Jumaat, 28 Disember 2012

Dazwischen! - Jahreslosung 2013, gehalten Silvester 2012

Predigt Silvester 12, Jahreslosung 2013: Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir (Hebr. 13,14)

Liebe Gemeinde!
Wir leben dazwischen. Selten wird mir das so bewusst wie in diesen Tagen. In den Tagen, die man „zwischen den Jahren“ nennt, an Silvester, dem letzten Tag des Jahres.  Eigentlich passiert ja gar nichts Aufregendes. Genauso wie am 9. Januar, am 24. März oder am 17. Oktober geht die Sonne unter und aller Wahrscheinlichkeit auch wieder auf, machen Menschen in der Welt unterschiedliche Dinge, gibt es fröhliche und traurige Menschen, werden Kinder geboren und andere Menschen sterben. Es gibt Kriege, Hunger und Elend genauso wie viele Gelegenheiten, sich zu freuen. Es passiert nichts Außergewöhnliches. Wenn man Papierkalender hat, wird eben ein neuer aufgehängt oder in die Tasche gesteckt. Den Nutzern elektronischer Kalender wird einfach morgen früh eine andere Jahreszahl angezeigt. Trotzdem bringen mich diese Tage, insbesondere der letzte Tag des Jahres, immer wieder zum Nachdenken. Die Zeit vergeht eben nicht nur irgendwie neutral, sondern mit ihr vergeht unweigerlich auch ein Stück eigenes Leben. Wieder ein Stück Zeit, das eben noch als Zukunft vor mir lag und nun Vergangenheit geworden ist. Prägungen für das weitere Leben waren vielleicht  dabei, vieles aber auch, was jetzt schon nicht mehr richtig erinnert werden kann, was verschwimmen und vergehen wird. Nichts bleibt für die Ewigkeit, noch nicht mal die Erinnerung. Oder bleibt doch etwas? Die Hoffnung auf eine Zukunft, die gut sein wird? Das Vertrauen in einen Gott, der vor aller Zeit war, der sich in dieser Zeit erfahren lässt und der nach aller Zeit noch sein wird? Gott, der uns in dieser Zeit hält, der uns hilft, diese Zeit anzunehmen und der uns über diese Zeit hinausführt? Ist es das, was bleibt? Oder die Erfahrung, dass im Gedächtnis der Menschen und der Menschheit sehr wohl Platz ist für Geschichte, dass wir sehr wohl Wurzeln in der Vergangenheit haben und um diese Wurzeln wissen? Vergehen oder Bleiben?
Wir leben dazwischen, finde ich. Zwischen ernüchternder Erfahrung und lebendiger Hoffnung.  Beides ist Teil unseres Lebens. Beides gehört zum Menschsein und vor allem zum Christsein dazu. Wir leben dazwischen. Denn da spielt sich Leben ab. Zwischen dem Wunsch nach Halt, Ruhe und Beständigkeit und der Sehnsucht und Hoffnung auf eine möglichst gute und bessere Zukunft. Manchmal bildet sich das auch räumlich ab. Mir begegnen immer wieder Menschen, die sagen: „Es ist doch furchtbar, so ein eigenes Haus, eine gut eingerichtete Wohnung zu haben.
 Wohnungen und Häuser, das sind doch eher unsoziale Rückzugsorte. Wie schön ist es doch im Süden, wo sich das Leben auf der Straße, in der Gemeinschaft abspielt!“ Und andere sind da, für die ist es wichtig, ein Haus oder eine Wohnung zu haben, in der sie in Ruhe gelassen werden. Und wo ist nun das Leben? Draußen, auf dem Marktplatz, da, wo viele zusammenkommen? Drinnen, in meinem Haus, in meiner Wohnung, wo ich das Gefühl von Sicherheit habe? Ich würde sagen: Dazwischen. Es gibt kein absolutes richtiges Bild von einem absolut richtigen Leben. Wir brauchen als Menschen, in unserem Leben beides: Privatheit und Öffentlichkeit. Räume zum Rückzug und Räume zur Begegnung. Wo eins von beiden fehlt, wird Leben schwer, manchmal unmöglich. Ich finde es sehr schön, dass die Jahreslosung, die uns durch das Jahr 2013 begleitet, sowohl auf den räumlichen als auch auf den zeitlichen als auch auf den geistigen und geistlichen Aspekt des Lebens Bezug nimmt. Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir. Keine schöne Perspektive, wenn ich gerade ein Haus gebaut oder eine Wohnung gekauft habe. Wenn ich gerade angefangen habe, an einem neuen Wohnort mich heimisch zu fühlen, Arbeit gefunden habe, Freunde gefunden habe. Da will ich doch, das was bleibt. Wie unbeständig räumliche Heimat sein kann, daran erinnern mich immer wieder die vielen Menschen aus unserer Gemeinde, die aus Russland und anderen ehemaligen Sowjetrepubliken zu uns gekommen sind. Die Vorfahren sind aus Deutschland an die Wolga gewandert, dort mit Zwang und oft unglaublicher Brutalität vertrieben, aus dem Nichts ein Neuanfang in Kasachstan, Sibirien oder anderswo,  dort geheiratet, Familien gegründet, Haus oder Wohnung, oft noch Garten gehabt, Familie und Freunde und dann ins unbekannte Deutschland. in eine alte, fremde Heimat mit unsicherem Neuanfang, mehrfacher Umzug aus Lagern und Übergangsheimen in Wohnungen und Häuser – was ist da Heimat? Wir haben hier keine bleibende Stadt – die Generation der 70, 80-jährigen Russlanddeutschen kann davon ein manchmal trauriges Lied singen. Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir – was für die einen bedrohlich klingt ist für andere eine Beschreibung der Lebenswirklichkeit und für wieder andere vielleicht wirklich Ausdruck der Hoffnung. Ich denke da heute besonders an die Millionen Flüchtlinge, die auch das Jahr 2012 produziert hat. Menschen, die vor dem Bürgerkrieg in Syrien fliehen. Christen in Ägypten, in Nigeria, dem Irak und vielen anderen Ländern, die vor Verfolgung fliehen und vor allem die Millionen, die wegen der ungerechten und ungleichen Verteilung von Nahrung, Möglichkeiten zur Gesundheitsversorgung, Bildung, Lebenschancen und Wirtschaftsgütern Heimat verlassen und neue Perspektiven in der Fremde suchen. In der Hoffnung auf ein besseres Leben, wenn nicht für sich selbst, dann für die Kinder. Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir – ein Spiegel unserer Wirklichkeit.
Der Schreiber des Hebräerbriefs, dem wir diesen Vers verdanken, der hatte natürlich nicht den Richtsberg oder Winnen, nicht Deutschland, Europa und die Welt im 21. Jahrhundert im Blick. Aber trotzdem passen die Worte bis heute. Weil sie helfen, mit der Angst vor dem Vergehen umzugehen. Weil sie helfen, Hoffnung wachzuhalten. Weil sei einen ehrlichen und realistischen Blick auf ein Leben im Glauben werfen. Der Zusammenhang, in dem die Verse stehen, ruft dazu auf, Christus nachzufolgen, der vor der Stadt gelitten hat und dessen Bestimmung sich außerhalb fester Häuser und Bezirke erfüllt hat. Das ist gerade heute ein spannender Gedanke. So sehr Kirchen als Gebäude Heimat geben können, so sehr sie Merkzeichen für den Glauben in einer Welt sind, die sich in Europa immer weniger interessiert an der Sache Jesu zeigt, so gut es tut, wenn Wohnort und Kirchengemeinde mehr oder weniger eins sind, so sehr müssen wir uns immer wieder darauf besinnen, dass dies höchstens als Hilfe für uns taugt. Dass die Botschaft Christi und seine Liebe und seine Zuwendung zu den Menschen über unsere Gebäude und Gemeindegrenzen hinausgeht und dass es nicht in erster Linie darum geht, Bestehendes so lange wie möglich zu verteidigen, sondern vor den Toren des Bekannten und Vertrauten Christus zu  vermuten und ihn mit dem, was wir sagen, was wir tun und lassen auch dort zu verkündigen.
Und das macht noch einmal deutlich, dass die zukünftige Wohnung, auf die wir nicht nur hoffen dürfen, sondern die wir ja suchen können, keine Wohnung aus Steinen ist, sondern eine, in der etwas davon zu spüren ist, was in Christus Gestalt gewonnen hat: die Freiheit von der Angst, nicht genügen zu können, die Freiheit, von der Sucht, alles festhalten zu müssen. die Freiheit zur Liebe. dort, wo gute Gedanken über den Mitmenschen da sind, dort wo Hilfe angeboten und angenommen werden kann, dort wo Vorurteile abgebaut werden und Urteile gnädig gesehen werden, dort, wo ich mich selbst als Bedürftigen wahrnehmen kann, dort wo ich trauern darf, wenn es an der Zeit ist und meine Freude laut werden darf, wenn es soweit ist, mich zu freuen, dort, wo Gerechtigkeit und Frieden wachsen können, dort ist etwas von dieser zukünftigen Stadt, von dieser Heimat, die haltbarer ist als jedes seit Generationen im Familienbesitz befindliche Haus, zu spüren. Das war hoffentlich an vielen Stellen 2012 so und das wird, mit Gottes Hilfe und Gnade, auch 2013 so werden. wir leben dazwischen. In einer Zeit, in der vieles nicht so ist, wie es sein sollte, in der Gott sich aber immer noch in dieser Welt erfahren lässt. Wir leben dazwischen. Nicht nur zwischen den Jahren. Wir leben dazwischen. Wir leben. Gott sei Dank.
Amen.

Sabtu, 22 Disember 2012

Besuch von ganz oben - 1. Weihnachtstag 2012, Reihe V

Text: Joh 3,31-36, Reihe V
Liebe Gemeinde!
Besuch von oben kommt! Wer im Berufsleben steht, der weiß, dass das oft genug mit gemischten Gefühlen verbunden ist. Der Chef kommt – da fallen einem doch gleich alle großen und kleinen Dinge ein, die nicht so gut gelaufen sind. Die möchte man dann nicht so gern zeigen. Schnell noch ein bisschen hier und da was ändern – damit der Chef einen guten Eindruck bekommt. Ob in der Schule die Schulinspektion angesagt ist, ob in der Kirche der Bischof mal vorbeikommt oder ob die eigene Mutter zu Besuch kommt – man will gut dastehen. Wenigstens einigermaßen soll alles in Ordnung gebracht werden. Und gerade beim letzten Besipiel finde ich es wirklich zum Schmunzeln, wie man als längst erwachsener Sohn, als längst erwachsene Tochter, die lange nicht mehr mit den Eltern unter einem Dach lebt, doch darauf achtet, den Maßstäben, die die Mutter in der Kindheit gesetzt hat, einigermaßen gerecht zu werden. Das ist nicht nur bei mir so, das erlebe ich ganz oft. Gut da stehen, nicht enttäuschen, auch wenn dazu ein bisschen getrickst und der Alltag ein bisschen kosmetisch aufgehübscht werden muss. Unter diesem Gesichtspunkt lässt sich vielleicht sogar dem Aufräumen und Putzen, dem Schmücken und Herrichten der Wohnung vor Weihnachten etwas abgewinnen. Viele versuchen, gerade zu Weihnachten etwas anderes, Schöneres, als den normalen eigenen Alltag zu zeigen. Weil Besuch von oben kommt? Weil man Jesus ein schönes Bild vom eigenen Leben zeigen will oder ihm dadurch, dass man aufgeräumt und alles so schön es geht gemacht hat, zeigen will, dass er wichtig und willkommen ist? Oder weil es einfach dazugehört, weil es alle machen und weil man irgendwie glaubt, nicht dazuzugehören, wenn man es nicht macht?
Eine Zeit lang war ich kritisch gegenüber allen äußeren Weihnachtsvorbereitungen. Und was Deko angeht, bin ich bis heute eher typisch Mann, da habe ich nicht so ein Händchen für. Aber mittlerweile finde ich auch, dass durch Äußerlichkeiten durchaus ausgedrückt werden kann, was einem innerlich wichtig ist. Klar, sehr viele nutzen Äußerlichkeiten zur Selbstdarstellung oder als letztlich innerlich leere Traditionspflege. Aber ich kann nicht über die inneren Einstellungen von anderen urteilen. Ich sehe nur, was vor Augen ist. Tiefer sehen kann nur der, der wirklich den Überblick hat. Der, der von oben schaut, von oben kommt. Der, der wirklich Herr über das Leben ist, neben dem alle irdischen Chefs, Direktoren, Meister, Bischöfe und selbst Mütter blass und klein aussehen. Gott, der in Jesus menschliche Gestalt angenommen hat. Der Leben überblickt, der tiefer sieht, als je ein Mensch das könnte.
Davon redet der Täufer Johannes zu Menschen vor langer Zeit in den Versen aus dem Johannesvangelium, die heute als Predigttext vorgesehen sind und die für mich auf den ersten Blick wenig weihnachtlich daherkommen. Im 3. Kapitel, in den Versen 31-36, werden diese Worte als Teil einer Rede des Täufers überliefert:
 Nicht nur Besuch von oben, der auch wieder geht, sondern einer, der von oben kommt und das Leben nicht nur irgendwie verändert, sondern der die Grenzen des Lebens sprengt.
„Wer an den Sohn glaubt, der hat das ewige Leben“. Grenzenlos leben. Nicht mit der Angst, dass am Ende alles sinnlos und vorbei ist und ich als Mensch auf die Fehler und Versäumnisse festgelegt werde, die ich bei Kurzbesuchen vielleicht überspielen, verschleiern, verstecken kann. Sondern ein Leben, in dem ich mich aufgehoben, geliebt, verändert wissen darf. Ein Leben in Beziehung zu seinem tiefsten Grund, die auch durch den Tod nicht zerstört wird. Nicht nur Besuch von oben, sondern einer, der Leben teilt, schenkt, bereichert. Weil er bleibt. Wie gesagt, dieser Abschnitt aus der Bibel hat auf den ersten Blick wenig Weihnachtliches. Aber für mich machen gerade diese etwas sperrigen Worte deutlich, dass sich das Geschehen, das wir an Weihnachten feiern, nämlich die totale Hinwendung Gottes zum Menschen, nicht auf zwei, drei für viele hoffentlich sehr nette und schöne, für andere anstrengende oder Angst besetzte Tage im Dezember reduziert. Wir feiern, dass Gott sich nicht nur als ferner Weltenlenker, als abgehobener Herrscher verehren lässt, sondern dass er sich in dieser Welt, in aller Armut und Vorläufigkeit zeigt. Dass er dem ganzen Leben, mit Geburt und Tod, mit Bedürftigkeit und allen Missverständnissen, eine wirklich unverlierbare Würde gibt, weil er sich dem Leben ganz ausgesetzt hat. Wir feiern, dass er die Grenzen endgültig sprengt: die Grenzen der Liebe, die sich eben nicht auf ein Volk, eine Rasse, Menschen mit einer bestimmten Bildung oder anderen, von uns gemachten Kriterien, beschränken lässt. Noch nicht mal auf die, die sich besonders bemühen, Gottes Willen gerecht zu werden. Seine Liebe sprengt diese Grenzen. Und auch die Grenze, die der Tod setzt. Auch da hört die Liebe nicht auf. Auch da sind Versöhnung und Beziehung möglich – oder auch unmöglich, wenn  das Vertrauen in die Kraft dieser Liebe fehlt Wenn das Vertrauen, dass Leben durch Jesus wirklich neu werden kann, nicht da ist. Mit dem, was in der Rede von Johannes hier „Zorn Gottes“ heißt, sind nicht irgendwelche perversen Höllenstrafen gemeint, sondern eine ewige Beziehungslosigkeit. Natürlich ist das alles bildlich gesprochen. Wir können nicht anders, als von Gott in menschlichen Bildern zu reden. Aber wenn ich im Bild bleibe: Auch in menschlichen Beziehungen ist nicht eine Strafe, eine Ohrfeige, ein Taschengeldentzug, ein Fernsehverbot, eine Lohnkürzung oder eine schlechte Note das wirklich Schlimme, sondern der Abbruch der Beziehung, die totale Sprachlosigkeit. Was mir als Pfarrer manchmal bei Beerdigungen ganz besonders bewusst wird, wenn zum Beispiel zwischen Eltern und Kindern Jahre- oder jahrzehntelang nur noch Schweigen war.
Durch seine Menschwerdung lädt Gott uns Menschen ein, eine dauerhafte Beziehung zu ihm einzugehen. Eine Beziehung, die auch schwere Zeiten, auch Zeiten der Entfernung aushält. Er lädt ein. Er zwingt nicht. Das feiern wir an Weihnachten. Was Weihnachten und dieses Zeugnis des Täufers perfekt zusammenbringt, ist für mich die Ergänzung. Diese Worte, die betonen, dass wir in Jesus wirklich Gott sehen, dass er allein von der Wahrheit Gottes wirklich erzählen kann, weil er sie von Anfang an kennt, sind zwar vielleicht erst beim zweiten, dritten, vierten Hören oder Lesen einigermaßen zu verstehen, aber sie machen deutlich: Bei dem, was der Kern von Weihnachten ist, da geht es um mehr als um ein leibliches Kind, das man gern in den Arm nehmen möchte. Da geht es um mehr als darum, von der Hinwendung Gottes zu den Hirten und anderen, die am Rand stehen zu reden. Da geht es um mehr als um ein gemütliches Fest. Da geht es um eine Sebstoffenbarung Gottes. Gott zeigt uns Menschen sein Wesen. Liebe. Aber eben auch, dass er als Gott immer auch Gott in Beziehung ist. Als Mensch macht er sich in dieser Welt erfahrbar – mit allen Konsequenzen, eben auch mit Hilfsbedürftigkeit eines Kindes. Mit der Armut. In alldem begegnet uns keine romantische Sehnsucht nach einem besseren Leben, sondern der wahre Gott. Und die Weihnachtsgeschichte macht uns deutlich, dass der, der von oben kommt, nicht der ist, der uns von oben herab behandelt. Leicht schleicht sich dieses Verständnis ein. Vielleicht auch, weil sich darin unsere menschliche Erfahrung widerspiegelt, dass die, von denen gesagt wird, sie seien oben – in der Gesellschaft, im Ansehen, in der Firma, oft genug so erfahren werden, dass sie glauben, sie seien bessere Menschen und andere als minderwertig behandeln. Nicht immer, aber die Erfahrungen werden gemacht. Hier ist es anders. Hier steigt Gott von oben hinab, um uns Menschen auf Augenhöhe zu begegnen. Weihnachten, das Kind in der Krippe, und die Worte von Johannes – beide gehören zusammen. Das Zeugnis von Gott, von der Wahrheit gewinnt auf Augenhöhe Gestalt. Und trotzdem nehmen es nicht alle an, trotzdem erkennen es viele nicht.  Vielleicht, weil andere Bilder die Wahrnehmung blockieren. Die Bilder eines Gottes, der seinen Macht in Gewalt oder naturwissenschaftlich unmöglichen Wundern zeigen müsste. Der seine Macht darin zeigen müsste, dass alle Menschen in Reichtum leben müssten. Gott erfüllt nicht unsere Wünsche, sondern seine Verheißungen – da stehen wir uns manchmal im Weg. Nicht nur damals, zu Zeiten des Johannes, sondern bis heute. Und bis heute ist die Spannung da, die er beschreibt. Das Gefühl, dass viele scheinbar nichts von dieser frei machenden, Leben schenkenden Botschaft wissen wollen. Selbst zu Weihnachten sind die Besucher der Gottesdienste die Minderheit, auch unter denen, die getauft sind. Da müssen wir uns nichts vormachen. Aber erstens kann man aus äußeren Kriterien wie Gottesdienstbesuch oder Taufe  nicht unbedingt schließen, ob jemand die Wahrheit, die Jesus bezeugt, für sein Leben angenommen hat oder nicht. Und zweitens ist die Perspektive, die uns in Jesus begegnet, eine andere. Nicht der Ärger über die, die nicht da sind, sondern die Freude über die, die Kommen. Und die Einladung, die immer wieder ergeht, das Suchen nach denen, die eben noch nicht da sind.
Besuch von oben kommt! Lassen wir ihn rein? Räumen wir auf? Haben wir ein wenig Bammel vor dem, was er vielleicht sehen und von uns denken könnte? Besuch von oben ist da! Gott sei Dank! Und er stört sich nicht an dem, was er sieht, sondern will helfen, Ordnung in unser Leben zu bringen. Damit wir befreit das ewige Leben, die unzerstörbare Beziehung zum Grund unseres Lebens, zur Liebe Gottes empfangen können. Besuch von oben kommt! Gott sei Dank immer wieder auch zu uns. Amen.

Der schöne Schein - Christvesper am Hl. Abend, Reihe V

Joh 7,28f.  i.V. mit „Die Heilige Nacht“ von Fritz von Uhde,
Liebe Gemeinde!
Die Kerzen fangen zu brennen an / das Himmelstor ist aufgetan / Alt und Jung sollen nun / Von der Jagd des Lebens einmal ruhn / Und morgen flieg ich hinab zur Erden / denn es soll wieder Weihnachten werden“. Jetzt ist es soweit, wie Theodor Storm es in seinem Gedicht vom Knecht Ruprecht beschrieben hat. Hoffentlich. Hoffentlich ist das Christkind auf der Erde, nicht als rot bemantelter Geschenkebringer, sondern als lebendige Liebe, die von Gott kommt. Hoffentlich gelingt es uns, nicht nur in dieser Stunde Gottesdienst am Heiligabend von der Jagd des Lebens ein wenig zu ruhen. Wenigstens tauchen die Kerzen heute Abend die Kirche in ein schönes, warmes Licht und hoffentlich erreicht dieser schöne Schein nicht nur die Augen, sondern auch unsere Herzen. Der schöne Schein, der über allem ist. Ich habe ihnen heute Abend eine Karte von einem gut 130 Jahre alten Bild des Malers Fritz von Uhde geschenkt. Ich habe sie ausgesucht, weil mich der schöne Schein auf dem Bild unmittelbar angesprochen hat. Das Kind, in dem sich Gott offenbart, liegt behütet und von warmem Licht beschienen in einem Stall. Finsternis ist noch da. Aber dort, wo das Kind ist, ist es warm und hell. Eine schöne junge Frau betrachtet liebevoll das Kind, in dem sie Gottes Wirken erkennt, wie an ihren zur Anbetung gefalteten Händen zu  erkennen ist. Links, eigentlich im Stil der alten Altarbilder ein eigenes Bild, stehen andächtig Hirten, die ebenfalls etwas von diesem schönen Schein abbekommen und rechts singt ein Engelchor aus schönen Kindern im warmen Licht. Für mich ein schönes Bild. Ein schöner Schein – wie unsere Christvesper im Kerzenschein. Interessant ist die Geschichte des Bildes. In der ersten Fassung hat der Maler eine etwas ältere Maria mit einer krummen, großen Nase gemalt, die Haare längst nicht so anmutig. Und links kamen keine Hirten, sondern Fabrik- und Landarbeiter, dreckig, direkt von der Arbeit. Und der Engelchor hätte meine 9. Klasse sein können. Liebenswert, aber chaotisch, manchmal frech und ziemlich durcheinander. Die Kritiker sagten, dass man doch Weihnachten nicht so hässlich darstellen könne – und der Maler hat das Bild tatsächlich korrigiert und übermalt und wirklich den schönen Schein gemalt. Darf man das? Weihnachten ganz realistisch malen? Darf man das? Die Wirklichkeit übermalen und einen schönen Schein zaubern? Ist nicht Weihnachten sowieso viel zu viel schöner Schein da, der nur eine trübe, manchmal raue und hässliche Wirklichkeit überdecken soll? Es ist gefährlich, gerade an Weihnachten vom schönen Schein zu reden. Leistet man damit nicht Kritikern Vorschub, die Christen vorwerfen, dass sie sich und der Welt nur was vormachen mit ihrem Glauben, der doch nur bestenfalls ein frommes Märchen ist, aber für die wirkliche Welt nichts zählt? Oder trauen wir uns erst recht, vom schönen Schein zu reden, der uns etwas von Gott erfahren lässt, der schon jetzt -und nicht erst in irgendeiner fernen Zukunft Leben und Welt verwandelt, der schon jetzt ganz normalem, einfachem, manchmal schwerem und rauem Leben einen Glanz gibt, den es sich selbst niemals geben könnte? Einen Glanz, der Wirklichkeit nicht künstlich schönt und tarnt, sondern der Leben tatsächlich verändert? Es wird Weihnachten – aber wer ist da zu uns auf die Erde gekommen? Ein romantisch glänzendes Christkind, holder Knabe im lockigen Haar? Oder Gott, der die Welt verändert und durch seine Gegenwart einen schönen Schein in alles Leben bringt?
Ich war zuerst geschockt, als ich gesehen habe, was für diesen Gottesdienst als Predigttext vorgesehen ist. Nichts Weihnachtliches, sondern eine Aussage des erwachsenen Mannes Jesus, der von sich weiß, dass er der Christus, der Gesalbte Gottes ist, und der im Streit mit Menschen, die glauben, Gott genau zu kennen, folgende Aussage macht, die wir im 7. Kapitel des Johannesevangeliums nachlesen können: Da rief Jesus, der im Tempel lehrte: Ihr kennt mich und wisst, woher ich bin. Aber nicht von mir selbst aus bin ich gekommen, sondern es ist ein Wahrhaftiger, der mich gesandt hat, den ihr nicht kennt. Ich aber kenne ihn; denn ich bin von ihm, und er hat mich gesandt. „Ihr kennt mich“ – als Jesus das ausrief, hätten die Menschen wahrscheinlich geantwortet: „Du bist der Sohn des Zimmermanns Josef, selber Zimmermann. Du kommst aus einem Städtchen in Galiläa, nicht gerade der Nabel der Welt. Du bist nichts Besonders und maßt dir an, Gottes Sohn zu sein. Du übertreibst.“ Die Wahrheit, so würde ich das, was Jesus zu seinen Kritikern sagt, übersetzen, die Wahrheit kennt ihr nicht, ihr lasst euch vom äußeren Schein leiten.
Und wir heute? Kennen wir wirklich Christus? Wir feiern Weihnachten. Wir feiern die Geburt Christi, wir feiern, dass Gott sich als Mensch erfahren lässt und Leben verändert. Oder feiern wir nur den schönen Lichterschein und die Gemütlichkeit in der Familie oder die Geschenke? Ich finde es irre, gleichzeitig irgendwie schön und doch irritierend und fast traurig, dass Menschen völlig losgelöst von Gott dieses Fest feiern. Nicht nur in China oder Japan, wo es nur sehr wenige Christen gibt, auch in Deutschland. Jesus spielt keine Rolle, aber Weihnachten muss gefeiert werden. Welche Wahrheit wird da gefeiert? Die Wahrheit, dass Menschen Ruheplätze vom Alltag brauchen? Die Wahrheit, dass Menschen manchmal auch Gelegenheit brauchen, sich selbst, ihre Beziehungen, ihre Familie zu inszenieren? Also: Weihnachten nur ein Fest der Scheine? Der Geldscheine und der schönen Scheine in Gedanken, die aber mit der Wahrheit Gottes nichts mehr zu tun haben?
Ich will Christus nicht verharmlosen, ich will ihn nicht zu einem harmlosen Spaßbringer in der Weihnachtszeit machen, an den man einmal im Jahr vielleicht noch von Ferne in Advents- und Weihnachtskonzerten denkt. Aber ich will auch nicht, erst recht nicht, etwas über Menschen sagen, die gerade zu Weihnachten das Bedürfnis haben, Gottesdienste zu besuchen und zumindest den Zipfel einer Ahnung davon bekommen, dass die Wahrheit über das Leben sich eben nicht darin erschöpft, den größten Baum zu haben, die schönsten Geschenke auszutauschen, im Alltag andere möglichst auszustechen und für sich, seine Familie oder seine Gruppe das Meiste rauszuholen oder nach Maßstäben, die andere an uns anlegen, schön, schlank, braungebrannt, muskulös und attraktiv zu sein.  Die Wahrheit, den Wahrhaftigen, der mich gesandt hat, kennt ihr nicht. Letztlich sagt Jesus das nicht nur zu den Frommen und Glaubenden seiner Zeit, die nicht glauben konnten, dass sich Gottes Wahrheit ausgerechnet im Sohn eines Zimmermanns offenbart. Auch ich kenne nur Bilder. Er sagt das letztlich auch zu mir, auch zu uns. Wir kennen die Bilder, die Andere uns gemalt haben. Mein Religionslehrer im Gymnasium das Bild eines revolutionären Umstürzlers, meine Oma das Bild eines guten Hirten und treuen Begleiters im Leben, mein Konfirmationspfarrer, meine Eltern, Freunde und Bekannte, und letztlich auch mein eigenes Leben, meine eigenen Erfahrungen im Beten und Hören bei Predigten – das alles hat mein Bild gemalt. Aber es ist nur ein Schein von dem, was die Wahrheit ist, nur ein Bild. Gerade zu Weihnachten wird mir das besonders bewusst. Wir wissen gar nicht, an welchem Tag Jesus tatsächlich geboren wurde. Und wie es drumrum aussah. Da haben wirklich Bilder unser eigenes Bild geprägt. Wir kennen die Wahrheit gar nicht. Wenn jemand heut etwas anderes sagt: Ich glaube, Jesus würde ihm so begegnen wie den Frommen seiner Zeit. Die Wahrheit ist größer als unsere Bilder, anders als unsere Bilder. Weihnachten ist nicht dann, wenn Schnee liegt oder Geschenke verteilt werden oder Lichter an Weihnachtsbäumen angesteckt werden oder die Weihnachtsgeschichte vorgelesen wird. Für mich gehört das dazu. Weihnachten ist dort, wo Gott uns einen Zipfel seiner Wahrheit zu erkennen gibt. Den Schein, der das Leben heller macht, der aber, und da bin ich Realist und das finde ich an dem Bild so schön, noch längst nicht alle Finsternis vertrieben hat. Wir  sehen noch nicht alles. Wir können ahnen. Nicht mehr und nicht weniger. Und wir können uns ein wenig anstecken lassen von dem schönen Schein Gottes, der ein Stück Licht, ein Stück Wahrheit in unser Leben bringt. Ich finde es schön, wenn wir uns an Weihnachten vom schönen Schein anstecken lassen. Nicht, damit wir aus der Wirklichkeit fliehen, sondern damit wir im Bewusstsein behalten, dass nicht das, was uns als Wirklichkeit verkauft wird, nämlich dass Leben käuflich sei, dass es auf Geld und gute Noten ankäme, das letztlich der Erfolg zählte, die Wahrheit ist. Der schöne Schein hält die Sehnsucht nach einer Wahrheit, in der Liebe und Gerechtigkeit sich endlich durchsetzen, wach. Die Wahrheit Gottes, die wir in diesen Tagen feiern dürfen, ist größer als alle Bilder, die wir davon haben. Und wenn wir die Bilder, die wir im Kopf und im Herzen haben, die Bilder, die von anderen inspiriert wurden, wirklich als Bilder annehmen können und nicht mit der Wahrheit selbst verwechseln, dann können wir feiern, dass Gottes Liebe mit ihrem Schein Leben wirklich zum Guten verändern will, dass dieser Schein Seiten in uns anrührt, die wir manchmal nicht wahrhaben können oder wollen. Dass Gott die Welt und ihre Machtverhältnisse nicht bestätigen, sondern verändern will. Dass Kinder Kinder sein dürfen und nicht an den Maßstäben gemessen werden müssen, die Erwachsene als wirtschaftlichen Erfolg definieren, dass Alte alt sein dürfen und nicht so tun müssen, als wären sie mit 80 noch wie 40 oder besser 30. Gott bringt seinen Schein in unsere Welt. Nicht, damit wir uns mit einer geschönten Schein-wirklichkeit zufrieden geben, sondern damit sich auch unsere Wirklichkeit im Schein seiner Wahrheit immer mehr verändert. Und wir Ruhe und Frieden finden. Das Himmelstor ist aufgetan / Alt und Jung sollen nun / Von der Jagd des Lebens einmal ruhn. Das offene Tor um Himmel, durch das Gott zu uns kommt. Der uns einlädt, zur Ruhe zu kommen. Das ist mein Bild. Und wie sieht ihres aus? Amen

Gott bei der Arbeit... - 3. Advent (und auch am 4. gehalten) 2012, Reihe V

Liebe Gemeinde!
Manchmal ist es schön, anderen bei der Arbeit zuzusehen. Aber dabei gibt’s Unterschiede. Einmal gibt’s die bequeme Art. Ich lehne mich gemütlich zurück, lasse andere für mich arbeiten. Wenig Einsatz, bei dem möglichst viel für mich herauskommt. Faul sein soll sich schließlich lohnen. Diese Art von Zusehen meine ich nicht. Ich finde sie auf Dauer unmenschlich, weil sie unglaublich egoistisch ist und andere Menschen nicht als Menschen, sondern nur als Mittel zum Zweck sieht, die hoffentlich dumm genug sind, das Ganze nicht zu durchschauen. Es gibt aber auch eine andere Art von Zusehen. Die, bei der ich mir die Zeit nehme, genau hinzuschauen, was der andere macht. Weil es mich vielleicht interessiert, weil ich was daraus lernen kann, weil ich Anregungen für die eigene Arbeit finde, weil ich auch mal Zeit zur Ruhe finde. Diese Art, anderen bei der Arbeit zuzusehen, ist ganz wichtig und wertvoll. Wer immer nur für sich selbst arbeiten will, wer glaubt, immer nur aktiv sein zu müssen, der verlernt es auf Dauer, zu lernen, zu leben. Der bleibt in sich selbst gefangen und wird am Ende wirklich leer und hohl wie seine Arbeit vermutlich auch. Es ist zutiefst menschlich, hinschauen zu können, von der Arbeit der anderen für sich selbst zu lernen und das, was für das Eigene passt, mitzunehmen. Und genau das erleben wir hier in der ersten Hälfte von dem, was ich gerade als Predigttext vorgelesen habe. Dieser Abschnitt aus dem Prophetenbuch gibt uns einen Einblick in die himmlische Arbeit Gottes. Er lässt uns Gott sozusagen bei der Arbeit zuschauen. Natürlich kann jetzt ganz viel dagegen gesagt werden.
Zum Beispiel: „Pfarrer, warum redest du vom Himmel? Davon steht nichts in den Bibelworten. Und im Himmel fliegen Flugzeuge und da gibt es ferne Galaxien, aber dass Gott da wohnt, diese Vorstellung passt doch nicht in die heutige Zeit.“ Alles richtig. In der Schule waren Mathe und die Naturwissenschaften meine liebsten Fächer. Und trotzdem finde ich, dass Himmel als Bild für eine Art Wohnort Gottes aus vielen Gründen gut ist.  Erstens hat es was mit unserem normalen Leben zu tun, ohne das es das Gleiche wäre wie unser Leben hier auf der Erde. Zweitens können wir aus eigener Kraft nicht so einfach dahin. Trotz aller Forschung und aller Hilfsmittel bleibt es uns doch auch ein ganzes Stück weit entzogen. Und drittens lädt der Himmel einfach dazu ein, nach oben zu schauen, ihn zu betrachten. Gott will uns nicht niederdrücken, wir sollen nicht dauernd nach unten sehen, sondern er will uns aufrichten – auch das steckt für mich in diesem Bild. Und der Einwand, dass das so nicht wörtlich in dem steht, was ich aus der Bibel vorgelesen habe, ist nur die halbe Wahrheit. Oft wird gerade dieser Abschnitt aus dem Buch Jesaja so verstanden, als würde von Anfang der Mensch, der in besonderer, guter Beziehung zu Gott steht, angeredet. „Tröstet, tröstet mein Volk, spricht der Herr“, oft wird das so verstanden, als sollte man als Mensch, der eine besondere Nähe zu Gott hat, loslegen und zu allen gehen, die man für trostbedürftig hält und sie am besten auf einmal trösten. Die Kinder ohne Eltern und die alleinlebenden Alten und die Leute in den Gefängnissen und die Kranken und die Trauernden und die und die und die und die und die auch noch. Vor lauter Trostbedürftigkeit kann einem ganz schwindlig werden und der Auftrag, da überall zu trösten, der würde auch den frommsten Christen und den gläubigsten Juden am Ende umhauen. Der Auftrag an den MENSCHEN, hier in der Gestalt des Propheten, der kommt in unserem Bibelabschnitt erst in der Mitte. Da heißt es „Es sprach eine Stimme: Predige!, und ICH sprach: Was soll ich predigen?“ Vorher gewährt uns diese Geschichte aus der Bibel einen Einblick in die HIMMLISCHE Arbeit Gottes. Natürlich kann man da fragen: „Aber mit wem redet Gott denn da?“
Es gibt die uralte Vorstellung, dass Gott von Engeln und anderen „Himmelswesen“  umgeben ist. Und als Christ kann ich auch glauben, dass Jesus ja nicht nur in den gut 30 Jahren seines Lebens auf der Erde existiert hat, sondern schon vorher ein Teil von Gott war. Aber auch das sind alles nur Bilder, an die man so wörtlich gar nicht glauben muss. Wichtig ist, dass diese Bilder deutlich machen: Gott ist von Anfang an Gott in Beziehung. Beziehung gehört zum Wesen Gottes mit dazu. Er ist kein tauber Stein, kein Einsiedler ohne Kontakt zu Außenwelt, sondern Gott ist immer Gott in Beziehung. Und weil Beziehung zu seinem Wesen gehört, ist das nicht nur auf den Umgang mit den Menschen beschränkt, sondern bildet sich auch auf besondere Art und Weise in der dem Menschen entzogenen göttlichen Welt ab. Es ist also nicht zuallererst der Mensch, der andere irgendwie trösten soll, auch nicht der von Gott besonders begabte, sondern Gott gibt sich sozusagen selbst den Auftrag, die Voraussetzungen zu schaffen, dass Trost in dieser Welt erfahren werden kann. Als Mensch darf  ich mich als Bedürftigen sehen. Ich muss nicht zuerst trösten, damit ich für Gott gut bin, sondern er macht sich auf den Weg zu mir, will erst Trost entstehen lassen, damit von da aus mehr geschehen kann und ich als Mensch aktiv werden kann. Ich glaube tatsächlich, dass gilt: Nur wer getrost ist, kann auch selber trösten. Getrost, nicht unbedingt schon getröstet. Getrost heißt für mich, dass ich auch in Situationen, die ich kaum aushalten kann und die mir zeigen, wie bedürftig ich bin, mit der Gegenwart und der Liebe Gottes rechne, auch wenn ich sie im Moment vielleicht nicht direkt erfahren kann. Manchmal steckt ja auch gerade im Zugeben der eigenen Zweifel und Trauer ein Stück Trost für andere. Die Bewegung des Trostes beginnt bei Gott. ER kommt auf UNS zu. Für mich das Entscheidende an diesen Worten aus der Bibel. In der Wüste lässt er sich einen Weg zu seinen Menschen bahnen. Die Wüste steht für eine Welt, in der Leben schwer ist. Es ist nicht nur heiß und trocken, sondern die Wege sind auch schwer zu erkennen und wo eben noch ein Weg war, kann er im nächsten Augenblick durch einen Sandsturm schon weg sein. Gott kommt mit seinem Trost durch die Wüsten des Lebens auf die Menschen zu. Damals, als die Worte zum ersten Mal zu hören waren, durch die Wüste eines Lebens in einem fremden Land mit fremder Sprache und fremder Religion ohne Aussicht auf Rückkehr in die Heimat leben zu müssen. Und heute? Durch welche Wüsten sucht sich  Gott heute einen Weg zu den Menschen? Vielleicht durch die Wüste der Jagd nach dem großen Geld, der alles Leben untergeordnet wird, wie es manchmal scheint. Es gibt viele, ganz unterschiedliche Erfahrungen, wo für einen Menschen, für mich, Leben wie eine Wüste, fast aussichtslos und ausweglos scheint. Und dann sollen auch noch die Gräben zugeschüttet und die Hügel eingeebnet werden: das, was den Blick auf Gottes Liebe verstellt, soll klein gehalten werden und das, was von Gott trennt, Schuld, die wir auf uns laden, soll nicht mehr vom Trost und der Liebe trennen. Schöne Bilder. Vor allem, weil sie deutlich machen, dass GOTT die Hindernisse für uns aus dem Weg räumt.
Erst dann geht es los mit der menschlichen Leistung. Und das ist hier die Predigt des Propheten. Das, was er sagen soll, das hört sich nicht attraktiv an. Leben ist vergänglich, das sagt er. Tolle (ironisch) Botschaft. Du bist endlich. Hört niemand gern. Aber es ist die Wahrheit. Und nur dann, wenn ich mir nichts vormache, kann ich Trost erfahren, der wirklich stark ist. „Das Wort des Herrn bleibt ewig“, das ist der Kern der Botschaft des Propheten. Wort des Herrn – das ist nicht die gedruckte Bibel, sondern das ist die Zusage Gottes, seinen Bund mit den Menschen aufrecht zu erhalten. Das ist die Liebe Gottes, die sich dem Menschen ganz zuwendet. Das ist die endgültige Vernichtung von dem, was dem Leben im Weg steht.  Darauf könnt ihr euch verlassen, sagt der Prophet. Gottes Liebe ist eben nicht so vergänglich wie das Leben der Menschen. Trost liegt nicht darin, dass ich als Mensch unendlich und unsterblich und mit Superkräften ausgestattet sein müsste, damit ich mit meinem bisschen Leben was wert wäre. Trost kann darin liegen, dass ich auf der einen Seite die Unvollkommenheit meines eigenen Lebens annehmen kann und in aller Unvollkommenheit darauf vertrauen kann, dass Gott seinen Weg zu mir immer wieder sucht und findet und seine Liebe viel stärker und haltbarer ist als alles, was ich als Mensch schaffen könnte.
Und das spiegelt sich dann eben auch im Schluss der Worte aus der Bibel wider. Da ist die Rede davon, dass von Jerusalem Freude ausgehen wird und dass Gott dort wohnt. Das ist nicht nur heute angesichts der unfriedlichen Lage in der Stadt schwer vorstellbar, das war es auch damals. Jerusalem war fast komplett zerstört, verarmt und der Tempel, der Ort, an dem Gott im Glauben der Menschen damals wirklich erfahrbar ist, war völlig kaputt. Und genau da, wo Menschen nur Trümmer sehen und denken, Gott hätte sich aus dem Staub gemacht, wird Trost und Frieden und Gerechtigkeit wachsen und Gott wird wieder zu erfahren sein. Seine Liebe und seine Zuwendung sind stärker als jede Zerstörung, als jeder Zweifel, weil die Welt eben ganz anders ist, als es im Sinn Gottes gut wäre. Nicht Vergänglichkeit, Zerstörung und Tod, nicht die Trostlosigkeit ist am Ende stark, sondern Freude, Geborgenheit, Trost und Erlösung sind es. Und das nicht deshalb, weil wir so toll wären oder weil wir es uns verdient hätten oder weil wir schon mal vorgearbeitet hätten. Nein, sondern einfach deshalb, weil Gott es so will, weil er die Menschen liebt, wie wir auch in wenigen Tagen wieder feiern dürfen.

Jumaat, 30 November 2012

Ein dickes Lob - für Gott, für Merkel, für den OB, für die Lehrerinnen und die Schüler! - 1. Advent, 02.12.12, Reihe V

Text: Lukas 1,67-79
Liebe Gemeinde!
Ich will heute zuallererst mal unsere Bundesregierung, die Landesregierung und den Oberbürgermeister und den Bürgermeister von Marburg loben. Ich finde es einfach toll, dass es Menschen gibt, die einen großen Teil ihres Privatlebens aufgeben. Die sich in die Öffentlichkeit stellen, weil eben Entscheidungen getroffen und durchgesetzt werden müssen. Die sich angreifbar machen, nicht nur für berechtigte Kritik, sondern auch für jede Menge üble Beschimpfungen und Beleidigungen. Die trotzdem nach bestem Wissen und Gewissen und nach Recht und Gesetz Arbeit machen, die, so vermute ich mal, keiner von uns hier im Gottesdienst machen will und die wenigsten, mich eingeschlossen, gut machen würden. Ein großes, dickes Lob. Ein Lob auch an die Lehrer, die mit einer oft unverständlichen Bürokratie kämpfen müssen, die täglich oft unmotivierten, frustrierten, manchmal respektlosen Schülerinnen und Schülern gegenüberstehen, die sich mit Eltern beschäftigen müssen, die grundsätzlich alles besser wissen oder die sich nicht um die Erziehung ihrer Kinder kümmern, und die sich trotzdem oft gut vorbereitet jeden Morgen aufmachen um jungen Menschen zu helfen, ihr Leben zu meistern. Ein großes, dickes Lob. Und ein genauso großes Lob auch an alle Schüler. An die Hauptschüler, denen oft nichts zugetraut wird, über die andere lästern. An die Gymnasiasten, die mit übervollen Stundenplänen zu kämpfen haben. An die Schüler der Mittelstufe, die manchmal nicht nur wegen der Pubertät total orientierungslos sind. An alle, die mit manchmal schon ziemlich ungerechten Noten oder Vorurteilen zu kämpfen haben und die sich trotzdem jeden Morgen aus dem Bett quälen, die trotz allem die Hoffnung nicht aufgegeben haben, dass im Schulbesuch doch ein tieferer Sinn steckt. Ein großes und ernstgemeintes Lob an sie, an euch alle.
Was soll das jetzt? Könnten vielleicht manche denken. Politiker treffen viele unsinnige Entscheidungen, manchmal nicht zum Wohl der Mehrheit, sondern zum eigenen Wohl oder zum Wohl guter Freunde. Lehrer haben lang Ferien und werden gut bezahlt. Und Schüler sollen doch mal sehen, dass es in anderen Ländern nicht selbstverständlich ist, kostenlos in relativ gute Schulen gehen zu dürfen. Da muss man doch nicht loben! Nicht geschimpft ist gelobt genug! Der Rest ist doch selbstverständlich!
Ja, so leben Menschen manchmal. Nicht geschimpft ist gelobt genug! Erwachsene – aber auch Jugendliche und Kinder. Ich wahrscheinlich auch. Schade eigentlich. Und egoistisch. Diese Haltung drückt nämlich einen ziemlich egoistischen Anspruch aus. Erstens: ich weiß, was richtig ist und wie die Dinge laufen. Zweitens: ich habe einen Anspruch, dass alles so läuft, wie ich es für richtig halte. Drittens: wenn etwas nicht so läuft, dann habe ich das Recht zu meckern, alles andere ist ja mein gutes Recht. Also: wann haben sie, wann hast du das letzte Mal gelobt? Vielleicht sogar Gott gelobt? Denn ich glaube, dass sich beim Glauben an Gott oft das fortsetzt, was im Alltag normal zu sein scheint. Da wird ganz viel Bitte gesagt: bitte lass doch die Englisch- oder Mathearbeit nicht so schwer werden,  lass doch die Krankheit nicht so schlimm sein, lass die Menschen nicht hungern, lass die Kriege aufhören und so weiter. Und manchmal auch Danke. Danke, dass die Arbeit gut lief, danke, dass ich eine Freundin gefunden habe, danke, dass die Diagnose beim Arzt nicht so schlimm war. So eine Art Geschäft: Du, Gott, hast dafür gesorgt, dass mir was Gutes passiert ist, also sag ich mal Danke, damit es das nächste Mal wieder klappt. Aber Lob? „Danke Gott, dass du da bist, dass du viel größer bist, als wir uns das vorstellen können, dass du uns kennst und liebst, auch wenn wir oft genug Unsinn machen!“ Mit dem Lob ist das eben auch hier so eine Sache. Da herrscht manchmal so eine Meinung vor: „Also, Gott hätte doch alles perfekt machen können. Wenn er das nicht gemacht hat, ist er doch selber Schuld!
Wieso soll ich ihn dann loben? Ist doch nur fair, dass er sich wenigstens ein bisschen um mich kümmert, schließlich habe ich es mir ja nicht ausgesucht, auf dieser Welt zu sein.“ Gott loben – das fällt oft genug ziemlich schwer. Da fällt manchem, wie gesagt, mir durchaus auch, schnell ein, was alles nicht in Ordnung ist. Der Hunger in der Welt und die ungerechten Lebensverhältnisse, die in Afrika, Asien und Südamerika oft noch sehr viel ungerechter als bei uns sind und an die wir am 1. Advent ja auch durch die Eröffnung von Brot für die Welt erinnert werden. Oder die Einsamkeit, in der viele leben müssen, oft genug durch den Tod eines geliebten Menschen. Und gerade das wird in der Adventszeit oft besonders deutlich spürbar. Oder es gehen einem die Menschen nicht aus dem Kopf, die Kinder misshandeln oder töten, in letzter Zeit, so scheint es mir, immer öfter die eigenen. Oder die Kriege in der ganzen Welt. Fast vergessen in Mali und im Kongo, ganz präsent in Afghanistan und ausgerechnet in der Weltgegend, in der Jesus gewirkt hat, die blutigen Auseinandersetzungen zwischen Palästina und dem Staat Israel. Gott loben – trotz Krieg, Leid, Tod, Hunger? Mehr Bitten und Klagen, Lob wäre doch unehrlich, da kann man doch froh sein, wenn Menschen den Glauben an Gott nicht aufgegeben haben angesichts all dem Schlechten in der Welt! Auch das ist eine Haltung, die mir, und ich glaube nicht nur mir, öfter mal begegnet und nicht fremd ist.
Und genau deshalb finde ich es unglaublich schön, dass in diesem Jahr ein großes Loblied als Predigttext für den 1. Advent einfach dran ist. Zacharias, der Vater von Johannes dem Täufer, der lobt Gott ganz einfach, so erzählt es Lukas. Sie haben es schon gemerkt, ich will heute nicht Vers für Vers oder Abschnitt für Abschnitt den Predigttext auslegen und erklären. Das kann man auch und für mich ist das auch spannend. Aber für mich ist es am Anfang des neuen Kirchenjahres, zu Beginn der Adventszeit, ein großes Geschenk, mit einem Loblied zu starten. Und da geht es mir in diesem Jahr nicht um jedes einzelne Wort, sondern um die Grundhaltung. Ich finde schon den Anfang bemerkenswert. Gelobt sei der Herr, der Gott Israels! Denn er hat besucht und erlöst sein Volk. Von außen betrachtet übertreibt Zacharias maßlos. Klar, Gott loben ist okay. Aber dann. Erlösung für das Volk. Die Römer haben weiter geherrscht, gute 70 Jahre später das Land zerstört und seine Einwohner vertrieben. Johannes der Täufer und Jesus hatten sehr viel mehr Gegner als Freunde. Beide werden hingerichtet. Und obwohl Jesus viele Menschen heilte und Hungernde satt machte, gab es weiter kranke und sterbende Menschen und auch Menschen, die abends hungrig ins Bett gingen. Wie gesagt, von außen betrachtet völlig übertrieben. Da könnte man wieder die ganzen Klagen loswerden. Aber die Haltung, die hinter diesen Worten steckt und vor allem die Haltung von Lukas, der das alles wusste und ja gar nicht hätte überliefern müssen, ist eine andere. Ein großes Lob dafür, dass Gott eben nicht wartet, bis alles perfekt ist, sondern dass er schon in der oft so unvollkommenen Welt Menschen immer wieder daran erinnert und ihnen es auch ganz konkret zeigt, dass er ihr Gott ist, dass er Menschen nicht allein lässt, dass nicht Hunger, Not, Verderben, Tod sein Wille sind, sondern dass Leben, dass Liebe, Versöhnung und Gerechtigkeit sein Werk und Wille sind und dass er Menschen immer wieder ermuntert, falsche Wege zu sehen und von falschen Wegen umzukehren. Ein großes, dickes Lob an Gott dafür, dass er nicht die Fehler der Menschen, nicht die Sünde in den Vordergrund und Mittelpunkt stellt, sondern seine Liebe zu den Menschen. Ein Lob dafür, dass Gott verlässlich ist in seiner Liebe, zu seinen Menschen, zu seinem Volk. Zu uns Christen, vor allem aber auch zu den Nachkommen Abrahams, zum biblischen Volk Israel, zu den Juden. Und ich glaube, dass wir Christen heute Gott auch dafür loben können, dass er uns nicht aus den Augen verliert, obwohl wir seiner ersten Liebe, den Juden, so viel Schlimmes angetan haben und seine Liebe auch dadurch in den Dreck ziehen, dass Christen diesen Namen, Juden, als Schimpfwort benutzen. Ich würde gern noch ganz, ganz viel erzählen, weil ich das Lob so schön finde und weil mir ganz viel einfällt, wofür ich Gott loben möchte, aber ich will die Predigt nicht zu lang werden lassen. Deshalb nur noch kurz zwei Dinge. Zum einen finde ich es wichtig, was vor dem Lob des Zacharias kommt. Er war verstummt, weil er nicht glauben wollte, dass er Vater wird. Das Lob ist dann das erste, was er wieder sagt. Vielleicht tut es wirklich gut, mal still zu sein, Ruhe zu finden, nicht ständig plappern und aktiv sein zu müssen, damit man wieder offen wird für das, was es zu loben gilt. Die Adventszeit macht es einem ganz schön schwer, zur Ruhe zu kommen. Als Pfarrer, als Eltern, als Schüler, der dauernd Arbeiten schreiben muss. Vielleicht kommt unser Lob erst später, nach Weihnachten, wenn’s ruhiger wird. Aber ich hoffe, dass es kommt. Lob als Frucht der Ruhe – ein Gedanke. Der zweite und damit zum anderen: der Schluss: durch die uns besuchen wird das aufgehende Licht aus der Höhe,  damit es erscheine denen, die sitzen in Finsternis und Schatten des Todes, und richte unsere Füße auf den Weg des Friedens. Gott flieht nicht vor der Dunkelheit in unserem Leben, sondern er will sie erhellen. Uns soll ein Licht aufgehen. Und in diesem Licht sehen wir, dass wir Ausrichtung brauchen, die Gott uns gibt, dass er es ist, der unsere Füße auf den Weg des Friedens richtet. Der Weg des Friedens, die Ausrichtung darauf ist nicht selbstverständlich. Gottlob gibt er nicht auf, unser Leben hell zu machen und uns in die richtige Spur zu setzen – auch wenn wir immer wieder genau den anderen Weg gehen. In der Politik, in unseren Urteilen über Politiker und andere Menschen, in den Schulen, in unserem täglichen Miteinander. Gottlob lässt er mich Grund zum Lob finden.
Amen.

Jumaat, 23 November 2012

Merkwürdig, sehr merkwürdig, dieses Leben - Ewigkeitssonntag, 25.11.2012, Reihe IV

Text: Jesaja 65,17-25
Liebe Gemeinde!
Am Ende wird alles gut! Ja, so soll es sein! Am Ende das Gute: Frieden, ein Leben ohne Schrecken. Ein Leben ohne Tränen und Leid. Ein Leben, in dem jeder sich durch seine Arbeit prima ernähren kann. Ein Leben ohne sterbende Kinder und trauernde Eltern. Ein Leben, das einfach nur schön ist. Ein Leben! Und was ist bis dahin? Am Ende wird alles gut! Und davor?
Es ist ein merkwürdiger Sonntag, den wir heute feiern. Merkwürdig im wortwörtlichen Sinn. Wenn wir im Alltag dieses Wort „merkwürdig“ benutzen, dann meinen wir seltsame Phänomene, die wir nicht richtig erklären können. Aber wenn man das Wort wirklich wörtlich nimmt, dann heißt das soviel wie: „wert, dass man es sich merkt“ oder „wert, dass es bemerkt wird“. Und das, was merkwürdig ist, ist das, was den normalen Gang unseres Alltags durchbricht und was uns dazu bringt, einmal vom Alltagsgeschäft Pause zu machen, nachzudenken, sich zu wundern, zu staunen, sich zu ärgern – kurz: Gefühle und Gedanken zu investieren. Und so ist auch dieser Sonntag. Die allermeisten Bibeltexte, die für die Gottesdienste heute vorgesehen sind, erzählen von einer wunderbaren Welt, in der es traumhaft schön zugeht. Und manche, die heute hier den Gottesdienst mitfeiern, haben schon den nächsten Monat voller Vorfreude im Blick: in gut vier Wochen feiern wir Weihnachten. Und genau an diesem Sonntag mit den schönen Bibeltexten und gar nicht mal so weit weg von Weihnachten, erinnern wir an die Menschen, die im zu Ende gehenden Kirchenjahr beerdigt wurden. Wir werden es nach der Predigt wieder hören. Da waren viele Menschen dabei, die alt und nach einem erfüllten Leben starben. 90, manchmal auch 99 Jahre alt sind sie geworden. Für manche kam der Tod als eine Erlösung nach schwerer Krankheit. Einige starben wirklich im Vertrauen darauf, dass Gott auch nach dem Tod gutes Leben bereithält. „Es sollen keine Alten mehr da sein, die ihre Jahre nicht erfüllen!“ Ja, bei manchen war das so. Sie fehlen ihren Angehörigen, ganz sicher. Aber sie durften in Frieden gehen. Und dann waren auch die vielen anderen da. Menschen, die starben und Kinder hatten, die ihr Elternteil noch gebraucht hätten. In einem Fall wächst ein Kind auf, das seine Mutter nie kennenlernen wird. Eltern sind da, die zurückbleiben,
deren erwachsene Kinder lange vor ihnen starben – an Krankheiten oder daran, dass sie in ihrem Leben keinen Halt mehr fanden und keinen Sinn mehr sahen. Gelungenen Beziehungen, in denen man, unabhängig vom Alter, gern noch weitergelebt hätte, hat der Tod ebenso ein Ende gesetzt wie schwierigen, die man gern noch geklärt hätte. Ein merkwürdiger Sonntag – nicht nur, weil die hoffnungsvollen Verheißungen aus der Bibel manchmal in sehr scharfem Kontrast zu den Abschieden, an die wir heute erinnern, stehen. Merkwürdig, im Sinn von der Aufmerksamkeit wert, auch deshalb, weil er uns deutlich vor Augen führt, dass das Leben in dieser Welt nicht eindeutig ist. Hoffnung, Liebe, Schmerz und Trauer liegen manchmal nicht nur sehr nahe beieinander, sondern scheinen manchmal auch fast unlösbar ineinander verknäult zu sein.
Für mich ist dieser Spätherbst, in dem wir gerade sind, ein ganz gutes Bild für die Verheißungen aus der Bibel, die ich eben als Predigttext vorgelesen habe. Ich sehe die Bäume, die ihre Blätter verloren haben – natürlich auch eine Erinnerung daran, dass Leben vergeht, dass Sterben und Tod, Dunkelheit, Kälte, Winter eine Wirklichkeit sind, die nicht wegdiskutiert und schon gar nicht weggeglaubt werden kann. Aber wenn ich mal Zeit habe und über den Richtsberg gehe oder durch den Wald, dann eröffnen gerade die leeren Bäume, denen die Blätter fehlen, ganz neue, überraschende Aussichten auf das schon längst Bekannte. Manches, was im Sommer verborgen war, ist jetzt zu erkennen, und wenn dann mal die Sonne ein bisschen scheint, sind die Blicke auf den Himmel im Wald auch andere. Auch das Vergehen eröffnet neue Blicke auf den Himmel.
Natürlich sind die Menschen, denen vor langer Zeit die Worte, die heute in der Bibel stehen, zuerst gesagt wurden, nicht im Spätherbst über den Richtsberg gelaufen. Aber sie standen wortwörtlich vor Ruinen, vor vergangenem Leben, vor Trümmern und vor zusammengebrochenen Hoffnungen. Die Eltern und Großeltern der Menschen wurden nach einem verlorenen Krieg aus ihrer Heimat Israel vertrieben. Sie lebten in der Fremde, einem Land mit anderer Sprache, anderer Religion, anderer Kultur als kleine Minderheit. Wachgehalten wurde aber immer wieder die Hoffnung auf Rückkehr. Mit wunderschönen Bildern, die Propheten im Auftrag Gottes weitersagten, die von einem blühenden Land sprachen. Und dann kamen die ersten in das Land ihrer Eltern und Großeltern, kehrten in die fremde Heimat zurück. Und da gab es keine blühenden Landschaften, keinen Wirtschaftsaufschwung, an dem sie teilhaben konnten. Kein gutes, gesundes Leben. Überall immer noch die Trümmer des Krieges, zum Teil Not und Elend. Und sogar der Tempel, sozusagen der Ort, an dem Gott gegenwärtig ist, lag in Trümmern, war zerstört. Und weil die Lage schlecht war, starben auch viele Kinder wirklich vor der Zeit. Und in diesen Trümmern, in diesen Ruinen, sind neue Hoffnungen wach geworden. Hoffnungen nicht auf ein Jenseits der Welt, sondern die Hoffnung, dass Gott die Kraft hat, diese Welt, dieses Leben zu verändern.
Manchmal eröffnen die abgefallenen, abgestorbenen Blätter, die Trümmer und Ruinen neue Blicke auf den Himmel. Manchmal eröffnet die Begegnung mit dem Leid, mit dem Tod, einen neuen Blick aufs Leben, einen neuen Blick auf Gott, einen neuen Blick auf die Hoffnung. Nicht dadurch, dass das Leid ignoriert oder übersehen wird. Eher so, dass Menschen dadurch, dass Bekanntes und Geliebtes weg und zusammengebrochen ist, über diese Trümmer hinaus das Leben - und manchmal auch das Leben in der Beziehung zu Gott – neu und anders wahrnehmen können. Vielleicht hat bei dem einen die Begegnung mit der Schärfe des Todes dazu geführt, Schritte auf Verwandte, Geschwister oder andere Menschen neu zuzugehen, Beziehungen zu beleben oder neu die längst verschüttet geglaubte Frage nach Gott und seiner Liebe und Güte zu stellen. Und vielleicht ist aus dieser Klage der Anfang einer neuen Beziehung gewachsen. Vielleicht hat der Tod die Augen dafür geöffnet, wer wirklich Freund ist. Vielleicht haben sich ganz überraschend neue Beziehungen gebildet oder man hat Stärken an sich entdeckt, die man bisher eher dem anderen zugesprochen hat. Vielleicht war das – oder ganz anderes, Neues, Überraschendes. Nichts, was den Verlust ungeschehen und die Trauer einfach weggewischt hätte, aber manches, was die Ruinen im Leben erträglicher hat werden lassen. Vielleicht braucht auch das noch Zeit. Liebe und Hoffnung, Vertrauen und Glauben kann man nicht erzwingen. So, wie man neue Blickwinkel nicht erzwingen kann. Auf einmal ist es da, auf einmal sieht man das Gewohnte anders. Manchmal beinahe unerträglich viel später, als man es gern möchte.
Was mir Hoffnung macht, sind wirklich die Worte und Umstände des alten Bibeltextes, der doch so wenig mit unserer Wirklichkeit zu tun haben scheint.
Da ist einmal die Hoffnung, dass auch wenn Gott weit weg zu sein scheint, wenn sein Wohnort zerstört ist, neuer Glauben und neue Liebe wachsen können. Vielleicht müssen manchmal auch alte Bilder von Gott einstürzen, liebgewonnene Gewohnheiten im Glauben fragwürdig werden, damit Hoffnung und Glauben und Vertrauen neue Nahrung finden. Gott ist nicht immer lieb, aber er ist die Liebe.
Zum anderen ist das die Hoffnung, dass es nicht nur ein Jenseits der Welt und der Zeit in einem fernen Irgendwo, das der Verstand nicht erreicht, gibt, in dem alles gut wird und in dem Gott wirkt. In dieser Welt will Gott Frieden möglich machen. In dieser Welt will er erfahrbar machen, dass Leben sich lohnt und nicht der Tod, sondern das Leben seine Wirklichkeit für uns sind. Hoffnung muss sich nicht auf ein Jenseits beschränken. Nach Spuren der Hoffnung können wir hier suchen. Diese Welt ist nicht gottverlassen, sondern seine Heimat. Hier ist mehr möglich, als wir aus eigener Kraft sehen und gestalten können.
Und für mich das Schönste in diesen alten Worten aus der Bibel: Gott ist nicht zuerst ein Gott, der von den Menschen, von uns, fordert und erwartet, sondern er hört zu. Und es soll geschehen: Ehe sie rufen, will ich antworten; wenn sie noch reden, will ich hören. So drückt es der Prophet im Namen Gottes aus. Unsere Klage läuft nicht ins Leere. Vielleicht wollen wir manchmal die Antwort nicht hören. Vielleicht sind wir nicht bereit, zuzuhören, sondern wir glauben, dass alles nach unseren Vorstellungen geschehen müsste. Vielleicht ist manchmal das, von dem wir denken, dass es  ein lebenswertes Leben wäre, viel zu laut und zu schrill, als dass wir die Antworten wahrnehmen könnten. Und vielleicht ist manchmal das Weinen zu laut, weil Menschen sehr viel zugemutet wird. Aber eins bleibt: Gott hört. Gott antwortet. Gott verändert. Diese Welt. Dieses Leben. Für uns. Zum Guten. Merkwürdig. Sehr merkwürdig.
Amen

Sabtu, 10 November 2012

Nichts als die Wahrheit - drittletzter Sonntag des Kirchejahres, 11.11.2012, Reihe IV

Text: Hiob 14,1-6 (eigene Übersetzung: 1 Der Mensch, geboren von einer Frau, lebt kurze Zeit und ist voll Unruhe. 2 Wie eine Blume geht er auf und welkt, flieht wie ein Schatten und bleibt nicht. 3 Doch noch über einen solchen hältst du deine Augen auf und mich bringst du ins Gericht mit dir 4 Wer könnte dafür sorgen, dass rein aus unrein kommt? Kein Einziger! 5 Wenn die Tage eines Menschen fest beschlossen sind, liegt die Zahl seiner Monate bei dir; du hast seine Grenzen markiert und er überschreitet sie nicht. 6 Blick weg von ihm, damit er Ruhe hat, damit er sich wie ein Tagelöhner seines Tages freuen kann)
Liebe Gemeinde!
Manchmal wünschte ich mir, dass ich die Menschen, von denen die Bibel erzählt und denen wir ganz viele schöne und traurige, leicht verständliche und schwer verdauliche Worte, Sätze, Geschichten verdanken, treffen und mit ihnen reden könnte. Heute zum Beispiel. Wenn das gehen würde, würde ich heute sagen: „Danke, Hiob! Danke, dass du uns die Wahrheit sagst. Danke dass du uns ohne viele Schnörkel die Wahrheit darüber sagst, wer wir sind, wer DER Mensch eigentlich ist.“ Vielleicht denkt der eine oder die andere: „Herr Kling-Böhm, das können sie doch jetzt nicht ernst meinen! Der Glauben an Gott soll doch Menschen fröhlich machen. Und dann bedanken sie sich bei Hiob für eine so traurige und deprimierende Aussage, dass der Mensch viel Unruhe hat, verwelkt und vergänglich ist! Und das noch dazu an einem Tag, an dem wir vier junge Frauen in unserer Gemeinde begrüßen, die im Rahmen ihrer Ausbildung bei uns mitarbeiten wollen und durch ihre Arbeit Jugendlichen Freude am Leben mit Gott machen wollen. Da passt doch so was Deprimierendes nicht! Da muss es doch um Freude und Zukunft gehen, nicht darum, dass Leben vorbeigeht und irgendwie manchmal auch ziemlich traurig sein kann.“ Und gerade an so einem Tag würde ich Hiob gern noch mal sagen: „Danke, dass du um die Wahrheit nicht rumredest, sondern dass du deine unbequeme Wahrheit sagst.“ Denn um was geht’s denn eigentlich in unserem Glauben? Geht es darum, dass wir uns unser Leben schönreden und Ablenkung vom Alltag suchen, Zerstreuung, so wie man sie, je nach Lebensalter und Temperament, beim Zocken am Computer, beim Abtanzen in Clubs, im Fitnessstudio, in der Sauna, beim Marathonlauf oder einem Volksmusikabend mit Florian Silbereisen findet? Das hat alles sein Recht, ich will niemandem seine kleinen Fluchten madig machen. Die brauchen wir. Aber für mich geht es beim Glauben an Gott nicht darum,
 sich aus der Wirklichkeit für eine Weile zu verabschieden, sondern die Wahrheit wenigstens ein Stück weit erkennen und annehmen zu können und Kraft für ein Leben in dieser alles andere als perfekten Welt zu bekommen. Nicht „Augen zu und durch“, sondern „Augen auf und mit Gottes Hilfe weiter“, so würde ich für mich Glauben beschreiben. Also noch einmal: „Danke, Hiob, dass du uns so viel Wahres nicht verschweigst“. Und ich glaube, dass hier nicht nur etwas gesagt wird, dass einen in eine trübe November-Depri-Stimmung bringen kann. Das fängt schon damit an, dass von „DEM Menschen“ die Rede ist, der nur kurz lebt und voll Unruhe ist. Wir, mich eingeschlossen, sind es heute eher gewohnt, davon zu reden, dass jeder Mensch einzig ist und man ja nicht von DEM Menschen, DEM Muslim, DEM Christen, DEM Lehrer, DEM Schüler, DEM Alten, DEM Deutschen, DEM Russen sprechen dürfe. Aber über alle persönlichen Unterschiede hinweg gibt es vieles, was uns verbindet. Zum Beispiel, dass keiner von uns sein Leben sich selbst verdankt, dass keiner als leuchtender Stern vom Himmel gefallen ist. „Der Mensch, geboren von einer Frau“ – ganz irdisch, ganz gleich ist unser Beginn. Grundsätzlich ist es völliger Blödsinn, Menschen in wertvolle und wertlose einzuteilen oder von Stars und Promis, von Politikern oder Pfarrern zu erwarten, oder umgekehrt, als solcher einzufordern, was Besseres oder Besonderes zu sein. Und das Menschen viel zu oft von Unruhe getrieben sind, deckt sich mit meiner Erfahrung. Ob’s die Jagd nach Geld und Ansehen ist, nach guten Noten oder dem nächsten Schluck Alkohol, nach Sex und Triebbefriedigung oder nach Fitness, nach Trost oder danach, möglichst perfekt an Gott glauben zu können – auf unterschiedliche Art und Weise sind Menschen unterwegs, auf der Suche, auf der Jagd – aber selten wirklich mal ruhig. Wir wollen die Grenzen die wir haben, und vor allem unsere Sterblichkeit, nicht akzeptieren und tun alles, um das zu verdrängen. Unruhe kann sehr gut und produktiv sein. Wenn ich unruhig über Ungerechtigkeit bin und mich für Gerechtigkeit einsetze. Wenn ich unruhig darüber bin, dass ich meine Fähigkeiten zu wenig entwickle oder wenn ich unruhig über die Trauer eines anderen bin und ihn trösten kann. Aber wir sind endlich. Und das ist oft genug ziemlich unbequem. „ Danke, Hiob, dass du mir Mut machst, dieser Wahrheit mal wieder neu ins Auge zu sehen. Und so schlimm und traurig finde ich das Bild von der Blume, die kurz blüht und verwelkt, auch nicht“, würde ich Hiob sagen. Immerhin blüht sie – und in dieser Zeit kann sie Freude wecken, kann Nahrung geben, richtig schön sein. Und sie muss das nicht ewig bleiben, sie darf ihre Zeit haben. Heute ist der 11.11. Martinstag, der Tag an dem Luther getauft wurde. Erinnerung an zwei Menschen, die lange tot sind. Sankt Martin, der nicht den Wahn hatte, die ganze Welt auf einmal retten zu müssen und vor lauter Größe der Aufgabe dann plante und plante und nichts tat. Sankt Martin, der in einer bestimmten Situation das Notwendige tat. Teilte. Nicht mehr, nicht weniger. Der blühte, einen Moment lang. Der machte einen Moment lang das Leben eines anderen reicher. Martin Luther, der wusste, dass er alles andere als perfekt war, der lange tot ist, aber durch sein Leben manches verändert hat, Menschen neue Einsichten ermöglicht hat, Menschen, die dachten, Gotte hätte sie aufgegeben, neu zum Glauben motiviert hat.
„Hiob, warum siehst du alles so negativ?“ würde ich ihn gern fragen, „Kann es sein, dass du bei allem Richtigen, das du sagst, dich doch am Ende selbst zum entscheidenden Maßstab machst? Doch noch über einen solchen hältst du deine Augen auf und mich bringst du ins Gericht mit dir – du redest von DEM Menschen und meinst doch dich, dich ganz persönlich.“ Das Auge Gottes, von dem Hiob hier redet, ist nicht das Auge, das aufpasst und freundlich schaut, sondern dass Auge, dem auch die Fehler nicht entgehen, das streng ist. Hiob hat Erfahrungen mit Gott gemacht, die er nicht einordnen kann. Sein Besitz ist weg, seine Kinder sind tot, seine Gesundheit ist angegriffen. Freunde kommen, die mit ihm diskutieren wollen, die ihm beweisen wollen, dass Gott gütig und gerecht ist und Hiob das doch irgendwie schon verdient haben müsste. Aber Hiob klagt. Er kann klagen. Für mich ist das eines der größten Geschenke in der Wahrheit des Glaubens. Es ist ein Geschenk, das ich nicht, wie die Freunde im Hiobbuch, versuchen muss, mir alles irgendwie schön zu reden und zu erklären, nur damit Gott am Ende irgendwie gut dabei weg kommt. Gott ist groß genug, auch die Klage und die Zweifel und die Auseinandersetzung auszuhalten. Gott ist nicht so klein und kleinlich, dass er nur das Schöne hören will. Er sucht und schafft Beziehung. Echte Beziehung. Beziehung, die auch Entfernung, Unverständnis, Klage aushält. Und die es aushält, dass ein Mensch Grenzen hat. Auch Grenzen dessen, was er im Leben aushalten kann. Hiob kann klagen. Gott sei Dank. Und danke, Hiob, dass du mir Mut machst, dann, wenn es nötig ist, es so zu machen wie du. Mich nicht mit vorschnellen Erklärungen und billigem Trost zufrieden zu geben, sondern mit Gott zu streiten. Um der Wahrheit willen, um der Liebe willen. Um meinetwillen lässt Gott das zu. Gott sei Dank, dass er die Größe hat, das auszuhalten. Ich kenne von mir was anderes, ich kenne von Menschen was anderes. Hiob stellt fest, dass ein Mensch nie vor Gott vollkommen werden kann. Der merkwürdige Satz „Wer könnte dafür sorgen, dass rein aus unrein kommt? Kein Einziger!“ redet von kultischer Reinheit, die den Geboten des Alten Testaments entspricht. Ein Kamel, zum Beispiel, dass in diesem Sinn nicht rein ist, kann nichts anderes hervorbringen als ein Kamelfohlen, aus dem wieder ein Kamel wird. Da wird kein Rind oder keine Taube, die kultisch rein sind, raus. Und beim Menschen ist das auch so. Der ist sterblich und fehlbar. Wie seine Eltern auch und wie seine Kinder wieder. Ja, Hiob, da hast du recht, würde ich ihm sagen. Und dass ich dankbar bin, dass Gott deshalb Jesus in diese Welt gesandt hat, der uns gezeigt hat, dass wir trotzdem für Gott wertvoll sind und zu Gott gehören. „Hiob, du wünscht dir sogar, dass Gott dich in Ruhe lässt, das traust du dich auszusprechen. Aber warum sagst du das so allgemein, dass Gott vom Menschen wegblicken soll? Warum bleibst du da nicht bei dir?“ Auch das würde ich ihn fragen. Und mich ein bisschen darüber freuen, dass Hiob so etwas sagt. Die Bibel verschweigt die Wahrheit nicht. Und die ist, dass Gott im Leben manchmal ziemlich fern, weit weg erscheinen kann. Oder dass die Erfahrungen, die Menschen im Leben machen, dazu führen, dass sie sich wünschen, Gott würde sie in Ruhe lassen, weil sie nichts Gutes sehen können. „Hiob, ich bin dir dankbar, dass ich auch von traurigen Erfahrungen und Zweifeln reden darf, denn nur wenn Trauriges traurig sein darf, wird Schönes schön sein können, nur wenn Zweifel da sein dürfen, kann ich gute Gedanken richtig erkennen. Danke dafür. Und vor allem: danke, Gott, dass dein Geist Menschen Mut gemacht hat, auch so etwas in dein Buch, in deinem Wort vom Leben, im Zeugnis deiner Liebe nicht zu verschweigen. Danke, dass du wirklich Wahrheit willst. In der Liebe, im Glauben. Und danke, dass du bei uns bleibst, bei DEN Menschen, auch wenn sie, wenn wir, wenn ich dich vielleicht manchmal gar nicht richtig haben wollen, haben will. Und danke, dass mit dieser Klage von Hiob nicht alles aus ist, dass du am Ende ihn ins Recht setzt – ihn, der den Mut hatte, ehrlich zu sein und nicht die Schönredner und Erklärer.“
Amen

Jumaat, 2 November 2012

Ganz schön frei! - Reformationstag, gehalten am 4.11.12, Reihe IV

Text: Galater 5,1-6
Liebe Gemeinde!
Woran erkennt man eigentlich einen Christen? An der Taufe vielleicht? Na ja, erstens kann man die Taufe nicht sehen und zweitens waren Hitler und Stalin und viele andere Massenmörder und Verbrecher waren auch getauft. Also vielleicht eher am Verhalten? Vielleicht daran, dass er sich an die 10 Gebote hält? Aber erstens sind die Zehn Gebote keine christliche Erfindung. Die stehen im Alten Testament, die gelten für Juden ganz genauso und außerdem sind viele Einzelaussagen mittlerweile in die Gesetze der meisten demokratischen Länder so eingebaut, dass ich daran, dass jemand nicht tötet oder nicht stiehlt oder sich um seine altgewordenen Eltern sorgt, erkennen könnte, ob er überhaupt an Gott glaubt oder an welchen Gott er glaubt. Und zweitens hat Jesus die Zehn Gebote so radikal interpretiert, dass selbst Menschen, die es ganz ernst und ehrlich mit ihrem Glauben meinen, schwer fallen dürfte, das immer und fürs ihr ganzes Leben zu halten. Ehebruch ist nicht erst die Tat, sondern schon der Gedanke daran, sagt Jesus, genauso wie: töten fängt nicht mit der Tat an, sondern damit, dass ich einen anderen durch Worte herabsetze und ihm damit ein Stück Lebensrecht abspreche. Zumindest das Letzte ist bei mir spätestens dann der Fall, wenn ich im Auto sitze und mir einer die Vorfahrt nimmt. „Idiot“ ist dann noch eines der harmloseren Wörter, die mir manchmal rausrutschen. Bin ich deshalb kein Christ? Vielleicht erkennt man Christen am Gebet? Aber Jesus sagt auch, dass man erstens aus dem Beten keine Show machen soll, zweitens nicht zu viele Worte beim Beten machen soll und drittens nicht zuerst öffentlich, sondern für sich selbst in Ruhe mit Gott reden sollte. Dass jemand also die Hände faltet und das Vaterunser spricht oder in freien Worten laut seine Anliegen vor Gott bringt, ist also auch kein sicheres Kennzeichen. Vielleicht macht er ja nur eine Show, vielleicht sind seine wirklichen Gedanken gerade ganz woanders. Weder an Ketten mit Kreuzen noch am Fischaufkleber auf dem Auto, weder am Beruf noch an der Art zu beten kann ich einen Christen sicher erkennen. Das macht es gar nicht so einfach. Wir Menschen sind doch eigentlich eher so gepolt, dass wir gern klare Ansagen und Anweisungen hätten.
Klare Erkennungsmerkmale, mit denen wir umgehen und uns und andere sortieren können. Wir können manchmal, glaube ich, gar nicht anders, als für unser Leben und für unseren Glauben Gebrauchsanweisungen zu suchen, die wir befolgen und die uns sichtbar zu etwas gehören lassen und uns ein ganzes Stück weit das eigene Denken abnehmen. Ist ja auch einfacher, eine Gebrauchsanweisung zu befolgen, als selbständig denken und handeln zu müssen. Das ist gar kein neues Phänomen, das erst in den letzten Jahren aufgetaucht wäre. Klar, wir haben heute viel mehr Möglichkeiten als die Menschen vor 40,50 Jahren und erst recht als die Menschen vor 2000 Jahren. Es ist unübersichtlicher geworden in der Welt. Aber schon unter den ersten Christen gab es das Gefühl: Wir brauchen was Sichtbares, etwas, an dem wir uns auch äußerlich festhalten können, wenn wir Christen sind, damit wir uns besser zurechtfinden. Damit beschäftigt sich auch Paulus, wenn er an die Christen in Galatien, das ist so ungefähr in der Mitte der heutigen Türkei schreibt. Da waren neue Missionare unterwegs, die den Christen sagten: „Glauben allein reicht nicht. Ihr müsst sichtbar machen, dass ihr an Gott glaubt und zu ihm gehört. Dazu müssen sich alle, nicht nur die Christen, die vorher Juden waren, beschneiden lassen.“ Und viele haben das auch gemacht. Weil sie eben etwas haben wollten, dass man sehen kann. Die Taufe, die einmalig war und die man nicht festhalten konnte, die hat ihnen nicht gereicht. Und an diese Christen schreibt Paulus:
Lesen: Galater 5,1-6
Durch Jesus schenkt uns Gott Freiheit. „Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan.“ Mit dieser Aussage beginnt Martin Luther schon 1520 seine Schrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen“. Der Glauben an Jesus ist zuerst ein Glaube der Freiheit schenkt. Für Jesus stehen nicht Verbote und Regeln im Mittelpunkt, er ist nicht gekommen, um den Menschen neue Gesetze zu geben. Jesus ist gekommen, um uns Menschen von dem Irrglauben frei zu machen, dass wir selbst es schaffen würden, für Gott perfekt zu sein und uns durch das Einhalten von Regeln Gott irgendwie kaufen zu können. Menschen scheitern an dem, was für sie und andere eigentlich gut und richtig wäre und was im Sinne Gottes eigentlich zu tun wäre. Es wird keinen Menschen geben, der ohne Zweifel an der Güte und Liebe Gottes durch sein Leben kommt. Zu vieles passiert, wo man dann schon zweifeln kann. Kinder, die umgebracht werden, sinnlose Kriege, schwere Krankheiten, die Leute treffen, die doch eigentlich niemandem was getan haben, ganz persönliche Schicksalsschläge: Immer wieder stellt sich der Glauben an Gott in Frage. Und auch immer wieder könnte man eigentlich was Gutes tun und lässt es oder könnte eine fragwürdige Handlung lassen und tut es trotzdem. Jeder Mensch braucht Vergebung und Gottes Liebe, keiner kann sich selbst erlösen. Du musst nicht perfekt sein, um von Gott geliebt zu werden. Du bist frei von dem Wahn, perfekt werden zu müssen, damit du etwas wert bist. Das ist die Freiheit, die Jesus schenkt. Paulus sagt hier: wenn ihr aber wieder anfangt, Regeln zwischen euch und Gott zu stellen und glaubt, durch das Einhalten von Regeln Gott nahe kommen zu können, dann müsst ihr tatsächlich alle Gebote einhalten und weil ihr das nicht schaffen werdet, verliert ihr die Freiheit der Liebe Jesu wieder. Regeln werden wieder wichtiger als die Liebe.  
Aber diese Freiheit, die Gott schenkt, ist keine Beliebigkeit. Es gibt zwar keine äußeren Regeln, die immer und für alle Zeit 100% garantieren, dass ich das richtige tue, aber es gibt einen Maßstab, den Gott an das Leben anlegt: die Liebe. Die Freiheit, die Gott schenkt, ist eine dienende Freiheit. Hört sich komisch an. Aber das gilt von Anfang an: Gott ist selbst so frei, dass er sich in Jesus, einem Menschen offenbart, damit die Menschen seine Liebe besser verstehen können. Gott nimmt sich die Freiheit, anders zu sein, als sich das viele vorstellen, damit Menschen Liebe entdecken und Liebe schenken können. Gottes Freiheit dient den Menschen. Nicht, weil er nicht anders könnte, ist er Mensch geworden und hat sich an Menschen gebunden, sondern weil er das frei so entschieden hat. Freiheit und Liebe finden ihren Sinn und ihre Erfüllung im Gegenüber. Freiheit findet ihren Sinn darin, auch anderen Freiheit zu schenken und Freiheit zu ermöglichen, Liebe findet ihren Sinn nicht in egoistischer Eigenliebe, sondern in der Liebe zum anderen.
Deshalb hat Martin Luther seiner Grundeinsicht, dass der Mensch frei ist und niemandem Untertan einen zweiten Satz nachgestellt: „Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan!“ Es gibt keine heiligen oder unheiligen Kleider, kein heiliges oder unheiliges Essen, und ob jetzt jemand tätowiert ist, Ohrringe trägt, HipHop, Volksmusik oder Bach und Mozart hört, darin ist er frei. Gott gibt keine äußeren Regeln vor, Christus macht frei von solchem Unsinn. Aber nicht frei davon, Mensch unter Menschen zu sein. Freiheit verwirklicht sich in der Freiheit der anderen, Lieber verwirklicht sich in der Liebe zu anderen. Oder, wie Paulus sagt: In Christus Jesus gilt der Glaube, der durch die Liebe tätig ist. Darin verwirklicht sich Freiheit. Darin, dass ich mich von der Sehnsucht frei mache, objektive Bedienungsanleitungen für den Glauben zu suchen, die mir das Denken und Lieben letztlich abnehmen. Darin, dass ich den Mut habe, Mensch zu sein. Nicht Marionette. Glaube folgt keinem für alle gültigen Rezept, dass ich zweifelsfrei äußerlich sichtbar nachprüfen könnte, sondern ist eine persönliche Beziehung zu Gott. Liebe folgt keinem fertigen Drehbuch, dass mir einen Fahrplan und Handlungen vorgibt. Sie ereignet sich jeden Tag, in jeder Beziehung neu, immer wieder anders – oder eben gar nicht. Zur Freiheit hat uns Christus befreit. Es ist leichter, sich in Regelschubladen auszuruhen als die Freiheit der Kinder Gottes zu leben. Freiheit ist manchmal ganz schön anstrengend, aber immer ganz schön. Gott sei Dank.

Amen

Jumaat, 26 Oktober 2012

Lebt! Betet! Hofft! - 21. n. Tr., 28.10.2012, Reihe IV

Text: Jeremia 29,1.4-7.10-14
Liebe Gemeinde!
Lebt! Betet! Hofft! – Ich glaube, dass sich der Predigttext, den ich eben vorgelesen habe, auch mit diesen drei Wörtern zusammenfassen lässt. Sicher gibt’s noch ganz andere Möglichkeiten. Aber für mich ist es im Moment eben: Lebt! Betet! Hofft!
Lebt! Das ist das erste, dass der Prophet Jeremia, vielleicht auch sein Assistent Baruch, an die Menschen schreibt, die nach einem verlorenen Krieg aus Israel, ihrer Heimat , in die Fremde, nach Babylonien im heutigen Irak, weggeführt wurden. Lebt! Die Botschaft hätte auch ganz anders lauten können. Ätsch! Zum Beispiel. Jeremia hat vor dem Krieg gewarnt. Er wurde nicht nur nicht gehört, sondern ein paar von denjenigen, die jetzt aus der alten Heimat vertrieben wurden, haben sogar dafür gesorgt, dass er ins Gefängnis kam. Jeremia wurde nicht vertreiben, er durfte in der Heimat bleiben. Ätsch – ich hab’s euch doch gleich gesagt!
 Rechthaberisch hätte er sein können – vielleicht wäre ich so gewesen. Ich finde schon, dass es eine gewisse Befriedigung verschafft, Recht gehabt zu haben und zu sehen, dass andere, die ganz anderer Meinung waren, jetzt unter ihrer falschen Meinung leiden müssen.  Aber Gott sei Dank ist „Ätsch“ nicht der Weg, den Gott mit uns Menschen geht. Jeremia hätte auch sagen können: „Da, wo ihr jetzt wohnen müsst, glauben alle an andere Götter, sprechen eine andere Sprache, sind ganz anders – haltet euch also bloß raus aus allem, igelt euch ein, damit ihr eure Besonderheit nicht verliert.“ Aber weder „Ätsch!“ noch „Igelt euch ein“ ist Gottes Botschaft, die Jeremia weitergibt, sondern einfach „Lebt!“. Heiratet, vermehrt euch, baut Häuser und Gärten, genießt das, was eure Arbeit euch dort einbringt, nehmt das Leben an. Natürlich ist der Brief, den Jeremia vor ewig langer Zeit geschrieben hat, nicht an Richtsberger im Oktober 2012 gerichtet. Aber ich finde, dass er uns eine ganze Menge zu sagen hat. Das erste ist eben dieses „Lebt!“ als Botschaft von Gott.  Es gibt Menschen, auch heute, die sagen: „Glauben an Gott, das ist doch was aus der alten Zeit, vorbei, das geht heute nicht mehr. Die Welt ist so anders geworden, da kann und muss man nicht mehr an Gott glauben.“ Einige finden das nicht weiter schlimm, die haben ihren Glauben längst verloren oder suchen erst gar nicht nach dem Glauben. Andere träumen sich zurück in scheinbar gute, alte Zeiten, in denen es noch irgendwie einfacher mit dem Glauben war. Oder sie träumen davon, dass Gott die Welt endlich so verändert, dass es allen leicht fällt, an ihn zu glauben. Lebt in der Gegenwart – ich glaube, dass das eine ganz wichtige Botschaft bis heute ist. Bei allem, was wir an schöner oder schlimmer Vergangenheit mit uns rumschleppen, bei allem, was wir an Träumen, Hoffnungen oder Ängsten für die Zukunft haben: wir leben jetzt. Hier und heute. Was sich so selbstverständlich für uns anhört, ist es überhaupt nicht. Mir fallen ganz viele Gespräche mit alten Menschen ein, die aus Russland, Kasachstan oder anderen ehemaligen Sowjetrepubliken zu uns gekommen sind. Sie haben schlimme Vertreibungen erlebt. Und trotzdem haben sie in der fremde, die nie Heimat war, angefangen zu heiraten, Häuser zu bauen, Gärten anzulegen, zu leben. Und eine lebenswerte neue Familiengeschichte gestartet. Die Schrecken der Vergangenheit waren nicht ungeschehen, aber sie haben das Leben nicht töten können. Klammere dich nicht an das, was irgendwann mal gewesen ist, verpasse dein Leben nicht deshalb, weil irgendwann mal eine Zukunft kommt, die ganz anders sein wird, sondern lebe jetzt. Eine mögliche Botschaft von Jeremia auch für heute.
Betet! Das ist für mich die zweite Botschaft dieses Briefes. Suchet der Stadt Bestes, dahin ich euch habe wegführen lassen, und betet für sie zum HERRN; denn wenn's ihr wohlgeht, so geht's auch euch wohl. Dieser Satz aus dem Brief wird bis heute gern zitiert, wenn es darum geht, dass Menschen, die an Gott glauben, sich nicht aus der Politik oder dem Einsatz für die Öffentlichkeit heraushalten sollen. Daran ist ganz viel Wahres. Aber bevor es einfach so heißt: als Christ solltest du dich engagieren, sind drei Punkte wichtig, die leicht übersehen werden. Erstens geht es nicht um irgendeine Stadt, irgendein Land, in dem man sich wohlfühlt, in dem alle ungefähr so sind, wie ich es auch bin, in dem ich zur Mehrheitsgesellschaft gehöre. Es geht um die Hauptstadt im Land der Feinde, die das eigene Land im Krieg, in dem es auch Tote gab, besiegt haben. Es geht um eine Stadt, in der die Menschen zwangsweise sind und zu einer Minderheit gehören. Sucht das Gute, das Beste für die, die euch wehgetan haben. Das Wort, das Martin Luther hier mit „das Beste“ und dann mit „wohl, also richtig gut, gehen“, und später noch mit „Frieden“ übersetzt, ist das Wort „Schalom“. Dieses Wort meint einen Zustand, in dem es allen Menschen wirklich gut geht. Da gehören materielles gut gehen genauso zu wie körperliches Wohlergehen, Gerechtigkeit und natürlich auch Frieden. Sozialer Frieden gehört genauso dazu wie die Abwesenheit von Krieg und Gewalt. Ganz schön stark. Finde ich. Denjenigen, die mir nichts Gutes getan haben, nicht die Pest an den Hals zu wünschen, sie nicht fertig zu machen, sondern dafür zu beten, dass es ihnen rundherum gut geht. Zweierlei, mindestens zweierlei, ist dabei für mich bis heute wichtig. Zum einen die Erkenntnis, dass Frieden, Gerechtigkeit, Wohlergehen unteilbar sind. Auseinandersetzungen, Unfrieden bis hin zu Kriegen entstehen dadurch, dass Unrecht geschieht, dass Lebensbedingungen so sind, dass Menschen Rechte vorenthalten werden. Gute Lebensbedingungen für alle, auch für die, mit denen ich nichts anfangen kann, auch für die, die mir nicht freundlich gesinnt sind. Frieden habe ich nie für mich allein. Das ist das eine. Das andere ist, dass es zuerst darum geht, dieses Anliegen vor Gott zu bringen. Im Gebet. Betet! Gebt das Gespräch mit Gott nicht auf. Auch nicht in enttäuschenden Situationen, in scheinbar auswegloser Fremde. Das Gebet füreinander, auch für Regierungen, auch für Menschen, die fremd sind, ist etwas ganz Wichtiges. Aus dem Gebet kann persönlicher Einsatz erwachsen, aber der persönliche Einsatz ersetzt das Gebet nicht. „Bete UND Arbeite“ – dieser alte Grundsatz der Benediktinermöche und Nonnen ist, glaube ich, auch für uns heute beachtenswert und trifft auch das, was Jeremia lange vorher sagen wollte. Das eine soll nicht ohne das andere sein. Gebet allein wird leicht zum frommen Selbstbetrug, der sich selbst genug ist, Arbeit allein wird leicht zur Selbstüberschätzung. Die Rückbindung an Gott und das Wissen, dass nicht mein Tun allein alles schaffen kann, das ist wichtig. Bei jedem Einsatz. Ob das in der Schule, in der Familie, am Richtsberg, in der Kirche oder in der Politik ist.
Lebt! Betet! Fehlt nur noch: Hofft! Auch wenn Menschen in der Gegenwart leben und wenn das Leben hier und jetzt angenommen und gestaltet werden muss, bleibt es bei Gott und durch ihn nicht ohne Zukunftsperspektive. Leben geht nicht in dem auf, was wir vor Augen haben und was wir mit unserer Kraft erreichen können. Leben lebt auch von Hoffnung. Die ist nicht grundlos und leer, schreibt Jeremia.
Ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der HERR: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung. Und ihr werdet mich anrufen und hingehen und mich bitten und ich will euch erhören. Ihr werdet mich suchen und finden; denn wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, so will ich mich von euch finden lassen, spricht der HERR, und will eure Gefangenschaft wenden und euch sammeln aus allen Völkern und von allen Orten, wohin ich euch verstoßen habe, spricht der HERR, und will euch wieder an diesen Ort bringen, von wo ich euch habe wegführen lassen. Gott schenkt Heimat, die niemand mehr nehmen wird. Gott führt zusammen, lässt sich finden, schenkt einen Frieden, der alles umfasst. Natürlich ist es noch nicht so weit. Aber wenn wir nur allein die Gegenwart hätten, dann bräuchten wir nicht zu taufen, dann bräuchten wir keine Kinder zu erziehen, dann würden wir darin gefangen bleiben, dass, neben vielen Dingen, die gut gelingen, am Ende doch viel zu viel nicht in unserer Hand steht und auch schief gehen kann. Gott befreit aus dem Kreislauf von Bemühen und Versagen, weil er eine Zukunftsperspektive hat, die wir uns allein nicht geben können. Lebt! Betet! Hofft! Die drei gehören zusammen. Gott sei Dank!

Amen

Jumaat, 5 Oktober 2012

Mein rechter Platz ist leer, da setz ich mir den ... her - 18. So. n. Trinitatis, Reihe IV

Text: Jakobus 2,1-13 (die Zitate im Text sind aus der Basisbibel)
Liebe Gemeinde!
Stellen Sie sich doch mal vor, unsere Kirche wäre brechend voll, alle Plätze besetzt. Kommt zwar leider nicht jeden Sonntag vor, aber manchmal ist es ja so, letzten Sonntag zum Beispiel. Die Tür geht auf, einer der Alkoholiker vom Marktplatz kommt rein. Noch nicht total besoffen, es ist ja früher Sonntagmorgen. Aber er riecht von gestern noch unangenehm und seine Kleidung ist nicht gerade sauber. Trotzdem hat er das Bedürfnis, in den Gottesdienst zu kommen. Und dann geht die Tür noch mal auf und Herr Vaupel, unser Oberbürgermeister, kommt herein. Beide müssten stehen. Wem von beiden würde wohl zuerst ein Platz angeboten werden? Wenn ich zu mir selber ehrlich bin, würde ich eher Herrn Vaupel einen Platz anbieten als einem der Alkoholiker. – Jetzt ist der Oberbürgermeister nicht furchtbar reich und trägt auch nicht viele goldene Ringe und zumindest einer der Alkoholiker ist auch nicht arm an Geld. Aber ich fühle mich von dem Predigttext aus dem Jakobusbrief  doch ein bisschen ertappt. Vielleicht geht es ja auch anderen so.
Ich könnte es mir einfach machen mit dem Predigttext, gerade bei uns in unserer Gemeinde auf dem Richtsberg. Bei uns gibt es sehr viel mehr Menschen, die nicht viel haben, als wirklich reiche Menschen. Und da wir an normalen Sonntag auch leider keine Platzprobleme haben, könnte ich mit dem Finger auf andere zeigen und sagen: Ja, so ist es doch! Schaut euch die Familie Pohl an, die haben viel Geld und können in Marburg machen, was sie wollen, so soll das nicht sein, da müssen wir als Christen was unternehmen. Und wir auf dem Richtsberg oder im Waldtal haben zu wenig Geld, da müsste doch viel mehr gemacht werden! Und außerdem soll die Kirche nicht so viel Geld für teure Kirchenmusik ausgeben, lieber mehr direkt an Arme weitergeben! Es lebe das Vorurteil, es lebe das Klischee! Gut, wenn man mit dem Finger nach außen auf andere zeigen kann, sich behaglich zurücklehnen kann, auch wenn wir uns damit etwas vormachen.
Mir ist es zu einfach, wenn wir einfach mal schnell uns an Vorurteile dranhängen und sagen: „Die Reichen sind böse, und wenn sie was spenden, dann doch nur, um ihr Gewissen zu beruhigen oder sich als Wohltäter aufzuspielen!“ Weder sind alle Reichen böse Menschen noch arme Leute gute Menschen nur weil sie wenig haben. Man kann mit diesem Predigttext ganz prima ablenken und auf alle Reichen in der Welt schimpfen und ein Lied auf den Segen der Armut singen. Natürlich hat Gott, durch Jesus noch einmal sehr viel kräftiger, den Armen sein Reich zugesagt. Und natürlich betont Jesus
 mehr als einmal, dass Reichtum und materieller Besitz Menschen leicht von Gott wegbringen und man nicht Gott und dem Geld gleichzeitig dienen kann. Aber wenn im Jakobusbrief geschrieben wird „Beurteilt andere nicht nach dem Ansehen der Person“ und auch „Legt ihr dann (wenn ihr nach Äußerlichkeiten urteilt) nicht unterschiedliche Maßstäbe an und werdet zu Richtern, die Fehlurteile fällen?“, dann lässt sich das auch auf die platte Umkehr der Vorurteile münzen. Es geht darum, im anderen den Menschen zu sehen. Es geht um Mitmenschlichkeit und Nächstenliebe. Ganz klar schreibt das der Autor des Briefes, der sich Jakobus nennt: „In der Heiligen Schrift steht: Liebe deinen Mitmenschen, deinen Nächsten, wie dich selbst. Wenn ihr dieses wahrhaftig königliche Gebot befolgt, handelt ihr richtig. Wenn ihr dagegen andere nach dem Ansehen der Person beurteilt, macht ihr euch schuldig. […] Denn ein unbarmherziges Urteil erwartet den, der selbst kein Erbarmen gehabt hat. Aber wer barmherzig gewesen ist, kann sich im Gericht zu Recht darauf berufen.“ Es geht um ein barmherziges Urteil über den anderen, erstmal völlig unabhängig von seinem Reichtum oder seiner Armut oder seiner Kleidung oder seinem Beruf. Es geht darum, gerade in der Gemeinde, der Gemeinschaft der Menschen, die sich auf Jesus, auf  das, was er gesagt und getan hat, berufen, den anderen Mensch sein zu lassen. Es geht darum, den anderen Menschen nicht dadurch zu kränken, dass die Würde, Mensch zu sein, von etwas anderem als dem einfachen Menschsein abhängig gemacht wird.
Der Jakobusbrief ist uralt. Und trotzdem spricht er Probleme an und weist auf Folgen unseres Handelns oder Nichthandelns hin, die heute noch mindestens genauso aktuell sind wie zu den Zeiten am Anfang des zweiten nachchristlichen Jahrhunderts, als dieser Brief geschrieben wurde. Christen und Gemeinden leben nicht abgeschlossen von der Welt. Und die Gefahr ist da, damals wie heute, dass wir verwechselbar werden. Wir reden von Jesus – und handeln so, als ob unser Reden keine Rolle spielen würde. Die Frage nach dem Geld zum Beispiel. Sie ist nach wie vor heikel. Daniel als Jugendarbeiter können wir nur deshalb anstellen, weil es Menschen mit genug Geld gibt, die dafür gespendet haben. Menschen aus unserer Gemeinde, aber auch christliche Unternehmer aus anderen Teilen Deutschlands. Ich selber lebe ja auch davon, dass Menschen, die gut verdienen, nicht aus der Kirche austreten, sondern ihre Kirchensteuer bezahlen, auch wenn sie selber nicht in die Gottesdienste gehen. Ich selber bin ein großer Fan der Kirchensteuer. Aus mehreren Gründen. Einmal kann ich natürlich durch sie so bezahlt werden, wie es jemand anders mit meiner Ausbildung anderswo auch wird. Aber, und das ist mir viel wichtiger: Ich weiß dadurch gar nicht, wer in der Gemeinde wie viel bezahlt. Und Menschen, die wenig Einkommen haben, Rentner, Arbeitslose, kinderreiche Familien, die zahlen wenig oder gar nichts und kriegen trotzdem die volle Leistung. Wer gut verdient, zahlt mehr, wer wenig oder nichts verdient, wenig oder gar nichts und in der Gemeinde weiß niemand, wer wie viel zahlt, damit gar nicht erst der Verdacht aufkommt, die, die viel zahlen, würden bevorzugt. Das finde ich richtig gut. Aber das Geld aus der Kirchensteuer wird weniger und schon kommen viele, viele Aufforderungen, wir müssten die Spendeneinnahmen steigern und Events anbieten, die attraktiv für mögliche Spender, also Menschen mit dem nötigen Kleingeld, sind. Ich sehe das sehr, sehr kritisch. Wir begeben uns damit schnell auf den Weg, Kirche für die Gutverdiener zu machen und ihnen eine Spielwiese zu geben, sich dadurch gut zu fühlen, dass sie ja ein bisschen was für Ärmere tun. Unser Projekt „Auja-Mobil“ wird ja von der Landeskirche gefördert und zu dem Programm gehört auch ein regelmäßiger Austausch mit anderen sozialen Projekten. Fast alle Projekte berichten davon, dass es nicht so schwer ist, Menschen zu gewinnen, gut ausgebildete mit Geld und Zeit, die was für sogenannte Arme tun. Aber wenn die so genannten Armen selber mitmachen wollen, dann ist das von vielen nicht so gern gesehen, die sind halt anders. FÜR DIE tut man was, aber MIT DENEN arbeitet man halt nicht so gern zusammen.
Ich glaube, dass genau hier tatsächlich der Jakobusbrief ansetzt. Jesus verändert den Blick auf den Menschen. Er nimmt den Menschen als Menschen in den Blick. Nicht als Armen, nicht als Reichen, nicht als Klugen, nicht als Dummen, nicht als Gesunden, nicht als Behinderten, nicht als Inhalt einer Schublade, in die er gesteckt wird, sondern als Menschen. Natürlich nimmt er ihn damit auch als Bedürftigen in den Blick. Kranke brauchen Gesundheit und viele erfahren durch Jesus Heilung. Arme brauchen nicht nur Mitleid, sondern oft ganz konkrete Hilfe, und auch die gewährt Jesus oder er motiviert dazu. Und Reiche brauchen Erlösung davon, sich über Geld und wirtschaftliche Macht zu definieren und ihren Lebensinhalt so zu verengen und ihre Not aus dem Blick zu verlieren. Sich gegenseitig als Bedürftige wahrnehmen, sich selbst als Bedürftiger sehen zu können. Dazu kann der Jakobusbrief vielleicht die Augen öffnen. Barmherzig zu sein, nicht knallhart auf Äußerlichkeiten festnageln  -weder andere noch sich selbst. Dazu will er Mut machen. Das ist der Weg, den Gott durch Jesus mit uns geht. Er legt uns nicht fest, nicht auf unser Versagen, nicht auf unsere Schuld, nicht auf unser Ansehen bei den Menschen. Nachfolge heißt nicht nur, das zu hören und für sich und sein Leben anzunehmen, sondern diese Haltung mit eigenem Leben zu füllen. Und was ich an Jesus, am Glauben an Gott, der die Liebe ist, so schön finde, ist, dass es nicht nur um die geistige Welt geht, sondern um das Hier und Jetzt. Und das deshalb für ihn auch die Hinwendung zum materiell Armen, nicht als Objekt, an dem ich meine Überlegenheit auf angenehme Weise zeigen kann, sondern als Subjekt, das ein Recht darauf hat, in Würde zu leben, mit Würde behandelt zu werden, auch materielle Gerechtigkeit zu erfahren, unbedingt zum Glauben mit dazu gehört.
Wem würden wir Platz machen? Ich wünsche mir, dass ich mit allen anderen, die schon da sind, so stark wäre, zusammenzurücken, dass jeder bei uns den Platz findet, den er bei Gott schon längst hat.

Amen