Jumaat, 26 Oktober 2012

Lebt! Betet! Hofft! - 21. n. Tr., 28.10.2012, Reihe IV

Text: Jeremia 29,1.4-7.10-14
Liebe Gemeinde!
Lebt! Betet! Hofft! – Ich glaube, dass sich der Predigttext, den ich eben vorgelesen habe, auch mit diesen drei Wörtern zusammenfassen lässt. Sicher gibt’s noch ganz andere Möglichkeiten. Aber für mich ist es im Moment eben: Lebt! Betet! Hofft!
Lebt! Das ist das erste, dass der Prophet Jeremia, vielleicht auch sein Assistent Baruch, an die Menschen schreibt, die nach einem verlorenen Krieg aus Israel, ihrer Heimat , in die Fremde, nach Babylonien im heutigen Irak, weggeführt wurden. Lebt! Die Botschaft hätte auch ganz anders lauten können. Ätsch! Zum Beispiel. Jeremia hat vor dem Krieg gewarnt. Er wurde nicht nur nicht gehört, sondern ein paar von denjenigen, die jetzt aus der alten Heimat vertrieben wurden, haben sogar dafür gesorgt, dass er ins Gefängnis kam. Jeremia wurde nicht vertreiben, er durfte in der Heimat bleiben. Ätsch – ich hab’s euch doch gleich gesagt!
 Rechthaberisch hätte er sein können – vielleicht wäre ich so gewesen. Ich finde schon, dass es eine gewisse Befriedigung verschafft, Recht gehabt zu haben und zu sehen, dass andere, die ganz anderer Meinung waren, jetzt unter ihrer falschen Meinung leiden müssen.  Aber Gott sei Dank ist „Ätsch“ nicht der Weg, den Gott mit uns Menschen geht. Jeremia hätte auch sagen können: „Da, wo ihr jetzt wohnen müsst, glauben alle an andere Götter, sprechen eine andere Sprache, sind ganz anders – haltet euch also bloß raus aus allem, igelt euch ein, damit ihr eure Besonderheit nicht verliert.“ Aber weder „Ätsch!“ noch „Igelt euch ein“ ist Gottes Botschaft, die Jeremia weitergibt, sondern einfach „Lebt!“. Heiratet, vermehrt euch, baut Häuser und Gärten, genießt das, was eure Arbeit euch dort einbringt, nehmt das Leben an. Natürlich ist der Brief, den Jeremia vor ewig langer Zeit geschrieben hat, nicht an Richtsberger im Oktober 2012 gerichtet. Aber ich finde, dass er uns eine ganze Menge zu sagen hat. Das erste ist eben dieses „Lebt!“ als Botschaft von Gott.  Es gibt Menschen, auch heute, die sagen: „Glauben an Gott, das ist doch was aus der alten Zeit, vorbei, das geht heute nicht mehr. Die Welt ist so anders geworden, da kann und muss man nicht mehr an Gott glauben.“ Einige finden das nicht weiter schlimm, die haben ihren Glauben längst verloren oder suchen erst gar nicht nach dem Glauben. Andere träumen sich zurück in scheinbar gute, alte Zeiten, in denen es noch irgendwie einfacher mit dem Glauben war. Oder sie träumen davon, dass Gott die Welt endlich so verändert, dass es allen leicht fällt, an ihn zu glauben. Lebt in der Gegenwart – ich glaube, dass das eine ganz wichtige Botschaft bis heute ist. Bei allem, was wir an schöner oder schlimmer Vergangenheit mit uns rumschleppen, bei allem, was wir an Träumen, Hoffnungen oder Ängsten für die Zukunft haben: wir leben jetzt. Hier und heute. Was sich so selbstverständlich für uns anhört, ist es überhaupt nicht. Mir fallen ganz viele Gespräche mit alten Menschen ein, die aus Russland, Kasachstan oder anderen ehemaligen Sowjetrepubliken zu uns gekommen sind. Sie haben schlimme Vertreibungen erlebt. Und trotzdem haben sie in der fremde, die nie Heimat war, angefangen zu heiraten, Häuser zu bauen, Gärten anzulegen, zu leben. Und eine lebenswerte neue Familiengeschichte gestartet. Die Schrecken der Vergangenheit waren nicht ungeschehen, aber sie haben das Leben nicht töten können. Klammere dich nicht an das, was irgendwann mal gewesen ist, verpasse dein Leben nicht deshalb, weil irgendwann mal eine Zukunft kommt, die ganz anders sein wird, sondern lebe jetzt. Eine mögliche Botschaft von Jeremia auch für heute.
Betet! Das ist für mich die zweite Botschaft dieses Briefes. Suchet der Stadt Bestes, dahin ich euch habe wegführen lassen, und betet für sie zum HERRN; denn wenn's ihr wohlgeht, so geht's auch euch wohl. Dieser Satz aus dem Brief wird bis heute gern zitiert, wenn es darum geht, dass Menschen, die an Gott glauben, sich nicht aus der Politik oder dem Einsatz für die Öffentlichkeit heraushalten sollen. Daran ist ganz viel Wahres. Aber bevor es einfach so heißt: als Christ solltest du dich engagieren, sind drei Punkte wichtig, die leicht übersehen werden. Erstens geht es nicht um irgendeine Stadt, irgendein Land, in dem man sich wohlfühlt, in dem alle ungefähr so sind, wie ich es auch bin, in dem ich zur Mehrheitsgesellschaft gehöre. Es geht um die Hauptstadt im Land der Feinde, die das eigene Land im Krieg, in dem es auch Tote gab, besiegt haben. Es geht um eine Stadt, in der die Menschen zwangsweise sind und zu einer Minderheit gehören. Sucht das Gute, das Beste für die, die euch wehgetan haben. Das Wort, das Martin Luther hier mit „das Beste“ und dann mit „wohl, also richtig gut, gehen“, und später noch mit „Frieden“ übersetzt, ist das Wort „Schalom“. Dieses Wort meint einen Zustand, in dem es allen Menschen wirklich gut geht. Da gehören materielles gut gehen genauso zu wie körperliches Wohlergehen, Gerechtigkeit und natürlich auch Frieden. Sozialer Frieden gehört genauso dazu wie die Abwesenheit von Krieg und Gewalt. Ganz schön stark. Finde ich. Denjenigen, die mir nichts Gutes getan haben, nicht die Pest an den Hals zu wünschen, sie nicht fertig zu machen, sondern dafür zu beten, dass es ihnen rundherum gut geht. Zweierlei, mindestens zweierlei, ist dabei für mich bis heute wichtig. Zum einen die Erkenntnis, dass Frieden, Gerechtigkeit, Wohlergehen unteilbar sind. Auseinandersetzungen, Unfrieden bis hin zu Kriegen entstehen dadurch, dass Unrecht geschieht, dass Lebensbedingungen so sind, dass Menschen Rechte vorenthalten werden. Gute Lebensbedingungen für alle, auch für die, mit denen ich nichts anfangen kann, auch für die, die mir nicht freundlich gesinnt sind. Frieden habe ich nie für mich allein. Das ist das eine. Das andere ist, dass es zuerst darum geht, dieses Anliegen vor Gott zu bringen. Im Gebet. Betet! Gebt das Gespräch mit Gott nicht auf. Auch nicht in enttäuschenden Situationen, in scheinbar auswegloser Fremde. Das Gebet füreinander, auch für Regierungen, auch für Menschen, die fremd sind, ist etwas ganz Wichtiges. Aus dem Gebet kann persönlicher Einsatz erwachsen, aber der persönliche Einsatz ersetzt das Gebet nicht. „Bete UND Arbeite“ – dieser alte Grundsatz der Benediktinermöche und Nonnen ist, glaube ich, auch für uns heute beachtenswert und trifft auch das, was Jeremia lange vorher sagen wollte. Das eine soll nicht ohne das andere sein. Gebet allein wird leicht zum frommen Selbstbetrug, der sich selbst genug ist, Arbeit allein wird leicht zur Selbstüberschätzung. Die Rückbindung an Gott und das Wissen, dass nicht mein Tun allein alles schaffen kann, das ist wichtig. Bei jedem Einsatz. Ob das in der Schule, in der Familie, am Richtsberg, in der Kirche oder in der Politik ist.
Lebt! Betet! Fehlt nur noch: Hofft! Auch wenn Menschen in der Gegenwart leben und wenn das Leben hier und jetzt angenommen und gestaltet werden muss, bleibt es bei Gott und durch ihn nicht ohne Zukunftsperspektive. Leben geht nicht in dem auf, was wir vor Augen haben und was wir mit unserer Kraft erreichen können. Leben lebt auch von Hoffnung. Die ist nicht grundlos und leer, schreibt Jeremia.
Ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der HERR: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung. Und ihr werdet mich anrufen und hingehen und mich bitten und ich will euch erhören. Ihr werdet mich suchen und finden; denn wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, so will ich mich von euch finden lassen, spricht der HERR, und will eure Gefangenschaft wenden und euch sammeln aus allen Völkern und von allen Orten, wohin ich euch verstoßen habe, spricht der HERR, und will euch wieder an diesen Ort bringen, von wo ich euch habe wegführen lassen. Gott schenkt Heimat, die niemand mehr nehmen wird. Gott führt zusammen, lässt sich finden, schenkt einen Frieden, der alles umfasst. Natürlich ist es noch nicht so weit. Aber wenn wir nur allein die Gegenwart hätten, dann bräuchten wir nicht zu taufen, dann bräuchten wir keine Kinder zu erziehen, dann würden wir darin gefangen bleiben, dass, neben vielen Dingen, die gut gelingen, am Ende doch viel zu viel nicht in unserer Hand steht und auch schief gehen kann. Gott befreit aus dem Kreislauf von Bemühen und Versagen, weil er eine Zukunftsperspektive hat, die wir uns allein nicht geben können. Lebt! Betet! Hofft! Die drei gehören zusammen. Gott sei Dank!

Amen

Jumaat, 5 Oktober 2012

Mein rechter Platz ist leer, da setz ich mir den ... her - 18. So. n. Trinitatis, Reihe IV

Text: Jakobus 2,1-13 (die Zitate im Text sind aus der Basisbibel)
Liebe Gemeinde!
Stellen Sie sich doch mal vor, unsere Kirche wäre brechend voll, alle Plätze besetzt. Kommt zwar leider nicht jeden Sonntag vor, aber manchmal ist es ja so, letzten Sonntag zum Beispiel. Die Tür geht auf, einer der Alkoholiker vom Marktplatz kommt rein. Noch nicht total besoffen, es ist ja früher Sonntagmorgen. Aber er riecht von gestern noch unangenehm und seine Kleidung ist nicht gerade sauber. Trotzdem hat er das Bedürfnis, in den Gottesdienst zu kommen. Und dann geht die Tür noch mal auf und Herr Vaupel, unser Oberbürgermeister, kommt herein. Beide müssten stehen. Wem von beiden würde wohl zuerst ein Platz angeboten werden? Wenn ich zu mir selber ehrlich bin, würde ich eher Herrn Vaupel einen Platz anbieten als einem der Alkoholiker. – Jetzt ist der Oberbürgermeister nicht furchtbar reich und trägt auch nicht viele goldene Ringe und zumindest einer der Alkoholiker ist auch nicht arm an Geld. Aber ich fühle mich von dem Predigttext aus dem Jakobusbrief  doch ein bisschen ertappt. Vielleicht geht es ja auch anderen so.
Ich könnte es mir einfach machen mit dem Predigttext, gerade bei uns in unserer Gemeinde auf dem Richtsberg. Bei uns gibt es sehr viel mehr Menschen, die nicht viel haben, als wirklich reiche Menschen. Und da wir an normalen Sonntag auch leider keine Platzprobleme haben, könnte ich mit dem Finger auf andere zeigen und sagen: Ja, so ist es doch! Schaut euch die Familie Pohl an, die haben viel Geld und können in Marburg machen, was sie wollen, so soll das nicht sein, da müssen wir als Christen was unternehmen. Und wir auf dem Richtsberg oder im Waldtal haben zu wenig Geld, da müsste doch viel mehr gemacht werden! Und außerdem soll die Kirche nicht so viel Geld für teure Kirchenmusik ausgeben, lieber mehr direkt an Arme weitergeben! Es lebe das Vorurteil, es lebe das Klischee! Gut, wenn man mit dem Finger nach außen auf andere zeigen kann, sich behaglich zurücklehnen kann, auch wenn wir uns damit etwas vormachen.
Mir ist es zu einfach, wenn wir einfach mal schnell uns an Vorurteile dranhängen und sagen: „Die Reichen sind böse, und wenn sie was spenden, dann doch nur, um ihr Gewissen zu beruhigen oder sich als Wohltäter aufzuspielen!“ Weder sind alle Reichen böse Menschen noch arme Leute gute Menschen nur weil sie wenig haben. Man kann mit diesem Predigttext ganz prima ablenken und auf alle Reichen in der Welt schimpfen und ein Lied auf den Segen der Armut singen. Natürlich hat Gott, durch Jesus noch einmal sehr viel kräftiger, den Armen sein Reich zugesagt. Und natürlich betont Jesus
 mehr als einmal, dass Reichtum und materieller Besitz Menschen leicht von Gott wegbringen und man nicht Gott und dem Geld gleichzeitig dienen kann. Aber wenn im Jakobusbrief geschrieben wird „Beurteilt andere nicht nach dem Ansehen der Person“ und auch „Legt ihr dann (wenn ihr nach Äußerlichkeiten urteilt) nicht unterschiedliche Maßstäbe an und werdet zu Richtern, die Fehlurteile fällen?“, dann lässt sich das auch auf die platte Umkehr der Vorurteile münzen. Es geht darum, im anderen den Menschen zu sehen. Es geht um Mitmenschlichkeit und Nächstenliebe. Ganz klar schreibt das der Autor des Briefes, der sich Jakobus nennt: „In der Heiligen Schrift steht: Liebe deinen Mitmenschen, deinen Nächsten, wie dich selbst. Wenn ihr dieses wahrhaftig königliche Gebot befolgt, handelt ihr richtig. Wenn ihr dagegen andere nach dem Ansehen der Person beurteilt, macht ihr euch schuldig. […] Denn ein unbarmherziges Urteil erwartet den, der selbst kein Erbarmen gehabt hat. Aber wer barmherzig gewesen ist, kann sich im Gericht zu Recht darauf berufen.“ Es geht um ein barmherziges Urteil über den anderen, erstmal völlig unabhängig von seinem Reichtum oder seiner Armut oder seiner Kleidung oder seinem Beruf. Es geht darum, gerade in der Gemeinde, der Gemeinschaft der Menschen, die sich auf Jesus, auf  das, was er gesagt und getan hat, berufen, den anderen Mensch sein zu lassen. Es geht darum, den anderen Menschen nicht dadurch zu kränken, dass die Würde, Mensch zu sein, von etwas anderem als dem einfachen Menschsein abhängig gemacht wird.
Der Jakobusbrief ist uralt. Und trotzdem spricht er Probleme an und weist auf Folgen unseres Handelns oder Nichthandelns hin, die heute noch mindestens genauso aktuell sind wie zu den Zeiten am Anfang des zweiten nachchristlichen Jahrhunderts, als dieser Brief geschrieben wurde. Christen und Gemeinden leben nicht abgeschlossen von der Welt. Und die Gefahr ist da, damals wie heute, dass wir verwechselbar werden. Wir reden von Jesus – und handeln so, als ob unser Reden keine Rolle spielen würde. Die Frage nach dem Geld zum Beispiel. Sie ist nach wie vor heikel. Daniel als Jugendarbeiter können wir nur deshalb anstellen, weil es Menschen mit genug Geld gibt, die dafür gespendet haben. Menschen aus unserer Gemeinde, aber auch christliche Unternehmer aus anderen Teilen Deutschlands. Ich selber lebe ja auch davon, dass Menschen, die gut verdienen, nicht aus der Kirche austreten, sondern ihre Kirchensteuer bezahlen, auch wenn sie selber nicht in die Gottesdienste gehen. Ich selber bin ein großer Fan der Kirchensteuer. Aus mehreren Gründen. Einmal kann ich natürlich durch sie so bezahlt werden, wie es jemand anders mit meiner Ausbildung anderswo auch wird. Aber, und das ist mir viel wichtiger: Ich weiß dadurch gar nicht, wer in der Gemeinde wie viel bezahlt. Und Menschen, die wenig Einkommen haben, Rentner, Arbeitslose, kinderreiche Familien, die zahlen wenig oder gar nichts und kriegen trotzdem die volle Leistung. Wer gut verdient, zahlt mehr, wer wenig oder nichts verdient, wenig oder gar nichts und in der Gemeinde weiß niemand, wer wie viel zahlt, damit gar nicht erst der Verdacht aufkommt, die, die viel zahlen, würden bevorzugt. Das finde ich richtig gut. Aber das Geld aus der Kirchensteuer wird weniger und schon kommen viele, viele Aufforderungen, wir müssten die Spendeneinnahmen steigern und Events anbieten, die attraktiv für mögliche Spender, also Menschen mit dem nötigen Kleingeld, sind. Ich sehe das sehr, sehr kritisch. Wir begeben uns damit schnell auf den Weg, Kirche für die Gutverdiener zu machen und ihnen eine Spielwiese zu geben, sich dadurch gut zu fühlen, dass sie ja ein bisschen was für Ärmere tun. Unser Projekt „Auja-Mobil“ wird ja von der Landeskirche gefördert und zu dem Programm gehört auch ein regelmäßiger Austausch mit anderen sozialen Projekten. Fast alle Projekte berichten davon, dass es nicht so schwer ist, Menschen zu gewinnen, gut ausgebildete mit Geld und Zeit, die was für sogenannte Arme tun. Aber wenn die so genannten Armen selber mitmachen wollen, dann ist das von vielen nicht so gern gesehen, die sind halt anders. FÜR DIE tut man was, aber MIT DENEN arbeitet man halt nicht so gern zusammen.
Ich glaube, dass genau hier tatsächlich der Jakobusbrief ansetzt. Jesus verändert den Blick auf den Menschen. Er nimmt den Menschen als Menschen in den Blick. Nicht als Armen, nicht als Reichen, nicht als Klugen, nicht als Dummen, nicht als Gesunden, nicht als Behinderten, nicht als Inhalt einer Schublade, in die er gesteckt wird, sondern als Menschen. Natürlich nimmt er ihn damit auch als Bedürftigen in den Blick. Kranke brauchen Gesundheit und viele erfahren durch Jesus Heilung. Arme brauchen nicht nur Mitleid, sondern oft ganz konkrete Hilfe, und auch die gewährt Jesus oder er motiviert dazu. Und Reiche brauchen Erlösung davon, sich über Geld und wirtschaftliche Macht zu definieren und ihren Lebensinhalt so zu verengen und ihre Not aus dem Blick zu verlieren. Sich gegenseitig als Bedürftige wahrnehmen, sich selbst als Bedürftiger sehen zu können. Dazu kann der Jakobusbrief vielleicht die Augen öffnen. Barmherzig zu sein, nicht knallhart auf Äußerlichkeiten festnageln  -weder andere noch sich selbst. Dazu will er Mut machen. Das ist der Weg, den Gott durch Jesus mit uns geht. Er legt uns nicht fest, nicht auf unser Versagen, nicht auf unsere Schuld, nicht auf unser Ansehen bei den Menschen. Nachfolge heißt nicht nur, das zu hören und für sich und sein Leben anzunehmen, sondern diese Haltung mit eigenem Leben zu füllen. Und was ich an Jesus, am Glauben an Gott, der die Liebe ist, so schön finde, ist, dass es nicht nur um die geistige Welt geht, sondern um das Hier und Jetzt. Und das deshalb für ihn auch die Hinwendung zum materiell Armen, nicht als Objekt, an dem ich meine Überlegenheit auf angenehme Weise zeigen kann, sondern als Subjekt, das ein Recht darauf hat, in Würde zu leben, mit Würde behandelt zu werden, auch materielle Gerechtigkeit zu erfahren, unbedingt zum Glauben mit dazu gehört.
Wem würden wir Platz machen? Ich wünsche mir, dass ich mit allen anderen, die schon da sind, so stark wäre, zusammenzurücken, dass jeder bei uns den Platz findet, den er bei Gott schon längst hat.

Amen

Khamis, 4 Oktober 2012

Danke für... - nichts? ...diesen guten Morgen?

Statt einer Predigt zum Erntedankfest "Sonntagsgedanken" für die Lokalpresse. Unser Erntedankgottesdienst wurde in diesem Jahr am 30.09. als Familiengottesdienst gefeiert und war so auf unsere Gemeinde und die lokalen Voraussetzungen ausgelegt, dass eine Veröffentlichung sinnlos gewesen wäre, deshalb also: Danke für ... nichts? ...diesen guten Morgen?
Ich habe mich über mich selbst erschrocken. Bei der Fortsetzung von „Danke für…“ kam mir als Pfarrer nicht zuerst die Gesangbuchzeile „… diesen guten Morgen“ in den Sinn. Stattdessen hat sich offenbar in meinem Hirn eine andere Fortsetzung eingebrannt: „…nichts!“. Eine Textzeile der zu Recht umstrittenen, mittlerweile nicht mehr existenten Band „Böhse Onkelz“. Klagen über mangelnde Dankbarkeit und zunehmenden Egoismus haben momentan Konjunktur. Im Sommer hat sogar das Magazin „Geo“ diesem Phänomen einen Titel gewidmet. Natürlich gehören solche Klagen seit Jahrhunderten zum guten Ton der Mitfühlenden. Wenn sich vor 2000 Jahren die Menschen gegenseitig in Nächstenliebe übertroffen hätten, hätte Jesus sich die Geschichte vom barmherzigen Samariter sparen können (für die Neugierigen zum Nachlesen: Lukas 10, 25-37). Mir ist nicht immer wohl dabei, wenn so viel auf die Gegenwartskultur geschimpft und alles nur in einem negativen Licht gesehen wird, als ein Ende der mitfühlenden Gesellschaft und einen Sieg des Egoismus. Früher war nicht einfach alles besser.
Ich kann im Moment ganz gut verstehen, dass Menschen im Gefühl leben: „Danke für NICHTS“ ! Neun Menschen der Geburtsjahrgänge 1960 und jünger habe ich in diesem Jahr beerdigen müssen. Alle hatten Angehörige – Kinder, Geschwister, Eltern. „Wofür soll ich eigentlich noch dankbar sein, wenn mir so ein wichtiger Mensch lange vor der Zeit genommen wurde?“ Mehr als nur einmal stand diese Frage im Raum, ausgesprochen oder im Hintergrund. Mir fällt es sehr schwer, Dankbarkeit zu verordnen. Ich bin dankbar dafür, dass ich eine Frau habe, mit der ich mein Leben teilen kann, einen Beruf, der mir meistens Freude bereitet, Menschen, die mich an ihrem Leben teilhaben lassen. Aber wenn etwas davon fehlt? Wenn ich alleine aufstehen muss, im Wissen, dass da eine Lücke im Leben ist, die sich vielleicht nie schließen wird? Kann ich dann für den „guten Morgen“ danken? Ich kann nicht Dankbarkeit fordern. Ich kann, wenn es gut läuft, dabei helfen, die Augen wieder ein wenig weiter zu öffnen und zu entdecken, dass mir manches im Leben geschenkt wird, ich nicht um alles kämpfen muss und einfach da sein darf. Wer das Gefühl hat, um alles kämpfen zu müssen, wer das Gefühl hat, nicht willkommen zu sein, der wird sich sehr schwer damit tun, Dankbarkeit empfinden zu können. Erst recht nicht deshalb, weil der Kalender einem sagt, dass mal wieder „Erntedank“ ist und man Gott für alles danken müsse.
Trotzdem hilft mir diese Zeit, meine Augen für ein Leben, das nicht selbstverständlich ist, zu öffnen und dankbar zu werden. Nicht nur für diesen guten Morgen, sondern für jeden neuen Tag, weil ich in diesem Jahr ganz besonders gespürt habe, dass es auch für Menschen des Jahrgangs 1965 nicht selbstverständlich ist, neue Tage erleben zu können. Ich bin dankbar, dass mein Vater als Halbwaise und mein Schwiegervater als Flüchtlingskind meiner Frau und mir nicht die Schrecken des Lebens weitergegeben haben, sondern es uns ermöglicht haben, Gutes zu sehen. Ich bin dankbar, dass nach dem 2. Weltkrieg ehemalige Kriegsgegner die Hand zur Versöhnung gereicht haben und nicht Rache wollten, sondern es mir durch Aufbauhilfe, die dem Gedanken von „Wiedergutmachung“ absolut widersprochen hat und alles andere als selbstverständlich war,  ermöglichten, in relativem Wohlstand und relativer Sicherheit zu leben. Schuld wird nicht aufgerechnet, Leben erhält die Chance zum Neuanfang – praktisch gelebte christliche Verkündigung in Gestalt von Wirtschaftspolitik. Deshalb macht es mich traurig, wenn wir so tun, als sei unser Leben und Wohlstand unser Verdienst und wir Griechen und Spaniern die Fehler von Regierungen vorwerfen und perspektivlose junge Erwachsene und arme Rentner  in diesen Staaten als notwendiges Übel sogenannter Gerechtigkeit hinnehmen. Ich hoffe, dass Dankbarkeit großzügig macht – und dass erfahrene Großzügigkeit dankbar macht. Ich hoffe – nicht mehr und nicht weniger.