Sabtu, 24 Disember 2011

Werdet laut, singt, was das Zeug hält - 1. Weihnachtstag 2011

Text: Psalm 98,1-4


Singet dem HERRN ein neues Lied,

denn er tut Wunder. Er schafft Heil mit seiner Rechten und mit seinem heiligen Arm.

Der HERR lässt sein Heil kundwerden;
vor den Völkern macht er seine Gerechtigkeit offenbar.
Er gedenkt an seine Gnade und Treue für das Haus Israel,
aller Welt Enden sehen das Heil unsres Gottes.

Jauchzet dem HERRN, alle Welt,
singet, rühmet und lobet!

Liebe Gemeinde!

Wer von Ihnen, wer von Euch hat gestern Abend gesungen oder auf andere Art Musik gemacht, mit Flöte oder Keyboard oder anderen Instrumenten? Mit der Musik ist das ja so eine Sache. Fast alle hören gern Musik, sie kann Stimmungen verbessern oder verstärken. Ohne Musik wäre das Leben viel trauriger. Aber nicht jeder hat die Zeit oder Geduld, ein Instrument zu lernen. Und das Instrument, das Gott jedem von uns geschenkt hat, die eigene Stimme, die traut sich auch nicht jeder aus vollem Hals zu benutzen. Viele finden sich peinlich, wenn sie singen, haben Angst, den richtigen Ton zu verpassen und ausgelacht zu werden. Das Fernsehen liefert uns ja mit den Castingshows seit Jahren Beispiele genug dafür. Schade, dass das Singen oft unter einem solchen Leistungsdruck steht. Wie wäre es denn, wenn wir in diesem Jahr zu Weihnachten unser Geschenk mal wirklich annehmen und so laut wir können singen, jauchzen, rühmen, loben. Mit den unterschiedlichen Musikstilen, die wir gut finden. Mit Kirchenliedern oder Volksliedern. Mit Rap und Hip-Hop, mit Pop, Rock oder Schlager. Mit perfekt getroffenen Tönen genauso wie mit Tönen, die knapp oder deutlich neben dem liegen, was sich Komponisten gedacht haben. Die kannten halt unsere Stimmen nicht, was können wir denn dafür, wenn sie nicht für unsere Stimmen komponieren! Singt dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder! Und Gott, der Herr, wird sicher keine himmlische Castingshow veranstalten und das nächste Supertalent, den nächsten Superstar oder die Stimme des Himmels suchen.

Fast jedem Menschen macht es Spaß, allein für sich unter der Dusche oder im stillen Kämmerlein zu singen. Ich kann mir vorstellen, dass es für Jesus ein tolles Geburtstagsgeschenk wäre, wenn wir ihm mit dem, was Gott uns geschenkt hat, mit unseren Stimmen, ein vielstimmiges, weltweites Geburtstagsständchen singen würden. Laut und so vielstimmig und unterschiedlich, wie wir sind und wie Gott uns gewollt und gemeint hat. Das größte Weihnachtslied aller Zeiten, von einem Ende der Welt bis zum anderen gesungen, ich stelle es mir einfach nur schön vor, weil die Menschen dabei merken, dass sie zusammengehören. Weil wir Menschen endlich merken, dass sich am Ende gerade in der Vielfalt die Einheit und Einzigartigkeit Gottes abbildet, der sich auf keine Rasse, auf kein Geschlecht, auf keine Nation und kein Bild als das von uns Menschen festlegen lässt, was ihm angeblich entspricht. Gott überrascht uns, indem er uns Vielfalt schenkt.
Und Gott überrascht uns, indem er uns in dieser Vielfalt nicht allein lässt und untergehen lässt, sondern uns Halt, Orientierung und Zuwendung schenkt.

Gott legt sich fest – auf uns Menschen als sein geliebtes Gegenüber. Und deshalb verbündet er sich mit Menschen, die seinen Bund weitertragen, in denen wir seine Liebe zu uns erkennen. Er hat sich an das Volk Israel gebunden. Ein kleines Volk, im Vergleich zu den mächtigen Nachbarn oft unscheinbar, manchmal auch unterdrückt. Ein Volk, das alles andere als perfekt war. Aber durch die Bewahrung auch in schweren Zeiten, in Niederlagen und Kriegen, durch die Begleitung über Jahrtausende schmerzhafter Geschichte, durch die Befreiung aus der ägyptischen Sklaverei genauso wie aus der Vernichtungswut der Nazis und anderer Antisemiten, teilweise, wenn man an den iranischen Präsidenten oder an neue Nazis in Deutschland und anderen Ländern Europas denkt, bis heute. Ausgerechnet in der Liebe zu diesem klei-nen, weltpolitisch unbedeutenden und angefeindeten und manchmal ziemlich unvollkommenen Volk offenbart sich Gott. Und für uns dann darin, dass er diese Liebe eben nicht auf dieses eine Volk beschränkt, sondern durch Jesus zu allen Menschen auf der ganzen Welt bringt.

Gott übersieht das Kleine nicht. Vor ihm gilt nicht der Ruhm bei den Menschen und in den Geschichtsbüchern. Er durchschaut die Streber, die sich auf Kosten von anderen immer in die erste Reihe stellen wollen, damit sie am meisten bekommen. Für mich wird das gerade zu Weihnachten besonders deutlich. Die ersten, die in Jesus, einem am Rande der Welt unter einfachsten Umständen geborenen Kind, Gottes Liebe zu allen Menschen erkennen können, sind die Hirten. Keine Könige, keine Priester, keine besonders frommen Menschen, die möglichst alle Gebote von Gott perfekt beachten und durch eine Exklusivstory belohnt werden. Nein, ganz einfache Menschen. Nicht perfekt, oft übersehen.

Für mich ist auch das ein Grund, Gott ganz laut zu singen und Jesus ein ganz großes und vielstimmiges und ehrliches, nicht geschöntes, Ständchen zu bringen. Ich darf nicht erst dann zu Gott, ich werde nicht erst dann von ihm geliebt, wenn ich perfekt bin und genug geübt habe. Auch wenn noch so manches danebengeht und nicht jeder Ton sitzt und so manches schiefgeht, darf ich mitsingen, mit loben, mit leben, gilt seine Liebe mir.

Was mir an diesem alten Lied aus der Bibel, aus den Psal-men, das ja schon lange vor der Geburt von Jesus gesungen wurde, so wichtig und lieb ist, sind drei Dinge.

Einmal die Ermutigung, laut zu singen. Als ich ein Kind war und in dem Kinderchor in meinem Heimatdorf mitsingen wollte, hieß es nach einer Weile und manchen Sonderproben: mit dir hat das wohl nicht so viel Sinn. Erst ein Musiklehrer hat mir viel später Mut gemacht, laut zu singen, was ich immer noch gern mache – und auch meine ersten eigenen Konfis, die vor 18 Jahren sagten: „Es ist so schön, wenn sie in der Kirche falsch singen, da hat man was ,worüber man lachen kann“ – und ich feststellen durfte, dass sie damit nicht meinten, dass sie mich böse auslachen, sondern dass es einfach Spaß macht, wenn man nicht immer alles so perfekt können muss, aber trotzdem gern machen darf. Ich wünsche uns den Mut, im Singen Lebensfreude zu entdecken. Singen nicht, um ein Star oder einfach bewundert zu werden, sondern weil es ein Geschenk Gottes ist und meine Stimme im großen Chor zur Ehre Gottes fehlen würde, wenn ich mich nicht traue, laut zu werden.

Dann ist da die Weite, die Gott schenkt. Vor den Völkern macht er seine Gerechtigkeit offenbar. Er gedenkt an seine Gnade und Treue für das Haus Israel, aller Welt Enden se-hen das Heil unsres Gottes. So drückt es der Psalm aus. Gottes Liebe ist grenzenlos, sie macht vor den Grenzen, die wir Menschen ziehen, nicht halt. Aber diese Grenzenlosigkeit ist kein Verrat an seiner ersten Liebe. Die Treue zu seinem ersten Bund bleibt. Gott ist treu, auch das ist eine große Hoffnung. Und Gottes Treue hält auch menschliche Untreue aus. Gott verrät seine Liebe nicht, auch wenn wir vielleicht nicht immer so liebenswert sind oder uns liebenswert verhalten. Auch wenn wir meinen, wir bräuchten ihn nur für uns, auch wenn wir, im Glauben wie in vielen anderen Fragen der Liebe, ganz leicht eifersüchtig werden und Zäune ziehen und Abgrenzen statt öffnen. Weihnachten ist das Familienfest Gottes – und diese Familie ist so viel größer, als wir oft denken.

Und das dritte, das mir gut gefällt, und für mich eigentlich auch das Wichtigste, ist, dass Gott offensichtlich nicht nur so zum Spaß oder weil’s gerade Mode ist oder zu einer bloßen Verehrung seiner Macht oder damit möglichst viele Gottesdienste gefeiert werden das alles tut. Nein, ihm geht es um Heil und Gerechtigkeit. Gerechtigkeit für alle Völker. Davon sind wir auch Weihnachten 2011 weit weg. Es würde zu lang dauern, alles Unrecht aufzuzählen und auch alles aufzuzählen, wo wir am Unrecht und an der Ungerechtigkeit beteiligt sind. Gottes Wille ist Gerechtigkeit. Nicht nur für Europa, nicht nur für Christen und Juden, nicht nur für hellhäutige Menschen. Und vielleicht kann in dem lauten Jubel ja auch etwas davon erzählt werden, dass die, die unter Ungerechtigkeit leiden, Gott besonders nahe sind. Und wenn wir mit dem Singen fertig sind, haben wir vielleicht auch noch die Kraft, nicht nur von Unrecht zu reden, sondern erleichtert und erheitert und gestärkt kleine Schritte auf dem Weg zu mehr Ge-rechtigkeit zu gehen. Angefangen dort, wo ich lebe, wo ich arbeite, wo ich einkaufe. Und die Augen nicht zumache vor Unrecht. Aber auch weiß, dass letzte Gerechtigkeit nur Gott schenken kann. So wie nur er umfassendes Heil schenken kann. Keine Politik, keine menschliche Ideologie, kein Geld. Heil, das mehr ist als körperliche Gesundheit. Heil, das Zustände, die Leben scheitern lassen oder schwer machen, beseitigt. Jesus ist Gottes lebendiges Zeichen, dass das möglich ist. Ganz konkretes, richtiges, heiles Leben. Und auch dann, wenn wir, auch zu Weihnachten, auch in seiner Nachfolge, daran scheitern, dass mit unserer Kraft hinzukriegen oder auch darunter leiden, dass das eigene Leben im Moment vielleicht gerade alles andere als heil ist, dürfen wir mitsingen. In Vorfreude auf das, was noch kommen wird. In Dankbarkeit für Liebe, die da ist. Im Vertrauen darauf, dass Gott treu ist und seine Liebe nicht nur zu Weihnachten sichtbar ist. Und nicht nur bei uns, sondern in aller Welt.

Amen.

Und wo sind die Engel? - Christvesper als Lichterkirche, Hl. Abend 2011

Johannes 1,14a in Verbindung mit Jacopo Tintoretto "Anbetung der Hirten"
Liebe Gemeinde!


Und wo sind die Engel? Wenn etwas zu Weihnachten gehört, dann doch die Engel! Die Menge der himmlischen Heerscharen, die den Hirten die frohe Botschaft von der Geburt Jesu erzählten. Der Engel, der Maria die Botschaft brachte, dass sie schwanger werden würde und dass sich ausgerechnet in ihrem Kind Gott den Menschen zeigen will. Der Engel, der, wie Matthäus es erzählt, Josef im Traum erschien und ihn dazu brachte, zu seiner Frau, die ganz offensichtlich nicht von ihm schwanger war, zu bleiben und der ihn rechtzeitig vor König Herodes warnte, der die neugeborenen Kinder umbringen ließ. Engel als Verbindung zwischen der Welt Gottes und der Welt der Menschen. Engel als diejenigen, die gute Nachrichten bringen oder vor Bösem warnen und so Leben beschützen. Engel haben nicht nur zu Weihnachten Hochkonjunktur. Wenn ich mit Eltern spreche, die ihr Kind taufen lassen wollen, dann ist oft die Hoffnung da, dass Gott dem Kind einen Engel an die Seite stellt. Den kann man, so glauben und hoffen sie, zwar nicht sehen, aber er ist eine Verbindung zu Gott. Und Jugendliche und auch richtig alte Menschen sind oft davon überzeugt, dass Engel für sie da sind. Manche Menschen tun sich schwer, an Gott zu glau-ben. Der scheint ihnen so weit weg, so fern und so groß und vor allem so unsichtbar zu sein, dass sie gar nicht wissen, ob es ihn gibt und was sie von ihm halten sollen. Engel sind da eine Nummer kleiner, menschlicher. Und deshalb fällt es vielen, glaube ich, leichter, an Engel zu glauben. Und jetzt sind ausgerechnet auf dem Bild, dass ich Ihnen und Euch zu Weihnachten schenken möchte, gar keine Engel drauf. Oder fast keine. Wenn man ganz genau hinschaut, dann schauen ganz oben in der Mitte kleine Engel staunend durch das kaputte Dach auf das, was sich da abspielt und was sie mit angerichtet haben. „Anbetung der Hirten“ heißt das Bild des venezianischen Künstlers Jacopo Tintoretto. Nachdem die Engel den Hirten erzählt haben, dass Gott sich in einem kleinen Kind der Welt zeigt und auch für sie da sein will, machen sie sich auf in den Stall. So erzählt es Lukas. Ich habe mir immer vorgestellt, dass die Hirten zwar schnell hingelaufen sind, dann aber vor Ehrfurcht still und andächtig das Kind betrachtet haben. Hier auf dem Bild passiert aber etwas anderes. Da ist wirklich Leben im Stall. Oben beten zwar zwei Hirten, aber der eine scheint entweder selber zu essen oder das Kind füttern zu wollen. Und unten, im eigentlichen Stall, da geht es sehr munter zu. Nicht so, als ob man Rücksicht auf das neugeborene Kind nehmen will, sondern so, dass man schon beim ersten Hinschauen merkt: Hier ist das Leben. Und die Frau unten rechts scheint sich auch gar nicht so für das Kind zu interessieren, einer der Hirten ist für sie interessanter. Gerade das ist für mich ein Bild für Weihnachten. Es interessiert gar nicht alle, was da passiert ist. Für manche, vielleicht sogar für viele Menschen, sind ganz andere Dinge im Moment viel spannender. Und trotzdem: genau in diese Welt, in diese Bruchbude von Welt kommt neues Leben – durch Gott. Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns und wir sahen seine Herrlichkeit“ – so drückt es der Evangelist Johannes in seiner Sprache aus. Gott macht sich greifbar. Mitten im Leben. Das eben oft wie eine Bruchbude daherkommt. Und in dem es Zeiten gibt, in denen Gott alles andere als herrlich oder sichtbar zu sein scheint und in dem es Menschen gibt, die von ihm wenig oder nichts wissen wollen. Die ihren Blick auf andere Dinge richten. Bemerkenswert und, obwohl es alt ist, sehr zeitgemäß an diesem Bild finde ich, dass nicht nur die Engel kaum sichtbar am Rand des Bildes sind. Auch Jesus, das Kind in der Krippe, in dem sich Gott zeigt, ist nicht im Mittelpunkt und verschwindet fast vor den ganzen Ablenkungen für’s Auge.
Maria lüftet ein wenig das Tuch, um das Kind zu zeigen und etwas von dem Licht, von der Herrlichkeit Gottes, strahlen zu lassen. Wenn sie das nicht tun würde, dann würde man gar nichts besonders sehen können.

Wie gesagt, eigentlich ziemlich zeitgemäß. Es gibt sicher vieles, was es Menschen schwer macht, den Blick auf das zu richten, was Weihnachten wirklich wichtig ist. Ich denke an die Menschen, die sich manchmal an Äußerlichkeiten festbeißen und die glauben, nur mit Schnee in die richtige Weihnachtsstimmung zu kommen. Ich denke auch an die vielen, die Angst vor Weihnachten haben. An die, die das Schöne gar nicht sehen können, weil ein für sie wichtiger Mensch gestorben ist, weil sie allein oder krank sind. An die, die Angst vor Armut haben müssen und an die, die wirklich arm sind. An die Kinder, die zu Weihnachten geschlagen und misshandelt werden. Und an die, für die es einfach nur darum geht, möglichst viel zu trinken oder möglichst gut zu essen. Und ich denke an die in meinen Augen mehr als dämliche Media-Markt Werbung, die vorgaukeln will, dass Weihnachten unterm Baum entschieden wird und sich Menschen, und vor allem Kinder und Jugendliche, nur dann freuen, wenn sie teure Unterhaltungselektronik geschenkt bekommen. Weih-nachten wird nicht unterm Baum entschieden, sondern Weihnachten ist schon längst entschieden worden. Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns und wir sahen seine Herrlichkeit“ – die ist schon da, diese Herrlichkeit. Auch wenn unsere Augen und Gedanken manchmal abgelenkt werden und anderes viel glitzernder, verlockender und toller zu sein scheint. Ich glaube, dass wir dann, wenn wir vor lauter Trubel oder auch vor lauter Trauer die Herrlichkeit nicht mehr sehen können, wirklich Engel brauchen. Da sind sie dann wieder, diese Boten Gottes. Wir brauchen Botschafter von Gott, die uns helfen, die Herrlichkeit zu sehen. Von allein wären die Hirten ja wohl auch nicht auf die Idee gekommen, in einen Stall zu gehen und in einem Kind dort Gott zu finden. Wir brauchen solche Boten. Und oft genug kommen, denke ich, diese Boten, diese Engel, ganz menschlich daher. In Gestalt von Menschen, die Zeit haben und offene Ohren für Sorgen, Trauer und Nöte, die einem nicht gleich einreden, dass alles wieder gut wird oder dass alles nicht schlimm sei, sondern die bei einem stehen und bleiben, bis man selbst wieder Licht im Dunkel, Gottes Herrlichkeit in aller Not sehen kann. Wir brauchen solche Boten Gottes. Ohne sie können wir die Herrlichkeit nicht sehen. Das müssen keine Pfarrer oder Profis sein. Wen Gott als Boten mitten ins Leben schickt, das lässt sich nicht voraussagen.

Vielleicht fragt jetzt ja auch jemand: Gibt’s denn eigentlich wirklich Engel? Da redet der Pfarrer die ganze Zeit davon, aber gesehen habe ich noch keinen! Ja, ich glaube, dass es Engel gibt. Dass Gott Verbindung schafft, damit wir spüren können: er ist da. Manchmal sind diese Engel recht menschlich. Denn das Wort Engel heißt übersetzt nichts anderes als „Botschafter“. Und manchmal ist es einfach ohne feste Gestalt die Erfahrung, dass Gott da ist – vielleicht, weil man bei einem schweren Unfall gut herausgekommen ist. Vielleicht, weil man trotz einer schweren Krankheit den Mut nicht verloren hat und das Lachen auch nicht. Da ist keine geflügelte Gestalt, die man zeichnen könnte, aber das feste Gefühl: mitten in MEINEM Leben ist jemand, der ganz für mich da ist und dem ich am Herzen liege, der mehr schenkt als alle anderen schenken können.

Und da sind wir wieder bei Weihnachten, dem Geschenk Gottes für uns. Weihnachten wird es nicht, weil wir Ge-schenke austauschen. Weihnachten wird es nicht, weil es im Winter schneit oder weil sich pfiffige Ladenbesitzer was zur Umsatzsteigerung ausgedacht haben. Weihnachten wird es nicht, weil wir in Stimmung sein müssten oder weil die Welt perfekt ist. Weihnachten wird es, weil Menschen den Boten, der Botschaft Gottes Vertrauen schenken: die Welt ist nicht verloren. In dem Kind und in dem, was aus diesem Kind wird, ist Gott lebendig und zu entdecken. Das Wort wird Fleisch und wir sahen seine Herrlichkeit – Gott bleibt nicht weit weg, sondern er ist mitten im Leben zu finden. Auch dann, wenn sich manche gar nicht drum kümmern. Weihnachten wird es, weil Gott nicht nur ein Freund, sondern der Geber, der Erhalter und der Vollender des Lebens ist. Weihnachten wird es, damit ALLE Menschen etwas vom Leben haben. Und nicht nur die, die schon immer auf der Sonnenseite stehen. Gebe Gott, dass wir uns von seinen Boten, von seiner Botschaft zum Leben anstiften lassen und gebe Gott, dass wir die Kraft und die Weisheit und die Einsicht finden und selbst zu Boten werden. Durch unser Leben, durch das, was wir tun und lassen. Nicht nur zu Weihnachten. Da, wo Leben möglich ist, trotz aller Widerstände, da, wo Menschen sich am Leben freuen können und andere mit ihrer Freude anstecken, da sind die Engel. Manchmal ziemlich mensch-lich. Und nicht nur zu Weihnachten. Gott sei Dank. Amen.

Weihnachtsführerschein - nur für Kinder? Christvesper mit Krippenspiel, Hl. Abend 2011

Die Predigt kommt im Gottesdienst natürlich nach dem Krippenspiel, das unten aufgeführt ist und von vershciedenen Liedern unterbrochen wird.
Wer darf eigentlich Weihnachten feiern? Manchmal habe ich den Eindruck, es gibt gerade zu Weihnachten so eine Art Führerschein. Und da sollte man auch so etwas wie eine Prüfung bestehen. Und anders als beim Autoführerschein, den man frühestens mit 17 machen darf, scheint es beim Weihnachtsführerschein so zu sein, dass man ihn als Kind viel leichter bekommt.

(Ein Kind nach vorn holen) So, jetzt schauen wir mal, ob du Weihnachten feiern darfst. (Fragen checken).

Alles klar, das lassen wir mal so gelten – Weihnachts-Checker mit Weihnachtsführerschein! Aber eigentlich kann man den Führerschein für Weihnachten gleich zerreißen. Gut, dass es so etwas nicht gibt, finde ich. Jeder darf Weihnachten feiern. In dem Krippenspiel von den Kindern eben ging es vor allem drum, dass Gott auch zu den Kindern kommt. Und dass Jesus ganz besonders für die traurigen Kinder gekommen ist. Und für die Bettler, die nichts haben. Und für die Hirten, die hart arbeiten müssen und die von den reichen Leuten vielleicht gar nicht so ernst genommen werden. Ja, das ist das Tolle an dem, was wir Weihnachten feiern: Gott zeigt uns durch das Jesuskind, dass Kinder nicht weniger wert sind als Erwachsene. Und dass für ihn nicht nur die Menschen wichtig sind, die viel Geld haben oder die alle gut kennen und mögen, sondern auch die, die vergessen werden, die arm sind und die hart arbeiten müssen.

Aber Weihnachten wird es eben nicht nur für Kinder und für besonders arme Leute. Gott sei Dank muss man mit 18 oder 20 den Weihnachtsführerschein nicht neu machen.
Gott sei Dank darf man so lange man lebt Weihnachten feiern. Jesus ist nämlich auch für die gestressten Eltern da. Und ich glaube auch, dass für Eltern der Sinn von Weihnachten mehr ist, als Geschenke zu besorgen oder alles so hinzukriegen, dass es für andere, für die Kleinen oder für die Großeltern oder für andere perfekt wird. Gott sei Dank müssen wir keine Prüfungen für den Weihnachtsführerschein ablegen, sondern wir kriegen ihn einfach so geschenkt. Gott lädt uns alle zum Mitfeiern ein: Kinder und Erwachsene, vergessene und die, die im Mittelpunkt stehen… Gestresste und Entspannte. Fröhli-che und Leute, denen nur noch zum Weinen zu Mute ist. Durch Jesus zeigt Gott allen Menschen: Ich liebe euch. Ich komme zu euch, damit ihr selbst menschlich werden könnt. Damit ihr euch gegenseitig neu sehen könnt. Damit ihr euch auch mal ausruhen könnt. Bei mir, an der Krippe, zu Weihnachten – und hoffentlich dadurch auch für die anderen Tage Kraft bekommt. Damit ihr euch gegenseitig besser sehen könnt und keiner mehr das Gefühl haben muss, vergessen zu sein. Weihnachten ohne Stress. Ohne Prüfung. Ein Fest – nicht nur für die Kinder, nicht nur für die Armen. Sondern für die Menschen. Für alle Menschen. Ein Fest, das jeder feiern darf. Weil Gott uns liebt. Weil Gott uns sich selber schenkt. Amen


Das Gotteskind und die Menschenkinder


Mitwirkende:

- Erzähler/in

- Maria und Josef - Wirt

- vier Kinder

- zwei Hirten

- Joel, der Bettler

Der Aufbruch

Erzähler/in: Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde. Und diese Schätzung war die allererste und geschah zu der Zeit, da Quirinius Statthalter in Syrien war. Und jedermann ging, dass er sich schätzen ließe, ein jeder in seine Stadt. Da machte sich auf auch Josef aus Galiläa, aus der Stadt Nazareth, in das jüdische Land zur Stadt Davids, die da heißt Bethlehem, weil er aus dem Hause und Geschlechte Davids war. Damit er sich schätzen ließe mit Maria, seinem vertrauten Weibe, die war schwanger.

Josef: (tritt auf, er ruft) Maria, komm, lass uns jetzt gehen, wir haben einen weiten Weg vor uns!

Maria: (erscheint mit einer Tasche oder Ähnlichem) Hier bin ich. Ja, wir wollen gehen. Ich freue mich so auf Bethlehem. Dort ist der große König David geboren. Von dort stammen unsere Vorfahren her. - Josef, wir wollen uns von unseren Nachbarn verabschieden!

Maria und Josef: (treten vor, rufen ins Publikum und winken) Auf Wiedersehen, auf Wiedersehen!

Kinder: (rufen zurück) Gute Reise! Kommt bald wieder

Die Herbergssuche

Maria und Josef treten auf

Wirt: Nein, alle Zimmer sind belegt. Ihr seid zu spät dran. So, wie ihr ausseht, seid ihr sowieso ein Fall für die Sozialstation. Geht doch dorthin!

Maria: Aber wir erwarten ein Kind!

Wirt: Was? Ein Kind? Kindergeschrei, das fehlte mir grade noch. So geht doch endlich. Merkt ihr nicht, dass ihr den ganzen Betrieb aufhaltet?

Maria: Oh, Josef, so habe ich mir das nicht vorgestellt. Ich habe mich so auf Bethlehem gefreut. Ich war so froh, so glücklich, als der Engel zu mir sagte: »Du Auserwählte - durch dich soll Gottes Kind auf die Erde kommen!« - Und jetzt erscheint mir das alles wie ein ferner Traum. Ich bin so müde.

Josef: Setz dich hierher, Maria. (Er deutet auf einen Holzklotz oder ähnliches.)

Maria: Das tut gut.

Josef: Ich gehe da hinüber und sehe nach, ob es noch irgendwo einen Platz

für uns gibt. - (Josef geht und kommt nach einer kleinen Weile zurück.) - Komm, Maria,

dort drüben ist ein Stall. Er ist warm und trocken. Heu und Stroh sind da und eine kleine Futterkrippe.

(Während die Gemeinde ein Lied singt, wird die Krippe aufgebaut.)

Die Kinder

Lautes Klopfen, drei bis fünf Kinder stehen da.

Josef: Wer seid ihr denn?

Kind 1: Wir sind Kinder aus Bethlehem. Wir sind auf uns selbst gestellt, weil niemand für uns Zeit hat.

Maria: Wie sollen wir das verstehen? Kind 2: Unsere Eltern sorgen nicht mehr für uns, wir sind mal hier, mal da.

Kind 3: Und manchmal übernachten wir hier im Stall.

Josef: (zu Kind 1) Du bist also ein Kind, ein vergessenes Kind?

Kind 1: Ja, mein Vater hat den größten Gasthof hier in Bethlehem. Noch nie war so ein Betrieb bei uns wie heute, wegen der Volkszählung. Wenn ich meinen Vater etwas fragen will, sagt er: »Geh zu deiner Mutter. Ich hab jetzt keine Zeit.« Sage ich zu meiner Mutter: »Der große Stern macht mir Angst.«, fragt sie bloß: »Welcher Stern? Ich kann jetzt nicht in den Himmel gucken, ich muss mit meinen Rechnungsbüchern klarkommen. Geh ins Bett, Kind!« Meine Eltern merken gar nicht, dass ich jede Nacht mit meinen Freunden hier unterwegs bin.

Kind 2: Und als wir gerade die Straße heraufkamen, sagte die Kleine hier:

Kind 4: Der große Stern steht genau über unserem Stall!

Kind 2: Ich sagte: »Du spinnst!«

Kind 3: Aber ich habe gesehen, dass Licht im Stall brennt.

Kind 2: Und deswegen haben wir hereingeschaut.

Kind 3: Oh, seht nur, da ist ein kleines Kind! Psst - es schläft!

Kind 4: Wie heißt es?

Maria: Es ist heute Nacht geboren. Der Engel hat gesagt, es soll »Jesus« heißen. Er hat auch gesagt, wenn das Kind groß ist, wird es uns Frieden und Gerechtigkeit bringen.

Kind 1: Das ist gut. Und deshalb leuchtet der Stern über dem Stall.

Kind 2: Dürfen wir dem Kind ein Lied singen?

Maria und Josef: Ja gerne, das gefällt uns und dem Kind.

Lied: Gottes Liebe ist so wunderbar (KG 146)

Joel und die Hirten

Mitten in die Musik hinein: lautes Husten.

Kind 1: Oh weh, das ist Joel, der Bettler.

Kind 2: Der übernachtet auch manchmal hier. Der wird sauer sein, wenn hier schon Leute sind.

Joel: (kommt hustend herein) Was ist denn hier los?

Kind 3: Joel, sieh mal, hier ist ein kleines Kind. Es ist heute Nacht geboren. Der Engel hat gesagt

Joel: (unterbricht) ... es gibt keine Engel. Es gibt nur böse Menschen.

Josef: Joel, wie kannst du nur so etwas sagen. Du kannst ruhig im Heu dahinten schlafen. Wir werden ganz leise sein.

Joel: (zeigt auf die Kinder) Die da und leise, ha! Ich kenn euch gut. Wie oft schnappt ihr mir die besten Brocken weg!

Kind 4: Wir haben auch Hunger, Joel.

Stimme: (noch nicht zu sehen, ruft Laut) Ist hier ein neugeborenes Kind? Es muss in einer Futterkrippe liegen.

Kind 2: Hört doch, da sucht jemand den kleinen Jesus.

Kind 1: (der Stimme entgegengehend) Komm hierher, da bist du richtig.

Zwei Hirten: (kommen in den Stall und bleiben vor der Krippe stehen) Das muss das Kind sein, das wir suchen. Gottes Kind!

Josef: Woher wisst ihr denn, dass dies Gottes Kind ist?

Hirte 1: Ein Engel hat es uns gesagt.

Joel: (laut und grob) Es gibt keine Engel.

Die Hirten: Aber wir haben Engel gesehen.

Die Kinder: Erzählt, erzählt!

Hirte 2: Wir saßen nach dem Abendbrot um die Feuerstelle. Es war schon dunkel. Der Vater besprach mit den Hirten die Arbeiten des nächsten Tages. Und dann redeten sie über den merkwürdigen Schweifstern am Himmel. Einer sagte: »So ein Stern bringt Unglück.«. Aber der uralte Hirte Dan sagte: »In den alten Schriften steht geschrieben, wenn so ein Stern erscheint, wird der König des Friedens geboren.«

Hirte 1: Plötzlich wurde es taghell. Und wie ein Blitz vom Himmel herabfährt, so stand er vor uns. Wir waren furchtbarerschrocken. Einige von uns sprangen auf. Es wurde so hell, dass wir unsere Augen mit den Armen und Händen schützen mussten. Wir wagten sie erst wieder aufzumachen, als wir die Stimme hörten: »Fürchtet euch nicht!«

Hirte 2: Und der Engel sagte zu uns weiter: »Ich bringe euch eine gute Botschaft, große Freude, die alle Menschen erfahren sollen. In Bethlehem, in einem Stall, ist der Heiland geboren. Gottes Sohn ist Mensch geworden. Der Retter der Welt. Seine Mutter hat ihn in Windeln gewickelt und in eine Futterkrippe gelegt, weil sonst kein Platz für ihn war. Die Krippe ist das Zeichen, wenn ihr ihn, nachher sucht.« - Kleine Stille. -

Kind 3: Und dann?

Hirte 1: Und dann war es, als ob am Himmel ein großes Tor aufgestoßen würde, denn es waren da Engel, die lobten Gott und sprachen: »Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden, weil Gott alle Menschen liebt.«. Dann sangen sie ein Lied, so etwas Wunderbares habt ihr noch nie gehört. Der ganze Himmel war erfüllt davon.

Kind 4: Und dann? Erzählt weiter!

Hirte 2: Eine Weile war es ganz still. Dann sagte einer von uns: »Kommt, lasst uns nach Bethlehem gehen und das Kind suchen.« Der Vater sagte: »Das Kind liegt in einer Futterkrippe - dann sind die Eltern arme Leute.« Da ist jeder zu seinem Zelt gegangen, um etwas zum Mitnehmen zu holen.

Hirte 1: Zu uns sagte der Vater: »Lauft voraus und seht nach, wo das Gotteskind, ist!«

Joel: Das habt ihr alles wirklich erlebt? Das ist also alles wahr?

Hirten: Mit unseren eigenen Augen haben wir es gesehen. Alles, was wir erzählt haben.

Joel geht zur Krippe und bleibt davor stehen.

Kind 1: Heißt das, dass Gott auch, zu uns Kindern kommt?

Kind 4: Dann wird Gott ja ein Menschenkind. So wie wir.

Kind 3: Bei Gott sind wir Kinder dann nicht verlassen oder vergessen?

Hirte 1: Bei Gott ist durch dieses Kind kein Mensch vergessen oder verlassen.

Hirte, 2: Gott kommt durch dieses Kind allen Menschen nahe.

Elisabeth Braun

Sabtu, 17 Disember 2011

Weihnachten wird NICHT unterm Baum entschieden - 4. Advent, 18.12.2011, Reihe IV

Text: 2. Korinther 1,17-22
Liebe Gemeinde!


Kann man es denn am 4. Advent nicht einfacher haben? Da erzählt Paulus wieder so was Kompliziertes von Ja und Nein und das Gott Ja sagt aber die Leute denken, dass Paulus und die anderen Ja UND Nein sagen und alles ist so kompliziert! Sollte es denn am 4. Advent nicht einfach nur mal schön sein?! In einer Woche ist Weihnachten. Und da wäre es doch schön, wenn es in der Kirche wenigstens ruhig und einfach und besinnlich ist, so dass man ein gutes Gefühl bekommt und einfach mal vom Alltag abschalten kann, Stress vergessen darf und so richtig schöne Vorfreude auf Weihnachten bekommt. Und dann machen der Pfarrer und Paulus es so kompliziert! Kann einem denn der Glauben an Gott, Jesus, nicht helfen, das Leben ein bisschen leichter und einfacher zu machen? Ist das denn zu viel verlangt in einer Welt, in der man kaum noch durchblickt und in der selbst die, die sich für Experten halten, nichts mehr wirklich auf die Reihe kriegen?

Ja, es ist eigentlich ganz einfach mit dem Glauben. Durch Jesus sagt Gott Ja zu uns Menschen. Durch Jesus sagt er uns, dass er die Welt und die Menschen retten will und dass sein Wille nicht der Tod oder die Vernichtung des Lebens ist, sondern das Leben. Ganz einfach eigentlich, was Paulus hier schreibt. Für Paulus spielt die Geburt von Jesus keine Rolle. Für ihn ist es viel wichtiger, dass Jesus nicht tot geblieben ist, sondern dass Gott in ihm gezeigt hat, dass er stärker als Tod und Schuld ist. Aber trotzdem ist es ja nicht falsch, sich daran zu erinnern, dass das alles nur deshalb passieren konnte, weil Gott sich als Mensch in dieser Welt gezeigt hat. Und zum Menschsein gehört ja nicht nur der Tod, sondern auch die Geburt. Also, ganz einfach. In Jesus sagt Gott Ja zu uns Menschen und deshalb können wir auch gern Weihnachten feiern.

Ja, alles ganz einfach- wenn nur nicht wir Menschen wären!
Wir hätten es gern einfach und machen es doch oft so kompliziert! Weil wir eben nicht nur harmoniebedürftig, liebevoll, hilfsbereit und offen für andere sein können, sondern auch ganz schön egoistisch, rechthaberisch sind und glauben, dass Gott eigentlich gefälligst so sein soll, wie ich denke, dass er sein muss. Das ging Paulus nicht anders, das ging den Menschen in Korinth, an die Paulus diesen Brief geschrieben hat, auch nicht anders. Paulus hatte versprochen, sie zu besuchen. Sie hatten sich gestritten, Paulus und die Menschen in Korinth, weil diese nach Meinung von Paulus auf dem besten Weg waren, ihren Glauben an Gott wieder zu verlieren. Und weil Paulus sich nicht streiten wollte, hat er den Besuch einfach abgesagt. Prompt kam dann natürlich der Vorwurf, dass Paulus gar nicht ernst meint, was er sagt, und wenn er Ja sagt, meint er Nein, auf ihn könne man sich nicht verlassen und überhaupt, wenn Paulus so unzuverlässig ist, dann ist wahrscheinlich auch das falsch und unzuverlässig, was er den Menschen von Jesus erzählt hat. Wenn’s kleine Mädchen wären, würde ich bei dem kleinlichen Rumgenörgel wahrscheinlich Zickenterror sagen.

Ja, wir Menschen wollen wissen, wo wir dran sind, viel-leicht gerade auch im Glauben. Wir Menschen brauchen was, an dem wir uns festhalten können. Wir brauchen einen festen Halt, der uns Stärke gibt, wenn’s im Leben schwer wird, der uns Hoffnung gibt, wenn wir merken, dass wir mit unserer Kraft nicht weiterkommen und der uns trotz aller Enttäuschungen, die wir erleben, auch Mut macht, es immer wieder mit der Liebe zu versuchen. Wir wollen das alles möglichst einfach haben. Klar verständlich. Zum Einpacken in die Tasche, zum Mitnehmen, damit wir es rausholen können, wenn wir es brauchen. Und viel kosten darf das alles auch nicht.

Aber leider ist das mit Weihnachten und Jesus und dem Glauben nicht ganz so bequem, wie es die Korinther gern wollten und wie wir das, glaube ich, auch heute noch gern hätten. Klare Ansage und Schluss! Aber so läuft das mit dem Glauben leider nicht. Auch nicht in der Adventszeit, wenn alles so schön gemütlich ist und auf das Kind in der Krippe hinausläuft. Jesus selbst sagt einmal: „Hütet euch vor denen, die euch erzählen wollen, dass sie genau wüssten, wo es im Glauben hingeht! Die, die sagen: Schau mal, hier bei mir ist Jesus, ich zeige euch viele wunderbare Sachen, die wollen oft nur von Gott wegbringen und ihren eigenen Ruhm vermehren!“ (Lk 17,20-24par) Keiner von uns, kein Pfarrer, kein Priester, kein Mitarbeiter, kein Papst, kein Bischof, kein Kling-Böhm, keine Frau Pieh, kein Daniel, ist so groß, dass er alles durchschauen könnte, was Gott meint und will. Es gibt eine absolute Wahrheit, die sicher ist: Gott hat in Jesus Ja zu den Menschen gesagt. Gott liebt diese Welt und will, dass sie nicht zu Grunde geht, sondern dass Liebe, Gerechtigkeit, Frieden sich durchsetzen und Macht gewinnen. Gott ist kein Freund der Sünde, aber ein Freund der Sünder, die er von einem Weg, der zum Tod führt auf einen Weg bringen will, auf dem am Ende ein-fach nur noch ein richtig gutes Leben ist. Aber keiner von uns kann genau sagen, wie dieser Weg dahin im Einzel-nen aussieht und keiner ist vor Zweifeln sicher. Es gibt eine absolute Wahrheit, die kennt aber nur Gott ganz. Selbst die tiefgläubigsten Menschen mit dem tollsten Be-nehmen haben immer nur einen Teil der Wahrheit. Viel-leicht kennt Gott für andere Menschen auch ganz andere Wege, die wir nicht verstehen und kennen, selbst wenn wir ihm ganz und gar vertrauen. Es reicht doch, dass wir den Weg annehmen, den Gott für uns öffnet. Und anderen helfen, die Tür zu ihrem Weg zu finden. Das ist manchmal mühsam und manchmal macht man auch die falschen Türen auf. Und so kommen die Missverständnisse zustande, auf die Paulus im 2. Korintherbrief reagiert und mit denen wir bis heute leben müssen.

Aber jetzt mal Hand aufs Herz: Was ist denn das Ent-scheidende am Glauben? Für mich das, was Paulus schreibt: dass ich annehmen kann, dass ich in Jesus Got-tes Ja zu dieser Welt entdecke. Dass ich mich, sichtbar auch durch die Taufe, als Gottes Kind fühlen darf, von ihm gewollt und geliebt. Und dass ich nicht glaube, dass Gott uns auf den Arm nehmen möchte und seine Spiel-chen mit uns treibt, sondern dass er es mit seiner Liebe zu uns ernst meint. So ernst, dass er uns durch Jesus sagt: „Weil du Mensch bist und ich dich liebe, werde ich auch Mensch. Einfach so. Für dich.“ Für mich. Nicht nur für Menschen vor 2000 Jahren. Nicht nur für Menschen, die es studiert haben. Nicht nur für Menschen, die glauben, dass sie wüssten, wo’s langgeht. Auch für die, die ihre Zweifel haben, die Ängste und Sorgen kennen und manchmal gar nicht mehr wissen und sehen, wo’s lang geht.

Ich glaube, dass Gott uns nicht die Suche nach ihm ab-nimmt, sondern dass er sagt: ich will dir helfen, mich zu finden, aber du musst das auf deinem Weg tun, ich zwinge dir nichts für dein Leben auf.

Und da bin ich für mich wieder bei Weihnachten. „Weih-nachten wird unterm Baum entschieden“ will uns der Me-dia-Markt weißmachen. Dort, wo die teuersten elektroni-schen Geschenke, Smartphones, Spielekonsolen, Tablets und mehr ausgetauscht werden, dort stehen die Weihnachtsgewinner. Ich erzähle gern aus der Schule. Deshalb zum Ende der Predigt noch mal eine fast frohe Botschaft aus meiner 10. Klasse. Nur 4 von 14, die am Donnerstag da waren, werden Weihnachten in die Kirche gehen. Nur 5 von 14 sagen, dass sie was mit dem Glauben an Gott anfangen können. Aber 10 von 14 finden, dass Geschenke zwar schön, aber nicht so wichtig sind. Auch bei Jugendlichen wird Weihnachten nicht unterm Baum entschieden. Und merkwürdigerweise ist auch für die, die sagen, dass Gott ihnen total unwichtig ist, das wichtig, was sich nicht unterm Baum, sondern im Stall von Bethlehem entschieden hat: dass in einer Welt, die oft schwer zu verstehen ist und die alles andere als liebevoll ist und in der es ganz viel Streit gibt, Liebe und Hoffnung keine Spinnereien sind, sondern dass es sie gibt und dass Versöhnung und ein Miteinander auch dann möglich ist, wenn man glaubt, dass es menschlich gar nicht mehr miteinander geht. Die Hoffnung und Erfahrung von Kindern aus Familien, die nicht einfach Vater, Mutter, zwei Kinder sind, sondern die ein kompli-zierteres Leben haben. Die Erfahrung von Jugendlichen, die sich im Prozess des Erwachsenwerdens bis an die Schmerzgrenze mit Erwachsenen und Gleichaltrigen rei-ben. Für mich ein klitzekleines Zeichen dafür, dass Gottes Ja zu uns größer ist als unser kleinliches Rechthaben wol-len. Gottes Ja ist größer als wir je glauben können. Und dieses Ja zum Leben von Gott inspiriert sogar die Men-schen, die meinen, Gott ist was völlig unbedeutendes. Weihnachten wird eben nicht in der Geschenkeschlacht unterm Baum und erst recht nicht an der Kasse vom Me-dia-Markt entschieden. Sondern Weihnachten ist längst entschieden: im Stall von Bethlehem. In Jesus, in dem Gottes Liebe ein menschliches Gesicht bekommen hat.

Amen.

Jumaat, 2 Disember 2011

Sehnsüchtig hoffen - 2. Advent, 04.12.2012, Reihe IV

Text: Jesaja 63,15-64,4
Liebe Gemeinde!


Manchmal gebe ich die Hoffnung auf, mit den Achtklässlern, die ich in Religion unterrichten muss, zurechtkommen und gut reden zu können. Und dann schaffen sie es doch, mich mit guten Einsichten und Fragen aus der totalen Hoffnungslosigkeit rauszuholen. Wenigstens für einen Moment. Hoffnung ist hier das Stichwort. In der letzten Stunde hatten wir uns mit dem Bibelvers „Nun aber bleiben Glauben, Hoffnung, Liebe, diese drei; die Liebe ist aber die Größte unter ihnen“ beschäftigt. Ich habe gedacht, dass gerade die Mädchen das genauso bestätigen. Aber die wollten das gar nicht einsehen. Die meisten sagten mir: „Aber die Hoffnung ist doch wichtiger. Um lieben zu können, brauche ich doch die Hoffnung, dass das funktioniert. Und ein Leben ohne Hoffnung ist doch mindestens so arm wie eins ohne Liebe. Wenn ich ohne Liebe lebe, dann kann ich doch wenigstens noch die Hoffnung haben, dass das anders wird.“ Die Diskussion ging noch weiter – aber mich hat aus vielen Gründen in dieser Woche die Frage nicht mehr losgelassen, welchen Wert die Hoffnung eigentlich hat. Und von welcher Hoffnung ich heute am 2. Advent ihnen und euch etwas erzählen soll.

Wie ein Geschenk kamen mir dann die Verse aus dem Buch Jesaja vor, die für heute als Predigttext vorgesehen sind. Schon die Form der Worte hat für mich viel mit dem zu tun, was ich in diesem Advent erlebe und gern weitersagen möchte. Da redet keiner, der gerade erzählt, wie toll alles bei ihm ist und wie super alles läuft, auch im Glauben, wie einfach es ist, an Gott zu glauben und wie sich dann alles von selbst zum Guten verändert. Da beten Menschen. Das, was da in der Bibel steht, was ich eben vorgelesen habe, das ist nichts andres als ein Gebet. Da beten Menschen, die Angst davor haben, dass ihnen die Hoffnung ganz wegbricht. Da reden Menschen zu Gott, die, in unsere Alltagssprache übersetzt, zu ihm sagen: „Du bist so weit oben im Himmel, so wunderbar und hast früher den Menschen, geholfen – wir merken im Moment aber gar nichts davon! Wir haben das Gefühl, dass du uns gar nicht mehr siehst und dass wir dich nicht erkennen können. Du bist doch unser Vater – aber das Gute, dass du unseren Vorfahren, Abraham und Jakob - Israel, geschenkt hast, das ist längst aufgebraucht. Zeige dich endlich wieder als der Gott, der die Welt verändert. Wir brauchen dich!“

Vielleicht ist ja in dem Moment noch nicht einmal wirklich Hoffnung da. Ich weiß es nicht. Hoffnung heißt ja, davon auszugehen, dass sich wirklich etwas ändern kann. Vielleicht ist es erst einmal nur die kleine Schwester der Hoffnung, die Sehnsucht, die da ist. Sehnsucht – für mich heißt das, dass eine Ahnung davon da ist,
dass es ganz anders, viel besser sein kann, als es im Moment ist. Vielleicht erst einmal nur ein Traum, der möglicherweise gar nicht Wirklichkeit wird. Aber ein Traum, der einen, wenn auch manchmal nur klitzekleinen, Anker in der Wirklichkeit hat. Vielleicht ist Hoffnung manchmal wirklich ein sehr großes Wort, wenn man in seinem Leben in einem ganz dunklen Tal ist. Vielleicht ist im Moment gar keine Hoffnung da, jemals wieder Licht zu sehen – aber die Sehnsucht nach dem Licht kann trotzdem ganz groß sein. Und ich glaube, dass es diese Sehnsucht ist, diese Ahnung, dass da doch etwas ganz anderes möglich ist, die die Menschen damals dazu angetrieben hat, ihre Sache im Gebet vor Gott zu bringen. Und ich glaube, dass das auch heute eine Möglichkeit ist, in einem hoffnungsarmen, manchmal vielleicht auch hoffnungslosen dunklen Tal etwas zu verändern, wenn die Sehnsucht nach einem ganz anderem, gelingenden Leben, mich, oder jemand anderen dazu bringt, Gott an das zu erinnern, was er versprochen hat. An ein anderes, gerechtes, friedliches Leben voller Liebe. Sehnsucht, die aus der fernen Erinnerung an Gott dazu treibt, mit ihm zu reden, kann der Hoffnung langsam auf die Beine helfen und Nahrung geben.

Was mir an diesem Gebet ganz wichtig geworden ist, ist, dass die Menschen nicht Gott die Schuld für ihre schlechte Situation geben. Bei denen ist eine Ahnung da, dass sie es verbockt haben. „Warum hast du uns von den falschen Wegen nicht abgehalten und unser Herz so kalt und hart werden lassen?“ Das ist keine Anklage an Gott, die ihm die Schuld für das eigene Versagen in die Schuhe schieben will. Hier ist es wirklich die Einsicht, dass es die Schuld der Menschen ist, das Gute, dass sie kennen konnten, den Weg der Gerechtigkeit, des Friedens, der Liebe nicht gegangen zu sein. Und dass sie ihn so weit gegangen sind, dass sie von allein da nicht wieder raus kommen.

Für mich ist das eine Botschaft, die gut in den Advent passt. Wenn du die Sehnsucht nach Hoffnung hast und wenn Gott deiner Hoffnung neue Nahrung gibt, dann heißt das auch, dass du erkennst, wo du selbst der Hoff-nung im Weg stehst. Wenn Advent heißt, sich selbst auch darauf vorzubereiten, die Botschaft, dass Gott in die Welt gekommen ist, um sie zum Guten zu verändern, wirklich fassen und mit Leben füllen zu können, dann gehört zum Advent eben auch, eigene Schuld, eigenes Versagen sehen und eingestehen zu können. Vor Gott kann ich nicht und muss ich nicht besser sein als ich bin. Im Gegenteil. Ich kann und darf mich trauen, ihm auch meine Schuld und meine Zweifel zu sagen. Genauso wie meine Sehnsucht und meine Fragen.

Und diese Sehnsucht nach Hoffnung und einer neuen Welt, die drückt sich in einem der für mich schönsten und radikalsten Bilder der Bibel aus: Ach dass du den Himmel zerrissest und führest herab, dass die Berge vor dir zer-flössen, wie Feuer Reisig entzündet und wie Feuer Wasser sieden macht, dass dein Name kundwürde unter deinen Feinden und die Völker vor dir zittern müssten, wenn du Furchtbares tust, das wir nicht erwarten – und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen! Reiß den Himmel auf, halte dich nicht mehr fern von uns Menschen, verändere die Welt – auch wenn es weh tut, du wirst es so viel besser machen als alles, was ist! Krieg in Afghanistan, Weltpolitikkrise, Klimakatastrophe, Unschuldige, die zum Tode verurteilt werden, Rechtsradikale, die Ausländer ermorden, junge Menschen, die viel zu früh sterben, Kinder, die unheilbar krank sind, Eltern, die ihre Kinder mit Psychoterror demütigen und fertig machen – im Advent 2011 gibt es so viel, bei dem wahrscheinlich nicht nur bei mir der Schrei nach Gott, der all dem und noch viel mehr endlich ein Ende machen soll, der nicht mehr fern im Himmel bleiben möge, sondern den Himmel aufreißen und die Welt radikal umgestalten möge, auf den Lippen. Die Sehnsucht ist da. Und was ist mit der Hoffnung? Solange ich mich traue, mit Gott zu reden und zu beten, ist sie als Funke noch da. Und wenn nicht? Vielleicht gibt es dann andere, die sich trauen, für mich zu hoffen, die meine Sehnsucht und dann auch meine Hoffnung neu anfachen.

Was mir Hoffnung macht, ist das Lied, das wir gleich sin-gen. Gedichtet wurde es von Friedrich Spee, einem katholischen Priester im 17. Jahrhundert, der das erste große Buch gegen den Hexenwahn seiner Zeit herausbrachte und der in seiner Arbeit als Seelsorger für Pestkranke in Trier starb. Er hat erkannt, was auch in der Kirche und mit kirchlicher Billigung falsch läuft, wo Glauben und Macht missbraucht werden. Er hat sich nicht den Armen und Bedürftigen entzogen. Er hat viel Elend gesehen und wurde persönlich bedroht. Vielleicht haben die Worte, die heute Predigttext sind und die er zu einem Lied umgedichtet hat, ihm die Kraft gegeben, in allem Elend, in aller Not, in aller Anfechtung die Hoffnung und die Liebe nicht zu verlieren. Das andere in dunkler Zeit gehofft, gebetet, gehandelt haben, dass die Sehnsucht nach einer besseren Welt mit Gott nicht läh-men und vom Alltag wegführen, sondern den Alltag zu leben hilft, macht mir Mut.

Genauso wie Schülerinnen und Schüler, die überraschende Einsichten und Fragen haben und so einen Pfarrer am Rande der Hoffnungslosigkeit was diese Klasse betrifft wirklich begeistern können.

Das alles hält weder bei mir noch bei anderen, die viel-leicht ähnliche, vielleicht andere Hoffnungserfahrungen gemacht haben oder machen, nicht ewig. Aber nicht nur im Advent schenkt Gott uns die Möglichkeit, unsere Sehnsucht und alles, was Hoffnung schwer macht und Sehnsucht fast vertreibt, mit ihm selbst auszumachen und ihn nach dem zu fragen und an das zu erinnern, was Leben in seinem Sinn gut sein lässt. Und auch dabei dem eigenen Leben und der eigenen Schuld ins Gesicht zu se-hen. Durch Jesus will er uns allen, aller Welt helfen, die-sen Blick, diese Erkenntnis auszuhalten und mit neuer Kraft zu leben. bis der Himmel wirklich zerrissen ist und Himmel und Erde eins sind.
Amen.

Sabtu, 26 November 2011

Hoffentlich ist das der letzte Advent! - 1. Advent, 27.11.11, Marginaltext

Text: Sacharja 9,9-12
Liebe Gemeinde!


Es ist mal wieder so weit – 1. Advent! Alle Jahre wieder. Manche konnten es sicher nicht abwarten. Endlich wieder Weihnachtsmarkt und Festbeleuchtung in der Stadt. Endlich wieder die Deko für die Wohnung rausholen. Plätzchen backen und gemütlich Tee und Kaffee trinken, passende Musik hören. Vorbereitungen treffen, Geschenke kaufen und sich was wünschen. Viele freuen sich auf diese Zeit. Viele – nicht alle. Manche fürchten sich vor dem Stress. Jetzt nur nichts vergessen, damit Weihnachten möglichst perfekt wird. Die Geschäfte sind übervoll. An so vieles muss gedacht werden. Adventsfeiern, zu denen gegangen werden muss, in der Schule jede Woche Arbeiten schreiben bis kurz vor den Ferien. Und manche fürchten sich davor, in diesen Tagen noch mehr als sonst zu spüren, dass für sie ganz wichtige Menschen fehlen. Vielleicht ist in diesem Jahr oder schon vor längerer Zeit ein lieber Mensch gestorben. Vielleicht ist eine Beziehung in die Brüche gegangen oder ein Umzug hat Freundeskreise erst mal gestört und vieles ist anders als sonst.

Es ist mal wieder so weit – 1. Advent, in vier Wochen ist Weihnachten. Schön oder schaurig. Alle Jahre wieder. Und alle Jahre wieder wird an diesem Tag die Aktion „Brot für die Welt“ eröffnet. Zum 53. Mal bittet die Kirche um Spenden für Menschen in anderen Ländern, deren Leben durch Hunger und anderen Mangel bedroht ist.

Es ist mal wieder so weit: „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit, es kommt er Herr der Herrlichkeit“ und „Tochter Zion, freue dich, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer“. Alle Jahre wieder. Lieder, Bibelverse, die einfach dazu gehören.

Alle Jahre wieder… - wirklich? Wie wäre es denn, wenn es diesmal nicht wie alle Jahre wäre? Wie wäre es denn, wenn die 53. Aktion „Brot für die Welt“ die letzte wäre? Nicht, weil wir geiziger wären oder weil es sich eh nicht lohnt und der Hunger nie besiegt wird, sondern weil es der letzte Advent wäre, in dem Menschen noch hungern und der letzte Advent, bevor wir erleben, was in dem Predigttext herbeigesehnt und versprochen wird: eine friedliche Welt ohne Krieg. Eine gerechte Welt, in der Reichtum nicht mehr zählt. eine Welt, in der Freiheit herrscht. Eine Welt, in der sich die Hoffnungen auf ein gutes Leben mit Gott erfüllen.

Wie wäre es denn, wenn nicht alle Jahre wieder Schönes und Schauriges, Wohliges und Trauriges je nach persönlichem Erleben im letzten Jahr und eigener Stimmung diese Zeit bestimmen, sondern endgültig alles tatsächlich gut wird? Zu schön, um wahr zu sein? Ein Märchen? Ein Gedankenspiel für Spinner, hoffnungslose Romantiker oder weltfremde Träumer? Ja, vielleicht. Aber vielleicht auch
mehr als das. Vielleicht auch eine Einladung, den Advent ernst zu nehmen und in ihm das zu sehen, was er ist: Eine Einladung zur Hoffnung, die den Alltag ernst nimmt. Eine Einladung zur Hoffnung, die die Augen vor der Welt nicht zu macht. Eine Einladung zur Hoffnung, dass Weihnachten nicht nur eine nette Episode in der Weltgeschichte war, sondern dass Jesus mit seinem Kommen die Welt wirklich verändert hat und dass Gott die Welt tatsächlich endgültig zum Guten verändern will.

Aber Hoffnung zu haben ist gar nicht so einfach. Auch im Advent nicht. Hoffnungslosigkeit oder Hoffnungsarmut entstehen ja nicht nur aus dem großen Gefühl der Ohnmacht, als kleiner Richtsberger keine wichtige Stimme im Weltkonzert zu haben und sowieso nichts ändern zu können. Natürlich schreibt keiner von uns die Weltpolitik um. Bis heute hat es kein Politiker geschafft, den Hunger in der Welt abzuschaffen. Und für Gerechtigkeit zu sorgen, ist auch alles andere als einfach. Das fängt ja schon damit an, dass wir uns nicht darüber einig werden, was eigentlich gerecht ist. Ist es gerecht, dass der, der das Glück hat, in einem reichen Land oder in die richtige Familie geboren worden zu sein, mehr zum Leben hat als der, der das Pech hat, im Tschad, in Nordkorea, Vietnam oder einfach in einer armen Familie geboren worden zu sein? Ist es gerecht, dass Kinder, deren Eltern sich teure Nachhilfe oder teure Schulen leisten können, bessere Chancen haben? Jeder so viel wie er leisten kann? Oder jeder das, was er wirklich zum Leben braucht? Jedem eine neue Chance, auch wenn er mal was falsch gemacht hat oder Fehler müssen hart bezahlt werden? Was ist gerecht? Ich kann das nicht einfach so sagen.

Also: lieber nicht zu viel hoffen und sich damit zufrieden geben, dass alle Jahre wieder Advent gefeiert wird und darauf hoffen, dass es im nächsten Jahr vielleicht besser wird, wenn die eigene Stimmung im Moment nicht so gut ist oder dass es genauso gut wird, wenn die eigene Stimmung passt? Lieber die kleine Hoffnung, weil sich die große ja doch nie erfüllt? Lieber klein hoffen als groß enttäuscht werden?

Ich weiß, dass mir auch manchmal der Mut zur großen Hoffnung fehlt. Und ich merke, dass das wenig mit der großen Politik zu tun hat, dafür umso mehr mit dem, was ich jeden Tag erlebe. Eltern erleben, dass sie mit ganz viel Hoffnung und Freude ein Kind erwarten – und dann erfahren sie, dass dieses Kind die Hoffnung nicht erfüllen kann. Durch Krankheit vielleicht. Es gibt nicht nur Menschen, die alt und lebenssatt sterben, sondern auch Menschen, die jung, tragisch, und unter solchen Umständen sterben, dass man nur noch schreien will. Es gibt Menschen, junge, mittelalte und richtig alte, denen wird ganz viel Hilfe angeboten – aber alles nutzt nichts, ihr Leben geht den Bach runter. Nicht, weil sich niemand um sie kümmert, sondern weil sie selbst nicht in der Lage sind oder es nicht wollen, sich wenigstens ein bisschen um sich selbst zu kümmern und Verantwortung zu übernehmen. Welchen Grund sollte man also haben, wirklich zu hoffen, nicht nur, dass die Adventszeit ganz nett wird, sondern dass sich die Welt durch den, den Gott sendet, wirklich zum Guten ändert?

Wer nicht hoffen will, findet jede Menge Gründe. Aber mal ehrlich: was habe ich eigentlich zu verlieren, wenn ich mich traue, auch gegen den Augenblick zu hoffen? Ich hab doch schon verloren, wenn ich die Hoffnung aufgebe. Wenn ich hoffe, habe ich nichts zu verlieren. Aber alles an Leben zu gewinnen. Weil Gott dafür einsteht, dass die Hoffnung nicht leer bleiben wird. Manchmal hat Hoffnungsarmut vielleicht auch damit zu tun, dass wir unsere eigenen Wünsche mit dem verwechseln, was Gottes Plan und Wille ist. Wir denken, dass Gott genau das, was wir im Moment für richtig halten, machen müsste und das auch noch zu dem Zeitpunkt, von dem wir annehmen, dass es der richtige wäre.

„Gott erfüllt nicht alle unsere Wünsche, aber alle seine Verheißungen“ hat der von den Nazis ermordete Pfarrer Dietrich Bonhoeffer, dessen Lied „Von guten Mächten wunderbar geborgen“ wir zum Abschluss heute singen, einmal gesagt. Die Verheißung, an die wir uns gerade im Advent erinnern, ist die, dass Gott der Welt Frieden bringen wird. Dass nicht der Krieg und die Ungerechtigkeit das letzte Wort behalten, sondern dass die Menschen, die ihm und seinen Verheißungen trauen, Grund zum Jubeln haben. So, wie es der Prophet Sacharja vor langer Zeit als Botschaft von Gott weitererzählt hat: Du, Tochter Zion, freue dich sehr, und du, Tochter Jerusalem, jauchze! Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer, arm und reitet auf einem Esel, auf einem Füllen der Eselin. Denn ich will die Wagen wegtun aus Ephraim und die Rosse aus Jerusalem, und der Kriegsbogen soll zerbrochen werden. Denn er wird Frieden gebieten den Völkern, und seine Herrschaft wird sein von einem Meer bis zum andern und vom Strom bis an die Enden der Erde. Die Frie-densherrschaft eines armen Königs, der nicht majestätisch auf einem Pferd, sondern auf einem Esel reitet. Ein König, der nicht ausbeutet und in Kriege treibt, sondern der hilft und den Menschen, die ihn brauchen, dient und Gerechtigkeit bringt. Dem Volk Israel schenkte Gott mitten in einer Zeit, in der die Könige versagten und die Menschen in Kriege stürzten, in der die Reichen die Armen ausnutzten und ausbeuteten, solche Hoffnung. Sie hat die Menschen stark gemacht. Uns erinnert dies im Advent hoffentlich auch daran, dass unsere Hoffnungen auf die Umgestaltung der Welt, auf Gerechtigkeit und Frieden uns mit den Juden verbinden. Gottes Geschichte mit uns Menschen fängt nicht erst Weihnachten an. Jesus hat dafür gesorgt, dass diese Hoffnungen und Verheißungen allen Menschen gelten können, allen, die Vertrauen zu ihm fin-den. Aber er nimmt dem Volk des ersten Bundes nichts weg. Und vielleicht können uns diese alten Verheißungen auch Mut machen, nicht zu klein zu hoffen, sondern in der Hoffnung, dass mehr möglich ist, als wir zu träumen wagen, schon mal ein bisschen mit anpacken bei dem, was als Zeichen der Hoffnung möglich ist. Damit wir aus lauter Hoffnung fähiger werden, zu teilen, Frieden zu halten und Frieden zu stiften, wo wir es können. Dass wir nicht glauben, wir müssten alles schaffen, sondern darauf vertrauen können, dass Gott noch viel mehr schaffen kann und schaffen wird. Gerechtigkeit, Frieden, Hilfe – eine neue Welt für alle. Durch den, dessen Geburt wir bald feiern. Durch Jesus, Gottes Sohn, unseren Bruder, Freund und Herrn.

Amen.

Jumaat, 18 November 2011

Lebensmüde oder Lebensmunter? _ Totensonntag, 20.11.11, Reihe IV (statt III)

Text: Phil 1,21-26 (Gedenktag der Entschlafenen, nicht Ewigkeitssonntag)

Liebe Gemeinde!


„Sterben ist für mich ein Gewinn“ – Was muss in einem Menschen vorgehen, damit er so etwas sagen kann? Denken lässt sich da ganz viel. Das könnte ein religiös durchgedrehter Attentäter sagen, der darauf hofft, dass er von zweiundsiebzig Jungfrauen im Paradies bedient wird, wenn er sich und andere in die Luft sprengt. Viel alltäglicher und viel trauriger wird dieser Satz aber, wenn ihn schwer kranke Menschen sagen, die vor lauter Schmerzen nicht mehr ein und aus wissen und einfach genug davon haben. Oder, für mich noch viel trauriger, wenn oft schon ganz junge Menschen keine Lust mehr haben, es mit dem Leben aufzunehmen. Manchmal ist das Gefühl da, das alles schief geht. Beziehungen, Freundschaften, Liebe – all das geht vielleicht gerade kaputt. In der Schule oder im Beruf ist das Gefühl da, das alles, was man anpackt, nur noch danebengeht und nichts mehr klappt. Das Gefühl, das jeder an einem zerrt, jeder was von einem will und man gar nicht mehr weiß, wohin. „Sterben ist für mich ein Gewinn“ – da habe ich endlich meine Ruhe. Und dann werden die anderen schon sehen, was sie angerichtet haben! Ein ganz trauriges Gefühl, ein ganz trauriger Satz. Auch dann, wenn er von älteren und alten Menschen gesprochen wird, die müde geworden sind, weil sie schon so viele Abschiede haben hinnehmen müssen. Abschiede von lieben Menschen, die ihnen hier fehlen. Abschiede auch von manchen Fähigkeiten, die man früher vielleicht noch hatte und die das Alter genommen hat. „Sterben ist für mich ein Gewinn“ – Was soll ich eigentlich noch hier! Es gibt in jedem Leben Zeiten, da scheint es nur noch eine große Last zu sein, die man irgendwie loswerden will. Und vielleicht erwartet oder erhofft man sich dann, dass einem der Glauben an Gott, auch wenn er ganz fern zu sein scheint, dass einem die Bibel oder Gespräche mit einem Pfarrer oder anderen Menschen, von denen man hofft und denkt, dass wenigstens sie auf Gott vertrauen, dem Leben trauen und sich nicht unterkriegen lassen, aus einem solchen Loch wieder raushilft. Die Bibel, der Glauben, Jesus und auch sein Bodenpersonal – das soll doch für Hoffnung, für Leben, für ein gutes Leben stehen!

Und dann findet sich ausgerechnet in diesem Buch der Hoffnung der Satz: „Sterben ist mein Gewinn!“ Paulus hat diesen Satz geschrieben. Er schreibt ihn in seinem Brief an die Gemeinde in Philippi im heutigen Griechen-land. Er schreibt ihn aus dem Gefängnis, in dem er zu Unrecht sitzt und in dem er nicht weiß, ob ihn nicht viel-leicht ein hartes, vielleicht sogar ein Todesurteil erwartet. „Ich habe es satt, ich will nicht mehr, ich kann nicht mehr, gut, wenn alles endlich zu Ende ist!“ Wenn man nur diesen Satz hätte und nur wüsste, dass er aus dem Gefängnis geschrieben ist, dann könnte man glauben, dass Paulus genau so etwas meint. Aber dieser Satz ist nicht das einzige, was er aus dem Gefängnis schrieb. Er schreibt diesen Satz nicht für sich allein, sondern
er schreibt in seiner eigenen, manchmal etwas komplizierten Sprache: Phil 1,21-26: Christus ist mein Leben und Ster-ben ist mein Gewinn.22 Wenn ich aber weiterleben soll im Fleisch, so dient mir das dazu, mehr Frucht zu schaffen; und so weiß ich nicht, was ich wählen soll. 23 Denn es setzt mir beides hart zu: Ich habe Lust, aus der Welt zu scheiden und bei Christus zu sein, was auch viel besser wäre; 24 aber es ist nötiger, im Fleisch zu bleiben um euretwillen. 25 Und in solcher Zuversicht weiß ich, dass ich bleiben und bei euch allen sein werde, euch zur Förderung und zur Freude im Glauben, 26 damit euer Rühmen in Christus Jesus größer werde durch mich, wenn ich wieder zu euch komme.



Christus ist mein Leben, Sterben ist mein Gewinn – manchmal wird dieser Satz ganz falsch verstanden. So, als wollte Paulus als Christ nichts mehr mit der Welt, mit dem Leben hier zu tun haben und als sollten alle Christen sich lieber auf das Leben im Jenseits nach dem Tod konzentrieren. Aber Paulus schreibt das so gar nicht. Christus ist mein Leben, Sterben ist mein Gewinn – weil ich weiß, dass Jesus in meinem Leben schon da ist, weil ich weiß, dass er den Tod besiegt hat und mich auch dann nicht verlässt, wenn das Leben hier ein Ende hat, muss ich keine Angst vor dem Tod haben und kann mich dem Leben stellen. Das ist für ihn die Pointe. Paulus kann loslassen. Das ist das Entscheidende. Er klammert sich nicht an das Elend, das er gerade erlebt. Er klammert sich nicht an ein Bild von einem irgendwie tollen Leben, dass er haben müsste, damit alles einen Sinn hat. Er kann sagen: auch wenn ich loslasse, gewinne ich und falle nicht in ein großes Loch. Mit Jesus, mit Christus, da habe ich das ganze Leben gewonnen. Natürlich gibt es ein Leben, das besser ist, ohne Leid, voller Gerechtigkeit, ein Leben, für das Jesus mit seiner Auferstehung steht. Und natürlich wäre ich da viel lieber als im Gefängnis. Aber weil ich glauben darf, dass Christus wirklich mein Leben ist, kann und will ich eigentlich jetzt, in dieser Welt, noch viel mehr machen. „Im Fleisch bleiben“ das hört sich ja merkwürdig an. Aber Paulus meint damit nichts anderes, als das er in diesem Leben mit seinen Widersprüchen, mit seinen Schwierigkeiten und Nöten bleibt. Er läuft nicht vor dem Leben weg. Was Paulus der Gemeinde in Philip-pi mit den Worten, die, glaube ich, nicht nur für Konfis seltsam klingen, schreibt, ist die Hoffnung mit seinem Leben, mit seinem Glauben, mit seiner Hoffnung andere motivieren zu können, in dieser Welt zu leben. Als Christ zu leben. Und das heißt auch, die Augen davor nicht zu-zumachen, dass mein Leben immer auch mit dem Leben anderer verbunden ist. Dass ich auch mit dem, was mir vielleicht schwer fällt, anderen etwas geben kann. Viel-leicht irritiert manchen die Selbstsicherheit, mit der Pau-lus hier von sich spricht. Paulus schreibt ja, dass er zur Förderung und zur Freude im Glauben sein Leben behal-ten will, 26 damit euer Rühmen in Christus Jesus größer werde durch mich, wenn ich wieder zu euch komme.

Es könnte so missverstanden werden, als wollte Paulus noch angesehener und berühmter werden und vielleicht bei Gott Pluspunkte sammeln. Aber das, was Paulus hier erkennt, ist eigentlich etwas, was jeder von sich sagen kann: mit meinem Leben kann ich dir, kann ich anderen helfen, ein Stück von der Liebe Gottes zu entdecken. Im Alltag sind wir es gewohnt, dass es darum geht, toll auszusehen, ganz vorne zu stehen. Toll sind die Berühmtheiten, die im Fernsehen auftauchen, die viele Treffer bei Google, viele Likes bei facebook oder Follower bei Twitter haben. Der eigene Ruhm, die eigene Macht, das soll alles überstrahlen, das Ego gestreichelt werden. Paulus geht es nicht um diese Art von Ego-Ruhm. Ihm geht es darum, dass er mit dem, was er hat, wie er lebt, andere dazu bringen kann, zu Christus zu kommen. Nicht damit Paulus gut da steht, noch nicht ein-mal, damit Jesus größer würde, er ist ja schon so groß, dass es nicht größer ginge, sondern damit anderen geholfen wird. Loslassen um zu gewinnen.

Wir leben in einer Kultur des Festhaltens. Das, was wir kennen, würden wir gern ewig weiterhaben. Wenn es gut ist. Und wenn wir etwas als schwer erleben, dann fehlt uns oft die Perspektive, die gute Aussicht. Dann wird Sterben zum Gewinn. Nicht, weil ich weiß, dass der Tod nicht das letzte Wort spricht, sondern weil ich alles einfach satt habe. Christus der ist mein Leben – zu dieser Einsicht, dass es einen Grund gibt, jetzt zu leben und Schwierigkeiten auszuhalten, kann ich niemanden zwingen. Ich kann einladen. Und ich darf hoffen, dass in Zeiten, in denen ich nur noch den zweiten Teil Sterben ist mein Gewinn hören kann oder hören will, jemand da sein wird, der mich, wie Paulus vor langer Zeit die Menschen in Philippi, zum Leben anstiftet. Indem er mir Mut macht, loszulassen. Vorstellungen von einem guten Leben, die unrealistisch sind. Vorstellungen davon, dass schon in dieser Welt ein Leben ohne Sorgen und Schmerzen möglich wäre. Vorstellungen davon, dass ich mich durch Geld, durch Macht, durch Berühmtheit, gute Noten oder dicke Autos selbst erlösen könnte und dass das alles der Sinn wäre, den dieses Leben hätte. Wir leben nicht in einer vollkommenen Welt. Wir leben in einer Welt, in der Schmerz, Unrecht, Trauer, Wut und Versagen ihren Platz haben. Wir dürfen aber die Hoff-nung haben, dass das alles ein Ende haben wird. In Christus, in einem Leben, das bei ihm sein wird. Gebe Gott, dass wir daraus Mut und Kraft schöpfen, nicht vor diesem Leben, vor dieser Welt davonlaufen, sondern dass in der Zeit, in der wir in der Welt, die wir kennen, mitei-nander leben Christus, der ist mein Leben der entscheidende Satz ist und erst dann, wenn wir dieses Leben wirklich loslassen müssen, Sterben ist mein Gewinn zur großen Hoffnung wird. Amen.

Sabtu, 12 November 2011

Geld oder Leben !? - Geld und Leben, vorletzter Sonntag des Kirchenjahres, 13.11.11, Reihe III

Text: Lukas 16,1-9 NGÜ

Liebe Gemeinde!


Jeder schaut auf seinen Vorteil. Solange das Geld, das ich ausgebe oder mit dem ich handele, nicht mein eigenes ist, kann ich damit machen was ich will und fremdes Geld zu meinem Vorteil einsetzen. Und wenn ich dadurch auch noch gute Beziehungen aufbauen kann, die mir nützen: umso besser! Vor drei Jahren begann die weltweite Finanzkrise genau nach diesem Muster. Da haben Menschen mit Geld, das ihnen nicht gehörte, rumgespielt, ihren Vorteil gehabt, aber ausbaden mussten das andere. Treue, Ehrlichkeit, Verlässlichkeit, diese Werte spielten keine Rolle mehr. Hauptsache, die eigene Kasse stimmt. Von der Kirche, von Christen, von Jesus selbst, da wird zu Recht anderes erwartet. Wenn ich mich als Christ verstehe und denke, dass dazu mehr gehört als nur ein geistiges Leben mit Gebeten und Bibellesen und Gottesdienstbesuchen, dann erwarte ich von mir – und anderen – im Sinn von dem, was ich glaube, von Jesus verstanden zu haben, auch in meinem Alltag ein ganz anderes Verhalten. Da erwarte ich Treue, nicht nur in der Ehe oder anderen Beziehungen, sondern auch gegenüber Aufgaben, die ich übernommen habe. Da erwarte ich Aufrichtigkeit und Verlässlichkeit. Von mir selbst, von Menschen, die sich auf Jesus berufen und sagen, dass sie an ihn glauben. Und natürlich gehe ich davon aus, dass Jesus selbst genau so was auch den Menschen, denen er begegnet ist, vorgelebt und erzählt hat. Und dann finde ich in der Bibel, im Lukasevangelium, eine Geschichte, die mich ganz ernsthaft verwirrt. eine Geschichte, bei der ich mich frage, welches Verhalten da eigentlich von Jesus gut gefunden wird. Eine Geschichte, bei der ich mich frage, wie sie ernst gemeint sein kann und wie ich sie verstehen soll. Sie steht bei Lukas im 16. Kapitel:
Vorlesen, Neue Genfer Übersetzung
Für alle, die das Wort Mammon nicht kennen: in der Sprache, die Jesus wirklich gesprochen hat, heißt das Geld, Besitz. Beim ersten Lesen, beim ersten Hören – und vielleicht auch noch beim zweiten, dritten und vier-ten – da wirkt diese Geschichte, die Jesus erzählt, fast so wie ein Aufruf, es mit der Ehrlichkeit nicht so genau zu nehmen und sich für den Notfall Freunde zu kaufen, die einen raushauen können, wenn man keine Lust auf körperliche Arbeit oder Betteln hat. Treue, Verlässlichkeit, Aufrichtigkeit sieht so jedenfalls nicht aus. Ich habe im Internet den Hinweis gefunden: „Wenn sie ihre Gemeinde nicht verwirren wollen, dann predigen sie nicht über diese Geschichte!“ Aber genau das wäre ja auch wieder nicht ehrlich und aufrichtig. Der Pfarrer, der soll die Gemeinde schonen und nur das erzählen, was einfach zu verstehen ist und nicht die ganze Wahrheit. Ich halte aber niemanden für dumm: die Konfis nicht, die Erwachsenen nicht und ich will niemandem erzählen, dass Jesus es uns immer leicht macht. Es kostet manchmal ein bisschen Anstrengung und Nachdenken,
an Gott zu glauben und Jesus zu vertrauen. Es gibt Momente, in denen auch ich als Pfarrer darum kämpfen muss, das zu verstehen, was Jesus sagen will. Und in denen ich nicht weiß, ob ich das auch richtig verstehe. Wer erzählt, er versteht immer alles und wer Menschen den unbequemen Jesus vorenthält, der wäscht Gehirne und nimmt nicht ernst, dass Gott uns manchmal auch was zumutet und der Glaube an Gott nicht die sanfte Schlafpille, sondern der Motor eines tollen, aber manchmal auch anstrengenden Lebens sein will.

Genug rumgeredet, jetzt aber mal zu dem, was Jesus hier sagt. Verlängert hier Jesus wirklich die irdische Erfahrung, dass Untreue sich auszahlt ins Himmlische? Ich glaube, dass es ihm hier um etwas ganz anderes geht. Drei Spuren, in welche Richtung das, was Jesus hier erzählt, gehen könnte:

Die erste Spur: Jesus sagt am Ende der Geschichte: „Die Menschen dieser Welt sind im Umgang mit ihresgleichen klüger als die Menschen des Lichts“. Was er damit aus-drücken will, dass dieses Beispiel gar nicht ohne nach-zudenken und zu übertragen auf die Menschen, die ihm vertrauen und ihm nachfolgen übertragen werden kann. Da müssen wir uns schon ein bisschen Mühe geben. Erstmal bleibt diese Geschichte ja ganz in der Logik der Welt ohne Gott. Ich kann mir vorstellen, dass dieser un-ehrliche Verwalter Christen dazu ermutigen soll, über ihre Situation ernsthaft nachzudenken und dann auch entschieden so zu handeln, dass sich ihre Situation ver-bessert. Nicht das unehrliche ist das Vorbild, sondern der realistische Blick auf die eigene Situation. Wenn das schon die Menschen schaffen, denen Gott egal ist, dann könnt ihr das doch erst recht schaffen – vielleicht steckt diese Ermutigung auch in der Geschichte. Und zum Handeln, das einen weiterbringt, gehört das manchmal scheinbar verrückte, das sich nicht nach den Regeln rich-tet, die Menschen aufstellen, um andere klein zu halten. Jesus selbst wird ja auch vorgeworfen, dass er sich nicht an die Regeln hält, die andere zusätzlich zu den Geboten Gottes aufgestellt haben, damit die Menschen sich klein fühlen. Jesus geht es um die Menschen, um Beziehung, und darum legt er die Regeln konsequent auf den Men-schen hin aus. Habt Mut zum Handeln, auch wenn das nicht total abgesichert ist, vielleicht steckt auch das in der Geschichte. Und die Erkenntnis, dass einem am En-de menschliche Beziehungen wirklich hilfreicher sein können als alles Geld der Welt. Der Mensch ist auf Be-ziehung angewiesen, nicht auf Reichtum.

Da sind wir bei der zweiten Spur: Der unehrliche Ver-walter stellt selbst in seinem menschlichen, gar nicht auf Jesus bezogenen System, den Menschen vor das Geld, den Mammon, wie es in der Sprache von Jesus heißt. Er folgt nicht der Logik, dass der Vermehrung des Geldes gedient werden muss, sondern eben der Logik, dass Be-ziehungen zu Menschen mehr wert sind. Fragwürdig aus christlicher Sicht ist natürlich, dass in dieser Geschichte die Beziehung mit Hilfe von Geld aufgebaut wird und dass man auf den ersten Blick denken könnte, Bestechung, Betrug oder das Erkaufen von Freundschaft sind okay, wenn sie der Beziehungspflege dienen. Leider läuft ja die Auftragsvergabe bei großen Projekten und das herbeiführen von Entscheidungen in der Politik mancher Länder genau so ab. Aber hier gilt der Zwischenruf Jesu: in meiner Nachfolge seid ihr die Menschen des Lichts – für mich heißt das: für euch, für uns darf es eben nicht um Betrug gehen. Aber es muss darum gehen, Geld richtig einzusetzen: Nämlich zur Entlastung von Armen. Die Schulden, von denen hier die Rede ist, sind, in heutige Kaufkraft umgerechnet, so hoch, dass ein einfacher Arbeiter zwei Leben bräuchte, um sie zurückzuzahlen. Vergöttert Geld nicht, sondern nutzt es, um ein Stück Gerechtigkeit zu verwirklichen und Menschen von drückenden Lasten zu befreien. Geld ist kein Wert an sich, dem zu dienen wäre. Für mich auch eine Spur aus diesem Gleichnis.

Und die dritte Spur: Völlig überraschend lobt der Herr, für mich und andere Ausleger ist das der Grundherr, der Arbeitgeber des Verwalters, diesen für sein kluges Han-deln. Auch er durchbricht die Logik von dem, was man erwartet. Für mich wird hier ein kleines Stück weit auch deutlich, um was es in der Beziehung zu Gott, die durch Jesus eine neue Basis bekommen hat, auch geht: es geht um Vergebung, die die Logik des Bezahlenmüssens au-ßer Kraft setzt. Immer wieder sehen Menschen bis heute in Gott den Oberrichter, der Vergehen gegen gute Taten aufrechnet und dann die Menschen entweder ewig be-lohnt oder ewig bestraft. Martin Luther, auf den wir evangelischen Christen uns ja auch berufen, hat aber schon vor langer Zeit klar erkannt, dass es Jesus um was anderes geht. Keiner wäre in der Lage, seine Schuld bei Gott wirklich zu bezahlen. Immer wieder machen wir Fehler. Gott rechnet nicht auf – sondern er schafft durch Vergebung Luft zum leben. Nicht, indem er sagt: das ist egal, sondern indem er sagt: du hast zwar Schuld auf dich geladen, aber nutze die Befreiung, um neu anzufan-gen. Schuld bleibt – auch in dem Gleichnis, aber mit ihr kann gelebt werden und der Neuanfang starten. Nicht die Schuld, nicht das Geld, nicht das Aufrechnen steht im Mittelpunkt, sondern die hilfreiche Beziehung.

Meine drei Spuren. vielleicht findet ihr, finden sie ande-re. Ich weiß nicht, ob eine davon richtig ist oder ob ich heute nur Unsinn erzählt habe. Ich weiß aber, dass Gott uns durch Jesus nicht in einen geistigen Tiefschlaf ver-setzt, sondern dass er uns zum Denken und Handeln, vielleicht auch mal zum Widerspruch provoziert. Ich bin froh, dass ich Gott vertrauen darf, der mich als lebendi-gen Menschen will, der größer ist als meine kleine Denkwelt.

Amen.

Sabtu, 5 November 2011

Dämonen raus - Drittletzter Sonntag des Kirchenjahres, 6.11.2011, Reihe III

Text: Lukas 11,13-24 (Übersetzung: Basisbibel)

Liebe Gemeinde!


Wer hat eigentlich verstanden, was ich da gerade vorgelesen habe? Ich meine jetzt nicht nur die einzelnen Wörter und nicht nur die Frage, ob ich laut und deutlich genug gesprochen habe. Ich meine eher den Sinn, den Inhalt. Ich habe die Bibelstelle in den letzten Tagen oft gelesen. Laut und leise, aber es ist mir nicht leicht gefallen, das, was da steht, wirklich zu verstehen. Dämonen und Beelzebul, der Oberste der Dämonen, ein bewaffneter Starker und ein Stummer, der von einem Dämon besessen ist, der ausgetrieben wird – für mich passt das nicht richtig in meine Welt, in mein Leben im Jahr 2011. Für mich passt das in eine Zeit vor vielen hundert Jahren, in der die Medizin und die Wissenschaft ihre Erklärungslücken, die unglaublich groß waren, mit Geisterwesen gefüllt haben. Aber heute ist die Welt doch anders. Dämonen, Satan, Beelzebul, Krankheit als Besessenheit – das ist 2011 nicht zu verstehen. Das ist nicht normal.

Und dann kam mir der Gedanke, dass vielleicht gerade dieses Nichtverstehen, dieses Unnormale der Schlüssel dazu ist, das, was Jesus hier auch für heute noch sagen will, besser zu verstehen. Schon wieder so ein verrückter und unverständlicher Satz vom Pfarrer. Leben ist oft ganz schön normal. Gott sei Dank. Da passiert nicht immer viel Aufregendes, da ist, Gott sei Dank, nicht immer gleich eine schlimme Krankheit am Start. Aber trotz allem wissenschaftlichen Fortschritt, gerade in der Medizin, trotz allem, was wir mit Hilfe der Wissenschaft erklären können, gibt es im Leben immer etwas, das unbeherrschbar und unverfügbar ist. Es gibt Angst, die auch alle menschliche Kunst, die alles menschliche Handeln nicht besiegen kann. Es gibt Böses, Schlimmes, das sich nicht einfach weg reden, leugnen lässt. Böses, Schlimmes, wo unsere Vernunft und Normalität und Kunst an ein Ende kommen. Zwei, drei alltägliche Beispiele.

Die Wissenschaft kann erklären, was eine Krankheit mit dem Körper macht, oft genug auch, wo sie herkommt. Und viele Krankheiten können geheilt werden. Aber oft genug können wir gar nicht anders, als von Krankheiten als „Schicksalsschlag“, als „Prüfung“, als „Katastrophe“ zu reden. Weil Normalität durchbrochen wird, weil Angst da ist, weil wir eben merken, dass wir nicht alles im Griff haben.

Wir wissen, wie sich Alkoholismus auf die Familie aus-wirkt, wir haben oft genug mehr als nur eine Ahnung davon, warum ein Mensch gewalttätig oder kriminell wird. Aber wir haben Angst davor, solchen Menschen zu begegnen oder selbst so zu sein oder zu werden. Und wir wissen ganz genau, dass auch alle menschliche Kunst und Redegewandtheit einen Alkoholiker nicht von der Flasche bringt und dass alles Wegsperren und psychologische Betreuen aus einem Gewalttäter oder Straftäter nicht unbedingt einen Menschen macht, der für andere keine Bedrohung mehr ist.

Dämon, Satan, Beelzebul, diese persönlichen Benennun-gen sind ein Versuch, dieses Böse, was da ist, durch Namensgebung ein Stück weit in seiner Macht zu be-schränken, weil ich ja einen Namen dafür habe und es nicht so ganz unbekannt ist. Im Jahr 2011 finde ich die Vorstellung einer personalisierten, gegengöttlichen, bö-sen Geisterwelt nicht mehr hilfreich. Gott sei Dank ha-ben wir zum Beispiel gelernt, in Menschen, die stumm sind, nicht mehr böse Geister am Werk zu sehen.

Was aber, trotz aller Entgeisterung der Welt, geblieben ist, ist die Angst vor dem, was Menschen nie in den Griff kriegen können. Das Böse, das den normalen, glatten Alltag durchbricht und schwer macht. Mir hilft es, hier eben nicht persönliche Wesen am Werk zu sehen,
sondern Ängste, Verstrickungen, Machtlosigkeit, aus der wir als Menschen uns nicht selbst befreien können.

Und da setzt Jesus an. Das, was er tut, befreit die Men-schen. Er befreit den Stummen aus seiner Isolation. Vielleicht auch aus der Angst, was falsch gemacht zu haben und bestraft worden zu sein und aus der Angst, von anderen ausgenutzt zu werden, weil er sich nicht mitteilen kann. Jesus befreit, die Mächte, die Verstrickungen, die Leben schwer machen, haben plötzlich keine Macht mehr.

Aber die Menschen um ihn herum können oder wollen diese Befreiung nicht sehen. Die einen sagen: „Der ist doch in dem System von Angst und Bösem geblieben. Er treibt das Böse durch noch Böseres aus!“ Die anderen sehen in ihm nur eine Art Superzauberer. Denen reicht nicht, dass ein Stummer frei wird, um zu reden und frei Kontakte knüpfen zu können, die wollen Sensationen, „Zeichen vom Himmel“ – am besten sollen Sonne und Mond still stehen!

In der Diskussion beziehungsweise in dem, was als Ant-wort von Jesus bei Lukas überliefert ist, und was mich und vielleicht auch einige hier im Gottesdienst beim Zuhören beziehungsweise Lesen total schwindlig gemacht hat, macht Jesus klar, dass diese Sicht totaler Unsinn ist. Wenn die Macht der Angst, die Macht des Bösen gebrochen werden soll, dann geht das nur durch das Gegenteil davon. Solange ein System von Angst, Bösem und Unterdrückung sich immer wieder selbst stabilisieren kann, wird es immer stärker. Trauriges Beispiel: Kinder, die regelmäßig geschlagen werden und in Angst davor leben, sich anderen zu öffnen, die vielleicht helfen können, werden sehr viel öfter gewalttätig als andere. Vergewaltiger und vor allem Männer, die Kinder missbrauchen, haben sehr häufig genau das früher auch bei sich selbst als Opfer erlebt.

Die Macht der Angst, Böses kann nur durch die Liebe selbst besiegt werden. Dort, wo Menschen Befreiung von Angst erleben, von mit Worten und mit der Vernunft kaum oder gar nicht zu beschreibenden schlimmen Erfahrungen, wo Menschen vom Bösen befreit werden, da ist das, was die Bibel überhaupt und Jesus hier bei Lukas „Reich Gottes“ nennt, schon da. „Wenn mir der Finger Gottes hilft, Dämonen auszutreiben, dann ist das Reich Gottes schon zu euch gekommen!“ So sagt er es hier. Wie gesagt, Dämonen muss man nicht als personalisierte Geister verstehen, sondern als Macht der Angst, als unverfügbar Schlimmes und Böses, als Verstrickung in Kräfte, die dem Leben schaden.

Das ist eben nicht nur was, was vor langer Zeit funktio-nierte, als Jesus in dieser Welt sichtbar war. Noch mal zu den Beispielen Alkohol oder Gewalt, Straftat und Ge-fängnis: Medizinische und psychologische Behandlung ist für einen Alkoholiker wirklich notwendig. Aber wenn er nicht wirklich Liebe erfährt, wenn er nicht für sich annehmen kann, dass er der Liebe auch wert ist und dass Vergebung möglich ist, wird er ziemlich wahrscheinlich immer wieder rückfällig werden.

Und ein Gefängnisaufenthalt allein oder harte Arbeit im Knast ändert auch erst mal keinen Menschen. Die Befreiung von der Vorstellung, nur durch Gewalt oder durch das Ausnutzen von anderen was wert zu sein und was zu gelten, die Befreiung zu Liebe muss dazu kommen.

Und diese Befreiung schenkt Jesus. Die Begegnung mit ihm ist etwas, das frei macht. Frei von der Angst. Deshalb ist es auch wichtig, wenn man an Gott glaubt, wenn man anderen vom Glauben erzählen will, dass man nicht neue Ängste schürt oder Menschen unfrei lässt, indem man ihnen Angst vor Dämonen einredet. Die Begegnung mit Jesus, der Glauben an Gott befreit. Das ist die große Botschaft dieser schweren Geschichte. Der Schlusssatz „Wer nicht für mich, ist gegen mich und nicht mit mir sammelt, treibt auseinander“, hört sich erst mal sehr hart und wenig befreiend an. Weil er so fordernd daher kommt. Aber er fasst doch genau diese Befreiung zusammen. Wer nicht für mich, Jesus, ist -Wer die Befreiung verleugnet, wer andere in Ängsten halten will, wer glaubt, nur im System des Bösen das Böse in Schach halten zu können – der ist gegen mich: der wird die Liebe nicht annehmen können, der wird die Freiheit nicht entdecken und der wird anderen Freiheit nicht gewähren können. Es geht um die Freiheit zum Le-ben, es geht um die Liebe, die die Macht der Angst bricht. Gebe Gott, dass wir diese Freiheit, sein Reich, schon jetzt und hier bei uns spüren und dass unsere Angst und unsere Verstrickung in Verhältnisse, die dem Leben nicht dienen, gelöst wird.

Amen.

Zwischen kuntergrau und dunkelbunt im Nebel

Sonntagsgedanken in der Oberhessischen Presse, die Anregung zu dem "Farbwortspiel" verdanke ich dem Song "XOXO" von Casper

Verwirrung, nichts als Verwirrung, scheint die Welt ergriffen zu haben. Keiner weiß mehr Bescheid. Rezepte für ein gutes Leben, Rezepte für den Erfolg von Menschen, Wirtschaft, Staaten und Staatengemeinschaften, die gestern noch richtig waren, scheinen heute falsch zu sein. Oder doch nicht? Wirtschaftsexperten, Bildungsexperten, Terrorismusexperten, Experten für gelingende Lebensführung erklären uns die Welt. Und am Ende scheint mir oft nur noch Bertold Brecht zu bleiben: „Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen/ Den Vorhang zu und alle Fragen offen.“ Es gibt anscheinend keine klaren Linien, kein klaren Farben, keine klaren Richtungen mehr. Kuntergrau und dunkelbunt, ein Mischmasch, der alles zu vereinen und verschlingen scheint, der nichts mehr klar erkennbar macht.


Vielleicht sind auch diese Worte, vielleicht ist auch diese Zustandsbeschreibung Teil einer Herbstdepression. Der Mangel an Licht, an Aufklärung, die Zunahme an Nebel und Dunkel führt Menschen in Stimmungen, die sich oft genug von allein nicht aufhellen lassen. Die Volkskrankheit Depression und das Burn-Out-Syndrom sind, Zufall oder nicht, gerade in diesem so verwirrenden Jahr verstärkt ins Blickfeld gerückt. Junge Fußballspieler, gute Lehrerinnen, nach außen erfolgreiche Manager – keiner ist mehr sicher davor. Auswege? Da gibt’s wieder gut gemeinte und gut gemachte Ratgeber und Ratschläger – aber was hilft’s?!

Mir drängt sich in diesen Tagen noch einmal eine Aussage von Jesus ins Bewusstsein. In der Auseinandersetzung mit seinen Kritikern wird ihm im Johannesevangelium die Aussage „Ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen“ zugeschrieben. Wahrheit und Freiheit gehören für Christen unmittelbar zusammen. Und Wahrheit gibt es nicht ohne die schmerzhafte Erkenntnis von
eigener Schuld und Versagen. Dort, wo Verhältnisse schöngeredet werden, wird keine Freiheit sein. Dort, wo Wahrheit verschwiegen wird und dort, wo sich die Durchsetzung eigener Interessen durch Verdrehung, Verschweigen oder Zurechtbiegen von Wahrheit in den Vordergrund stellt, kann Freiheit nicht Raum greifen. Aufklärung tut not – und zur Aufklärung gehört auch die Erkenntnis, dass es keine ungebundene Freiheit gibt. Freiheit braucht die Bindung an den Grund unseres Seins. An Gott, der sich in Jesus offenbart. Freiheit braucht Bindung – nur ein scheinbarer Widerspruch. Freiheit ohne Bindung an den Grund des Seins ist in der Gefahr, sich aufzulösen. In Beliebigkeit, in Egoismus, in die Freiheit des Stärkeren, auf Kosten der Schwächeren zu leben. Die Wahrheit zeigt, dass Freiheit dort entsteht, wo Menschen erkennen und zugeben können, dass sie nicht allmächtig sind, dass die Sehnsucht nach einer Selbsterlösung in einem Selbstbetrug endet. Die Farben des Lebens werden nicht mehr klar und deutlich zu erkennen sein, sondern durch einen Nebelschleier scheinen sie dann nur noch kuntergrau und dunkelbunt – verwirrt und verwirrend.

In dieser Zeit voller Enttäuschungen und Ratlosigkeit, in Zeiten der Krise – persönlicher Krisen ebenso wie politischer Krisen und Vertrauenskrisen – sind wir auf Wahrheit angewiesen. Und auf die Kraft, auch unbequeme Wahrheiten annehmen zu können. Eine unbequeme Wahrheit ist die, dass Jesus uns keine unmittelbare Antwort auf die Frage nach der Lösung von Euro- und anderen politischen und wirtschaftlichen Krisen schenkt. Der Glauben, die Bibel legt Spuren auf der Suche nach der Wahrheit. Eine Spur ist die, dass wir Menschen uns in Schuld verstricken, dass unser Streben nach Reichtum und Gewinnmaximierung nicht in die Freiheit, sondern in ungute Abhängigkeiten führt. Vertrauen und Gerechtigkeit sind Kategorien, die über Gewinn und Erfolg stehen. Licht sehen, Farben sehen – und das in allem Nebel, damit die Welt nicht nur kuntergrau und dunkelbunt scheint, dazu sind wir eingeladen.

Ahad, 16 Oktober 2011

Kämpfernaturen - 17. Sonntag nach Trinitatis, 16.10.2011, Marginaltext

Text: Gen 32,23-33


Liebe Gemeinde!

Wenn man einem anderen was kaputt gemacht hat, dann reicht oft eine Entschuldigung, ein Anruf bei der Versicherung, und schon wird der Schaden behoben. Selbst wenn man sich mit einem anderen geprügelt hat, dann kann man, wenn die erste Hitze abgeklungen ist, vielleicht doch noch einmal darüber reden und wieder zusammenkommen. Materieller Schaden ist ganz gut zu ersetzen, körperliche Wunden heilen oft, manchmal schneller als man denkt. Gestohlenes Geld, ein zerstochener Reifen – alles zu ersetzen. Aber missbrauchtes Vertrauen, die Enttäuschung darüber, dass gelogen und betrogen wurde, nicht von Fremden, sondern von einem Menschen, der mir ganz nahe stand? Ganz, ganz schwierig wird es, wieder zusammenzukommen, wenn Eltern merken, dass ihr Kind es wirklich ernsthaft bestohlen hat. Wenn ein Kind merkt, dass dem Vater die Drogen wichtiger sind als das eigene Kind. Wenn in der Ehe mehr Betrug war als ein flüchtiger Gedanke an einen anderen Mann oder eine andere Frau. Wenn der eine Bruder den anderen um sein Erbe betrügt. Vieles kann man ersetzen. Vertrauen nicht. Gebrochenes Vertrauen muss lange und mühsam wieder wachsen. Wenn das überhaupt gelingt. Manchmal bleibt nur noch Wüste zurück, da wächst nichts mehr.

Verständlich, dass Jakob, der Betrüger, Angst davor hatte, seinem Bruder wieder zu begegnen. Jahrzehnte sind vergangen, beide sind längst erwachsen und haben große Familien. Aber der Vertrauensbruch steht immer noch zwischen ihnen. Jakob hat seinem älteren Bruder das Erbe weggenommen. Den blinden Vater hat er belogen und betrogen. Vor langer Zeit. Aber die Zeit heilt eben nicht alle Wunden. Morgen wollen sie sich wieder begegnen. Das erste Mal seit dem Betrug. Sie wollen neu miteinander anfangen. Aber wird das verlorene Vertrauen als zartes Pflänzchen wieder wachsen können? Oder wird der Bruder seine Wut an ihm auslassen? Jakob spürt, dass er allein sein muss an diesem Abend, in dieser Nacht. Er schickt seine Familie weg und bleibt allein, um sich auf das schwierige Wiedersheen vorbereiten. Und dann geschieht etwas sehr Merkwürdiges. Davon erzählt die Bibel, das erste Buch Mose, so:
Genesis 32,23-33
Ganz merkwürdig, diese Geschichte. Wie viele wichtige Geschichten der Bibel spielt sie nachts.
 In einer Nacht kommt Jesus zur Welt. Jesus und Nikodemus führen ein wichtiges Gespräch über den Glauben. Jesus wird in der Nacht verhaftet. Die Frauen machen sich noch bei Dun-kelheit zu seinem Grab auf. Die Nacht als Zeit der Ent-scheidung. Als Zeit, in der sich manches klärt. Auch Schwieriges. Mit unseren technischen Möglichkeiten hat die Nacht vielfach ihre Dunkelheit verloren. Aber wenn man nachts wachliegt, der Versuchung widersteht, ein-fach Licht anzuknipsen, zu lesen oder sich vor den Computer zu setzen, spürt man manchmal noch etwas von den Schrecken der Nacht. Da geht einem alles durch den Kopf, was man tagsüber gern verdrängt. Die Stille, die Dunkelheit zwingt zur Konzentration – und das ist nicht immer nur angenehm. Aber manchmal ist dann auch am Morgen der ein oder andere Knoten, und sei er auch nur im Denken gewesen, gelöst. Faszination und Schauer gehen von der Nacht aus. Und nachts ringt Jakob, der Betrüger, der Lügner, mit einem merkwürdigen Mann.

Wer er ist, wo er so plötzlich herkommt – das bleibt, im wahrsten Sinnen des Wortes, erst einmal im Dunkeln. Ist es Gott selbst? Ist es ein Bote Gottes, ein Engel? Auf alle Fälle fürchtet er das Licht: „Lass mich gehen, denn die Morgenröte bricht an!“ So fleht er Jakob an. Jakob ist offensichtlich ein guter Ringer, er kann ihn halten. Nachtwesen, die sich vor dem Tageslicht fürchten? Den jüngeren kommen vielleicht Vampire in den Sinn, aber doch nicht Gott! Auch wenn man die Geschichte nicht wörtlich verstehen muss, sondern sinnbildlich verstehen kann, bleibt sie merkwürdig. Das Fliehen vor dem Licht, das passt doch nicht zu etwas Göttlichem, egal ob Gott selbst oder ein Bote an seiner statt! Und doch ist es vielleicht ein Akt der Gnade Gottes, dass wir ihn nicht ganz sehen, dass er sich auch immer wieder ein Stück entzieht. Wenn Gott die Wahrheit ist und wir die ganze Wahrheit sehen müssten – würden wir sie ertragen? Ich glaube nicht. Es ist Gnade, dass uns manches verborgen bleibt. Wer den Film „Bruce Allmächtig“ kennt, der weiß, wovon ich rede. Einer der intelligentesten Filme über Religion, wie ich finde. Bruce darf wie Gott sein. Aber er verzweifelt daran, dass er jetzt nicht nur alles kann, sondern wirklich die ganze Wahrheit sehen kann. Er hält es nicht aus, auch alle schlimmen Seiten zu sehen. Ein Stück Dunkelheit als Gnade, „lass mich gehen in der Morgenröte“ – vielleicht kann das ja auch heißen: „Du wirst die ganze Wahrheit nicht aushalten, sei froh, dass du nicht alles sehen musst!“

Viel wichtiger als dieser Gesichtspunkt ist mir aber der, der sich aus dem weiteren Gespräch zwischen den bei-den Kämpfern ergibt. Ein seltsamer Dialog: Jakob antwortete: Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn. 28 Er sprach: Wie heißt du? Er antwortete: Jakob. 29 Er sprach: Du sollst nicht mehr Jakob heißen, sondern Israel; denn du hast mit Gott und mit Menschen gekämpft und hast gewonnen. 30 Und Ja-kob fragte ihn und sprach: Sage doch, wie heißt du? Er aber sprach: Warum fragst du, wie ich heiße? Und er segnete ihn da-selbst. Was mir daran wichtig ist, ist die Hartnäckigkeit, mit der Jakob hier kämpft: Ich höre nicht auf, bis du mich segnest. Dem Vater musste er den Segne durch Be-trug abluchsen. Hier kämpft er um den Segen. Um den Segen von Gott selbst. Jakob bleibt Sieger. Nicht, weil er Gott niedergerungen hätte. So verstehe ich diese Stelle nicht. Sondern weil er sich Gott gestellt hat. Er hat mit Gott gerungen. Er hat nicht aufgegeben. Für mich ist das ein ganz wichtiger Baustein zu einem guten Glauben an Gott. Dass Menschen, wie Jakob, trotz aller Schuld, trotz aller Fehler, die sie, die wir begehen, eingeladen sind, mit Gott zu ringen. Das Gott mit sich ringen lässt. Er ist kein Gott, der sozusagen von oben herab ein für allemal Menschen einen Glauben überstülpt und Menschen mit dem Glauben überrumpelt. Und der Glauben an Gott ist kein fester Zustand, den ich mit mir herumtragen kann und der immer gleich groß ist. Um den Glauben, um den Segen, darf und muss ich vielleicht auch manchmal ringen. Glauben heißt durchaus, auch Zweifel haben zu können. Schuld zu sehen. Auch bei sich selbst. Angst zu haben. Stark im Glauben ist nicht der, der ohne Zweifel durchs Leben geht und immer ein unangefochtenes Lächeln auf den Lippen hat. Stark ist der, der sich seiner persönlichen Nacht, seinen Zweifeln, seinen Ängsten, seiner Schuld stellt. Der mit sich und mit Gott ringt. Um Segen, um Wahrheit, um Kraft für den Weg, der vor ihm liegt. Jakob bekommt nicht deshalb den Ehrennamen „Israel“, der mit Gott kämpft“, weil er ein so großer, strahlender Held ist, sondern weil er auch vor den dunklen Seiten nicht davon gelaufen ist, sich ihnen gestellt hat und sie dadurch besiegen konnte. Es gibt bis heute immer wieder Grund, mit Gott zu ringen. Die Erfahrung, dass ich versage, dass ich eben nicht so gut bin, wie ich sein könnte, dass ich andere und mich selbst enttäusche. Die Erfahrung, dass ich nicht so einfach beten kann: „Dein Wille geschehe“, wenn junge Menschen nach einem ohnehin schon schweren leben an schwerer Krankheit sterben, dass Sucht, Drogen, Alkohol Familien zerstört und Vertrauen kaputt macht. Vielleicht fällt ja jedem auch aus dem eigenen Leben etwas ein, wo er, wo sie mit Gott ringt. Das Entscheidende ist nicht, ohne Zweifel durchs Leben zu gehen und sich in ein besseres Leben zu träumen, sondern sich dem Leben zu stellen und den Kampf auszuhalten. So, wie Jakob hier in der Geschichte aus der Bibel. Er ist es, der gesegnet wird. Er könnte ja auch sagen: Hat ja keinen zweck, die Welt ist zu schlecht, ich bin zu schlecht, das Leben ist zu hart. Aber das tut er nicht. Er ringt bis zum Schluss – und wird gesegnet. Das Ringen lässt ihn nicht unbeschädigt. Er hinkt. Aber er lebt, ist gestärkt und kann sich der schwierigen Begegnung mit dem Bruder stellen. Was folgt, ist auch danach keine Geschichte von Superhelden, sondern von Menschen, die auch neidisch sind, die Vertrauen enttäu-schen, die aber immer wieder auch mit sich und Gott ringen und einen Neuanfang finden. Es lohnt sich, gera-de die letzten 20 Kapitel im ersten Buch Mose zu lesen. Da wird deutlich, dass Glauben und Vertrauen immer wieder gesucht und gefunden werden wollen. Nicht als Besitz, sondern als Geschenk. manchmal mit Schmerzen verbunden. Aber immer voller Leben und voller Verhei-ßung. Materielle Werte kann man kaufen und ersetzen, Glauben und Vertrauen müssen wachsen. Gebe Gott, dass wir bereit sind, um das Wachstum zu ringen. Und ihn und uns und die Menschen, die um unser Vertrauen ringen oder um deren Vertrauen wir ringen, nicht aufge-ben.

Amen.