Sabtu, 26 November 2011

Hoffentlich ist das der letzte Advent! - 1. Advent, 27.11.11, Marginaltext

Text: Sacharja 9,9-12
Liebe Gemeinde!


Es ist mal wieder so weit – 1. Advent! Alle Jahre wieder. Manche konnten es sicher nicht abwarten. Endlich wieder Weihnachtsmarkt und Festbeleuchtung in der Stadt. Endlich wieder die Deko für die Wohnung rausholen. Plätzchen backen und gemütlich Tee und Kaffee trinken, passende Musik hören. Vorbereitungen treffen, Geschenke kaufen und sich was wünschen. Viele freuen sich auf diese Zeit. Viele – nicht alle. Manche fürchten sich vor dem Stress. Jetzt nur nichts vergessen, damit Weihnachten möglichst perfekt wird. Die Geschäfte sind übervoll. An so vieles muss gedacht werden. Adventsfeiern, zu denen gegangen werden muss, in der Schule jede Woche Arbeiten schreiben bis kurz vor den Ferien. Und manche fürchten sich davor, in diesen Tagen noch mehr als sonst zu spüren, dass für sie ganz wichtige Menschen fehlen. Vielleicht ist in diesem Jahr oder schon vor längerer Zeit ein lieber Mensch gestorben. Vielleicht ist eine Beziehung in die Brüche gegangen oder ein Umzug hat Freundeskreise erst mal gestört und vieles ist anders als sonst.

Es ist mal wieder so weit – 1. Advent, in vier Wochen ist Weihnachten. Schön oder schaurig. Alle Jahre wieder. Und alle Jahre wieder wird an diesem Tag die Aktion „Brot für die Welt“ eröffnet. Zum 53. Mal bittet die Kirche um Spenden für Menschen in anderen Ländern, deren Leben durch Hunger und anderen Mangel bedroht ist.

Es ist mal wieder so weit: „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit, es kommt er Herr der Herrlichkeit“ und „Tochter Zion, freue dich, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer“. Alle Jahre wieder. Lieder, Bibelverse, die einfach dazu gehören.

Alle Jahre wieder… - wirklich? Wie wäre es denn, wenn es diesmal nicht wie alle Jahre wäre? Wie wäre es denn, wenn die 53. Aktion „Brot für die Welt“ die letzte wäre? Nicht, weil wir geiziger wären oder weil es sich eh nicht lohnt und der Hunger nie besiegt wird, sondern weil es der letzte Advent wäre, in dem Menschen noch hungern und der letzte Advent, bevor wir erleben, was in dem Predigttext herbeigesehnt und versprochen wird: eine friedliche Welt ohne Krieg. Eine gerechte Welt, in der Reichtum nicht mehr zählt. eine Welt, in der Freiheit herrscht. Eine Welt, in der sich die Hoffnungen auf ein gutes Leben mit Gott erfüllen.

Wie wäre es denn, wenn nicht alle Jahre wieder Schönes und Schauriges, Wohliges und Trauriges je nach persönlichem Erleben im letzten Jahr und eigener Stimmung diese Zeit bestimmen, sondern endgültig alles tatsächlich gut wird? Zu schön, um wahr zu sein? Ein Märchen? Ein Gedankenspiel für Spinner, hoffnungslose Romantiker oder weltfremde Träumer? Ja, vielleicht. Aber vielleicht auch
mehr als das. Vielleicht auch eine Einladung, den Advent ernst zu nehmen und in ihm das zu sehen, was er ist: Eine Einladung zur Hoffnung, die den Alltag ernst nimmt. Eine Einladung zur Hoffnung, die die Augen vor der Welt nicht zu macht. Eine Einladung zur Hoffnung, dass Weihnachten nicht nur eine nette Episode in der Weltgeschichte war, sondern dass Jesus mit seinem Kommen die Welt wirklich verändert hat und dass Gott die Welt tatsächlich endgültig zum Guten verändern will.

Aber Hoffnung zu haben ist gar nicht so einfach. Auch im Advent nicht. Hoffnungslosigkeit oder Hoffnungsarmut entstehen ja nicht nur aus dem großen Gefühl der Ohnmacht, als kleiner Richtsberger keine wichtige Stimme im Weltkonzert zu haben und sowieso nichts ändern zu können. Natürlich schreibt keiner von uns die Weltpolitik um. Bis heute hat es kein Politiker geschafft, den Hunger in der Welt abzuschaffen. Und für Gerechtigkeit zu sorgen, ist auch alles andere als einfach. Das fängt ja schon damit an, dass wir uns nicht darüber einig werden, was eigentlich gerecht ist. Ist es gerecht, dass der, der das Glück hat, in einem reichen Land oder in die richtige Familie geboren worden zu sein, mehr zum Leben hat als der, der das Pech hat, im Tschad, in Nordkorea, Vietnam oder einfach in einer armen Familie geboren worden zu sein? Ist es gerecht, dass Kinder, deren Eltern sich teure Nachhilfe oder teure Schulen leisten können, bessere Chancen haben? Jeder so viel wie er leisten kann? Oder jeder das, was er wirklich zum Leben braucht? Jedem eine neue Chance, auch wenn er mal was falsch gemacht hat oder Fehler müssen hart bezahlt werden? Was ist gerecht? Ich kann das nicht einfach so sagen.

Also: lieber nicht zu viel hoffen und sich damit zufrieden geben, dass alle Jahre wieder Advent gefeiert wird und darauf hoffen, dass es im nächsten Jahr vielleicht besser wird, wenn die eigene Stimmung im Moment nicht so gut ist oder dass es genauso gut wird, wenn die eigene Stimmung passt? Lieber die kleine Hoffnung, weil sich die große ja doch nie erfüllt? Lieber klein hoffen als groß enttäuscht werden?

Ich weiß, dass mir auch manchmal der Mut zur großen Hoffnung fehlt. Und ich merke, dass das wenig mit der großen Politik zu tun hat, dafür umso mehr mit dem, was ich jeden Tag erlebe. Eltern erleben, dass sie mit ganz viel Hoffnung und Freude ein Kind erwarten – und dann erfahren sie, dass dieses Kind die Hoffnung nicht erfüllen kann. Durch Krankheit vielleicht. Es gibt nicht nur Menschen, die alt und lebenssatt sterben, sondern auch Menschen, die jung, tragisch, und unter solchen Umständen sterben, dass man nur noch schreien will. Es gibt Menschen, junge, mittelalte und richtig alte, denen wird ganz viel Hilfe angeboten – aber alles nutzt nichts, ihr Leben geht den Bach runter. Nicht, weil sich niemand um sie kümmert, sondern weil sie selbst nicht in der Lage sind oder es nicht wollen, sich wenigstens ein bisschen um sich selbst zu kümmern und Verantwortung zu übernehmen. Welchen Grund sollte man also haben, wirklich zu hoffen, nicht nur, dass die Adventszeit ganz nett wird, sondern dass sich die Welt durch den, den Gott sendet, wirklich zum Guten ändert?

Wer nicht hoffen will, findet jede Menge Gründe. Aber mal ehrlich: was habe ich eigentlich zu verlieren, wenn ich mich traue, auch gegen den Augenblick zu hoffen? Ich hab doch schon verloren, wenn ich die Hoffnung aufgebe. Wenn ich hoffe, habe ich nichts zu verlieren. Aber alles an Leben zu gewinnen. Weil Gott dafür einsteht, dass die Hoffnung nicht leer bleiben wird. Manchmal hat Hoffnungsarmut vielleicht auch damit zu tun, dass wir unsere eigenen Wünsche mit dem verwechseln, was Gottes Plan und Wille ist. Wir denken, dass Gott genau das, was wir im Moment für richtig halten, machen müsste und das auch noch zu dem Zeitpunkt, von dem wir annehmen, dass es der richtige wäre.

„Gott erfüllt nicht alle unsere Wünsche, aber alle seine Verheißungen“ hat der von den Nazis ermordete Pfarrer Dietrich Bonhoeffer, dessen Lied „Von guten Mächten wunderbar geborgen“ wir zum Abschluss heute singen, einmal gesagt. Die Verheißung, an die wir uns gerade im Advent erinnern, ist die, dass Gott der Welt Frieden bringen wird. Dass nicht der Krieg und die Ungerechtigkeit das letzte Wort behalten, sondern dass die Menschen, die ihm und seinen Verheißungen trauen, Grund zum Jubeln haben. So, wie es der Prophet Sacharja vor langer Zeit als Botschaft von Gott weitererzählt hat: Du, Tochter Zion, freue dich sehr, und du, Tochter Jerusalem, jauchze! Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer, arm und reitet auf einem Esel, auf einem Füllen der Eselin. Denn ich will die Wagen wegtun aus Ephraim und die Rosse aus Jerusalem, und der Kriegsbogen soll zerbrochen werden. Denn er wird Frieden gebieten den Völkern, und seine Herrschaft wird sein von einem Meer bis zum andern und vom Strom bis an die Enden der Erde. Die Frie-densherrschaft eines armen Königs, der nicht majestätisch auf einem Pferd, sondern auf einem Esel reitet. Ein König, der nicht ausbeutet und in Kriege treibt, sondern der hilft und den Menschen, die ihn brauchen, dient und Gerechtigkeit bringt. Dem Volk Israel schenkte Gott mitten in einer Zeit, in der die Könige versagten und die Menschen in Kriege stürzten, in der die Reichen die Armen ausnutzten und ausbeuteten, solche Hoffnung. Sie hat die Menschen stark gemacht. Uns erinnert dies im Advent hoffentlich auch daran, dass unsere Hoffnungen auf die Umgestaltung der Welt, auf Gerechtigkeit und Frieden uns mit den Juden verbinden. Gottes Geschichte mit uns Menschen fängt nicht erst Weihnachten an. Jesus hat dafür gesorgt, dass diese Hoffnungen und Verheißungen allen Menschen gelten können, allen, die Vertrauen zu ihm fin-den. Aber er nimmt dem Volk des ersten Bundes nichts weg. Und vielleicht können uns diese alten Verheißungen auch Mut machen, nicht zu klein zu hoffen, sondern in der Hoffnung, dass mehr möglich ist, als wir zu träumen wagen, schon mal ein bisschen mit anpacken bei dem, was als Zeichen der Hoffnung möglich ist. Damit wir aus lauter Hoffnung fähiger werden, zu teilen, Frieden zu halten und Frieden zu stiften, wo wir es können. Dass wir nicht glauben, wir müssten alles schaffen, sondern darauf vertrauen können, dass Gott noch viel mehr schaffen kann und schaffen wird. Gerechtigkeit, Frieden, Hilfe – eine neue Welt für alle. Durch den, dessen Geburt wir bald feiern. Durch Jesus, Gottes Sohn, unseren Bruder, Freund und Herrn.

Amen.

Jumaat, 18 November 2011

Lebensmüde oder Lebensmunter? _ Totensonntag, 20.11.11, Reihe IV (statt III)

Text: Phil 1,21-26 (Gedenktag der Entschlafenen, nicht Ewigkeitssonntag)

Liebe Gemeinde!


„Sterben ist für mich ein Gewinn“ – Was muss in einem Menschen vorgehen, damit er so etwas sagen kann? Denken lässt sich da ganz viel. Das könnte ein religiös durchgedrehter Attentäter sagen, der darauf hofft, dass er von zweiundsiebzig Jungfrauen im Paradies bedient wird, wenn er sich und andere in die Luft sprengt. Viel alltäglicher und viel trauriger wird dieser Satz aber, wenn ihn schwer kranke Menschen sagen, die vor lauter Schmerzen nicht mehr ein und aus wissen und einfach genug davon haben. Oder, für mich noch viel trauriger, wenn oft schon ganz junge Menschen keine Lust mehr haben, es mit dem Leben aufzunehmen. Manchmal ist das Gefühl da, das alles schief geht. Beziehungen, Freundschaften, Liebe – all das geht vielleicht gerade kaputt. In der Schule oder im Beruf ist das Gefühl da, das alles, was man anpackt, nur noch danebengeht und nichts mehr klappt. Das Gefühl, das jeder an einem zerrt, jeder was von einem will und man gar nicht mehr weiß, wohin. „Sterben ist für mich ein Gewinn“ – da habe ich endlich meine Ruhe. Und dann werden die anderen schon sehen, was sie angerichtet haben! Ein ganz trauriges Gefühl, ein ganz trauriger Satz. Auch dann, wenn er von älteren und alten Menschen gesprochen wird, die müde geworden sind, weil sie schon so viele Abschiede haben hinnehmen müssen. Abschiede von lieben Menschen, die ihnen hier fehlen. Abschiede auch von manchen Fähigkeiten, die man früher vielleicht noch hatte und die das Alter genommen hat. „Sterben ist für mich ein Gewinn“ – Was soll ich eigentlich noch hier! Es gibt in jedem Leben Zeiten, da scheint es nur noch eine große Last zu sein, die man irgendwie loswerden will. Und vielleicht erwartet oder erhofft man sich dann, dass einem der Glauben an Gott, auch wenn er ganz fern zu sein scheint, dass einem die Bibel oder Gespräche mit einem Pfarrer oder anderen Menschen, von denen man hofft und denkt, dass wenigstens sie auf Gott vertrauen, dem Leben trauen und sich nicht unterkriegen lassen, aus einem solchen Loch wieder raushilft. Die Bibel, der Glauben, Jesus und auch sein Bodenpersonal – das soll doch für Hoffnung, für Leben, für ein gutes Leben stehen!

Und dann findet sich ausgerechnet in diesem Buch der Hoffnung der Satz: „Sterben ist mein Gewinn!“ Paulus hat diesen Satz geschrieben. Er schreibt ihn in seinem Brief an die Gemeinde in Philippi im heutigen Griechen-land. Er schreibt ihn aus dem Gefängnis, in dem er zu Unrecht sitzt und in dem er nicht weiß, ob ihn nicht viel-leicht ein hartes, vielleicht sogar ein Todesurteil erwartet. „Ich habe es satt, ich will nicht mehr, ich kann nicht mehr, gut, wenn alles endlich zu Ende ist!“ Wenn man nur diesen Satz hätte und nur wüsste, dass er aus dem Gefängnis geschrieben ist, dann könnte man glauben, dass Paulus genau so etwas meint. Aber dieser Satz ist nicht das einzige, was er aus dem Gefängnis schrieb. Er schreibt diesen Satz nicht für sich allein, sondern
er schreibt in seiner eigenen, manchmal etwas komplizierten Sprache: Phil 1,21-26: Christus ist mein Leben und Ster-ben ist mein Gewinn.22 Wenn ich aber weiterleben soll im Fleisch, so dient mir das dazu, mehr Frucht zu schaffen; und so weiß ich nicht, was ich wählen soll. 23 Denn es setzt mir beides hart zu: Ich habe Lust, aus der Welt zu scheiden und bei Christus zu sein, was auch viel besser wäre; 24 aber es ist nötiger, im Fleisch zu bleiben um euretwillen. 25 Und in solcher Zuversicht weiß ich, dass ich bleiben und bei euch allen sein werde, euch zur Förderung und zur Freude im Glauben, 26 damit euer Rühmen in Christus Jesus größer werde durch mich, wenn ich wieder zu euch komme.



Christus ist mein Leben, Sterben ist mein Gewinn – manchmal wird dieser Satz ganz falsch verstanden. So, als wollte Paulus als Christ nichts mehr mit der Welt, mit dem Leben hier zu tun haben und als sollten alle Christen sich lieber auf das Leben im Jenseits nach dem Tod konzentrieren. Aber Paulus schreibt das so gar nicht. Christus ist mein Leben, Sterben ist mein Gewinn – weil ich weiß, dass Jesus in meinem Leben schon da ist, weil ich weiß, dass er den Tod besiegt hat und mich auch dann nicht verlässt, wenn das Leben hier ein Ende hat, muss ich keine Angst vor dem Tod haben und kann mich dem Leben stellen. Das ist für ihn die Pointe. Paulus kann loslassen. Das ist das Entscheidende. Er klammert sich nicht an das Elend, das er gerade erlebt. Er klammert sich nicht an ein Bild von einem irgendwie tollen Leben, dass er haben müsste, damit alles einen Sinn hat. Er kann sagen: auch wenn ich loslasse, gewinne ich und falle nicht in ein großes Loch. Mit Jesus, mit Christus, da habe ich das ganze Leben gewonnen. Natürlich gibt es ein Leben, das besser ist, ohne Leid, voller Gerechtigkeit, ein Leben, für das Jesus mit seiner Auferstehung steht. Und natürlich wäre ich da viel lieber als im Gefängnis. Aber weil ich glauben darf, dass Christus wirklich mein Leben ist, kann und will ich eigentlich jetzt, in dieser Welt, noch viel mehr machen. „Im Fleisch bleiben“ das hört sich ja merkwürdig an. Aber Paulus meint damit nichts anderes, als das er in diesem Leben mit seinen Widersprüchen, mit seinen Schwierigkeiten und Nöten bleibt. Er läuft nicht vor dem Leben weg. Was Paulus der Gemeinde in Philip-pi mit den Worten, die, glaube ich, nicht nur für Konfis seltsam klingen, schreibt, ist die Hoffnung mit seinem Leben, mit seinem Glauben, mit seiner Hoffnung andere motivieren zu können, in dieser Welt zu leben. Als Christ zu leben. Und das heißt auch, die Augen davor nicht zu-zumachen, dass mein Leben immer auch mit dem Leben anderer verbunden ist. Dass ich auch mit dem, was mir vielleicht schwer fällt, anderen etwas geben kann. Viel-leicht irritiert manchen die Selbstsicherheit, mit der Pau-lus hier von sich spricht. Paulus schreibt ja, dass er zur Förderung und zur Freude im Glauben sein Leben behal-ten will, 26 damit euer Rühmen in Christus Jesus größer werde durch mich, wenn ich wieder zu euch komme.

Es könnte so missverstanden werden, als wollte Paulus noch angesehener und berühmter werden und vielleicht bei Gott Pluspunkte sammeln. Aber das, was Paulus hier erkennt, ist eigentlich etwas, was jeder von sich sagen kann: mit meinem Leben kann ich dir, kann ich anderen helfen, ein Stück von der Liebe Gottes zu entdecken. Im Alltag sind wir es gewohnt, dass es darum geht, toll auszusehen, ganz vorne zu stehen. Toll sind die Berühmtheiten, die im Fernsehen auftauchen, die viele Treffer bei Google, viele Likes bei facebook oder Follower bei Twitter haben. Der eigene Ruhm, die eigene Macht, das soll alles überstrahlen, das Ego gestreichelt werden. Paulus geht es nicht um diese Art von Ego-Ruhm. Ihm geht es darum, dass er mit dem, was er hat, wie er lebt, andere dazu bringen kann, zu Christus zu kommen. Nicht damit Paulus gut da steht, noch nicht ein-mal, damit Jesus größer würde, er ist ja schon so groß, dass es nicht größer ginge, sondern damit anderen geholfen wird. Loslassen um zu gewinnen.

Wir leben in einer Kultur des Festhaltens. Das, was wir kennen, würden wir gern ewig weiterhaben. Wenn es gut ist. Und wenn wir etwas als schwer erleben, dann fehlt uns oft die Perspektive, die gute Aussicht. Dann wird Sterben zum Gewinn. Nicht, weil ich weiß, dass der Tod nicht das letzte Wort spricht, sondern weil ich alles einfach satt habe. Christus der ist mein Leben – zu dieser Einsicht, dass es einen Grund gibt, jetzt zu leben und Schwierigkeiten auszuhalten, kann ich niemanden zwingen. Ich kann einladen. Und ich darf hoffen, dass in Zeiten, in denen ich nur noch den zweiten Teil Sterben ist mein Gewinn hören kann oder hören will, jemand da sein wird, der mich, wie Paulus vor langer Zeit die Menschen in Philippi, zum Leben anstiftet. Indem er mir Mut macht, loszulassen. Vorstellungen von einem guten Leben, die unrealistisch sind. Vorstellungen davon, dass schon in dieser Welt ein Leben ohne Sorgen und Schmerzen möglich wäre. Vorstellungen davon, dass ich mich durch Geld, durch Macht, durch Berühmtheit, gute Noten oder dicke Autos selbst erlösen könnte und dass das alles der Sinn wäre, den dieses Leben hätte. Wir leben nicht in einer vollkommenen Welt. Wir leben in einer Welt, in der Schmerz, Unrecht, Trauer, Wut und Versagen ihren Platz haben. Wir dürfen aber die Hoff-nung haben, dass das alles ein Ende haben wird. In Christus, in einem Leben, das bei ihm sein wird. Gebe Gott, dass wir daraus Mut und Kraft schöpfen, nicht vor diesem Leben, vor dieser Welt davonlaufen, sondern dass in der Zeit, in der wir in der Welt, die wir kennen, mitei-nander leben Christus, der ist mein Leben der entscheidende Satz ist und erst dann, wenn wir dieses Leben wirklich loslassen müssen, Sterben ist mein Gewinn zur großen Hoffnung wird. Amen.

Sabtu, 12 November 2011

Geld oder Leben !? - Geld und Leben, vorletzter Sonntag des Kirchenjahres, 13.11.11, Reihe III

Text: Lukas 16,1-9 NGÜ

Liebe Gemeinde!


Jeder schaut auf seinen Vorteil. Solange das Geld, das ich ausgebe oder mit dem ich handele, nicht mein eigenes ist, kann ich damit machen was ich will und fremdes Geld zu meinem Vorteil einsetzen. Und wenn ich dadurch auch noch gute Beziehungen aufbauen kann, die mir nützen: umso besser! Vor drei Jahren begann die weltweite Finanzkrise genau nach diesem Muster. Da haben Menschen mit Geld, das ihnen nicht gehörte, rumgespielt, ihren Vorteil gehabt, aber ausbaden mussten das andere. Treue, Ehrlichkeit, Verlässlichkeit, diese Werte spielten keine Rolle mehr. Hauptsache, die eigene Kasse stimmt. Von der Kirche, von Christen, von Jesus selbst, da wird zu Recht anderes erwartet. Wenn ich mich als Christ verstehe und denke, dass dazu mehr gehört als nur ein geistiges Leben mit Gebeten und Bibellesen und Gottesdienstbesuchen, dann erwarte ich von mir – und anderen – im Sinn von dem, was ich glaube, von Jesus verstanden zu haben, auch in meinem Alltag ein ganz anderes Verhalten. Da erwarte ich Treue, nicht nur in der Ehe oder anderen Beziehungen, sondern auch gegenüber Aufgaben, die ich übernommen habe. Da erwarte ich Aufrichtigkeit und Verlässlichkeit. Von mir selbst, von Menschen, die sich auf Jesus berufen und sagen, dass sie an ihn glauben. Und natürlich gehe ich davon aus, dass Jesus selbst genau so was auch den Menschen, denen er begegnet ist, vorgelebt und erzählt hat. Und dann finde ich in der Bibel, im Lukasevangelium, eine Geschichte, die mich ganz ernsthaft verwirrt. eine Geschichte, bei der ich mich frage, welches Verhalten da eigentlich von Jesus gut gefunden wird. Eine Geschichte, bei der ich mich frage, wie sie ernst gemeint sein kann und wie ich sie verstehen soll. Sie steht bei Lukas im 16. Kapitel:
Vorlesen, Neue Genfer Übersetzung
Für alle, die das Wort Mammon nicht kennen: in der Sprache, die Jesus wirklich gesprochen hat, heißt das Geld, Besitz. Beim ersten Lesen, beim ersten Hören – und vielleicht auch noch beim zweiten, dritten und vier-ten – da wirkt diese Geschichte, die Jesus erzählt, fast so wie ein Aufruf, es mit der Ehrlichkeit nicht so genau zu nehmen und sich für den Notfall Freunde zu kaufen, die einen raushauen können, wenn man keine Lust auf körperliche Arbeit oder Betteln hat. Treue, Verlässlichkeit, Aufrichtigkeit sieht so jedenfalls nicht aus. Ich habe im Internet den Hinweis gefunden: „Wenn sie ihre Gemeinde nicht verwirren wollen, dann predigen sie nicht über diese Geschichte!“ Aber genau das wäre ja auch wieder nicht ehrlich und aufrichtig. Der Pfarrer, der soll die Gemeinde schonen und nur das erzählen, was einfach zu verstehen ist und nicht die ganze Wahrheit. Ich halte aber niemanden für dumm: die Konfis nicht, die Erwachsenen nicht und ich will niemandem erzählen, dass Jesus es uns immer leicht macht. Es kostet manchmal ein bisschen Anstrengung und Nachdenken,
an Gott zu glauben und Jesus zu vertrauen. Es gibt Momente, in denen auch ich als Pfarrer darum kämpfen muss, das zu verstehen, was Jesus sagen will. Und in denen ich nicht weiß, ob ich das auch richtig verstehe. Wer erzählt, er versteht immer alles und wer Menschen den unbequemen Jesus vorenthält, der wäscht Gehirne und nimmt nicht ernst, dass Gott uns manchmal auch was zumutet und der Glaube an Gott nicht die sanfte Schlafpille, sondern der Motor eines tollen, aber manchmal auch anstrengenden Lebens sein will.

Genug rumgeredet, jetzt aber mal zu dem, was Jesus hier sagt. Verlängert hier Jesus wirklich die irdische Erfahrung, dass Untreue sich auszahlt ins Himmlische? Ich glaube, dass es ihm hier um etwas ganz anderes geht. Drei Spuren, in welche Richtung das, was Jesus hier erzählt, gehen könnte:

Die erste Spur: Jesus sagt am Ende der Geschichte: „Die Menschen dieser Welt sind im Umgang mit ihresgleichen klüger als die Menschen des Lichts“. Was er damit aus-drücken will, dass dieses Beispiel gar nicht ohne nach-zudenken und zu übertragen auf die Menschen, die ihm vertrauen und ihm nachfolgen übertragen werden kann. Da müssen wir uns schon ein bisschen Mühe geben. Erstmal bleibt diese Geschichte ja ganz in der Logik der Welt ohne Gott. Ich kann mir vorstellen, dass dieser un-ehrliche Verwalter Christen dazu ermutigen soll, über ihre Situation ernsthaft nachzudenken und dann auch entschieden so zu handeln, dass sich ihre Situation ver-bessert. Nicht das unehrliche ist das Vorbild, sondern der realistische Blick auf die eigene Situation. Wenn das schon die Menschen schaffen, denen Gott egal ist, dann könnt ihr das doch erst recht schaffen – vielleicht steckt diese Ermutigung auch in der Geschichte. Und zum Handeln, das einen weiterbringt, gehört das manchmal scheinbar verrückte, das sich nicht nach den Regeln rich-tet, die Menschen aufstellen, um andere klein zu halten. Jesus selbst wird ja auch vorgeworfen, dass er sich nicht an die Regeln hält, die andere zusätzlich zu den Geboten Gottes aufgestellt haben, damit die Menschen sich klein fühlen. Jesus geht es um die Menschen, um Beziehung, und darum legt er die Regeln konsequent auf den Men-schen hin aus. Habt Mut zum Handeln, auch wenn das nicht total abgesichert ist, vielleicht steckt auch das in der Geschichte. Und die Erkenntnis, dass einem am En-de menschliche Beziehungen wirklich hilfreicher sein können als alles Geld der Welt. Der Mensch ist auf Be-ziehung angewiesen, nicht auf Reichtum.

Da sind wir bei der zweiten Spur: Der unehrliche Ver-walter stellt selbst in seinem menschlichen, gar nicht auf Jesus bezogenen System, den Menschen vor das Geld, den Mammon, wie es in der Sprache von Jesus heißt. Er folgt nicht der Logik, dass der Vermehrung des Geldes gedient werden muss, sondern eben der Logik, dass Be-ziehungen zu Menschen mehr wert sind. Fragwürdig aus christlicher Sicht ist natürlich, dass in dieser Geschichte die Beziehung mit Hilfe von Geld aufgebaut wird und dass man auf den ersten Blick denken könnte, Bestechung, Betrug oder das Erkaufen von Freundschaft sind okay, wenn sie der Beziehungspflege dienen. Leider läuft ja die Auftragsvergabe bei großen Projekten und das herbeiführen von Entscheidungen in der Politik mancher Länder genau so ab. Aber hier gilt der Zwischenruf Jesu: in meiner Nachfolge seid ihr die Menschen des Lichts – für mich heißt das: für euch, für uns darf es eben nicht um Betrug gehen. Aber es muss darum gehen, Geld richtig einzusetzen: Nämlich zur Entlastung von Armen. Die Schulden, von denen hier die Rede ist, sind, in heutige Kaufkraft umgerechnet, so hoch, dass ein einfacher Arbeiter zwei Leben bräuchte, um sie zurückzuzahlen. Vergöttert Geld nicht, sondern nutzt es, um ein Stück Gerechtigkeit zu verwirklichen und Menschen von drückenden Lasten zu befreien. Geld ist kein Wert an sich, dem zu dienen wäre. Für mich auch eine Spur aus diesem Gleichnis.

Und die dritte Spur: Völlig überraschend lobt der Herr, für mich und andere Ausleger ist das der Grundherr, der Arbeitgeber des Verwalters, diesen für sein kluges Han-deln. Auch er durchbricht die Logik von dem, was man erwartet. Für mich wird hier ein kleines Stück weit auch deutlich, um was es in der Beziehung zu Gott, die durch Jesus eine neue Basis bekommen hat, auch geht: es geht um Vergebung, die die Logik des Bezahlenmüssens au-ßer Kraft setzt. Immer wieder sehen Menschen bis heute in Gott den Oberrichter, der Vergehen gegen gute Taten aufrechnet und dann die Menschen entweder ewig be-lohnt oder ewig bestraft. Martin Luther, auf den wir evangelischen Christen uns ja auch berufen, hat aber schon vor langer Zeit klar erkannt, dass es Jesus um was anderes geht. Keiner wäre in der Lage, seine Schuld bei Gott wirklich zu bezahlen. Immer wieder machen wir Fehler. Gott rechnet nicht auf – sondern er schafft durch Vergebung Luft zum leben. Nicht, indem er sagt: das ist egal, sondern indem er sagt: du hast zwar Schuld auf dich geladen, aber nutze die Befreiung, um neu anzufan-gen. Schuld bleibt – auch in dem Gleichnis, aber mit ihr kann gelebt werden und der Neuanfang starten. Nicht die Schuld, nicht das Geld, nicht das Aufrechnen steht im Mittelpunkt, sondern die hilfreiche Beziehung.

Meine drei Spuren. vielleicht findet ihr, finden sie ande-re. Ich weiß nicht, ob eine davon richtig ist oder ob ich heute nur Unsinn erzählt habe. Ich weiß aber, dass Gott uns durch Jesus nicht in einen geistigen Tiefschlaf ver-setzt, sondern dass er uns zum Denken und Handeln, vielleicht auch mal zum Widerspruch provoziert. Ich bin froh, dass ich Gott vertrauen darf, der mich als lebendi-gen Menschen will, der größer ist als meine kleine Denkwelt.

Amen.

Sabtu, 5 November 2011

Dämonen raus - Drittletzter Sonntag des Kirchenjahres, 6.11.2011, Reihe III

Text: Lukas 11,13-24 (Übersetzung: Basisbibel)

Liebe Gemeinde!


Wer hat eigentlich verstanden, was ich da gerade vorgelesen habe? Ich meine jetzt nicht nur die einzelnen Wörter und nicht nur die Frage, ob ich laut und deutlich genug gesprochen habe. Ich meine eher den Sinn, den Inhalt. Ich habe die Bibelstelle in den letzten Tagen oft gelesen. Laut und leise, aber es ist mir nicht leicht gefallen, das, was da steht, wirklich zu verstehen. Dämonen und Beelzebul, der Oberste der Dämonen, ein bewaffneter Starker und ein Stummer, der von einem Dämon besessen ist, der ausgetrieben wird – für mich passt das nicht richtig in meine Welt, in mein Leben im Jahr 2011. Für mich passt das in eine Zeit vor vielen hundert Jahren, in der die Medizin und die Wissenschaft ihre Erklärungslücken, die unglaublich groß waren, mit Geisterwesen gefüllt haben. Aber heute ist die Welt doch anders. Dämonen, Satan, Beelzebul, Krankheit als Besessenheit – das ist 2011 nicht zu verstehen. Das ist nicht normal.

Und dann kam mir der Gedanke, dass vielleicht gerade dieses Nichtverstehen, dieses Unnormale der Schlüssel dazu ist, das, was Jesus hier auch für heute noch sagen will, besser zu verstehen. Schon wieder so ein verrückter und unverständlicher Satz vom Pfarrer. Leben ist oft ganz schön normal. Gott sei Dank. Da passiert nicht immer viel Aufregendes, da ist, Gott sei Dank, nicht immer gleich eine schlimme Krankheit am Start. Aber trotz allem wissenschaftlichen Fortschritt, gerade in der Medizin, trotz allem, was wir mit Hilfe der Wissenschaft erklären können, gibt es im Leben immer etwas, das unbeherrschbar und unverfügbar ist. Es gibt Angst, die auch alle menschliche Kunst, die alles menschliche Handeln nicht besiegen kann. Es gibt Böses, Schlimmes, das sich nicht einfach weg reden, leugnen lässt. Böses, Schlimmes, wo unsere Vernunft und Normalität und Kunst an ein Ende kommen. Zwei, drei alltägliche Beispiele.

Die Wissenschaft kann erklären, was eine Krankheit mit dem Körper macht, oft genug auch, wo sie herkommt. Und viele Krankheiten können geheilt werden. Aber oft genug können wir gar nicht anders, als von Krankheiten als „Schicksalsschlag“, als „Prüfung“, als „Katastrophe“ zu reden. Weil Normalität durchbrochen wird, weil Angst da ist, weil wir eben merken, dass wir nicht alles im Griff haben.

Wir wissen, wie sich Alkoholismus auf die Familie aus-wirkt, wir haben oft genug mehr als nur eine Ahnung davon, warum ein Mensch gewalttätig oder kriminell wird. Aber wir haben Angst davor, solchen Menschen zu begegnen oder selbst so zu sein oder zu werden. Und wir wissen ganz genau, dass auch alle menschliche Kunst und Redegewandtheit einen Alkoholiker nicht von der Flasche bringt und dass alles Wegsperren und psychologische Betreuen aus einem Gewalttäter oder Straftäter nicht unbedingt einen Menschen macht, der für andere keine Bedrohung mehr ist.

Dämon, Satan, Beelzebul, diese persönlichen Benennun-gen sind ein Versuch, dieses Böse, was da ist, durch Namensgebung ein Stück weit in seiner Macht zu be-schränken, weil ich ja einen Namen dafür habe und es nicht so ganz unbekannt ist. Im Jahr 2011 finde ich die Vorstellung einer personalisierten, gegengöttlichen, bö-sen Geisterwelt nicht mehr hilfreich. Gott sei Dank ha-ben wir zum Beispiel gelernt, in Menschen, die stumm sind, nicht mehr böse Geister am Werk zu sehen.

Was aber, trotz aller Entgeisterung der Welt, geblieben ist, ist die Angst vor dem, was Menschen nie in den Griff kriegen können. Das Böse, das den normalen, glatten Alltag durchbricht und schwer macht. Mir hilft es, hier eben nicht persönliche Wesen am Werk zu sehen,
sondern Ängste, Verstrickungen, Machtlosigkeit, aus der wir als Menschen uns nicht selbst befreien können.

Und da setzt Jesus an. Das, was er tut, befreit die Men-schen. Er befreit den Stummen aus seiner Isolation. Vielleicht auch aus der Angst, was falsch gemacht zu haben und bestraft worden zu sein und aus der Angst, von anderen ausgenutzt zu werden, weil er sich nicht mitteilen kann. Jesus befreit, die Mächte, die Verstrickungen, die Leben schwer machen, haben plötzlich keine Macht mehr.

Aber die Menschen um ihn herum können oder wollen diese Befreiung nicht sehen. Die einen sagen: „Der ist doch in dem System von Angst und Bösem geblieben. Er treibt das Böse durch noch Böseres aus!“ Die anderen sehen in ihm nur eine Art Superzauberer. Denen reicht nicht, dass ein Stummer frei wird, um zu reden und frei Kontakte knüpfen zu können, die wollen Sensationen, „Zeichen vom Himmel“ – am besten sollen Sonne und Mond still stehen!

In der Diskussion beziehungsweise in dem, was als Ant-wort von Jesus bei Lukas überliefert ist, und was mich und vielleicht auch einige hier im Gottesdienst beim Zuhören beziehungsweise Lesen total schwindlig gemacht hat, macht Jesus klar, dass diese Sicht totaler Unsinn ist. Wenn die Macht der Angst, die Macht des Bösen gebrochen werden soll, dann geht das nur durch das Gegenteil davon. Solange ein System von Angst, Bösem und Unterdrückung sich immer wieder selbst stabilisieren kann, wird es immer stärker. Trauriges Beispiel: Kinder, die regelmäßig geschlagen werden und in Angst davor leben, sich anderen zu öffnen, die vielleicht helfen können, werden sehr viel öfter gewalttätig als andere. Vergewaltiger und vor allem Männer, die Kinder missbrauchen, haben sehr häufig genau das früher auch bei sich selbst als Opfer erlebt.

Die Macht der Angst, Böses kann nur durch die Liebe selbst besiegt werden. Dort, wo Menschen Befreiung von Angst erleben, von mit Worten und mit der Vernunft kaum oder gar nicht zu beschreibenden schlimmen Erfahrungen, wo Menschen vom Bösen befreit werden, da ist das, was die Bibel überhaupt und Jesus hier bei Lukas „Reich Gottes“ nennt, schon da. „Wenn mir der Finger Gottes hilft, Dämonen auszutreiben, dann ist das Reich Gottes schon zu euch gekommen!“ So sagt er es hier. Wie gesagt, Dämonen muss man nicht als personalisierte Geister verstehen, sondern als Macht der Angst, als unverfügbar Schlimmes und Böses, als Verstrickung in Kräfte, die dem Leben schaden.

Das ist eben nicht nur was, was vor langer Zeit funktio-nierte, als Jesus in dieser Welt sichtbar war. Noch mal zu den Beispielen Alkohol oder Gewalt, Straftat und Ge-fängnis: Medizinische und psychologische Behandlung ist für einen Alkoholiker wirklich notwendig. Aber wenn er nicht wirklich Liebe erfährt, wenn er nicht für sich annehmen kann, dass er der Liebe auch wert ist und dass Vergebung möglich ist, wird er ziemlich wahrscheinlich immer wieder rückfällig werden.

Und ein Gefängnisaufenthalt allein oder harte Arbeit im Knast ändert auch erst mal keinen Menschen. Die Befreiung von der Vorstellung, nur durch Gewalt oder durch das Ausnutzen von anderen was wert zu sein und was zu gelten, die Befreiung zu Liebe muss dazu kommen.

Und diese Befreiung schenkt Jesus. Die Begegnung mit ihm ist etwas, das frei macht. Frei von der Angst. Deshalb ist es auch wichtig, wenn man an Gott glaubt, wenn man anderen vom Glauben erzählen will, dass man nicht neue Ängste schürt oder Menschen unfrei lässt, indem man ihnen Angst vor Dämonen einredet. Die Begegnung mit Jesus, der Glauben an Gott befreit. Das ist die große Botschaft dieser schweren Geschichte. Der Schlusssatz „Wer nicht für mich, ist gegen mich und nicht mit mir sammelt, treibt auseinander“, hört sich erst mal sehr hart und wenig befreiend an. Weil er so fordernd daher kommt. Aber er fasst doch genau diese Befreiung zusammen. Wer nicht für mich, Jesus, ist -Wer die Befreiung verleugnet, wer andere in Ängsten halten will, wer glaubt, nur im System des Bösen das Böse in Schach halten zu können – der ist gegen mich: der wird die Liebe nicht annehmen können, der wird die Freiheit nicht entdecken und der wird anderen Freiheit nicht gewähren können. Es geht um die Freiheit zum Le-ben, es geht um die Liebe, die die Macht der Angst bricht. Gebe Gott, dass wir diese Freiheit, sein Reich, schon jetzt und hier bei uns spüren und dass unsere Angst und unsere Verstrickung in Verhältnisse, die dem Leben nicht dienen, gelöst wird.

Amen.

Zwischen kuntergrau und dunkelbunt im Nebel

Sonntagsgedanken in der Oberhessischen Presse, die Anregung zu dem "Farbwortspiel" verdanke ich dem Song "XOXO" von Casper

Verwirrung, nichts als Verwirrung, scheint die Welt ergriffen zu haben. Keiner weiß mehr Bescheid. Rezepte für ein gutes Leben, Rezepte für den Erfolg von Menschen, Wirtschaft, Staaten und Staatengemeinschaften, die gestern noch richtig waren, scheinen heute falsch zu sein. Oder doch nicht? Wirtschaftsexperten, Bildungsexperten, Terrorismusexperten, Experten für gelingende Lebensführung erklären uns die Welt. Und am Ende scheint mir oft nur noch Bertold Brecht zu bleiben: „Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen/ Den Vorhang zu und alle Fragen offen.“ Es gibt anscheinend keine klaren Linien, kein klaren Farben, keine klaren Richtungen mehr. Kuntergrau und dunkelbunt, ein Mischmasch, der alles zu vereinen und verschlingen scheint, der nichts mehr klar erkennbar macht.


Vielleicht sind auch diese Worte, vielleicht ist auch diese Zustandsbeschreibung Teil einer Herbstdepression. Der Mangel an Licht, an Aufklärung, die Zunahme an Nebel und Dunkel führt Menschen in Stimmungen, die sich oft genug von allein nicht aufhellen lassen. Die Volkskrankheit Depression und das Burn-Out-Syndrom sind, Zufall oder nicht, gerade in diesem so verwirrenden Jahr verstärkt ins Blickfeld gerückt. Junge Fußballspieler, gute Lehrerinnen, nach außen erfolgreiche Manager – keiner ist mehr sicher davor. Auswege? Da gibt’s wieder gut gemeinte und gut gemachte Ratgeber und Ratschläger – aber was hilft’s?!

Mir drängt sich in diesen Tagen noch einmal eine Aussage von Jesus ins Bewusstsein. In der Auseinandersetzung mit seinen Kritikern wird ihm im Johannesevangelium die Aussage „Ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen“ zugeschrieben. Wahrheit und Freiheit gehören für Christen unmittelbar zusammen. Und Wahrheit gibt es nicht ohne die schmerzhafte Erkenntnis von
eigener Schuld und Versagen. Dort, wo Verhältnisse schöngeredet werden, wird keine Freiheit sein. Dort, wo Wahrheit verschwiegen wird und dort, wo sich die Durchsetzung eigener Interessen durch Verdrehung, Verschweigen oder Zurechtbiegen von Wahrheit in den Vordergrund stellt, kann Freiheit nicht Raum greifen. Aufklärung tut not – und zur Aufklärung gehört auch die Erkenntnis, dass es keine ungebundene Freiheit gibt. Freiheit braucht die Bindung an den Grund unseres Seins. An Gott, der sich in Jesus offenbart. Freiheit braucht Bindung – nur ein scheinbarer Widerspruch. Freiheit ohne Bindung an den Grund des Seins ist in der Gefahr, sich aufzulösen. In Beliebigkeit, in Egoismus, in die Freiheit des Stärkeren, auf Kosten der Schwächeren zu leben. Die Wahrheit zeigt, dass Freiheit dort entsteht, wo Menschen erkennen und zugeben können, dass sie nicht allmächtig sind, dass die Sehnsucht nach einer Selbsterlösung in einem Selbstbetrug endet. Die Farben des Lebens werden nicht mehr klar und deutlich zu erkennen sein, sondern durch einen Nebelschleier scheinen sie dann nur noch kuntergrau und dunkelbunt – verwirrt und verwirrend.

In dieser Zeit voller Enttäuschungen und Ratlosigkeit, in Zeiten der Krise – persönlicher Krisen ebenso wie politischer Krisen und Vertrauenskrisen – sind wir auf Wahrheit angewiesen. Und auf die Kraft, auch unbequeme Wahrheiten annehmen zu können. Eine unbequeme Wahrheit ist die, dass Jesus uns keine unmittelbare Antwort auf die Frage nach der Lösung von Euro- und anderen politischen und wirtschaftlichen Krisen schenkt. Der Glauben, die Bibel legt Spuren auf der Suche nach der Wahrheit. Eine Spur ist die, dass wir Menschen uns in Schuld verstricken, dass unser Streben nach Reichtum und Gewinnmaximierung nicht in die Freiheit, sondern in ungute Abhängigkeiten führt. Vertrauen und Gerechtigkeit sind Kategorien, die über Gewinn und Erfolg stehen. Licht sehen, Farben sehen – und das in allem Nebel, damit die Welt nicht nur kuntergrau und dunkelbunt scheint, dazu sind wir eingeladen.