. Ohne die Marthas, ohne die, die ihre Kraft für andere einsetzen, da wäre das Leben unerträglich. Es wäre kalt, von lauter lauen Egoisten beherrscht, die zu faul sind, sich zu bewegen und andere Menschen in den Blick zu nehmen. Gott, Jesus in den Blick zu bekommen, ihn zu hören, das heißt ja doch auch: einen Sinn, ein Gespür für das Leben zu bekommen. Und zu meinem Leben gehören auch die bekannten und unbekannten Menschen, denen ich begegne, die, so wie ich, von Gott geliebte Menschen sind. Was ich da tun kann, wie ich was tun kann – das ist ja ganz unterschiedlich. Nicht jeder ist eine Haushalts-, Koch-, Back- und Putz-Martha. Es geht darum, die eigenen Gaben zu entwickeln, die eigenen Stärken sehen und annehmen zu können. Aber eben nicht, um Gott damit einen Gefallen zu tun oder um mich vor ihm und vor der Welt zu produzieren, sondern weil ich das kann und weil das zu dem gehört, was mir geschenkt worden ist. Arbeit ist das halbe Leben. Ja, das ist sie. Das halbe Leben. Nicht alles. Aber auch nicht Nichts. Beten und Arbeiten. Chillen und Schaffen. Maria und Martha. Das gehört zusammen. Aber, und das macht diese Geschichte deutlich: erst zuhören, dann zupacken. Damit’s kein Krampf wird.
Amen.
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