Jumaat, 30 November 2012

Ein dickes Lob - für Gott, für Merkel, für den OB, für die Lehrerinnen und die Schüler! - 1. Advent, 02.12.12, Reihe V

Text: Lukas 1,67-79
Liebe Gemeinde!
Ich will heute zuallererst mal unsere Bundesregierung, die Landesregierung und den Oberbürgermeister und den Bürgermeister von Marburg loben. Ich finde es einfach toll, dass es Menschen gibt, die einen großen Teil ihres Privatlebens aufgeben. Die sich in die Öffentlichkeit stellen, weil eben Entscheidungen getroffen und durchgesetzt werden müssen. Die sich angreifbar machen, nicht nur für berechtigte Kritik, sondern auch für jede Menge üble Beschimpfungen und Beleidigungen. Die trotzdem nach bestem Wissen und Gewissen und nach Recht und Gesetz Arbeit machen, die, so vermute ich mal, keiner von uns hier im Gottesdienst machen will und die wenigsten, mich eingeschlossen, gut machen würden. Ein großes, dickes Lob. Ein Lob auch an die Lehrer, die mit einer oft unverständlichen Bürokratie kämpfen müssen, die täglich oft unmotivierten, frustrierten, manchmal respektlosen Schülerinnen und Schülern gegenüberstehen, die sich mit Eltern beschäftigen müssen, die grundsätzlich alles besser wissen oder die sich nicht um die Erziehung ihrer Kinder kümmern, und die sich trotzdem oft gut vorbereitet jeden Morgen aufmachen um jungen Menschen zu helfen, ihr Leben zu meistern. Ein großes, dickes Lob. Und ein genauso großes Lob auch an alle Schüler. An die Hauptschüler, denen oft nichts zugetraut wird, über die andere lästern. An die Gymnasiasten, die mit übervollen Stundenplänen zu kämpfen haben. An die Schüler der Mittelstufe, die manchmal nicht nur wegen der Pubertät total orientierungslos sind. An alle, die mit manchmal schon ziemlich ungerechten Noten oder Vorurteilen zu kämpfen haben und die sich trotzdem jeden Morgen aus dem Bett quälen, die trotz allem die Hoffnung nicht aufgegeben haben, dass im Schulbesuch doch ein tieferer Sinn steckt. Ein großes und ernstgemeintes Lob an sie, an euch alle.
Was soll das jetzt? Könnten vielleicht manche denken. Politiker treffen viele unsinnige Entscheidungen, manchmal nicht zum Wohl der Mehrheit, sondern zum eigenen Wohl oder zum Wohl guter Freunde. Lehrer haben lang Ferien und werden gut bezahlt. Und Schüler sollen doch mal sehen, dass es in anderen Ländern nicht selbstverständlich ist, kostenlos in relativ gute Schulen gehen zu dürfen. Da muss man doch nicht loben! Nicht geschimpft ist gelobt genug! Der Rest ist doch selbstverständlich!
Ja, so leben Menschen manchmal. Nicht geschimpft ist gelobt genug! Erwachsene – aber auch Jugendliche und Kinder. Ich wahrscheinlich auch. Schade eigentlich. Und egoistisch. Diese Haltung drückt nämlich einen ziemlich egoistischen Anspruch aus. Erstens: ich weiß, was richtig ist und wie die Dinge laufen. Zweitens: ich habe einen Anspruch, dass alles so läuft, wie ich es für richtig halte. Drittens: wenn etwas nicht so läuft, dann habe ich das Recht zu meckern, alles andere ist ja mein gutes Recht. Also: wann haben sie, wann hast du das letzte Mal gelobt? Vielleicht sogar Gott gelobt? Denn ich glaube, dass sich beim Glauben an Gott oft das fortsetzt, was im Alltag normal zu sein scheint. Da wird ganz viel Bitte gesagt: bitte lass doch die Englisch- oder Mathearbeit nicht so schwer werden,  lass doch die Krankheit nicht so schlimm sein, lass die Menschen nicht hungern, lass die Kriege aufhören und so weiter. Und manchmal auch Danke. Danke, dass die Arbeit gut lief, danke, dass ich eine Freundin gefunden habe, danke, dass die Diagnose beim Arzt nicht so schlimm war. So eine Art Geschäft: Du, Gott, hast dafür gesorgt, dass mir was Gutes passiert ist, also sag ich mal Danke, damit es das nächste Mal wieder klappt. Aber Lob? „Danke Gott, dass du da bist, dass du viel größer bist, als wir uns das vorstellen können, dass du uns kennst und liebst, auch wenn wir oft genug Unsinn machen!“ Mit dem Lob ist das eben auch hier so eine Sache. Da herrscht manchmal so eine Meinung vor: „Also, Gott hätte doch alles perfekt machen können. Wenn er das nicht gemacht hat, ist er doch selber Schuld!
Wieso soll ich ihn dann loben? Ist doch nur fair, dass er sich wenigstens ein bisschen um mich kümmert, schließlich habe ich es mir ja nicht ausgesucht, auf dieser Welt zu sein.“ Gott loben – das fällt oft genug ziemlich schwer. Da fällt manchem, wie gesagt, mir durchaus auch, schnell ein, was alles nicht in Ordnung ist. Der Hunger in der Welt und die ungerechten Lebensverhältnisse, die in Afrika, Asien und Südamerika oft noch sehr viel ungerechter als bei uns sind und an die wir am 1. Advent ja auch durch die Eröffnung von Brot für die Welt erinnert werden. Oder die Einsamkeit, in der viele leben müssen, oft genug durch den Tod eines geliebten Menschen. Und gerade das wird in der Adventszeit oft besonders deutlich spürbar. Oder es gehen einem die Menschen nicht aus dem Kopf, die Kinder misshandeln oder töten, in letzter Zeit, so scheint es mir, immer öfter die eigenen. Oder die Kriege in der ganzen Welt. Fast vergessen in Mali und im Kongo, ganz präsent in Afghanistan und ausgerechnet in der Weltgegend, in der Jesus gewirkt hat, die blutigen Auseinandersetzungen zwischen Palästina und dem Staat Israel. Gott loben – trotz Krieg, Leid, Tod, Hunger? Mehr Bitten und Klagen, Lob wäre doch unehrlich, da kann man doch froh sein, wenn Menschen den Glauben an Gott nicht aufgegeben haben angesichts all dem Schlechten in der Welt! Auch das ist eine Haltung, die mir, und ich glaube nicht nur mir, öfter mal begegnet und nicht fremd ist.
Und genau deshalb finde ich es unglaublich schön, dass in diesem Jahr ein großes Loblied als Predigttext für den 1. Advent einfach dran ist. Zacharias, der Vater von Johannes dem Täufer, der lobt Gott ganz einfach, so erzählt es Lukas. Sie haben es schon gemerkt, ich will heute nicht Vers für Vers oder Abschnitt für Abschnitt den Predigttext auslegen und erklären. Das kann man auch und für mich ist das auch spannend. Aber für mich ist es am Anfang des neuen Kirchenjahres, zu Beginn der Adventszeit, ein großes Geschenk, mit einem Loblied zu starten. Und da geht es mir in diesem Jahr nicht um jedes einzelne Wort, sondern um die Grundhaltung. Ich finde schon den Anfang bemerkenswert. Gelobt sei der Herr, der Gott Israels! Denn er hat besucht und erlöst sein Volk. Von außen betrachtet übertreibt Zacharias maßlos. Klar, Gott loben ist okay. Aber dann. Erlösung für das Volk. Die Römer haben weiter geherrscht, gute 70 Jahre später das Land zerstört und seine Einwohner vertrieben. Johannes der Täufer und Jesus hatten sehr viel mehr Gegner als Freunde. Beide werden hingerichtet. Und obwohl Jesus viele Menschen heilte und Hungernde satt machte, gab es weiter kranke und sterbende Menschen und auch Menschen, die abends hungrig ins Bett gingen. Wie gesagt, von außen betrachtet völlig übertrieben. Da könnte man wieder die ganzen Klagen loswerden. Aber die Haltung, die hinter diesen Worten steckt und vor allem die Haltung von Lukas, der das alles wusste und ja gar nicht hätte überliefern müssen, ist eine andere. Ein großes Lob dafür, dass Gott eben nicht wartet, bis alles perfekt ist, sondern dass er schon in der oft so unvollkommenen Welt Menschen immer wieder daran erinnert und ihnen es auch ganz konkret zeigt, dass er ihr Gott ist, dass er Menschen nicht allein lässt, dass nicht Hunger, Not, Verderben, Tod sein Wille sind, sondern dass Leben, dass Liebe, Versöhnung und Gerechtigkeit sein Werk und Wille sind und dass er Menschen immer wieder ermuntert, falsche Wege zu sehen und von falschen Wegen umzukehren. Ein großes, dickes Lob an Gott dafür, dass er nicht die Fehler der Menschen, nicht die Sünde in den Vordergrund und Mittelpunkt stellt, sondern seine Liebe zu den Menschen. Ein Lob dafür, dass Gott verlässlich ist in seiner Liebe, zu seinen Menschen, zu seinem Volk. Zu uns Christen, vor allem aber auch zu den Nachkommen Abrahams, zum biblischen Volk Israel, zu den Juden. Und ich glaube, dass wir Christen heute Gott auch dafür loben können, dass er uns nicht aus den Augen verliert, obwohl wir seiner ersten Liebe, den Juden, so viel Schlimmes angetan haben und seine Liebe auch dadurch in den Dreck ziehen, dass Christen diesen Namen, Juden, als Schimpfwort benutzen. Ich würde gern noch ganz, ganz viel erzählen, weil ich das Lob so schön finde und weil mir ganz viel einfällt, wofür ich Gott loben möchte, aber ich will die Predigt nicht zu lang werden lassen. Deshalb nur noch kurz zwei Dinge. Zum einen finde ich es wichtig, was vor dem Lob des Zacharias kommt. Er war verstummt, weil er nicht glauben wollte, dass er Vater wird. Das Lob ist dann das erste, was er wieder sagt. Vielleicht tut es wirklich gut, mal still zu sein, Ruhe zu finden, nicht ständig plappern und aktiv sein zu müssen, damit man wieder offen wird für das, was es zu loben gilt. Die Adventszeit macht es einem ganz schön schwer, zur Ruhe zu kommen. Als Pfarrer, als Eltern, als Schüler, der dauernd Arbeiten schreiben muss. Vielleicht kommt unser Lob erst später, nach Weihnachten, wenn’s ruhiger wird. Aber ich hoffe, dass es kommt. Lob als Frucht der Ruhe – ein Gedanke. Der zweite und damit zum anderen: der Schluss: durch die uns besuchen wird das aufgehende Licht aus der Höhe,  damit es erscheine denen, die sitzen in Finsternis und Schatten des Todes, und richte unsere Füße auf den Weg des Friedens. Gott flieht nicht vor der Dunkelheit in unserem Leben, sondern er will sie erhellen. Uns soll ein Licht aufgehen. Und in diesem Licht sehen wir, dass wir Ausrichtung brauchen, die Gott uns gibt, dass er es ist, der unsere Füße auf den Weg des Friedens richtet. Der Weg des Friedens, die Ausrichtung darauf ist nicht selbstverständlich. Gottlob gibt er nicht auf, unser Leben hell zu machen und uns in die richtige Spur zu setzen – auch wenn wir immer wieder genau den anderen Weg gehen. In der Politik, in unseren Urteilen über Politiker und andere Menschen, in den Schulen, in unserem täglichen Miteinander. Gottlob lässt er mich Grund zum Lob finden.
Amen.

Jumaat, 23 November 2012

Merkwürdig, sehr merkwürdig, dieses Leben - Ewigkeitssonntag, 25.11.2012, Reihe IV

Text: Jesaja 65,17-25
Liebe Gemeinde!
Am Ende wird alles gut! Ja, so soll es sein! Am Ende das Gute: Frieden, ein Leben ohne Schrecken. Ein Leben ohne Tränen und Leid. Ein Leben, in dem jeder sich durch seine Arbeit prima ernähren kann. Ein Leben ohne sterbende Kinder und trauernde Eltern. Ein Leben, das einfach nur schön ist. Ein Leben! Und was ist bis dahin? Am Ende wird alles gut! Und davor?
Es ist ein merkwürdiger Sonntag, den wir heute feiern. Merkwürdig im wortwörtlichen Sinn. Wenn wir im Alltag dieses Wort „merkwürdig“ benutzen, dann meinen wir seltsame Phänomene, die wir nicht richtig erklären können. Aber wenn man das Wort wirklich wörtlich nimmt, dann heißt das soviel wie: „wert, dass man es sich merkt“ oder „wert, dass es bemerkt wird“. Und das, was merkwürdig ist, ist das, was den normalen Gang unseres Alltags durchbricht und was uns dazu bringt, einmal vom Alltagsgeschäft Pause zu machen, nachzudenken, sich zu wundern, zu staunen, sich zu ärgern – kurz: Gefühle und Gedanken zu investieren. Und so ist auch dieser Sonntag. Die allermeisten Bibeltexte, die für die Gottesdienste heute vorgesehen sind, erzählen von einer wunderbaren Welt, in der es traumhaft schön zugeht. Und manche, die heute hier den Gottesdienst mitfeiern, haben schon den nächsten Monat voller Vorfreude im Blick: in gut vier Wochen feiern wir Weihnachten. Und genau an diesem Sonntag mit den schönen Bibeltexten und gar nicht mal so weit weg von Weihnachten, erinnern wir an die Menschen, die im zu Ende gehenden Kirchenjahr beerdigt wurden. Wir werden es nach der Predigt wieder hören. Da waren viele Menschen dabei, die alt und nach einem erfüllten Leben starben. 90, manchmal auch 99 Jahre alt sind sie geworden. Für manche kam der Tod als eine Erlösung nach schwerer Krankheit. Einige starben wirklich im Vertrauen darauf, dass Gott auch nach dem Tod gutes Leben bereithält. „Es sollen keine Alten mehr da sein, die ihre Jahre nicht erfüllen!“ Ja, bei manchen war das so. Sie fehlen ihren Angehörigen, ganz sicher. Aber sie durften in Frieden gehen. Und dann waren auch die vielen anderen da. Menschen, die starben und Kinder hatten, die ihr Elternteil noch gebraucht hätten. In einem Fall wächst ein Kind auf, das seine Mutter nie kennenlernen wird. Eltern sind da, die zurückbleiben,
deren erwachsene Kinder lange vor ihnen starben – an Krankheiten oder daran, dass sie in ihrem Leben keinen Halt mehr fanden und keinen Sinn mehr sahen. Gelungenen Beziehungen, in denen man, unabhängig vom Alter, gern noch weitergelebt hätte, hat der Tod ebenso ein Ende gesetzt wie schwierigen, die man gern noch geklärt hätte. Ein merkwürdiger Sonntag – nicht nur, weil die hoffnungsvollen Verheißungen aus der Bibel manchmal in sehr scharfem Kontrast zu den Abschieden, an die wir heute erinnern, stehen. Merkwürdig, im Sinn von der Aufmerksamkeit wert, auch deshalb, weil er uns deutlich vor Augen führt, dass das Leben in dieser Welt nicht eindeutig ist. Hoffnung, Liebe, Schmerz und Trauer liegen manchmal nicht nur sehr nahe beieinander, sondern scheinen manchmal auch fast unlösbar ineinander verknäult zu sein.
Für mich ist dieser Spätherbst, in dem wir gerade sind, ein ganz gutes Bild für die Verheißungen aus der Bibel, die ich eben als Predigttext vorgelesen habe. Ich sehe die Bäume, die ihre Blätter verloren haben – natürlich auch eine Erinnerung daran, dass Leben vergeht, dass Sterben und Tod, Dunkelheit, Kälte, Winter eine Wirklichkeit sind, die nicht wegdiskutiert und schon gar nicht weggeglaubt werden kann. Aber wenn ich mal Zeit habe und über den Richtsberg gehe oder durch den Wald, dann eröffnen gerade die leeren Bäume, denen die Blätter fehlen, ganz neue, überraschende Aussichten auf das schon längst Bekannte. Manches, was im Sommer verborgen war, ist jetzt zu erkennen, und wenn dann mal die Sonne ein bisschen scheint, sind die Blicke auf den Himmel im Wald auch andere. Auch das Vergehen eröffnet neue Blicke auf den Himmel.
Natürlich sind die Menschen, denen vor langer Zeit die Worte, die heute in der Bibel stehen, zuerst gesagt wurden, nicht im Spätherbst über den Richtsberg gelaufen. Aber sie standen wortwörtlich vor Ruinen, vor vergangenem Leben, vor Trümmern und vor zusammengebrochenen Hoffnungen. Die Eltern und Großeltern der Menschen wurden nach einem verlorenen Krieg aus ihrer Heimat Israel vertrieben. Sie lebten in der Fremde, einem Land mit anderer Sprache, anderer Religion, anderer Kultur als kleine Minderheit. Wachgehalten wurde aber immer wieder die Hoffnung auf Rückkehr. Mit wunderschönen Bildern, die Propheten im Auftrag Gottes weitersagten, die von einem blühenden Land sprachen. Und dann kamen die ersten in das Land ihrer Eltern und Großeltern, kehrten in die fremde Heimat zurück. Und da gab es keine blühenden Landschaften, keinen Wirtschaftsaufschwung, an dem sie teilhaben konnten. Kein gutes, gesundes Leben. Überall immer noch die Trümmer des Krieges, zum Teil Not und Elend. Und sogar der Tempel, sozusagen der Ort, an dem Gott gegenwärtig ist, lag in Trümmern, war zerstört. Und weil die Lage schlecht war, starben auch viele Kinder wirklich vor der Zeit. Und in diesen Trümmern, in diesen Ruinen, sind neue Hoffnungen wach geworden. Hoffnungen nicht auf ein Jenseits der Welt, sondern die Hoffnung, dass Gott die Kraft hat, diese Welt, dieses Leben zu verändern.
Manchmal eröffnen die abgefallenen, abgestorbenen Blätter, die Trümmer und Ruinen neue Blicke auf den Himmel. Manchmal eröffnet die Begegnung mit dem Leid, mit dem Tod, einen neuen Blick aufs Leben, einen neuen Blick auf Gott, einen neuen Blick auf die Hoffnung. Nicht dadurch, dass das Leid ignoriert oder übersehen wird. Eher so, dass Menschen dadurch, dass Bekanntes und Geliebtes weg und zusammengebrochen ist, über diese Trümmer hinaus das Leben - und manchmal auch das Leben in der Beziehung zu Gott – neu und anders wahrnehmen können. Vielleicht hat bei dem einen die Begegnung mit der Schärfe des Todes dazu geführt, Schritte auf Verwandte, Geschwister oder andere Menschen neu zuzugehen, Beziehungen zu beleben oder neu die längst verschüttet geglaubte Frage nach Gott und seiner Liebe und Güte zu stellen. Und vielleicht ist aus dieser Klage der Anfang einer neuen Beziehung gewachsen. Vielleicht hat der Tod die Augen dafür geöffnet, wer wirklich Freund ist. Vielleicht haben sich ganz überraschend neue Beziehungen gebildet oder man hat Stärken an sich entdeckt, die man bisher eher dem anderen zugesprochen hat. Vielleicht war das – oder ganz anderes, Neues, Überraschendes. Nichts, was den Verlust ungeschehen und die Trauer einfach weggewischt hätte, aber manches, was die Ruinen im Leben erträglicher hat werden lassen. Vielleicht braucht auch das noch Zeit. Liebe und Hoffnung, Vertrauen und Glauben kann man nicht erzwingen. So, wie man neue Blickwinkel nicht erzwingen kann. Auf einmal ist es da, auf einmal sieht man das Gewohnte anders. Manchmal beinahe unerträglich viel später, als man es gern möchte.
Was mir Hoffnung macht, sind wirklich die Worte und Umstände des alten Bibeltextes, der doch so wenig mit unserer Wirklichkeit zu tun haben scheint.
Da ist einmal die Hoffnung, dass auch wenn Gott weit weg zu sein scheint, wenn sein Wohnort zerstört ist, neuer Glauben und neue Liebe wachsen können. Vielleicht müssen manchmal auch alte Bilder von Gott einstürzen, liebgewonnene Gewohnheiten im Glauben fragwürdig werden, damit Hoffnung und Glauben und Vertrauen neue Nahrung finden. Gott ist nicht immer lieb, aber er ist die Liebe.
Zum anderen ist das die Hoffnung, dass es nicht nur ein Jenseits der Welt und der Zeit in einem fernen Irgendwo, das der Verstand nicht erreicht, gibt, in dem alles gut wird und in dem Gott wirkt. In dieser Welt will Gott Frieden möglich machen. In dieser Welt will er erfahrbar machen, dass Leben sich lohnt und nicht der Tod, sondern das Leben seine Wirklichkeit für uns sind. Hoffnung muss sich nicht auf ein Jenseits beschränken. Nach Spuren der Hoffnung können wir hier suchen. Diese Welt ist nicht gottverlassen, sondern seine Heimat. Hier ist mehr möglich, als wir aus eigener Kraft sehen und gestalten können.
Und für mich das Schönste in diesen alten Worten aus der Bibel: Gott ist nicht zuerst ein Gott, der von den Menschen, von uns, fordert und erwartet, sondern er hört zu. Und es soll geschehen: Ehe sie rufen, will ich antworten; wenn sie noch reden, will ich hören. So drückt es der Prophet im Namen Gottes aus. Unsere Klage läuft nicht ins Leere. Vielleicht wollen wir manchmal die Antwort nicht hören. Vielleicht sind wir nicht bereit, zuzuhören, sondern wir glauben, dass alles nach unseren Vorstellungen geschehen müsste. Vielleicht ist manchmal das, von dem wir denken, dass es  ein lebenswertes Leben wäre, viel zu laut und zu schrill, als dass wir die Antworten wahrnehmen könnten. Und vielleicht ist manchmal das Weinen zu laut, weil Menschen sehr viel zugemutet wird. Aber eins bleibt: Gott hört. Gott antwortet. Gott verändert. Diese Welt. Dieses Leben. Für uns. Zum Guten. Merkwürdig. Sehr merkwürdig.
Amen

Sabtu, 10 November 2012

Nichts als die Wahrheit - drittletzter Sonntag des Kirchejahres, 11.11.2012, Reihe IV

Text: Hiob 14,1-6 (eigene Übersetzung: 1 Der Mensch, geboren von einer Frau, lebt kurze Zeit und ist voll Unruhe. 2 Wie eine Blume geht er auf und welkt, flieht wie ein Schatten und bleibt nicht. 3 Doch noch über einen solchen hältst du deine Augen auf und mich bringst du ins Gericht mit dir 4 Wer könnte dafür sorgen, dass rein aus unrein kommt? Kein Einziger! 5 Wenn die Tage eines Menschen fest beschlossen sind, liegt die Zahl seiner Monate bei dir; du hast seine Grenzen markiert und er überschreitet sie nicht. 6 Blick weg von ihm, damit er Ruhe hat, damit er sich wie ein Tagelöhner seines Tages freuen kann)
Liebe Gemeinde!
Manchmal wünschte ich mir, dass ich die Menschen, von denen die Bibel erzählt und denen wir ganz viele schöne und traurige, leicht verständliche und schwer verdauliche Worte, Sätze, Geschichten verdanken, treffen und mit ihnen reden könnte. Heute zum Beispiel. Wenn das gehen würde, würde ich heute sagen: „Danke, Hiob! Danke, dass du uns die Wahrheit sagst. Danke dass du uns ohne viele Schnörkel die Wahrheit darüber sagst, wer wir sind, wer DER Mensch eigentlich ist.“ Vielleicht denkt der eine oder die andere: „Herr Kling-Böhm, das können sie doch jetzt nicht ernst meinen! Der Glauben an Gott soll doch Menschen fröhlich machen. Und dann bedanken sie sich bei Hiob für eine so traurige und deprimierende Aussage, dass der Mensch viel Unruhe hat, verwelkt und vergänglich ist! Und das noch dazu an einem Tag, an dem wir vier junge Frauen in unserer Gemeinde begrüßen, die im Rahmen ihrer Ausbildung bei uns mitarbeiten wollen und durch ihre Arbeit Jugendlichen Freude am Leben mit Gott machen wollen. Da passt doch so was Deprimierendes nicht! Da muss es doch um Freude und Zukunft gehen, nicht darum, dass Leben vorbeigeht und irgendwie manchmal auch ziemlich traurig sein kann.“ Und gerade an so einem Tag würde ich Hiob gern noch mal sagen: „Danke, dass du um die Wahrheit nicht rumredest, sondern dass du deine unbequeme Wahrheit sagst.“ Denn um was geht’s denn eigentlich in unserem Glauben? Geht es darum, dass wir uns unser Leben schönreden und Ablenkung vom Alltag suchen, Zerstreuung, so wie man sie, je nach Lebensalter und Temperament, beim Zocken am Computer, beim Abtanzen in Clubs, im Fitnessstudio, in der Sauna, beim Marathonlauf oder einem Volksmusikabend mit Florian Silbereisen findet? Das hat alles sein Recht, ich will niemandem seine kleinen Fluchten madig machen. Die brauchen wir. Aber für mich geht es beim Glauben an Gott nicht darum,
 sich aus der Wirklichkeit für eine Weile zu verabschieden, sondern die Wahrheit wenigstens ein Stück weit erkennen und annehmen zu können und Kraft für ein Leben in dieser alles andere als perfekten Welt zu bekommen. Nicht „Augen zu und durch“, sondern „Augen auf und mit Gottes Hilfe weiter“, so würde ich für mich Glauben beschreiben. Also noch einmal: „Danke, Hiob, dass du uns so viel Wahres nicht verschweigst“. Und ich glaube, dass hier nicht nur etwas gesagt wird, dass einen in eine trübe November-Depri-Stimmung bringen kann. Das fängt schon damit an, dass von „DEM Menschen“ die Rede ist, der nur kurz lebt und voll Unruhe ist. Wir, mich eingeschlossen, sind es heute eher gewohnt, davon zu reden, dass jeder Mensch einzig ist und man ja nicht von DEM Menschen, DEM Muslim, DEM Christen, DEM Lehrer, DEM Schüler, DEM Alten, DEM Deutschen, DEM Russen sprechen dürfe. Aber über alle persönlichen Unterschiede hinweg gibt es vieles, was uns verbindet. Zum Beispiel, dass keiner von uns sein Leben sich selbst verdankt, dass keiner als leuchtender Stern vom Himmel gefallen ist. „Der Mensch, geboren von einer Frau“ – ganz irdisch, ganz gleich ist unser Beginn. Grundsätzlich ist es völliger Blödsinn, Menschen in wertvolle und wertlose einzuteilen oder von Stars und Promis, von Politikern oder Pfarrern zu erwarten, oder umgekehrt, als solcher einzufordern, was Besseres oder Besonderes zu sein. Und das Menschen viel zu oft von Unruhe getrieben sind, deckt sich mit meiner Erfahrung. Ob’s die Jagd nach Geld und Ansehen ist, nach guten Noten oder dem nächsten Schluck Alkohol, nach Sex und Triebbefriedigung oder nach Fitness, nach Trost oder danach, möglichst perfekt an Gott glauben zu können – auf unterschiedliche Art und Weise sind Menschen unterwegs, auf der Suche, auf der Jagd – aber selten wirklich mal ruhig. Wir wollen die Grenzen die wir haben, und vor allem unsere Sterblichkeit, nicht akzeptieren und tun alles, um das zu verdrängen. Unruhe kann sehr gut und produktiv sein. Wenn ich unruhig über Ungerechtigkeit bin und mich für Gerechtigkeit einsetze. Wenn ich unruhig darüber bin, dass ich meine Fähigkeiten zu wenig entwickle oder wenn ich unruhig über die Trauer eines anderen bin und ihn trösten kann. Aber wir sind endlich. Und das ist oft genug ziemlich unbequem. „ Danke, Hiob, dass du mir Mut machst, dieser Wahrheit mal wieder neu ins Auge zu sehen. Und so schlimm und traurig finde ich das Bild von der Blume, die kurz blüht und verwelkt, auch nicht“, würde ich Hiob sagen. Immerhin blüht sie – und in dieser Zeit kann sie Freude wecken, kann Nahrung geben, richtig schön sein. Und sie muss das nicht ewig bleiben, sie darf ihre Zeit haben. Heute ist der 11.11. Martinstag, der Tag an dem Luther getauft wurde. Erinnerung an zwei Menschen, die lange tot sind. Sankt Martin, der nicht den Wahn hatte, die ganze Welt auf einmal retten zu müssen und vor lauter Größe der Aufgabe dann plante und plante und nichts tat. Sankt Martin, der in einer bestimmten Situation das Notwendige tat. Teilte. Nicht mehr, nicht weniger. Der blühte, einen Moment lang. Der machte einen Moment lang das Leben eines anderen reicher. Martin Luther, der wusste, dass er alles andere als perfekt war, der lange tot ist, aber durch sein Leben manches verändert hat, Menschen neue Einsichten ermöglicht hat, Menschen, die dachten, Gotte hätte sie aufgegeben, neu zum Glauben motiviert hat.
„Hiob, warum siehst du alles so negativ?“ würde ich ihn gern fragen, „Kann es sein, dass du bei allem Richtigen, das du sagst, dich doch am Ende selbst zum entscheidenden Maßstab machst? Doch noch über einen solchen hältst du deine Augen auf und mich bringst du ins Gericht mit dir – du redest von DEM Menschen und meinst doch dich, dich ganz persönlich.“ Das Auge Gottes, von dem Hiob hier redet, ist nicht das Auge, das aufpasst und freundlich schaut, sondern dass Auge, dem auch die Fehler nicht entgehen, das streng ist. Hiob hat Erfahrungen mit Gott gemacht, die er nicht einordnen kann. Sein Besitz ist weg, seine Kinder sind tot, seine Gesundheit ist angegriffen. Freunde kommen, die mit ihm diskutieren wollen, die ihm beweisen wollen, dass Gott gütig und gerecht ist und Hiob das doch irgendwie schon verdient haben müsste. Aber Hiob klagt. Er kann klagen. Für mich ist das eines der größten Geschenke in der Wahrheit des Glaubens. Es ist ein Geschenk, das ich nicht, wie die Freunde im Hiobbuch, versuchen muss, mir alles irgendwie schön zu reden und zu erklären, nur damit Gott am Ende irgendwie gut dabei weg kommt. Gott ist groß genug, auch die Klage und die Zweifel und die Auseinandersetzung auszuhalten. Gott ist nicht so klein und kleinlich, dass er nur das Schöne hören will. Er sucht und schafft Beziehung. Echte Beziehung. Beziehung, die auch Entfernung, Unverständnis, Klage aushält. Und die es aushält, dass ein Mensch Grenzen hat. Auch Grenzen dessen, was er im Leben aushalten kann. Hiob kann klagen. Gott sei Dank. Und danke, Hiob, dass du mir Mut machst, dann, wenn es nötig ist, es so zu machen wie du. Mich nicht mit vorschnellen Erklärungen und billigem Trost zufrieden zu geben, sondern mit Gott zu streiten. Um der Wahrheit willen, um der Liebe willen. Um meinetwillen lässt Gott das zu. Gott sei Dank, dass er die Größe hat, das auszuhalten. Ich kenne von mir was anderes, ich kenne von Menschen was anderes. Hiob stellt fest, dass ein Mensch nie vor Gott vollkommen werden kann. Der merkwürdige Satz „Wer könnte dafür sorgen, dass rein aus unrein kommt? Kein Einziger!“ redet von kultischer Reinheit, die den Geboten des Alten Testaments entspricht. Ein Kamel, zum Beispiel, dass in diesem Sinn nicht rein ist, kann nichts anderes hervorbringen als ein Kamelfohlen, aus dem wieder ein Kamel wird. Da wird kein Rind oder keine Taube, die kultisch rein sind, raus. Und beim Menschen ist das auch so. Der ist sterblich und fehlbar. Wie seine Eltern auch und wie seine Kinder wieder. Ja, Hiob, da hast du recht, würde ich ihm sagen. Und dass ich dankbar bin, dass Gott deshalb Jesus in diese Welt gesandt hat, der uns gezeigt hat, dass wir trotzdem für Gott wertvoll sind und zu Gott gehören. „Hiob, du wünscht dir sogar, dass Gott dich in Ruhe lässt, das traust du dich auszusprechen. Aber warum sagst du das so allgemein, dass Gott vom Menschen wegblicken soll? Warum bleibst du da nicht bei dir?“ Auch das würde ich ihn fragen. Und mich ein bisschen darüber freuen, dass Hiob so etwas sagt. Die Bibel verschweigt die Wahrheit nicht. Und die ist, dass Gott im Leben manchmal ziemlich fern, weit weg erscheinen kann. Oder dass die Erfahrungen, die Menschen im Leben machen, dazu führen, dass sie sich wünschen, Gott würde sie in Ruhe lassen, weil sie nichts Gutes sehen können. „Hiob, ich bin dir dankbar, dass ich auch von traurigen Erfahrungen und Zweifeln reden darf, denn nur wenn Trauriges traurig sein darf, wird Schönes schön sein können, nur wenn Zweifel da sein dürfen, kann ich gute Gedanken richtig erkennen. Danke dafür. Und vor allem: danke, Gott, dass dein Geist Menschen Mut gemacht hat, auch so etwas in dein Buch, in deinem Wort vom Leben, im Zeugnis deiner Liebe nicht zu verschweigen. Danke, dass du wirklich Wahrheit willst. In der Liebe, im Glauben. Und danke, dass du bei uns bleibst, bei DEN Menschen, auch wenn sie, wenn wir, wenn ich dich vielleicht manchmal gar nicht richtig haben wollen, haben will. Und danke, dass mit dieser Klage von Hiob nicht alles aus ist, dass du am Ende ihn ins Recht setzt – ihn, der den Mut hatte, ehrlich zu sein und nicht die Schönredner und Erklärer.“
Amen

Jumaat, 2 November 2012

Ganz schön frei! - Reformationstag, gehalten am 4.11.12, Reihe IV

Text: Galater 5,1-6
Liebe Gemeinde!
Woran erkennt man eigentlich einen Christen? An der Taufe vielleicht? Na ja, erstens kann man die Taufe nicht sehen und zweitens waren Hitler und Stalin und viele andere Massenmörder und Verbrecher waren auch getauft. Also vielleicht eher am Verhalten? Vielleicht daran, dass er sich an die 10 Gebote hält? Aber erstens sind die Zehn Gebote keine christliche Erfindung. Die stehen im Alten Testament, die gelten für Juden ganz genauso und außerdem sind viele Einzelaussagen mittlerweile in die Gesetze der meisten demokratischen Länder so eingebaut, dass ich daran, dass jemand nicht tötet oder nicht stiehlt oder sich um seine altgewordenen Eltern sorgt, erkennen könnte, ob er überhaupt an Gott glaubt oder an welchen Gott er glaubt. Und zweitens hat Jesus die Zehn Gebote so radikal interpretiert, dass selbst Menschen, die es ganz ernst und ehrlich mit ihrem Glauben meinen, schwer fallen dürfte, das immer und fürs ihr ganzes Leben zu halten. Ehebruch ist nicht erst die Tat, sondern schon der Gedanke daran, sagt Jesus, genauso wie: töten fängt nicht mit der Tat an, sondern damit, dass ich einen anderen durch Worte herabsetze und ihm damit ein Stück Lebensrecht abspreche. Zumindest das Letzte ist bei mir spätestens dann der Fall, wenn ich im Auto sitze und mir einer die Vorfahrt nimmt. „Idiot“ ist dann noch eines der harmloseren Wörter, die mir manchmal rausrutschen. Bin ich deshalb kein Christ? Vielleicht erkennt man Christen am Gebet? Aber Jesus sagt auch, dass man erstens aus dem Beten keine Show machen soll, zweitens nicht zu viele Worte beim Beten machen soll und drittens nicht zuerst öffentlich, sondern für sich selbst in Ruhe mit Gott reden sollte. Dass jemand also die Hände faltet und das Vaterunser spricht oder in freien Worten laut seine Anliegen vor Gott bringt, ist also auch kein sicheres Kennzeichen. Vielleicht macht er ja nur eine Show, vielleicht sind seine wirklichen Gedanken gerade ganz woanders. Weder an Ketten mit Kreuzen noch am Fischaufkleber auf dem Auto, weder am Beruf noch an der Art zu beten kann ich einen Christen sicher erkennen. Das macht es gar nicht so einfach. Wir Menschen sind doch eigentlich eher so gepolt, dass wir gern klare Ansagen und Anweisungen hätten.
Klare Erkennungsmerkmale, mit denen wir umgehen und uns und andere sortieren können. Wir können manchmal, glaube ich, gar nicht anders, als für unser Leben und für unseren Glauben Gebrauchsanweisungen zu suchen, die wir befolgen und die uns sichtbar zu etwas gehören lassen und uns ein ganzes Stück weit das eigene Denken abnehmen. Ist ja auch einfacher, eine Gebrauchsanweisung zu befolgen, als selbständig denken und handeln zu müssen. Das ist gar kein neues Phänomen, das erst in den letzten Jahren aufgetaucht wäre. Klar, wir haben heute viel mehr Möglichkeiten als die Menschen vor 40,50 Jahren und erst recht als die Menschen vor 2000 Jahren. Es ist unübersichtlicher geworden in der Welt. Aber schon unter den ersten Christen gab es das Gefühl: Wir brauchen was Sichtbares, etwas, an dem wir uns auch äußerlich festhalten können, wenn wir Christen sind, damit wir uns besser zurechtfinden. Damit beschäftigt sich auch Paulus, wenn er an die Christen in Galatien, das ist so ungefähr in der Mitte der heutigen Türkei schreibt. Da waren neue Missionare unterwegs, die den Christen sagten: „Glauben allein reicht nicht. Ihr müsst sichtbar machen, dass ihr an Gott glaubt und zu ihm gehört. Dazu müssen sich alle, nicht nur die Christen, die vorher Juden waren, beschneiden lassen.“ Und viele haben das auch gemacht. Weil sie eben etwas haben wollten, dass man sehen kann. Die Taufe, die einmalig war und die man nicht festhalten konnte, die hat ihnen nicht gereicht. Und an diese Christen schreibt Paulus:
Lesen: Galater 5,1-6
Durch Jesus schenkt uns Gott Freiheit. „Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan.“ Mit dieser Aussage beginnt Martin Luther schon 1520 seine Schrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen“. Der Glauben an Jesus ist zuerst ein Glaube der Freiheit schenkt. Für Jesus stehen nicht Verbote und Regeln im Mittelpunkt, er ist nicht gekommen, um den Menschen neue Gesetze zu geben. Jesus ist gekommen, um uns Menschen von dem Irrglauben frei zu machen, dass wir selbst es schaffen würden, für Gott perfekt zu sein und uns durch das Einhalten von Regeln Gott irgendwie kaufen zu können. Menschen scheitern an dem, was für sie und andere eigentlich gut und richtig wäre und was im Sinne Gottes eigentlich zu tun wäre. Es wird keinen Menschen geben, der ohne Zweifel an der Güte und Liebe Gottes durch sein Leben kommt. Zu vieles passiert, wo man dann schon zweifeln kann. Kinder, die umgebracht werden, sinnlose Kriege, schwere Krankheiten, die Leute treffen, die doch eigentlich niemandem was getan haben, ganz persönliche Schicksalsschläge: Immer wieder stellt sich der Glauben an Gott in Frage. Und auch immer wieder könnte man eigentlich was Gutes tun und lässt es oder könnte eine fragwürdige Handlung lassen und tut es trotzdem. Jeder Mensch braucht Vergebung und Gottes Liebe, keiner kann sich selbst erlösen. Du musst nicht perfekt sein, um von Gott geliebt zu werden. Du bist frei von dem Wahn, perfekt werden zu müssen, damit du etwas wert bist. Das ist die Freiheit, die Jesus schenkt. Paulus sagt hier: wenn ihr aber wieder anfangt, Regeln zwischen euch und Gott zu stellen und glaubt, durch das Einhalten von Regeln Gott nahe kommen zu können, dann müsst ihr tatsächlich alle Gebote einhalten und weil ihr das nicht schaffen werdet, verliert ihr die Freiheit der Liebe Jesu wieder. Regeln werden wieder wichtiger als die Liebe.  
Aber diese Freiheit, die Gott schenkt, ist keine Beliebigkeit. Es gibt zwar keine äußeren Regeln, die immer und für alle Zeit 100% garantieren, dass ich das richtige tue, aber es gibt einen Maßstab, den Gott an das Leben anlegt: die Liebe. Die Freiheit, die Gott schenkt, ist eine dienende Freiheit. Hört sich komisch an. Aber das gilt von Anfang an: Gott ist selbst so frei, dass er sich in Jesus, einem Menschen offenbart, damit die Menschen seine Liebe besser verstehen können. Gott nimmt sich die Freiheit, anders zu sein, als sich das viele vorstellen, damit Menschen Liebe entdecken und Liebe schenken können. Gottes Freiheit dient den Menschen. Nicht, weil er nicht anders könnte, ist er Mensch geworden und hat sich an Menschen gebunden, sondern weil er das frei so entschieden hat. Freiheit und Liebe finden ihren Sinn und ihre Erfüllung im Gegenüber. Freiheit findet ihren Sinn darin, auch anderen Freiheit zu schenken und Freiheit zu ermöglichen, Liebe findet ihren Sinn nicht in egoistischer Eigenliebe, sondern in der Liebe zum anderen.
Deshalb hat Martin Luther seiner Grundeinsicht, dass der Mensch frei ist und niemandem Untertan einen zweiten Satz nachgestellt: „Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan!“ Es gibt keine heiligen oder unheiligen Kleider, kein heiliges oder unheiliges Essen, und ob jetzt jemand tätowiert ist, Ohrringe trägt, HipHop, Volksmusik oder Bach und Mozart hört, darin ist er frei. Gott gibt keine äußeren Regeln vor, Christus macht frei von solchem Unsinn. Aber nicht frei davon, Mensch unter Menschen zu sein. Freiheit verwirklicht sich in der Freiheit der anderen, Lieber verwirklicht sich in der Liebe zu anderen. Oder, wie Paulus sagt: In Christus Jesus gilt der Glaube, der durch die Liebe tätig ist. Darin verwirklicht sich Freiheit. Darin, dass ich mich von der Sehnsucht frei mache, objektive Bedienungsanleitungen für den Glauben zu suchen, die mir das Denken und Lieben letztlich abnehmen. Darin, dass ich den Mut habe, Mensch zu sein. Nicht Marionette. Glaube folgt keinem für alle gültigen Rezept, dass ich zweifelsfrei äußerlich sichtbar nachprüfen könnte, sondern ist eine persönliche Beziehung zu Gott. Liebe folgt keinem fertigen Drehbuch, dass mir einen Fahrplan und Handlungen vorgibt. Sie ereignet sich jeden Tag, in jeder Beziehung neu, immer wieder anders – oder eben gar nicht. Zur Freiheit hat uns Christus befreit. Es ist leichter, sich in Regelschubladen auszuruhen als die Freiheit der Kinder Gottes zu leben. Freiheit ist manchmal ganz schön anstrengend, aber immer ganz schön. Gott sei Dank.

Amen