Sabtu, 16 Februari 2013

Da sitzt er in der Ecke und weint, der Versager - Invokavit, 20.02.13, Reihe V

Text: Lukas 22,31-34
Liebe Gemeinde!
Da sitzt er in der Ecke, der Mann. Ganz hinten, da, wo es richtig dunkel ist. Ganz allein. Hofft er wenigstens. Es soll ja nicht jeder sehen, wie er weint. Männer weinen nicht! Vor allem er nicht. Er ist es doch, der der Größte war. Er war näher dran als die anderen. Er fühlte sich stark. Ja, er war sogar bereit, zu sterben. Für die Wahrheit. Er war ein Mann, der es drauf hatte. Zu dem die anderen aufsahen. Mit viel Respekt. Die allermeisten jedenfalls. Und ein paar vielleicht auch mit ein wenig Neid. Aber: muss man sich nicht Neid erarbeiten? Auf jeden Fall fühlte es sich gut an, so nah dran zu sein. Am Zentrum. Und jetzt sitzt er in der Ecke. Und weint. Und denkt nach. „Ich bin’s eigentlich nicht mehr wert, weiterzuleben!“ Nicht zum ersten Mal in dieser Nacht geht ihm dieser Gedanke durch den Kopf. „Vielleicht wäre es besser, ich würde mir einen Strick nehmen. Wie der andere, der Verräter. Ich bin auch nicht besser.“ So denkt er. „Ich hatte so eine große Klappe. Und als es drauf ankam, da habe ich genkniffen. Aus Angst. Ich Feigling.“ So denkt er, wieder und wieder. Die anderen werden jeden Respekt vor ihm verloren haben. Und die, die sowieso schon ein bisschen neidisch waren, die werden ihn das spüren lassen. Das Versagen. Du Möchtegern. Du Besserwisser. Er hört schon ihre hämischen Kommentare in seinen Gedanken. Kann er überhaupt zurückgehen, bei ihnen bleiben? Sie waren doch seine Heimat. Er weint. Immer noch. Immer wieder. „Wäre es nicht doch besser, alles hinzuwerfen?“ So denkt er, wieder und wieder. Er ekelt sich vor sich selber. Schwächling. Feigling. Verräter. Immer schneller dreht sich alles in seinem Kopf um diese Worte. Und dann kommen ihm andere Worte in den Sinn. Seine Worte. wie war das nochmal? Hat er es nicht vorhergesehen? Was hat er nochmal gesagt? Immer deutlich sind sie in seinem Kopf. die Worte. Seine Worte:
Lesen: Lk 22,31-34
Ja, Petrus war nicht der starke Glaubensheld, für den er sich selbst gehalten hatte. Ja, Petrus hat in einem ganz wichtigen Moment versagt. „Jesus? Den kenne ich nicht, mit dem hatte ich noch nie was zu tun“ – aus Angst um sein eigenes Leben verrät er die Freundschaft mit Jesus, verrät er seinen eigenen Glauben. Ob Petrus sich so geschämt hat, dass er an Selbstmord dachte, das weiß ich natürlich nicht. Aber es ist nicht leicht, die Wahrheit über sich auszuhalten, wenn sie so hart zeigt: „Du bist ganz anders, als du es dachtest. Nicht so toll, wie du dachtest, nicht so stark. Sondern eigentlich en Schwächling und Feigling, der mit dem Mund schneller ist als mit dem Herzen.“ Faszinierend finde, wie Lukas davon erzählt, dass Jesus mit diesem Versagen nicht nur irgendwie rechnet, sondern wie er mit diesem Freundschaftsverrat umgeht. Jesus hätte ja auch sagen können: „Du wirst versagen, unsere Freundschaft verraten. Deshalb stell du dich schön hinten an und wenn es dann weitergeht mit dem glauben, dann darfst du zwar dabei sein, aber ganz hinten bitte schön. Da musst du dann erstmal beweisen, dass du dazugehörst, obwohl ich mich nicht auf dich verlassen kann.“ Wäre normal gewesen, so zu reagieren. Macht Jesus aber nicht. Er sagt, ich gebe das jetzt mal mit meinen Worten wieder: „Wenn du da durch bist,
 wenn du dich bekehrt hast, wenn du von deinem Versagen und dem Schrecken darüber und deiner Scham umgekehrt bist, dann bist du es, der die anderen im Glauben stark machen soll!“ Und er sagt auch, wieder mit meinen Worten: „Es ist der Satan, der euch sieben will, euch prüfen will, mal schauen will, was hängen bleibt.“ Der Satan, das ist nicht das böse außerirdische Wesen mit Hörnern, Pferdefuß, Drachenschwanz und stinkendem Atem, der sich eine Art Ringkampf mit Gott um die Seelen der Menschen liefert. Fast immer, wenn die Bibel vom Satan erzählt, ist er so eine Art dunkler Staatsanwalt, dunkler Ankläger, der die Liebe, den Glauben, die Fähigkeit, auf der guten Seite zu stehen, auf die Probe stellt. Die Versuchung, das Gute aufzugeben, weil das, was zum Bösen, zum Tod führt, manchmal leichter ist. Jugendliche, die die falsche Wohnadresse haben, die auf die falsche Schule gegangen sind oder in einer Familie groß werden, in der Bildung keine Rolle spielt, haben einfach sehr viel weniger Aussichten, eine gutbezahlte Arbeit zu finden. Ich kann verstehen, dass die Versuchung da ist, sich durch das Verticken von Drogen, durch kleine Diebstähle und Betrügereien, manchmal vielleicht auch ein bisschen Gewalt den Lebensstil zu ermöglichen, von dem viele sagen, dass er cool ist: dickes Auto, coole Klamotten, das, was man so gemeinhin „Respekt“ nennt. Es ist manchmal schwerer, sauber zu bleiben, weil viele Erwachsene einem ja vorleben, dass der Ehrliche am Ende der Dumme ist. Auch so eine Versuchung, manchmal vielleicht auch von dem, was die Bibel Satan nennt. Oder vielleicht passiert einem gerade etwas ganz Schlimmes im Leben. Böse Krankheit. Ein ganz lieber Mensch stirbt. Eine ganz wichtige Beziehung geht kaputt. Da liegt es nahe, zu denken, vielleicht auch zu sagen: „Ist doch Quatsch, dass es Gott gibt. Liebe? Die kann mich mal!“ Das coole – mir fällt wirklich im Moment kein besseres Wort ein, auch, wenn es sich albern anhört, das coole an dem, was Jesus zu Petrus sagt, ist ja, dass er nicht sagt: „Du bist für mich gestorben, wenn du dich falsch entscheidest“, sondern: „Du kannst umkehren, dich neu bekehren – und dann hast du eine unglaublich wichtige Aufgabe, nämlich die anderen großen und kleinen Versager im Glauben zu stärken.“ Das, was Jesus Petrus zutraut, heißt für mich: Gott ist da, wo die Glaubensversager, wo WIR Glaubensversager vor dem eigenen Versagen nicht weglaufen, sondern wo gerade da, wo der Tiefpunkt ist, die Chance und das Angebot zur Umkehr genutzt wird. Die frohe Botschaft von Jesus ist nicht: „Du kannst und musst perfekt glauben und immer stark sein“ – die frohe Botschaft ist: „da, wo du schwach bist, will ich dir helfen, zu dir zu stehen und umzukehren. Stark wirst du, wenn du deine Schwäche nicht unter den Teppich kehrst, sondern ehrlich bist.“ Manchmal werden einem ja scheinbar perfekte Vorbilder im Glauben hingehalten. Zum Beispiel Bonhoeffer oder Maximilian Kolbe, die der Menschenverachtung der Nazis aus ihrem Glauben heraus widerstanden haben und die dafür sogar umgebracht wurden oder für uns namenlose Christen im Irak, die vor der Verfolgung nicht fliehen, sondern die vor Ort bleiben und Zeichen des Glauben setzen. Die unglaublich stark zu sein scheinen. Aber solchen Vorbilder lassen einen selbst manchmal noch kleiner, noch schwächer werden und mir raubt das manchmal den Mut, weil ich mich so gut kenne, dass ich weiß: „Das würde ich so wahrscheinlich nicht können“. Jesus gibt aber gerade dem Versager Petrus den Auftrag, die anderen im Glauben zu stärken. Weil er weiß, wie es sich anfühlt, auch im Glauben ganz unten und schwach zu sein. Weil er aus eigener Erfahrung sagen kann, was es bedeutet,  Schuld zu erkennen und die Chance zu erhalten, umzukehren. Weil er glaubwürdig dafür stehen kann, dass Jesus wirklich für Vergebung, für Neuanfang steht und nicht dafür, dass alle Superhelden werden müssen. Echte Helden laufen vor ihren Schwächen nicht weg. Vielleicht auch so eine Botschaft dieses Gesprächs zwischen Jesus und Petrus.
Für mich zeigt dieses Gespräch aber noch viel mehr Wahrheit über unser Leben. Liebe und oder Freundschaft gehen gar nicht immer an Untreue kaputt. Das sagt man zwar oft und manchmal ist das auch so. Untreue, und was Petrus machen wird ist ja eine Art von Untreue, macht es sicher schwer, Liebe und Freundschaft aufrecht zu erhalten. Aber der allergrößte Beziehungskiller ist die Gleichgültigkeit, ist das Desinteresse. Am Dienstag hat mir eine Konfirmandin davon erzählt, wie sie auch auf eine Freundin, die ihr was blödes angetan hat, wieder zugegangen ist, weil sie nicht wollte, dass die Freundschaft kaputt geht. Die war ihr eben nicht gleichgültig. Und in einer ehe oder einer anderen Beziehung kann, nicht muss, das ja auch so sein. Und bei Jesus ist das auch so. Er geht nach, er sucht den Kontakt, er bietet die Liebe, die Vergebung an. Bekehrung, Umkehr, das heißt: Dieses Freundschaftsangebot, dieses Angebot, geliebt zu werden, dieses Vergebungsangebot anzunehmen. Nicht der Fehler macht die Liebe kaputt, sondern dass Desinteresse. „ist mir egal, hat doch eh keinen Sinn, der andere, die Liebe, der Glauben, das bedeutet mir nichts mehr“. Das ist das Ende. Und manchmal ist beim Ende einer Beziehung gar nicht mal Untreue, Verrat, Versagen im Spiel, sondern nur noch die Gleichgültigkeit.
Da sitzt er nun in der Ecke. Und weint. Der, von dem alle andere immer dachten, wie toll er ist und wie stark, der weint. Und schämt sich. Und hat Angst. Und weiß nicht mehr weiter. Da sitzt er nun. Und kann sich selbst nicht mehr ausstehen. Und dann weint er die 1000. Träne. Und noch eine. Und noch eine. Und da spürt er: Es ist mir nicht egal. Die Liebe ist mir nicht egal. Mein Versagen ist mir nicht egal. Und ich will kämpfen. Um die Liebe. Und ich will die Augen nicht vor mir zu machen. Und dann merkt er, ganz allmählich: Der Satan, vom dem ER geredet hat, hat nicht gewonnen. Er ist nicht durchs Sieb gefallen. die Liebe kriegt eine Chance, wieder zu wachsen. Und er steht auf. Und geht. Und geht ins Leben.
Amen.

Jumaat, 8 Februari 2013

Macht Liebe blind? - Estomihi, 10.02.13, Reihe VI


Liebe Gemeinde!
„Frau Schlüter, Yannick benimmt sich im Unterricht ganz seltsam. manchmal ist er wie wegtreten, manchmal schwätzt er unkontrolliert dazwischen. Die schriftlichen Leistungen sind total abgesackt. Haben sie bemerkt, dass er Drogen nimmt?“ Frau Schlüter will nicht glauben, was ihr da im Elterngespräch vorgehalten wird. „Das kann nicht sein, Yannick doch nicht! Die Oma, an der er sehr gehangen hat, ist vor einem Vierteljahr gestorben. Und vor ein paar Wochen hat seine erste Freundin mit ihm Schluss gemacht. Das gibt sich wieder!“ Erst als in einer Freitagnacht das Krankenhaus anrief und die Mischung aus Alkohol, Kiffen und Tabletten doch zu viel war, hat sie langsam gesehen was los war.
„Ist zwischen dir und Bernd alles in Ordnung? Du wirkst so unglücklich und in der Firma erzählt man sich schon lange, das Bernd was mit der Sekretärin vom Müller haben soll!“ Martina macht sich viele Sorgen um die ehe ihrer Freundin. Aber die sagt nur: „Ach, wir haben nur ein bisschen Stress. Jessica hat’s in der Schule schwer, Mutter wird langsam dement, und das färbt ein bisschen ab. Aber Bernd und eine andere? Nein. Dazu leiben wir uns zu sehr.“  Erst als sie nach Hause kommt und tatsächlich Herrn Müllers Sekretärin im Bett liegt, muss sie die Wahrheit sehen.
„Ach, Kind, es geht mit mir zu Ende! Ich habe keinen Appetit mehr, ich will endlich wieder bei deinem Vater sein. Alles tut so weh! Seit Monaten komm ich nicht mehr aus dem Bett raus. Mit meinen 82 Jahren will ich endlich sterben.“ „Ach Mutter, das sagst du immer. Du wirst noch hundert!“ Und schon ist Frau Meier aus dem Schlafzimmer der Mutter raus, nachdem sie sie gefüttert hat. Ja, sie ist krank, die Mutter. Aber übers Sterben reden. Nein, das soll nicht sein. Das hat noch Zeit.
Manchmal werden gerade dann, wenn es um einen ganz wichtigen, geliebten Menschen geht, die Augen zugemacht. Unangenehme Wahrheiten werden verdrängt. Was nicht sein soll, das darf auch nicht sein. Krankheit, Tod, Drogen, Negatives überhaupt, nein, das alles soll das schöne Bild der Liebe, der guten Welt nicht stören.
Sicher ist das, was hier im Lukasevangelium von den Jüngern von Jesus erzählt wird, etwas anders. Aber sie verstehen auch nicht, dass Jesus von seinem bevorstehenden Tod und der Auferstehung erzählt. Tod und Leid – kann das denn sein bei dem Menschen, der ihr Leben so sehr geprägt hat? Darf das denn sein, bei dem Menschen, der ihnen so viel Gutes über Gott und ihr Leben gesagt hat, dem sie so sehr vertrauen? Nein, das kann, darf, soll nicht sein! Es wird doch so weitergehen – mit den guten Worten und Taten, mit den Heilungen und der Gemeinschaft, oder?
Manchmal wird die Geschichte von den Jüngern, die die Ohren und Augen vor der Leidenserzählung von Jesus zu machen und dem Blinden, der trotz seiner Blindheit in Jesus den verheißenen Messias sieht und der wegen seines Vertrauens wunderbar geheilt und sehend wird, so erzählt, als wären die Jünger die Bösen oder zumindest die Deppen. Hier sind die, die es eigentlich wissen müssten, die schon lange mit Jesus unterwegs sind, die glauben, ihn zu kennen – und die kriegen das Entscheidende nicht mit. Und dort ist der gute Behinderte,
der Blinde, der trotz seiner Blindheit angeblich mehr sieht und Heilung erfährt, der bekennt, obwohl er Jesus noch nicht kennt. Die Jünger als die eigentlich Blinden.
Mir fällt es schwer, die beiden Gruppen oder Personen so zu bestimmen. Hier die nicht so guten Ignoranten – dort der Gute, der trotz seiner Einschränkungen das richtige sieht und ausspricht. Vielleicht hält die Jünger ja der Schmerz über das Gesagte, die Traurigkeit über den bevorstehenden Abschied, die dunkle Seite der Liebe davon ab, der Wahrheit ins Gesicht sehen zu können. Zu viel eigenes Leben steht für sie auf dem Spiel. Ja, und wir dürfen uns noch heute mit dem Blinden freuen. Oft sind die, denen man es nicht zutraut die, die gute Wahrheit aussprechen. Und Jesus geht nicht an Leid und Not vorbei, nicht an denen, die am Rand Leben. Die Begegnung mit ihm lässt Leben heil werden. manchmal spürbar körperlich, wie hier in dieser Geschichte. ein andermal so, dass seelische Wunden verheilen und das dritte Mal so, dass ich spüre: Ich kann wieder lieben und ich bin geborgen. Es gibt viele Arten, wie Leben heil werden kann – und hier sehen wir eine davon.
wichtig ist, dass beides seinen Platz in der Gemeinschaft mit Jesus hat und haben darf. Damals in der direkten Gemeinschaft, als Jesus durch Israel gezogen hat um seinen Weg der Liebe durch den Tod und seinen Sieg über den Tod zu vollenden – und heute in der Gemeinschaft der Menschen, die sich auf Jesus berufen. Auch in unserer Gemeinde.
Manchmal stehen die eigenen Hoffnungen, die Liebe, die Trauer im Weg und selbst noch so fromme Christen, selbst Menschen mit einer ganz engen Bindung an Gott sind wie mit Blindheit geschlagen und wissen nicht, was Jesus eigentlich sagen will. Und trotzdem verlieren sie durch diese Unfähigkeit ihren Platz nicht. die Jünger behalten die besondere Nähe zu Jesus. Schon vor dieser Geschichte waren sie nicht die strahlenden Glaubenshelden. Ein paar von ihnen wollten zum Beispiel die Kinder, die Jesus segnete, einfach wegschicken. Einige schlafen ein, als Jesus ihre Nähe kurz vor seiner Verhaftung eigentlich brauchte. Und Petrus bestreitet später sogar, Jesus zu kennen, als er Angst um sein Leben hat. Und trotzdem macht Jesus deutlich, dass er genau auf diesen Haufen von Menschen, die auch ihre Schwächen im Glauben haben, die nicht perfekt sind, die nicht alles erkennen, seine Kirche, seine Gemeinde aufbauen will. Sie sind was wert. Wir sind was wert. Auch dann, wenn wir eben wie blind im Glauben sind, wenn wir vor lauter Liebe vielleicht die Augen vor der Wahrheit zu machen, wenn wir das, was anderen, die vielleicht noch nie was von Jesus gesehen und gehört haben, einfach so wichtige Dinge bekennen können. In der Nachfolge Jesu gibt es Beides: Das spontane Bekenntnis, die erfahrene Heilung, den riesigen Lobpreis der einfach raus muss – und die Zeiten, in denen man glaubt, nichts richtig zu erkennen. Gerade in dieser Geschichte zeigen mir die Jünger, dass es keinen perfekten Glauben, keine perfekte Liebe gibt – und dass die Liebe auch nicht bequem ist, sondern dass ich gerade dann, wenn ich liebe, unbequeme Wahrheiten ganz besonders heftig spüre und vielleicht sogar auch manchmal vor lauter Schmerz verdränge. Aber die Jünger zeigen mir auch: Ich muss nicht perfekt sein, damit ich geliebt werde und dazu gehöre. Ich muss nicht das spontane Superbekenntnis aufsagen oder die spektakuläre Heilung erfahren haben, damit mein Glauben vor Gott gilt. Beides kann sein, aber Gott hat für jeden SEINEN Weg. Und so, in der Verschiedenheit gehören wir zusammen. Was sich für mich auch in dem gemeinsamen Jubel und Lob ausdrückt, von dem das Evangelium berichtet.
Aber was bedeutet das dann, wenn ich den Tod auf mich zukommen sehe und niemanden finde, der mit mir darüber reden will? Wenn ich mich schlecht fühle, weil andere mich nicht akzeptieren und ich mich deshalb vielleicht in Drogen flüchte? Was bedeutet das, wenn meine Beziehung kaputt geht? Wenn ich merke, dass ich mich auf mein Kind, meinen Partner, meine Eltern nicht so verlassen kann, wie ich es eigentlich wollte? Was bedeutet es, wenn ich merke, dass auch nicht so bin, wie ich mich gern sehen würde oder wenn andere versuchen, mich fertig zu machen, weil ich nicht in ihre Schubladen passe?
Es KANN bedeuten, dass ich annehmen darf, dass Liebe da ist, auch wenn ich sie nicht sehe – und dass diese Liebe auch mir gilt. Es KANN bedeuten, dass ich nicht aufgebe, zu hoffen und zu glauben, auch dann, wenn sich Fragen und Zweifel türmen. Es KANN bedeuten, dass ich mich mitfreuen kann, wenn anderen was Gutes, auch etwas, was Heilung bedeutet, passiert – auch wenn ich mir das vielleicht für mich gewünscht hätte oder ich es nicht für mich erfahre. Es KANN bedeuten, dass mir vielleicht auch die Augen aufgehen für Menschen, mit denen ich nie gerechnet hätte, dass ich nicht nur von mir alles erwarte. Es KANN bedeuten, dass ich gern lebe und glaube, obwohl weder das Leben noch mein Glauben perfekt sind. Es KANN bedeuten, dass ich lieben kann, weil ich geliebt werde, auch da, wo es schwer ist. Es KANN bedeuten, dass das alles wahr ist oder wahr wird. Gebe Gott, dass das so sein möge.
Amen.

Rabu, 6 Februari 2013

Wo laufen wir denn? - Mit Gott unterwegs, Gebetswoche zur Einheit der Christen

Predigt gehalten im ökumenischen ACK-Gottesdienst in Marburg, St. Peter und Paul
Micha 6,6-8 und Lukas 24,13-35

Predigt Mi 6,6-8 / Lk 24,13-35
Liebe Gemeinde!
Wo laufen sie denn? Ja, wo laufen sie denn? Wo laufen wir denn? Ja, wo laufen wir denn? Beim Nachdenken über Kirche und Gemeinde, über Christsein und Ökumene kommen mir manchmal die beiden Herren an einer Pferderennbahn in den Sinn, die Loriot vor vielen Jahren bildlich zum Leben erweckt hat. Vor lauter Missverständnissen, Unkenntnis, Ignoranz, gepaart mit einem Schuss Besserwisserei, wird das Wesentliche verpasst und am Ende bleiben beide frustriert zurück, während sich das Publikum lachend an dem scheiternden Dialog ergötzt. Wo laufen wir denn? Immer im Kreis herum, wie auf einer Rennbahn, mit dem Ziel, am Ende den Großen Preis gegen die Konkurrenz zu gewinnen? Und wer wäre die Konkurrenz? Andere Religionen und Weltanschauungen oder doch die Brüder und Schwestern in anderen Kirchen und Gemeinschaften? Oder sind wir eher die beiden gesetzten Herren, deren Dialog völlig scheitert und die dadurch Wesentliches verpassen? Lacht dann wenigstens noch ein Publikum von draußen über uns oder hat sich dieses Publikum schon längst von uns verabschiedet, so wie Loriot und sein Humor heute für die unter 35-jährigen, vielleicht auch unter 40- oder 45-jährigen doch auch recht altbacken wirkt?
Die Fragen, ob wir laufen, wo wir laufen, wohin wir unterwegs sind und was dabei geschieht, sind für mich keine nebensächlichen Fragen. Eine Grundwahrheit des Glaubens, der uns verbindet, und zwar nicht nur Christen verschiedener Konfessionen, Kirchen, Gemeinden und Gemeinschaften, sondern auch Christen und Juden, eine Grundwahrheit dieses Glauben ist es, dass er in Bewegung bringt. Glauben an den EINEN Gott bewegt. Als Lesung aus dem ersten Testament haben wir Verse aus dem Buch Micha gehört, die weltweit das Motto der diesjährigen Gebetswoche für die Einheit der Christen bilden. Wie so oft ist diese biblische Lesung etwas beschnitten. Die Stoßrichtung des Prophetenwortes ist es nicht, den Menschen die Freude an schönen Glaubensfesten und gut gestalteten Ritualen nehmen zu wollen. Unmittelbar vor der Kritik erinnert der Prophet an die Befreiung aus der ägyptischen Sklaverei, an den Weg, den Gottes Volk in die Freiheit gegangen ist und daran, dass diese Freiheit immer gefährdet war und sie, mit Gottes Hilfe, immer wieder gesucht und erkämpft werden musste. Gott bringt in Bewegung – und deshalb kann eine rituelle Erstarrung nicht
die einzige angemessene Antwort auf dieses Befreiungshandeln Gottes sein. Nicht das Ritual, das Fest an sich ist schlecht, sondern die  Erstarrung, die sich selbst genügt und die die Bewegung und die Unfreiheit und Ungerechtigkeit im Umfeld ausblendet. Es ist gut, dass die weltweiten Vorbereiter dieses Gebetswochengottesdienstes, die Indische Christliche Studentenbewegung, durchaus selbstkritisch an diesen bewegenden Aspekt des Glaubens erinnern. Viele Christen in Indien gehören zu den Dalits, den sogenannten „Unberührbaren“, die außerhalb des Kastensystems stehen. Auch in den Kirchen sorgt das für Spannungen und auch in vielen christlichen Gemeinden wird die Not dieser Geschwister nur am Rande wahrgenommen, wird die gesellschaftliche Benachteiligung und Nichtbeachtung fortgesetzt. Wo laufen wir denn? Sind wir noch auf dem Weg mit Gott in unserer Gemeinde, in unserer Gemeinschaft? Es ist dir gesagt worden, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir erwartet: Nichts anderes als dies: Recht tun, Güte und Treue lieben, in Ehrfurcht den Weg gehen mit deinem Gott. Diese Wahrheit ist nicht nur eine zeitliche. Sie ist mehr als ein an das Volk Israel an der Schwelle vom 8. zum 7. vorchristlichen Jahrhundert ergangenes Wort. Diese Wahrheit ist, in Verbundenheit mit dem Volk Gottes, eine Wahrheit, die auch uns gilt. Weltweit. Wo Unterdrückung, Unfreiheit, Unrecht herrschen, wo, vielleicht sogar noch unter Inanspruchnahme des Namens Gottes, die angebliche Überlegenheit von Rassen, Klassen, Kasten, Berufen gepredigt und gelebt wird, da wird der Weg, den Gott mit uns geht und auf den uns der Prophet eindringlich einlädt, meilenweit verlassen. Die bequemste Lösung für uns wäre es, jetzt laut aufzuschreien, das indische Unrecht anzuprangern und von hier aus für die Rechte der Dalits einzutreten. Natürlich kann das wichtig und geboten sein. Und natürlich ist es wichtig, den Blick über den Marburger, über den deutschen, über den westlichen Tellerrand hinaus zu weiten. Aber manchmal dient dieser Blick als bequeme Ablenkung und Beruhigung, und er  hilft dabei, die Augen vor dem zu verschließen, was es in unserem Lebens- und Glaubenszusammenhang heißen kann, Recht zu tun, Güte und Treue zu lieben, in Ehrfurcht den Weg zu gehen mit unserem Gott. Wo verhelfen wir, die wir uns in der Nachfolge Jesu glauben, einander zu Recht? Wo lassen wir Güte walten? Wo ist in unserem Miteinander die Ehrfurcht nicht nur vor Gott, sondern auch vor dem Bruder und der Schwester  mit deren Anderssein zu entdecken? Wo sind wir bereit, Wege zu gehen und wo erstarrt im Blick auf unsere eigenen geleibten Formen und Rituale, wo gelähmt im Blick auf allzu Vertrautes? Wo werden wir unfähig, Wege zu gehen, weil wir uns in unseren eigenen Systemen nicht nur eingenistet, sondern manchmal auch eingemauert haben? Lähmt uns in allen innerkirchlichen System-, Spar-, Streich-, Prozessdiskussionen der Wille, Vertrautes verteidigen zu wollen oder zu müssen oder haben wir die Freiheit, mit Gott und Miteinander aufzubrechen? Diese Fragen stellen mir der prophetische Text und der selbstkritische Umgang der indischen Studierenden mit ihm. Fertige Antworten habe ich nicht. Ich glaube, dass sie sich auch nicht einfach und bequem aussprechen lassen, sondern dass sie auch nur im Beten, im Nach-Denken, im Gehen, in der Bewegung zu finden sind. Gottes Wort bewegt. Aber wenn wir uns nicht bewegen lassen, wenn wir uns der Erstarrung hingeben, dann wird unser Weg ins Nichts führen.
Dafür steht für mich auch das Evangelium. Wir haben gehört, wie zwei Jünger so dem Vergangenen verhaftet waren, dass sie den Auferstandenen, den Lebendigen, der ihren Weg mitging, nicht erkennen konnten. Erst im Nachhinein und erst in seinem Tun erkennen sie ihn  - und dieses Erkennen setzt eine neue Bewegung in Gang. Der lebendige Christus begegnet dort, wo Menschen unterwegs sind. Ein erster, mir wichtiger Gesichtspunkt der Geschichte. Er lässt sich nicht an Orte und Häuser binden. Römisch-katholischen, evangelischen und manchen Christen aus freien Kirchen und Gemeinden ist es wichtig, dass er in der Mahlfeier gegenwärtig ist – dort, wo ihn auch die beiden Jünger erkennen. Aber wenn diese Erzählung ernst gemeint ist, gilt auch hier: sobald wir glauben, ihn zu haben, zu kennen, identifizieren zu können, ist er schon wieder weg und nötigt zum Aufbruch in den Alltag. ein zweiter wichtiger Punkt aus diesem Evangelium. Gestärkt von der Feier der Gegenwart des Auferstandenen verwirklicht sich Glauben auf dem Weg im Leben – nämlich dort, wo Recht getan wird, Güte und Treue geliebt werden und in Ehrfurcht der Weg mit unserem Gott gegangen wird.
Wo laufen wir denn? Sind wir unsichtbar, weil wir uns schon längst hingesetzt haben und mit unserem Mit- und Nebeneinander es uns zufrieden bequem gemacht haben? Wo laufen wir denn? Haben wir noch ein Ziel? Rechnen wir noch mit überraschenden Begegnungen mit dem Auferstandenen, die Wirklichkeit verändern? Oder laufen wir nur im Kreis in der Hoffnung, irgendwann andere abzuhängen und für einen Moment als Sieger dazustehen – bevor der Kreisverkehr weitergeht, ohne dass wir wirklich von der Stelle kommen?
Unterwegs mit Gott – als Mensch mit Menschen, als Bruder und Schwester, mit offenen Ohren, Augen und Herzen. Über Grenzen hinweg. Mit überraschenden Einsichten und Ausblicken. Mit glühender Leidenschaft für die Freiheit der Kinder Gottes, für die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt,  für die Güte, mit der er uns liebt. Laufen wir so? Gott gebe es. Amen