Jumaat, 3 Mei 2013

Austauschen anstatt nur zu reden - Rogate, 05.05.2013, Reihe V

Text: Matthäus 6,7-15
Liebe Gemeinde!
„Beten heißt: mit Gott zu reden!“ – Ich bin schon froh, wenn im Konfirmandenunterricht oder in der Schule wenigstens das als Aussage kommt und das Gebet nicht völlig unbekannt ist. Und vor lauter Begeisterung, dass da so etwas wie eine Ahnung oder sogar eine tatsächliche Gebetspraxis ist, schließe ich dann oft noch an: „Ja, du kannst mit Gott wirklich reden, du kannst ihm alles sagen, was dir wichtig ist!“ Natürlich ist das alles nicht falsch und ist gut biblisch. Aber je älter ich werde, desto mehr denke ich, dass ich dadurch nicht nur Jugendliche auf der Suche nach ihrem eigenen Glauben, nach ihrem Zugang zu Gott, auf eine missverständliche Spur schicke. Jesus sagt hier ganz deutlich: ein Gebet braucht nicht viele Worte. Es gibt Christen, die sehr viele Worte beim Beten machen. Und manchmal scheint es mir so, als würden Menschen glauben, dass Anliegen von Gott eher wahrgenommen würden, wenn ganz viele Menschen mit möglichst vielen Worten sozusagen den Gebetsdruck pro Quadratmeter auf Gott erhöhen würden. Jesus sagt hier ganz klar: das braucht es EIGENTLICH gar nicht. Bevor ihr anfangt zu reden, weiß Gott schon, was ihr wollt. Vielleicht sollte ich, auch wenn es sich viel weniger griffig anhört, Konfis und Schülern eher sagen: „Beten heißt: sich mit Gott auszutauschen“. Zum Austausch gehört auch das Stillwerden, das Hinhören, den anderen zu Wort kommen zu lassen. Austausch mit Gott, Beziehungspflege, nicht Totlabern – für mich steckt das ganz Wesentlich auch in den wenigen Worten, die Jesus uns als Gebet geschenkt hat. Das Gebet, das Jesus den Menschen empfiehlt und das Christen auf der ganzen Welt verbindet und das uns auch mit denen verbindet, die vor uns schon auf Christus vertraut haben, das öffnet mit ganz wenigen Worten eine riesige Welt des Austausches, der lebendigen Gottesbegegnung.
Da ist die Anrede: „Unser Vater im Himmel“. Wobei die deutsche Übersetzung „Vater“ eigentlich auch schon falsche Bilder produzieren kann. Manche haben vielleicht das Bild eines sehr strengen, autoritären Vaters, der notfalls auch mal zuschlägt. Oder haben eigene Erfahrungen mit einem Vater, der sich aus dem Staub gemacht hat und seine Verantwortung nicht wahrnimmt. Oder haben vielleicht gar keine Erfahrung mit einem Vater, weil er früh gestorben ist oder weil er durch den Beruf dauernd abwesend ist oder war oder sich einfach nicht gekümmert hat. Vater als bloßer Erzeuger oder als strenger Hüter der Tradition und der Regeln – Jesus benutzt eigentlich wörtlich ein ganz anderes Bild. „Papa, Paps, Vati, Dad“ – oder wie man auch immer den anredet, mit dem man zutiefst vertraut ist und dem man wirklich vertrauen kann. Gott nicht als den strengen Übervater oder den Schöpfer, der sich dann aber verabschiedet, sondern
 als den tiefen, vertrauensvollen Grund und Halt entdecken zu können, vor dem ich ohne Scheu sein kann. als den, der mich liebt, auch wenn ich in die Irre gehe, zu dem ich zurückkommen kann, der mein Leben liebevoll zurechtbringt. Ganz eng, ganz vertraut, ganz familiär. Und sicher auch mit den Auseinandersetzungen, die zum Familienleben mit dazu gehören. Ganz nah – und doch ganz anders. Das ist die Spannung, mit der wir als Christen leben. Leben müssen. Gott geht nicht in unseren Wünschen und Vorstellungen auf. Er ist auch der ganz andere, auch der, der manchmal ganz fern zu sein scheint. Vater, Papa, Vati, Dad unser – im HIMMEL. Nähe und Weite, Nähe und Entfernung, Spannend. Aber in lebendiger Beziehung.
„Geheiligt werde DEIN Name“. Leider oft missbraucht, diese Bitte. „Nun mach mal Gott, und sorge dafür, dass alle, die nicht an dich glauben, endlich die Wahrheit erkennen – und wir helfen dir gern mit Schwertern, Gewehren und Bomben“. Radikale Irre, die sich Christen nennen, haben diese Bitte zu vielen Zeiten als Ausrede für Glaubenskriege, zur Verfolgung und Ermordung von Juden, Muslimen, Homosexuellen oder Ärzten, die Abtreibungen vornehmen, missbraucht. Wenn Beten zuallererst auch hinhören heißt, dann richtet sich diese Bitte auch an mich: „Gott, hilf mir, dass ich deinen Namen heilige. Hilf mir, dass ich erkenne, wo ich deinen Namen für eigene Interessen missbrauche. Hilf mir, von Hass und Gewalt frei zu werden. Hilf mir, Unrecht nicht mit meinem glauben an dich zu rechtfertigen.“ So verstehe ich diese Bitte. Geheiligt wird Gottes Name nicht dort, wo Menschen zwangsbekehrt werden oder anders Glaubenden und anders Lebenden ihre Würde genommen wird, sondern wo sich die Größe Gottes auch in geistiger und geistlicher Weite spiegeln darf. Denn das drückt die nächste Bitte auch aus:
„Dein Reich komme.“ Martin Luther hat schon zu Recht gesagt, dass Gottes Reich, das Jesus vorlebt und von dem er erzählt, auch ohne unser Bitten kommen wird. Aber es geht darum, mich darauf einzustimmen. Auf den Weg des Lebens, der Gerechtigkeit, des Friedens. Und offene Augen dafür zu bekommen, wo Gewalt, Unrecht, ungerechte Strukturen, an denen wir nicht schuldlos sind, diesem Reich im Weg stehen. Auch wieder eine Bitte, die mich selbst einbezieht. „Halte mich offen für deine gute Botschaft. Halte mich wach für die Ungerechtigkeit, unter der so viele leiden. Lass mich nicht bequem werden und mit dem, was ist, zufrieden sein, sondern lass mein Handeln an dem orientiert sein, was du aller Welt versprichst.“ Hinhören, offen werden für die gute Botschaft Gottes. Ein Gebet. Eine Haltung. Die ihren Höhepunkt in dem findet, was für mich selbst der Mittelpunkt des Vaterunser ist:
„Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden“. Es geht nicht darum, eine willenlose Marionette zu werden, sondern Gottes Willen und meine Wünsche unterscheiden zu können. Und sich einzustimmen in das, was wirklich – und nicht nur meiner Meinung nach – sein Wille ist. Und gerade hier wird für mich besonders deutlich, dass Beten im Namen und im Sinne Jesu ganz viel mit Hinhören zu tun hat. Ob es Gottes Wille ist, eine Krankheit annehmen zu können oder Heilung zu erfahren, ob es Gottes Wille ist, eine große Familie zu gründen oder allein oder als kinderloses Paar den Weg zu gehen, der am Ende zum Leben führt, darüber kann ich nicht theoretisch reden. Ich kann nur darum bitten, Kraft auch für die Lebensmomente zu bekommen, für die Wege, die nicht meinen Wünschen entsprechen. Gotteswillen und Menschenwillen auseinanderhalten zu können, das ist eine alles andere als leichte Aufgabe. In der Praxis kann man das auch in der nächsten Bitte sehen:
„Unser tägliches Brot gib uns heute“. Martin Luther hat, wie ich finde, sehr schön beschrieben, was alles zum täglich Brot, gehört: „Alles, was not tut für Leib und Leben, wie Essen, Trinken, Kleider, Schuh, Haus, Hof, Acker, Vieh, Geld, Gut, fromme Eheleute, fromme Kinder, fromme Gehilfen, fromme und treue Oberherren, gute Regierung, gut Wetter, Friede, Gesundheit, Zucht, Ehre, gute Freunde, getreue Nachbarn und desgleichen.“ So sagt er in seinem Kleinen Katechismus. Eine ganze Menge. Aber hier geht es auch darum, das, was wir brauchen mit dem, was wir wollen, in Einklang zu bringen. Wir wollen mehr, als wir brauchen – wir glauben, wir bräuchten billige Smartphones, billige T-Shirts, billige Schokolade und noch viel mehr – und produzieren damit eine weltweite Ungerechtigkeit, nehmen damit anderen die Möglichkeit, wirklich ihr tägliches Brot in dem von Martin Luther gezeigten umfassenden Sinn zu bekommen und sich das zu erarbeiten. Die Armut in vielen Gegenden dieser Welt hängt auch – nicht nur, aber auch – mit unserem immer mehr und immer billiger haben wollen zusammen. Wir sind in Schuld verstrickt, und wir bleiben es, auch wenn wir uns noch so mühen. In diese Richtung weisen die nächsten Bitten. Und auch in Richtung Ausweg: „Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen“. Wir sind auf Vergebung angewiesen. Und wir sind verführbar. Nicht nur die großen und kleinen Steuerhinterzieher, die ausnutzen, dass die Finanzverwaltungen nicht so genau prüfen können oder wollen. wir sind verführbar – Vorurteile zu unserem Vorteil einzusetzen, das Falsche zu tun, wenn niemand so genau hinsieht. Ohne Nachdenken zu handeln. Vergib uns – und mache uns so stark, dass wir auch vergeben. Menschen, die an uns schuldig werden. Erinnere uns daran, dass wir selbst immer wieder erlösungsbedürftig sind, damit wir nicht hartherzig werden oder bleiben.
„Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit. In Ewigkeit. Amen“ Vielleicht nicht durch Jesus selbst in das Gebet gekommen, aber schon ganz früh Bestandteil davon. Ein Lob, ein Dank, dass Gott größer als unsere Gedanken und Möglichkeiten ist, dass er im letzten Herr der Welt ist und nicht die, die sich als Herren aufspielen. Ein Dank dafür, dass wir mit ihm lebendigen Austausch haben dürfen. Kein einseitiges Reden, sondern Austausch. Hören und Reden. Stille und Handeln.
Ohne viele Worte. Gebe Gott, dass wir Jesu Worten trauen. Dass wir nicht glauben müssen, wir müssten klug reden und Gott ein Ohr abkauen, damit er uns wahr und ernst nimmt. Gebe Gott, dass wir seine Einladung zu lebendigem Austausch immer wieder annehmen. Gebe Gott uns den Mut zum Hören, den Mut, Stille auszuhalten und Kraft für unser Leben und Handeln in der Welt und für die Welt zu empfangen. Als die, die ihn so ansprechen dürfen, wie Jesus es tat: „Vater, Paps, Vati, Papa, Dad.“ Weil er mit uns schon längst vertraut ist. Weil wir mit ihm vertraut sein dürfen. In der Liebe, die größer ist als alle Vernunft.
Amen.

Jumaat, 26 April 2013

Vorfreude ist die schönste Freude - oder: mach' deinen eigenen Remix - Kanate, 28.04.2013, Reihe V

Text: Jesaja 12 (Zürcher)
Liebe Gemeinde!
Vorfreude ist die schönste Freude! Es gibt viele Gelegenheiten, bei denen dieser Satz wahr zu sein scheint. Vor dem Urlaub. Wochenlang wird geplant, und jeden Tag steigt die Freude. Bald ist es soweit. Vorfreude. Und dann… - war die Hinreise so anstrengend, ist die Unterkunft nicht so, wie gedacht, ist das Wetter nicht so prickelnd, ist alles sowieso viel zu schnell vorbei. Weihnachten… - und dann hat’s nicht geschneit, ist es viel zu warm, waren die Geschenke nicht so passend… Das erste Wiedersehen mit alten Freunden nach langer Zeit – und dann merkt man, dass man sich nur noch wenig zu sagen hat, wird man dauernd auf die grauer gewordenen Haare oder den größer gewordenen Bauch angesprochen oder man muss sich ständig anhören, wie supertoll es bei den andere im Beruf läuft oder wie perfekt die Kinder sind. Klar, es läuft nicht immer so negativ. Gut so! Aber jeder kennt, glaube ich, aus eigener Erfahrungen solche Erlebnisse, bei denen die Vorfreude groß war – und dann schnell genug die Ernüchterung kam. Ich kenne das auch. Und trotzdem: immer wieder kommt Vorfreude auf, wenn die Hoffnung da ist, das bald etwas richtig Schönes passieren wird. Trotz aller Alltagserfahrungen, trotz allem, was im Moment schwer ist und was auch nicht so laufen wird, wie ich es mir ausmale: Vorfreude ist in jedem Fall eine schöne, manchmal auch die schönste Freude. Um Vorfreude geht es auch in den Versen aus dem Buch Jesaja, die heute als Predigttext vorgeschlagen sind.  Da heißt es: (Jesaja 12,1-6, Zürcher)
Möge dein Zorn sich wenden, dass du mich tröstest. Offensichtlich ist das im Moment noch gar nicht so. Offensichtlich gibt es im Moment vieles, was Gott als den, der zornig ist, der Leben schwer macht, erscheinen lässt. Und obwohl Gott nicht der liebe Gott ist, der schön brav macht, was die Menschen wollen, damit sie immer so weiter machen können und sich nichts ändern muss, obwohl Gott ganz offensichtlich den Menschen eine Menge zumutet, geht es dann vor lauter Vorfreude richtig stark weiter, so, als ob das alles schon längst passiert wäre. Die Hoffnung auf eine gute Zukunft mit Gott, die Vorfreude darauf, lässt die schwere Gegenwart nicht nur erträglich sein, sondern lässt sie gar nicht mehr so ins Gewicht fallen:  Sieh, Gott ist meine Rettung! Ich bin voll Vertrauen und habe keine Angst, denn meine Stärke und meine Kraft ist Gott, der HERR: Er war meine Rettung. In der Musik würde man vielleicht sagen, dass das, was wir hier haben, ein Remix ist. Ein Lied wird neu abgemischt, mit andere Instrumenten unterlegt, mit einem veränderten Rhythmus versehen, so dass es neu und frisch wirkt und ganz eigen, obwohl es manchmal schon ein paar Jährchen alt ist und es in der alten Version niemand mehr hören wollte. Hier wird auch ein Lied zitiert. Die Bibel erzählt, dass Miriam, die Schwester von Mose, es gesungen hat, nachdem die Israeliten aus der Sklaverei in Ägypten weggelaufen waren und die Armee des Pharaos am Schilfmeer vernichtet wurde, so dass der Weg in die Freiheit endgültig offen war. Mit fast genau den gleichen Worten hat Miriam gesungen, so wird es im 2. Buch Mose erzählt. Offensichtlich hat es den Menschen unglaublich viel Hoffnung gemacht, dass andere, lange vor ihrer Zeit, so begeistert Gott loben konnten, weil sie erfahren haben: Gott befreit uns. Gott hält auch in schweren Zeiten zu uns und er eröffnet uns Wege in die Freiheit. Und lange Zeit danach der Remix: Das gleiche Lied, aber neu, anders, frisch. So, dass es für heute, für die Gegenwart der Menschen, die Gott in einer neuen traurigen Situation brauchen, wirklich zu einem Lied wird, dass die Traurigkeit und das Böse zwar nicht ungeschehen macht, aber das frische Hoffnung weckt. Und Dankbarkeit trotz allem, was drum herum ist. Vorfreude ist die schönste Freude. Weil sie kraftvolle
 Erinnerungen wachruft, die nicht nur die Gegenwart erträglicher machen, sondern die Hoffnung wachhält. Hoffnung auf Rettung, auf Heil, auf ein Leben, das rundherum gut ist. Hoffnung auf Befreiung.  Zu Zeiten von Miriam und Mose war klar: Es geht um ganz konkrete Befreiung aus Sklaverei. Es geht um die Freiheit, in einem eigenen Land, in Sicherheit leben zu dürfen, von seiner eigenen Arbeit leben zu können, ohne auf den guten Willen eines fremden Königs angewiesen zu sein den Glauben an Gott zu leben. Gott macht frei. Gott rettet – aus lebensbedrohlichen Situationen genauso wie aus Gefangenschaft und Sklaverei. Gott schafft Heil. Heil heißt nichts anderes als ein Leben, in dem es gerecht zugeht, in dem Menschen ihre Würde erfahren, in dem Glauben an Gott wirklich wird. Das wird erfahren, vor langer Zeit. Und es wird auch erfahren, dass dieser Weg ganz schön beschwerlich ist. Vorfreude nach der Rettung am Schilfmeer vor der Armee des Pharaos und vor Rache und noch längerer Sklaverei war die eine Sache – vierzig Jahre Weg durch die Wüste eine andere. Schon bald finden die Leute an zu meckern, schon bald fingen die ersten an, an dem Gott, der Gutes tut, aber nicht sichtbar ist, zu zweifeln und sich eigene Götter zu basteln. Schon bald machten Menschen, die alle die Befreiung erlebt haben, Unterschiede, schon bald gab es wieder oben und unten, Reiche und Arme. Vorfreude war die eine Sache – die Wirklichkeit war schwerer. Sehr viel schwerer. Und trotzdem geriet das Lied nicht in Vergessenheit, trotzdem gab es immer wieder einen Remix. Weil Gott auf der einen Seite immer wieder deutlich machte: So nicht! und auf der anderen Seite die Menschen, seine Menschen, auch in schweren Zeiten, auch in Zeiten, in denen sie an ihrer Lage wirklich selbst schuld waren, nicht im Stich ließ und sie aus Sackgassen holte und zu neuem Leben und neuer Freiheit führte. Und deshalb tauchen diese Worte, taucht dieser Remix auch hier auf. Die Menschen in Israel verloren Kriege, in die sie sich gegen alle Warnungen, die Gott ihnen hat zukommen lassen, stürzten, sie suchten sich teilweise andere Götter, Arme, Witwen und Waisenkinder, Schutzlose wurden unterdrückt. Und die Gottesdienste waren oft zwar schön gestaltet, aber inhaltlich total leer. Vorfreude ist da, dass Gott hilft, diesen Müll, mit dem man sich selbst das Leben zugeschüttet hat, beiseite zu räumen. Vorfreude auf ein Leben, auf eine Welt, in der an der Gerechtigkeit, die geübt wird, erkannt werden kann, dass Gott der wahre Gott ist. Vorfreude darauf, dass Gott Menschen, die müde und ausgelaugt sind, auch von der eigenen Schuld, neue Kraft gibt. Vorfreude auf eine Befreiung. Auch von eigener Schuld. So singen die Menschen diese Neuauflage des alten Liedes in der Zeit, in der dieses Lied in das Buch Jesaja gekommen ist. Und auch diese Menschen mussten erleben: Der neue Weg in die Rettung, in ein gutes Leben mit Gott, ist kein Selbstläufer. Es gab wieder neue Besetzer des Landes, es gab wieder neue Gelegenheiten, an denen sich Gott doch als der ferne Gott, der auch zornig wirkt, erweist. Es gab Versagen. Und heute? Können wir uns von solcher Vorfreude anstecken lassen? Wo brauchen wir, wo brauche ich selber Rettung und Befreiung und Heil? Die Antworten werden ganz unterschiedlich sein. Manche Krankheiten nehmen so gefangen, dass Leben praktisch unmöglich wird. Erfahrungen von Schuld und Versagen, in Beziehungen, im zwischenmenschlichen Bereich, in der Kirche, in der Gemeinde, in der Politik und Gesellschaft sind so zahlreich, dass sie in keiner Predigt dieser Welt aufgezählt werden könnten. Kriege und Terror sind fast alltäglich. In Syrien, in Afghanistan, in Boston, um nur die schlagzeilenträchtigsten Orte zu nennen. Heil und Gerechtigkeit sind oft so weit weg, dass viele überdimensionale Steuerhinterziehungen noch nicht mal mehr empört zur Kenntnis nehmen, sondern sagen: „So sind wir halt“, erst recht, wenn man im Fußball Bayernfan ist. Wir erfahren Gott oft genug als den, der weit weg zu sein scheint – und doch sind sie da. Alte und neue Lieder der Vorfreude darauf, dass Gott Leben wirklich rettet, heilt, befreit und verändert.  Unser ganz eigener Remix. Klar, Vorfreude ist dabei sicher eine ganz schöne Freude. Wir werden immer wieder merken, dass der Weg in die Freiheit der Kinder Gottes auch Umwege und ganz schön steile Strecken hat, an denen man immer wieder nach dem Grund der Freude und der Hoffnung fragt. Und manchmal hilft dann nur noch Singen. Das Lied der Vorfreude darauf, dass sich Leben wirklich ändert. Das Lied der Vorfreude darauf, dass Gott sich als der zeigt, der wirklich Herr über das Leben ist – und nicht die Herren dieser Welt, die Herren des Kapitals, die Herren mit den Waffen, und die Damen, die es diesen Herren gleich tun. Vorfreude ist vielleicht nicht immer die schönste, aber immer eine schöne Freude – denn sie gibt die Kraft, sich nicht von der Gegenwart auffressen zu lassen, sondern auf Gutes zu hoffen. Weil Gott zeigt, dass er seine Menschen nicht im Stich lässt. Weil Gott sich als der zeigt, der Freiheit, Gerechtigkeit, Heil und Rettung schenkt – nicht nur wenigen, sondern aller Welt. Vorfreude verändert – weil sie Mut macht, sich nicht nur auf ein Später vertrösten zu lassen, sondern auch in allem, was schwer ist oder scheint, wirklich zu leben und zu singen. Den Remix vom großen Lied des noch viel größeren Gottes. Unseren Remix. Der eben nicht neu erfunden werden muss, sondern der in unserer Gegenwart für uns und unsere Zeit das sagt, was schon immer die Wahrheit ist: Gott ist der Herr der Welt. Aller Welt. Und sein Willen und sein Werk sind Frieden, Gerechtigkeit, Freiheit, Heil, Leben. Für alle Menschen. JEDER ist wertvoll. Der andere. Die andere. Und ich. Grund zur Vorfreude. Grund zum Singen. Von einem Leben, das gut ist. Von der Wahrheit.

Amen.

Sabtu, 20 April 2013

Keine Angst, die beißt nicht, die Liebe - Konfirmation 2013

Text: 1. Johannes 4,9.10.16.18.19
Liebe Konfis, liebe Gemeinde!
Er zu ihr, frisch verliebt: Schatz, weißt du, wir sind jetzt schon vier Wochen zusammen und ich liebe dich wie am allerersten Tag. Eigentlich noch viel mehr. Und ich will dir jetzt was sagen, was ich noch nie im Leben einem Mädchen gesagt habe. Was, was mir total wichtig ist. Jetzt ist es endlich so weit. Schatz, willst du heute Abend mit mir und Marc und Niko Black Ops 2 zocken?
Anderer Tag, anderes Paar, sie zu ihm: Schatz, weißt du, wir sind jetzt schon vier Wochen zusammen und ich liebe dich wie am allerersten Tag. Eigentlich noch viel mehr. Und ich will dir jetzt was sagen, was ich noch nie im Leben einem Jungen gesagt habe. Was, was mir total wichtig ist. Jetzt ist es endlich so weit. Schatz, willst du morgen mit mir und meinen Mädels bei H&M shoppen gehen und hinterher einen richtig schönen Cappuccino trinken?
Das Ende zweier wunderbarer Beziehungen? Wer weiß?! Natürlich gibt’s Mädels, die gern Computer zocken und Jungs, die gern mal shoppen gehen. Aber ich glaube, dass sich die wenigsten Mädchen und Frauen über einen Abend mit den besten Kumpels des Freundes und einem relativ brutalen Computerspiel und die wenigsten Jungs oder Männer über eine Shopping-Cappuccino-Tour mit den besten Freundinnen der eigenen Freundin freuen würden. Es könnte das Ende der Beziehung sein, der Liebe. Vielleicht, weil der Gedanke da ist: „Sag mal, hat der (oder die) mich in den vier Wochen nicht besser kennengelernt? Denkt der (oder die) nur an die eigenen Hobbys und Freunde? Anscheinend bin ich ihm (oder ihr) gar nicht wichtig!“ Da gibt sich jemand keine Mühe, mal nachzudenken, was ich brauche, denke, fühle – also hat das alles keinen Sinn. Es könnte das Ende sein. Es könnte aber auch der Start in eine neue Phase sein. „Okay, das ist zwar nicht mein Traum, aber offensichtlich liebt er oder sie mich so, dass er oder sie mich bei etwas dabei haben will, was sehr wichtig ist. Und offensichtlich bin ich ihm oder ihr vor seinen Freunden oder ihren Freundinnen nicht peinlich!“ Beides denkbar – das Ende oder die Vertiefung der Liebe. Wer weiß?! Eben keiner. Liebe kann man nicht wissen. Liebe kann man nur leben. Liebe ist etwas höchst Lebendiges. Sie kann wachsen oder eingehen, sie muss gepflegt werden und ist nie unabhängig von denen, die lieben. Es gibt keine objektive Liebe, die man betrachten und beschreiben und dann wieder weglegen kann. Liebe ist immer subjektiv. Weil da immer Subjekte, eigene Persönlichkeiten, die nicht austauschbar sind, miteinander eine Beziehung haben. Ich will jetzt in der Predigt keinen Beziehungsratgeber für die erste oder zweite Liebe von Konfis, die schon da ist oder die noch kommen wird, geben. Mir ist nur aufgefallen, dass neun von sechzehn Konfis
sich einen Bibelvers als Konfirmationsspruch ausgesucht haben, in dem es um die Liebe geht. Liebe ist also offensichtlich etwas ganz Wichtiges. Und Liebe hat ganz viel mit Jesus zu tun. Obwohl der Teil der Bibel, in dem es um Jesus geht, das Neue Testament, nur so ungefähr 1/3 der Bibel ausmacht, sind doch mehr als 2/3 der Bibelstellen, in denen es um Liebe geht, in diesem Teil der Bibel. Also: wie ist das eigentlich mit der Liebe, die so schön und so kompliziert sein kann und die absolut lebenswichtig ist? Wie ist das mit der Liebe der Freundin und des Freundes, der Eltern und der anderen, mit der Liebe von Gott, von Jesus? Im 1. Johannesbrief steht ganz viel dazu. Unter anderem steht da:
Dadurch ist Gottes Liebe unter uns offenbar geworden, dass er seinen einzigen Sohn in die Welt sandte. Durch ihn wollte er uns das neue Leben schenken. Das Einzigartige an dieser Liebe ist: Nicht wir haben Gott geliebt, sondern er hat uns geliebt. Er hat seinen Sohn gesandt, damit er durch seinen Tod Sühne leiste für unsere Schuld. (…)Wir jedenfalls haben erkannt und halten im Glauben daran fest, dass Gott uns liebt. Gott ist Liebe. Wer in der Liebe lebt, lebt in Gott und Gott lebt in ihm. (…) Die Liebe kennt keine Angst. Wahre Liebe vertreibt die Angst. Wer Angst hat und vor der Strafe zittert, bei dem hat die Liebe ihr Ziel noch nicht erreicht. Wir lieben, weil Gott uns zuerst geliebt hat.
Schon wieder so komplizierte Sätze und Gedanken. Oder vielleicht auch nicht. Gott ist Liebe. Punkt. Ganz klar. Ganz einfach. Leicht zu merken. Und wieso gibt’s dann so viele Schmerzen und Enttäuschungen und überhaupt Erfahrungen vom Tod und vom Leid? Konfirmation heißt ja eigentlich, dass ihr gleich sagt: Ich will dieser Liebe vertrauen und mich mit dieser Liebe auf den Weg in mein Leben machen. Leider kann ich keinem versprechen, dass dabei alles immer glatt und gut geht. Liebe, so wie Gott sie schenkt, heißt: auch das Schwere aushalten zu können, auch die Schuld zu sehen, auch den Tod aushalten zu können. Das Kreuz von Jesus gehört zur Liebe Gottes dazu. Ohne das Kreuz wäre die Liebe eigentlich nichts wert. Was nützt Liebe, die nur an den schönen Seiten des Lebens interessiert ist? Die Liebe Gottes hält nicht nur viel aus, sie ist stärker als alles, was sich ihr in den Weg stellt und als alles, an was Liebe sonst kaputt gehen kann. Ich wünsche euch, dass euch das für euer Leben stark macht, und dass das auch die Eltern, die Paten, die Großeltern, die Freunde, die die Konfis im Leben begleiten, stark macht. Das Vertrauen in diese Liebe, die das Kreuz, das Schwere nicht ausblendet, sondern die hilft, es auszuhalten. Und die immer zuerst da ist. Es gibt Zeiten im Leben, da vergisst man diese Liebe. Da traut man ihr nicht mehr, da denkt man, sie ist nicht mehr da. Damit wir die Liebe wieder spüren, müssen wir nicht zuerst alles Mögliche anstellen, sondern ein Leben lang gilt: Das Einzigartige an dieser Liebe ist: Nicht wir haben Gott geliebt, sondern er hat uns geliebt. Er macht den ersten Schritt – und wir dürfen uns immer wieder in diese Liebe einklinken.
Aber was passiert, wenn ich mich wieder eingeklinkt habe? Was hat das alles mit der Liebe zu tun, die im Alltag da ist und die ja auch lebenswichtig ist? Ich glaube, dass die Liebe, die Gott Menschen schenkt, Menschen verändert. Wie oft hat man eigentlich, wenn man einen anderen Menschen liebt – und zwar egal ob als Freund oder Freundin, als Mann oder Frau, als Eltern, als Kinder – Angst davor, irgendwas falsch zu machen? Angst davor, zu den falschen Sachen einzuladen, falsche Dinge zu sagen und so die Liebe kaputt zu machen? Ich glaube, immer wieder hat man diese Art von Angst. Die Bibel sagt was ganz Schönes dazu: Die Liebe kennt keine Angst. Wahre Liebe vertreibt die Angst. Wer Angst hat und vor der Strafe zittert, bei dem hat die Liebe ihr Ziel noch nicht erreicht. Sich gegenseitig die Angst zu nehmen, dem anderen die Angst zu nehmen, das ist Liebe. Die Angst davor, nicht gut genug zu sein, die Angst davor, nur an den Fehlern gemessen zu werden, die Angst davor, dumm da zu stehen. Anderen diese Angst zu nehmen. Ich glaube das Größte ist es, wenn ich einem anderen wirklich was vergeben kann. Weil ich weiß, dass mir vergeben wird, weil ich weiß, dass ich geliebt werde und nicht dadurch stark sein muss, dass ich bestrafe. Liebe nimmt die Angst. Manchmal ganz einfach die Angst davor, nicht mehr geliebt zu werden, wenn man sagt: „Du, ist zwar nett gemeint, aber ich hab keine Lust zum Zocken oder zum Shoppen“. Wie das klappen kann? Fertige Rezepte gibt es nicht. Und die habt ihr auch nicht in Konfer bekommen und die liefert euch und ihnen auch diese Predigt nicht. Aber vielleicht hat Konfer und die Begegnung mit Menschen, die dieser Liebe trauen, Lust drauf gemacht, es selbst zu probieren oder den eigenen Erfahrungen, die man hat, mehr zu vertrauen. Das wäre schon eine ganze Menge. Und damit ihr dann, wenn die Angst doch mal wieder hochkommt oder wenn ihr glaubt, dass die Liebe doch weit weg ist, etwas habt, was euch an ein paar wichtige Dinge erinnert, stehen meine Glückwünsche für euch heute auf so einer Karte. Langweilig, typische Mädchenkarte, könnten vielleicht manche denken. Was haben denn so ein paar aufgedruckte Rosen mit Gottes Liebe und unserer Liebe zu tun? Und da lernt man schon das erste: Wer einfach nur auf die Oberfläche guckt, verpasst das Wesentliche. Wenn man genau hinschaut, kann man in dieser Karte nämlich ein 3-D-Herz entdecken. Wer das Herz entdecken will, muss lernen, hinzuschauen. Unter die Oberfläche. Aber wenn man zu verkrampft starrt, wird man’s auch nicht erkennen. Liebe heißt auch, ein bisschen locker lassen zu können. Und damit man es sieht, muss man sich vorstellen, ein bisschen hinter die Karte zu schauen. Liebe sieht also hinter die Kulissen. Außerdem muss man den richtigen Abstand finden, nicht zu nah, aber vor allem auch nicht zu weit weg. Und dann, wenn man zu sehr abgelenkt wird, wenn zu viel Drumherum in den Blick gerät, wird es auch nicht sichtbar. Es macht Arbeit, kostet Mühe, es zu entdecken – aber wenn man das erst einmal entdeckt hat, dann ist es beim zweiten, dritten, vierten Mal nicht mehr schwer, es wiederzufinden. Das wünsche ich euch: Das ihr immer wieder die Liebe findet – und weiterschenkt. Das wünsche ich uns allen, dass wir, wie in den Beispielen am Anfang, uns immer wieder trauen, Menschen zu dem einzuladen, was uns wichtig ist. Aber auch akzeptieren, dass sie vielleicht Nein dazu sagen. Dass wir keine Angst haben, dass die Liebe an einem Nein kaputt geht. Wahre Liebe vertreibt die Angst. Wir lieben, weil Gott uns zuerst geliebt hat. Gott sei Dank.

Amen

Regeln lenken nur vom Wesentlichen ab - Konfirmation 2013, Abendmahlsgottesdienst

Text: Lukas 19,1-10
Liebe Konfis, liebe Gemeinde!
Ich finde, dass wir in Konfer viel zu viele Regeln hatten und haben. Als Voraussetzung für die Konfirmation sollte man jede Woche in Konfer gewesen sein oder eine Entschuldigung gehabt haben, mindestens 23 mal im Gottesdienst gewesen sein, sich weniger als vier rote Karten abgeholt haben, das Glaubensbekenntnis, das Vaterunser, den 23. Psalm und die Zehn Gebote auswendig können, mitarbeiten, nicht dauernd dazwischen schwätzen, auf das hören, was ich und die anderen Mitarbeiter sagen und, und, und… - ganz schön viele Regeln. Und für manche von euch Konfis war es gar nicht so einfach, die Regeln alle einzuhalten und für mich und die anderen Mitarbeiter war es auch nicht immer leicht, darauf zu achten, dass die Regeln wenigstens so einigermaßen eingehalten wurden. Das hat ganz schön viel Kraft gekostet. Was wäre eigentlich passiert, wenn wir gar keine Regeln gehabt hätten? Das wäre eigentlich mein ganz persönlicher Traum. Ein Konfirmandenunterricht, der keine Regeln braucht. Zumindest keine Regeln über das Auswendiglernen, den regelmäßigen Gottesdienstbesuch, das gegenseitige Zuhören, das regelmäßige Kommen. Ob der wohl funktioniert? Was würde wohl passieren?
Ich bin Realist. Ich glaube, dass Menschen Regeln brauchen. Erwachsene genauso wie Kinder und Jugendliche. Menschen brauchen Regeln, damit die Ehrlichen, die Rücksichtsvollen, aber auch die Schwächeren geschützt werden und sich entwickeln können. Aber gerade in Konfer und vielleicht auch in der Kirche und der Gemeinde überhaupt würde ich gern mal auf Regeln verzichten. Weil Regeln gerade in Konfer manchmal zu einem Missverständnis führen. Konfirmation – übersetzt heißt das ja nichts anderes als eine feste Beziehung zu Gott – Konfirmation wäre eine verdiente Belohnung dafür, dass man sich an Regeln hält. So was wäre wirklich ein Missverständnis. Eigentlich ist es eher umgekehrt – dass ich rücksichtsvoll bin, dass ich Schwächeren helfe, zu ihrem Recht zu kommen, dass ich nachfrage, was in der Bibel steht, dass ich in einer Gemeinde nicht nur für mich selber lebe, sondern Kontakte zu anderen suche, im Gottesdienst und bei andern Gelegenheiten, dass ich mich mit andere treffe, um was aus der Bibel zu hören, um zusammen zu beten, das ist alles keine Voraussetzung für eine gute Beziehung zu Gott, das ist alles nicht die Voraussetzung dafür, dass Gott einen Menschen, mich , liebt, sondern eher das Ergebnis davon, dass ich das in mir drin spüre und weiß: ich bin für Gott was wert.
Die Voraussetzung für eine gute Beziehung zu Gott ist kein perfektes oder auch nur annähernd gutes Leben, das den Regeln entspricht. Es gibt nur eine einzige echte Voraussetzung: Neugier. Den Wunsch, Jesus kennenzulernen. Alles andere kann dann erst später kommen. Wie ist das mit euch: Wart ihr neugierig
auf Jesus, als ihr mit Konfer angefangen habt? Oder seid ihr durch Konfer auf Jesus neugierig geworden? Oder habt ihr euch einfach so gut es irgendwie ging an Regeln gehalten, damit ihr konfirmiert werdet? Wir haben eben eine Geschichte aus der Bibel gehört, die von so einem neugierigen Mann erzählt. Zachäus heißt er. Er wollte Jesus unbedingt kennenlernen. Er war neugierig geworden auf diesen Mann, von dem so viel Gutes erzählt wurde. Aber Zachäus war nicht nur klein, weshalb er auf einen Baum klettern musste, wenn er Jesus sehen wollte. Er war auch jemand, der viele Regeln und Gebote nicht beachtet hat. Er hat andere betrogen, er hat gelogen, er hat Geschäft mit Leuten gemacht, mit denen man als ehrlicher Mensch besser keine Geschäfte macht. Er hat seinen Beruf ausgenutzt, um Schwächeren wirklich zu schaden. Und ausgerechnet zu so einem, der einfach nur neugierig auf Jesus ist, geht Jesus hin. Und er geht nicht nur einfach so zu ihm hin, sondern er isst und trinkt mit ihm. Ein Skandal! Der hat’s doch nicht verdient! Der glaubt doch gar nicht richtig an Gott, so wie der sich benimmt! So haben die Leute gedacht und es dann auch gesagt.
Die einzige Voraussetzung, dass Jesus sich mit Zachäus abgibt, ist die, dass Zachäus neugierig ist und Jesus kennenlernen will. Eine Beziehung zu Jesus kriege ich nicht dadurch, dass ich Regeln einhalte, sondern dadurch, dass ich Jesus dann, wenn er bei mir vorbeigeht, auch in mein Leben reinlasse.
Jesus geht zu Zachäus, obwohl der sich bis dahin an keine der Regeln gehalten hat, die für ein Leben stehen, das in dem Sinn gut ist, wie Gott Leben gemeint hat. Jesus verurteilt Zachäus nicht, sondern er nimmt ihn und seine Neugier ernst. Und dadurch kann sich bei Zachäus ein Knoten lösen. In seinem Herzen, in seinem Kopf. Zachäus ändert sich, er zahlt nicht nur das zurück, was er durch Betrug unrechtmäßig bekommen hat, sondern viel mehr. Er wird großzügig. Vielleicht auch deshalb, weil er selbst erlebt hat, wie großzügig Jesus ist. Jesus kommt zu Zachäus, bevor er die Regeln einhält, einfach nur, weil der neugierig auf Jesus ist. Und das ändert sein Leben.
Wie wäre es also, Konfer ohne Regeln? Würde das funktionieren? Vielleicht habe ich einfach zu viel Angst davor. Angst, dass diejenigen, die gern mitmachen, die gern auch als Konfis in die Gottesdienste gehen, von anderen als Loser hingestellt werden und den Spaß vielleicht auch verlieren. Oder Angst davor, dass ich nicht so großzügig bin, wie Jesus das ist. Aber vielleicht könnt ihr, die Noch-Konfis, mir ja dabei helfen, ein Stück voranzukommen auf dem Weg zu Konfer, wie es sein soll – nicht als Abarbeiten von Regeln, sondern als Gelegenheit für Neugierige, Jesus zu begegnen oder als Zeit, die überhaupt erst neugierig auf Jesus macht. Und die so Menschen wirklich berühren und verändern kann. Vielleicht könnt ihr mir helfen, weniger ängstlich auf diesem Weg zu sein. Indem ihr mir weiter von euren Erfahrungen erzählt und anderen Jugendlichen Mut macht, neugierig zu werden. Vielleicht erleben wir dann auch Dank eurer Hilfe auf dem Richtsberg Konfer mal ganz neu. Weil die Begegnung mit Jesus Menschen verändert, Menschen neu macht. Konfer ohne Regeln, sondern mit ganz vielen neugierigen Menschen – vielleicht wird ja dieser Traum wahr. Mit Gottes Hilfe. Und durch eure Hilfe.
Amen.

Sabtu, 13 April 2013

"Schatz, hast du mich lieb??" - von nervigen Fragen und klugen antworten Misericordias Domini, 14.04.2013, Reihe V

Text: Johannes 21,15-19 (Zürcher Bibel)
Liebe Gemeinde!
„Schatz, liebst du mich?“ – „Ja, klar“ – „Liebst du mich wirklich?“  - „Natürlich, das weißt du doch!“ – „Aber liebst du mich so richtig?“ – Wer als derjenige oder diejenige, der oder die gefragt wird, nicht schon bei der zweiten Frage die Augen gerollt hat, ist spätestens jetzt dem Wahnsinn nahe und kurz vor dem Ausrasten. Ich glaube fast jeder, der schon einmal die unglaublich schöne Erfahrung einer liebevollen Beziehung zu einem anderen Menschen gemacht hat, kennt diese oder ganz ähnliche Dialoge. Und zwar meistens von beiden Seiten. Als der, der so hartnäckig fragt oder als derjenige, der bei der dritten Frage genervt nicht mehr weiß, was er oder sie noch alles sagen soll. Ich glaube auch, dass diese Erfahrung relativ altersunabhängig ist. Von der ersten großen Liebe bis zur goldenen oder diamantenen Hochzeit nach vielen Ehejahrzehnten solche Gespräche schleichen sich ein. Eigentlich weiß ja fast jede und jeder, dass solche Gesprächsgänge wenig bis gar nichts bringen, außer vielleicht dem Gefühl der Gereiztheit. Über Liebe kann man schlecht reden, Liebe spürt man. Aber trotzdem: ich glaube, dass jede und jeder manchmal einfach Bestätigung braucht und sie auch durch solche Fragen sucht. Da kann es sein, dass so viel im Leben gerade schief läuft, dass in der Schule nichts passt oder in der Familie Streit ist oder im Beruf viel Stress ist oder eine Krankheit das Leben ganz schwer macht oder, oder, oder. Und da will ich an einem Punkt wissen, dass ich sicher bin. Dass ich neues Selbstvertrauen schöpfen kann. Als Mensch brauche ich einfach immer wieder mal Bestätigung.
Vielleicht ein bisschen seltener, aber auch nicht ganz unbekannt sind Fragen im Freundeskreis: „Hey, wir zwei sind doch dickere Freunde als ich mit dem Rest, oder?“ Oder auch in der Familie: „Mama, du hast mich doch lieber als Papa mich lieb hat, oder?“ Auch da steckt auf der Seite des Fragenden oft eine Menge Unsicherheit dahinter, manchmal aber auch der Versuch, einen Keil zwischen den, der gefragt wird und die anderen zu schieben. Und was soll man als Gefragter darauf antworten? „Klar, ich bin besser, liebevoller, verlässlicher als die anderen, als der andere?“ Es ist nicht immer leicht, der Versuchung zu widerstehen, sich gegen andere und auf Kosten von anderen in ein gutes Licht zu stellen und durch solche Fragen, Spielchen und Antworten zu profilieren. Genauso menschlich wie die Sehnsucht nach Bestätigung.
Und weil das alles so menschlich ist und so einen komischen Beigeschmack hat, kann man sich schon wundern, dass Johannes von so einem merkwürdigen Gespräch zwischen dem auferstandenen Jesus und Petrus erzählt. Hat Jesus das etwa nötig? Ist er so wenig selbstbewusst, dass er sich so Bestätigung holen muss? Will er einen Keil zwischen die Jünger treiben? Spielt er mit Petrus? Ich glaube, dass wir uns wirklich wundern müssen und wundern dürfen, wenn wir so scheinbarmenschliche Geschichten  dem Auferstandenen, in der Bibel lesen und nicht zu schnell einfach sagen: „Das ist alles doch anders gemeint!“ Die Bibel ist kein glattes Lesebuch, keine nette Lektüre für den entspannten Sommerurlaub am Meer im Liegestuhl, sondern sie ist interaktiv, wie es heute so schön heißt. Sie will anregen, Fragen zu finden, sich in Frage stellen zu lassen, Selbstverständliches nicht als selbstverständlich hinzunehmen und dabei Wahrheiten zu finden, die tiefer liegen, als es uns unsere mittlerweile oft auf oberflächliche Schönheit und oberflächliche Unterhaltsamkeit getrimmte Welt manchmal weismachen will. Die Bibel ist ein echtes interaktives Mitmachbuch, in dem es auch auf mich, meine Fragen, mein Leben ankommt. Und so ist es auch mit dieser Geschichte. Warum redet Jesus also so merkwürdig mit Petrus? Ich glaube, weil Jesus hier auch so ein interaktives Mitmachprogramm für Petrus
 in Gang setzt. Jesus gibt Petrus keine fertigen Rezepte, sondern er lässt ihn selbst zu den richtigen Erkenntnissen kommen. Das fängt mir der ersten Frage an: „Liebst du mich mehr als die anderen?“ Petrus antwortet nicht: „Ja, ich habe dich lieber als alle anderen!“, sondern: „Herr, du weißt, dass ich dich lieb habe“. Petrus vergleicht sich nicht. Früher war er manchmal anders. Boshaft könnte man sage, dass er ein echter Streberjünger war. Petrus war immer der erste bei allem, er nahm kurz vor der Verhaftung von Jesus den Mund besonders voll und sagte: „Auch wenn alle anderen dich verlassen, bin ich als einziger da“ und er hat auch noch einem derjenigen, die Jesus verhaftet haben, ein Schwert abgenommen und ein Ohr abgehauen. Und jetzt ein anderer Petrus. Es ist nicht wichtig, besser als die anderen zu sein, mehr Liebe als die anderen zu haben. Liebe braucht und duldet keine Vergleiche. Liebe lebt von der Einmaligkeit der Beziehung, in der keiner austauschbar wäre. Es ist egal, wie lieb andere Jesus haben, wichtig ist, dass ich ihn lieb habe. Insofern ist – übrigens in jeder Liebesbeziehung – „lieb haben“ die Steigerung von „lieber haben“. Denn durch den Verzicht auf den Vergleich wird deutlich, dass derjenige, der das sagt, weiß, dass er und seine Beziehung und seine Liebe wirklich einmalig ist und dass er oder sie in seinem und ihren Wert unabhängig von anderen sein kann und sein darf. Mir ist das auch in Bezug auf Gott, auf Jesus wirklich wichtig. Immer mal wieder fragen mich meine Schülerinnen und Schüler: „Wen haben sie eigentlich lieber, ihre Frau oder Jesus?“ Was kann ich darauf antworten außer: „Ich hab beide lieb“? Beziehungen sind unvergleichlich. Die Liebe zu meiner Frau ist anders als die Liebe zu Jesus, zu meinen Eltern, zu meiner Gemeinde, meiner Schwester oder meinen Freunden. Ich darf lieb haben ohne lieber haben zu müssen. Auch im Glauben an Jesus.
Dann kommt noch ein zweiter Punkt dazu. Jesus fragt Petrus drei Mal, ob er ihn denn liebe. Nach Jesu Verhaftung wurde Petrus drei Mal gefragt, ob er denn ein Freund von Jesus sei, und drei Mal hat er das bestritten. Jesus gibt Petrus die Möglichkeit, sich zu ändern, Fehler zu sehen und anders zu machen, ohne ihn bloßzustellen und ihm seine Fehler lange vorzuhalten und ihn zu demütigen. Vergebung zu gewähren heißt also nicht, Schuld aufzurechnen und andere zu demütigen und so Macht auszuspielen, sondern dem anderen zu helfen, die eigene Würde wieder zu finden und ein Bewusstsein für ein neues, anderes Verhalten zu ermöglichen. Vergebung ist nicht in erster Linie ein Akt der Macht, sondern, wenn sie wirklich etwas bewegen soll, ein Beziehungsgeschehen. Petrus erkennt, dass er lieben kann und darf, obwohl er vorher versagt hat. Er kann seine Liebe ausdrücken und als Teil seines Lebens annehmen. Und das, was in der deutschen Übersetzung so einfallslos als dreimaliges Fragen nach dem „Liebhaben“ daherkommen könnte, ist im Original etwas bewegter. Im Deutschen haben wir nur ein Wort für „Liebe“, hier im Evangelium wird nach zwei Gesichtspunkten von Liebe gefragt: zweimal nach der sich hingebenden, aufopfernden Liebe, einmal nach der freundschaftlichen, sich dem anderen als Mensch zuwendenden Liebe. Liebe ist sehr vielfältig. Auch das wird ausgesprochen.
Und noch etwas wird deutlich: Jesus gibt die Menschen, auch die Versager, auch die, die ihn verleugnet haben, nicht auf. Seine Liebe ist eine nachgehende Liebe, die immer wieder nachfragt, die auf Antwort wartet. Und diesem ehemaligen Versager, der dann neu lieben kann, dem gibt er einen Auftrag: „Weide meine Lämmer, hüte meine Schafe“. Sei für die da, die zu mir gehören. Für die lieben, braven genauso wie für die bockigen, schwierigen. Für die, die ganz viel Schutz brauchen genauso wie für die, die gut auf eigenen Füßen stehen können. Für die, die sich verirrt haben, die weit weg sind. Gehe ihnen nach, schau, wo sie Hilfe brauchen, zeige ihnen gute Weidegründe, gute Lebensmöglichkeiten, gehe ihnen nach, sei für sie da. In der Tradition legt man das oft so aus, als wären damit bis heute der Papst, die Bischöfe, die Pfarrer, die Gemeindeleiter, vielleicht auch die, deren Beruf es ist, wie Jugendarbeiter, Diakoninnen und Diakone und so weiter gemeint. Aber ich glaube, dass mit Petrus hier jede und jeder angeredet ist und dass Jesus nicht nur Pfarrer oder andere Berufschristen so anreden würde. Ich glaube, dass das zum Beispiel für Konfis wichtig sein kann. Als Pfarrer weiß ich nicht, wer zwar am nächsten Sonntag in der Kirche „Ja“ zu Jesus sagt, aber am Dienstag seinen Freunden oder Freundinnen erzählt, wie blöd doch alles war und ausrechnet, wieviel Geld ihm eine Stunde Konfer im Durchschnitt gebracht hat. Und keiner weiß, ob nicht eine oder einer, der jetzt wirklich aus voller Überzeugung „Ja“ zu Jesus sagt, nicht in 5 oder 15 oder 25 Jahren in eine totale Glaubenskrise kommt und sich erstmal dann auch ganz von der Kirche, der Gemeinde, dem Glauben abwendet. Aber ich glaube erstens, dass Jesus immer wieder nachfragt, das ganze Leben lang, immer wieder seine Liebe anbietet und dass man, wenn man, wie Petrus, wieder neu „Ja“ sagen kann, auch entdecken kann, wo man diese Liebe und diese Erfahrung von Neuanfang und Vergebung für andere einsetzen kann. In der Schule, im Beruf, in der Familie, in der Nachbarschaft, in der Politik. „Weide meine Lämmer, hüte meine Schafe“ heißt eben nicht nur „sei in deiner Gemeinde aktiv“. Und auch für Erwachsene gilt das doch, auch wenn sie nicht hauptamtlich bei der Kirche arbeiten. Ein Beispiel ist für mich unser Richtsbergmobil. Vor allem ältere und alte Leute unterstützen das durch Mitarbeit und Spenden. Da werden Jugendliche nicht nur als anstrengende Störfaktoren gesehen, sondern da wird Verantwortung auch für Jugendliche übernommen, die man gar nicht kennt. Und es gibt noch viel mehr Beispiele, aber wenn ich die alle aufzählen würde, würde die Predigt viel zu lang. Sie ist jetzt schon viel zu lang, aber ich will doch noch was zum Ende des Gesprächs zwischen Jesus und Petrus sagen, weil da was deutlich wird, was für mich entscheidend für die Bibel überhaupt ist: Sie ist ehrlich und es steckt viel Trost in ihr.
Am Ende des Gesprächs redet Jesus davon, dass Petrus früher alles selbst in die Hand genommen hat, die Wege gegangen ist, die er gern gehen wollte, dass aber Zeiten kommen werden, in denen er auf Hilfe angewiesen sein wird, in denen er die Hände ausstrecken darf, er aber dann auch auf Wege geführt wird, die er lieber vermieden hätte. Wer wirklich mit der Liebe Jesu sich auf den Weg macht, der wird auch an Punkte kommen, wo es nicht einfach ist, wo er oder sie am liebsten weglaufen würde. Ehrlich. Nicht Beschönigend. Aber eben gerade dort werden sich die Stärke und die Liebe Gottes auch in seinem Leben zeigen. Eine andere Art, das zu sagen, ist im 23. Psalm: „und ob ich schon wanderte im finsteren Tal fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir“. Stärke zeigt nicht der, der meint, alles selbst schaffen zu können – auch nicht in der Gemeinde, als Pfarrer, Mitarbeiter, auch nicht in der Familie, in der Beziehung zu anderen Menschen oder zu Jesus. Stärke zeigt der, der erkennt, wo er selbst Hilfe braucht und Hilfe annehmen kann. Wo er den Mut hat, Hände auszustrecken, im Vertrauen darauf, dass Gott ihn führt und auch auf den schweren Wegen dabei ist. Die Aussicht dieser Nachfolge in der Liebe des Auferstandenen ist nicht ein leichtes Superleben, sondern ein Leben, dass auch dann noch was wert ist, wenn schwere Zeiten kommen, ein Leben, dass immer von der Liebe begleitet und gehalten wird. Auch noch im Tod und darüber hinaus. Dieser Weg wird kein leichter sein – aber es ist der Weg, auf dem die Liebe wirklich stark werden kann.
Amen.

Khamis, 28 Mac 2013

Gott ist verrückt, Glauben ist verrückt, Christen sind verrückt - Ostermontag 2013, Reihe V

Liebe Gemeinde!
Man muss schon ein bisschen verrückt sein, um an Gott zu glauben. Man muss schon ein bisschen verrückt sein, um hoffen und predigen und glauben zu können: der Tod hat keine Macht mehr. Gott wird alle Tränen abwischen. Die, die ihr Vertrauen auf Gott setzen, haben Grund zum Jubeln, haben jede Menge Grund, fröhlich zu sein. Sind wir alle verrückt? Ich auf der Kanzel, dass ich das alles zu ihnen sage? Elena, die sich heute hat taufen lassen und die in drei Wochen konfirmiert wird? „Gott sagt: Ich will dich nicht verlassen noch von dir weichen“ hat sie sich als Taufspruch ausgesucht, wissen kann sie das nicht. Und sie weiß, dass im Leben manches schief gehen kann und sie weiß auch, dass sie nicht immer ein perfektes Leben lebt. Ich auch nicht. Sind wir verrückt? Sind sie alle verrückt, heute Morgen, Ostermontag, wo man ja auch viele andere Dinge machen könnte, im Gottesdienst zu sein und sich anzuhören: Gott hat den Tod auf ewig besiegt, die Tränen werden abgewischt und wir alle werden Grund zum Jubeln haben? Ja, ich bin verrückt. Und Elena ist verrückt. Und sie alle, die sie heute Gottesdienst mitfeiern sind es auch. Verrückt nicht im Sinn von geisteskrank. Sondern verrückt in dem Sinn, dass wir alle eben aus der Spur dessen gerückt sind, was im Alltag als normal angesehen wird, als unveränderlich. Wir sind verrückt, weil wir nicht nur auf das schauen, was uns das scheinbar so normale Leben vorgibt und dieser Spur folgen, sondern weil wir ein bisschen rechts, ein bisschen links neben der Spur stehen und auf anderes sehen, Neues entdecken, das Hoffnung wecken und wachhalten kann, da, wo der Alltag, das scheinbar so normale Leben, uns eigentlich zur Verzweiflung treiben müsste.
Der Tod hat keine Macht mehr, die Tränen werden abgewischt: das sind keine Hoffnungen, die unser Alltag machen oder wachhalten könnte. Und ein bisschen leben wir als Organisation Kirchen, lebe ich als Pfarrer ja auch davon, dass das noch nicht so ist. Not lehrt beten, sagt ein altes Sprichwort. Und Gott sei Dank suchen Menschen immer noch Beistand in der Kirche, in Gemeinden, bei Pfarrerinnen und Pfarrer, wenn der Tod im Alltag seine Macht beweist, wenn Tränen sich eben nicht einfach so mit dem nächsten Tempotaschentuch trockenen lassen. Ich denke da an Trauergottesdienste anlässlich von Amokläufen und großen Unglücksfällen, ich denke an die Einsätze als Notfallseelsorger bei schweren Unglücken und Selbstmorden, ich denke an die Beerdigungen von jungen Müttern und Vätern, aber auch an viele Beerdigungen, die man so leicht „normal“ nennt, weil jemand mit 75, 85 oder 90 Jahren stirbt. Der Kirche, der Pfarrerin, dem Pfarrer wird zugetraut, anlässlich des unsagbaren Leids Worte zu finden, die anderen fehlen. Trost zu spenden, wo man spürt: ich selber kann jetzt keinen Trost finden. Gerade bei Menschen, die nicht an fast jedem Sonn- oder Feiertag Gottesdienste in der Kirche mitfeiern, hängt die Erfahrung, dass Kirche und Glauben an Gott sinnvoll sein können und man, obwohl man Kirche eigentlich nur selten nutzt, doch noch dafür bezahlt, davon ab, dass Pfarrerinnen und Pfarrer sinnvolle Worte und Gesten und Handlungen nicht nur bei den schönen Momenten im Leben anbieten, sondern auch dann, wenn die Tränen kommen, sinnvoll begleiten können. Also bin ich als Pfarrer vielleicht sogar doppelt verrückt, weil ich nicht nur von einer Hoffnung rede, die neben dem liegt, was der Alltag „normal“ erscheinen lässt, sondern auch noch von einer Hoffnung die mich selbst und meinen Arbeitgeber am Ende überflüssig macht? Ja,
vielleicht bin ich das.
Aber ich hoffe wirklich von ganzem Herzen, dass der Tag kommt, auf den schon die Propheten des ersten Bundes Gottes mit den Menschen hofften, wie hier der Prophet, der als Jesaja bekannt ist. Der Tag, an dem sich die Welt endgültig verwandelt. Der Tag, an dem die Menschen sich nicht mehr als Gegeneinander von Völkern, Sprachen, Rassen, Religionen, definieren, sich nicht mehr voneinander abgrenzen, sondern an dem Gott die Welt endlich endgültig zum Guten verwandelt. Der Tag, an dem sich die Menschen als die eine Familie der geliebten Kinder Gottes verstehen. Gerade zu Ostern, wenn wir eigentlich feiern können, dass dieser Sieg über den Tod durch Jesus schon errungen ist, wird mir schmerzlich bewusst, dass auch wir Christen viel zu selten ein Bild der Hoffnung für das Leben abgeben. Ich denke an die Streitereien und Rechthaberin von uns, die wir uns Christen nennen, untereinander. Da wird den einen abgesprochen, wahre Christen zu sein, weil sie Kinder taufen oder nach Meinung mancher nicht inbrünstig genug beten oder weil sie sich trauen, auch Fragen an Gott zu stellen und nicht alles wortwörtlich nehmen, was in der Bibel steht. Da wird den anderen abgesprochen, Christen zu sein, weil sie anders in der Bibel lesen oder sich trauen, Heilungsgottesdienste zu machen. Da kämpfen bis heute mancherorts, wie in Nordirland, Protestanten gegen Katholiken, wie auf dem Balkan Orthodoxe gegen Katholiken. Da wird darüber gestritten, ob Menschen, die das gleiche Geschlecht lieben, überhaupt das Recht hätten, an Gott zu glauben. Da ist wenig Mut da, wirklich mal verrückt zu sein und allem lebensfeindlichen zu widersprechen, weil wir von Ostern her auf das Leben hoffen dürfen. Weil schon die Propheten des ersten Bundes Gottes mit seinem Volk Israel die Hoffnung nicht aufgegeben haben, dass Gott die Menschen miteinander versöhnt und dass der Tod endgültig seine Macht verliert.
Dort, wo wir Menschen anderen ihr Menschsein absprechen, dort, wo andere als minderwertig angesehen werden, weil sie anders denken, glauben, handeln, lieben als wir, dort befinden wir uns noch im Machtbereich des Todes. Dort sind wir nicht verrückt genug, der frohen Botschaft, dass die Macht des Todes durchbrochen werden kann und dass Gott durch Jesus uns Menschen unsere Menschlichkeit zurückgegeben hat und uns mit sich versöhnt hat, wirklich zu trauen.
Aber wir haben, so glaube ich, wirklich Glück. Weil Gott noch viel verrückter ist, als wir das je sein könnten. Er ist so verrückt, uns Menschen zu lieben und uns Vergebung und Versöhnung anzubieten, obwohl wir immer wieder uns gegenseitig beweisen, zu wie viel Bösem wir in der Lage sind. Obwohl wir uns oft genug mehr als nur schwer damit tun, andere zu vergeben, will er uns vergeben. Obwohl er die Macht dazu gehabt hätte, hat er sich nicht dem Leid und dem Tod entzogen, sondern hat in Jesus Christus selber gelitten und ist gestorben. Und das Verrückte: das war nicht sein letztes Wort. Die Liebe ist stärker. Bis heute ist es Menschen nicht gelungen, die Hoffnung zu zerstören, die Liebe zu zerstören. Bis heute erleben Menschen, dass die Verrückte Botschaft von der Hoffnung ansteckend sein kann und sich nicht mit dieser Welt, wie sie oft scheinbar so unveränderlich ist, zufrieden gibt. Gott hat einen Aufstand für das Leben angezettelt. Keinen blutigen, der seine Opfer fordert, sondern einen Aufstand, der die Menschen versöhnt. Über alle Grenzen, die wir ziehen hinweg. Einen Aufstand, der uns eins sein lässt in der Liebe Gottes. Verrückt, das zu glauben. Gut, dass so viele den Mut haben, sich aus dem Normalen wegrücken zu lassen, verrückt zu sein, zu glauben, zu lieben, zu hoffen. Nicht nur an Ostern. Gut, dass Gott verrückt genug ist, an uns zu glauben. Gut, dass wir verrückt genug sind, lieben zu können. Nicht erst dann, wenn alles perfekt ist, sondern schon jetzt. Amen

Selasa, 26 Mac 2013

Weglachen ist auch keine Lösung - Ostersonntag 2013, Reihe V

Text: Johannes 20,11-18
Liebe Gemeinde!
Nach außen fröhlich und stark – wie es in mir drin aussieht, geht keinen was an. Es sind nicht nur Clowns und Komiker, die nach außen gute Laune verbreiten. Verkäuferinnen und Verkäufer sind erfolgreicher, wenn sie so handeln, und von Pfarrern, Lehrern, Ärzten wird eigentlich Ähnliches erwartet. Die eigenen Sorgen haben draußen zu bleiben, im Kontakt mit anderen soll Zuversicht und Positives ausgestrahlt werden. Auch in manchen Sinnsprüchen, die bei facebook gepostet werden und die das schon seit Jahrzehnten aus der Mode gekommene Poesiealbum ersetzen, wird eines deutlich: zeige deine Tränen nicht zu offen, andere könnten das als Schwäche auslegen und ausnutzen. Selbst in vielen kirchlichen Büchern, die der Vorbereitung auf Ostern dienen und mir als Pfarrer die Vorbereitung auf dieses Fest erleichtern sollen, war in den letzten 10,15 Jahren immer wieder von der Wiederentdeckung des angeblich altchristlichen Brauches vom Osterlachen die Rede, gepaart mit dem Hinweis, man sollte doch die Predigt entsprechend gestalten, dass genügend gelacht werden kann. Ich halte es da lieber mit dem Prediger Salomo, der vor langer Zeit klug feststellte: Alles hat seine Zeit. Das Lachen und das Weinen. Weinen, das das Lachen nicht kennt und verleugnet, wird unerträglich und falsch, weil es einen Teil der Wirklichkeit ausblendet. Aber auch ein Lachen, dass das Weinen nicht wahrhaben will, wird zu einem hohlen, manchmal verhöhnenden Lachen, weil es das Leben verleugnet. Ostern ist ganz gewiss ein Fest der Freude – weil wir feiern dürfen, dass das Leben stärker als der Tod ist, weil wir feiern dürfen, dass wir nicht an einen toten Gott, sondern an einen höchst lebendigen und gegenwärtigen Gott glauben.
Und trotzdem erzählt uns Johannes, der Evangelist, dass Maria aus Magdala, deren Leben von Jesus zum Guten verändert wurde, die eine enge Freundin von Jesus war, weint. Tränen gehören anscheinend auch zum Ostermorgen. Maria weint, weil sie nur ein leeres Grab findet. Das erzählt die Vorgeschichte zu dem Abschnitt, den ich eben als Predigttext vorgelesen habe. Wenigstens einen Ort der Trauer hätte sie gern gehabt. Den Leichnam als sichtbaren Beweis dafür, dass da mal was war, an Liebe, an Veränderung in ihrem Leben, an gutem Leben. Dass da mal was war und dass sie sich das nicht nur eingebildet hat. Sie sucht nach Beweisen für eine gute Vergangenheit, nach etwas, an dem sie sich festhalten kann – und sie findet das, was IST. Sie findet eine neue Gegenwart, einen neuen Aufbruch ins Leben. Ostern als Aufbruch ins Leben, Glauben an den lebendigen, auferstandenen Christus als Mittel zum Leben – aber nicht so und nicht dadurch, dass die Vergangenheit verneint wird oder die Trauer verleugnet werden muss, sondern dadurch, dass auch die Trauer ihren Raum und ihre Zeit haben darf. Neues Leben, neuer Glauben, neues Vertrauen kann nur dann und dort sein, wo vom Alten Abschied genommen werden durfte, wo eigene Schritte gegangen werden dürfen, die die Trauer verwandeln.
Wir müssen an Ostern nicht so tun, als sei unsere Welt oder unser Leben vollkommen. Ostern ist, wenn man das Johannesevangelium hier ernst nimmt, der Tag, an dem mitten im Weinen, mitten in der Trauer, die immer wieder ins Leben einbricht, auf Neues gehofft werden kann. Vielleicht steht Maria aus Magdala auch bis heute für Menschen, für uns. Für die Trauer um einen ganz wichtigen Menschen, der im Leben fehlt. Aber auch für die Trauer, die verlorengegangener Glauben, enttäuschte Hoffnung, zu Grabe getragene Träume verursachen. Der Jesus, den sie kannte, dem sie glaubte und vertraute, von dem sie erhoffte, dass er ihr Leben weiter verändert und zum Guten führt, der ist nicht mehr. Glauben in dieser Welt, Glauben in unserem Leben ist immer auch angefochtener Glauben.
Spannend und wirklich wegweisend ist das, was in dieser Situation Maria passiert und wie sie sich selbst von Ostern her ändert.
Da ist einmal die Ansprache aus dem Grab heraus. Dort, wo eben noch eine Leerstelle in ihrem Leben war, die drohte, ihr ganzes Leben praktisch aufzusaugen, nimmt sie plötzlich zwei Engel wahr. Boten Gottes, die sie ansprechen, die ihr deutlich machen: „Wir nehmen wahr und ernst, was mit dir los ist.“ Und dann ändert sich ihre Blickrichtung. „Sie wandte sich um“, so beschriebt es Johannes. Trauer ändert sich nicht dort, wo über sie hinweggegangen wird und ein Weiterleben so, als wäre nichts geschehen, verlangt wird. In einer Welt, in der nur das positive äußere Bild zählt, in der alles, was den reibungslosen Ablauf stört, weggedrückt wird, ein ungewöhnlicher Ansatz. Es geht nicht darum, in Selbstmitleid zu versinken und sich selbst immer wieder zu spiegeln, wie schlimm das eigene Leben und das eigene Schicksal ist und wie schwer der Verlust ist. Beides, eine Welt, die glattes, nach außen gerichtetes Funktionieren und Lächeln fordert, und eine Welt, die in Selbstmitleid versinkt, sind keine österlichen Welten. Es geht darum, dass eine Veränderung da sein kann, wenn die Erfahrung da ist, in der Trauer wahr- und ernstgenommen zu werden. Ostern wird dort erfahrbar, wo Verlust und Trauer wahrgenommen wird und wo aus dieser Wahrnehmung heraus der Blick wieder nach vorn gerichtet werden kann. Marias Erfahrung auf dem Friedhof lehrt uns, dass Ostern ein Fest der Gegenwart ist. Es geht darum, den Blick für die Gegenwart öffnen zu können, das Leben Jesu in der Gegenwart wahrnehmen zu könne nund daraus Hoffnung für die Zukunft, Vertrauen in Gottes Mitgehen neu schöpfen zu können. Ich weiß, dass nicht nur meine Schülerinnen und Schüler die Frage nach dem, was damals auf dem Friedhof und im Grab geschah und wie das mit der Auferstehung in einem historisch-wissenschaftlichen Sinn wirklich gewesen sei, beschäftigt. Aber das ist nicht die entscheidende Frage, weil sie den Blick in der Vergangenheit lässt. In der Vergangenheit, in dem was gewesen ist, auch dann, wenn ich es in einem historisch-wissenschaftlichen Sinn beweisen könnte, würde ich Jesus als den lebendigen Christus niemals finden. Maria richtet also ihren Blick in die Gegenwart und entdeckt den, an dem sie auf ihrem Weg zum Grab offensichtlich vorüberging ohne ihn zu bemerken. Den Mann, den sie für den Gärtner hält. Sie sieht etwas mehr von ihrer Umgebung, aber noch nicht die ganze, neue Wirklichkeit. Denn auch hier sind ihre Gedanken noch in der Vergangenheit. Er spricht sie an und sie fragt nach dem Toten. Noch hat die Hoffnung auf Veränderung ihr Herz nicht erreicht. Sie sieht, aber sie versteht noch nicht. Das kommt dann mit der persönlichen Ansprache. „Maria“ – ein Wort öffnet eine neue Welt. „Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein“ – diese Zusage aus dem Buch Jesaja erhält hier eine ganz neue Bedeutung. Maria gehen die Augen wirklich auf. Der Tod Jesu hat die Beziehung nicht zerstört und unmöglich gemacht, sondern Lässt sie in der Gegenwart neu werden. Die Gedanken bleiben nicht länger in der Vergangenheit, bei dem Leichnam, sondern sie werden frei dafür, die tiefere Wahrheit in der Gegenwart sehen zu können und aus ihr Vertrauen und Hoffnung auf Gottes Gegenwart jetzt und in Zukunft schöpfen zu können. Auferstehung erschöpft sich nicht in einem naturwissenschaftlich sehr unwahrscheinlichen Geschehen auf einem Jerusalemer Friedhof in den 30er Jahren zu Beginn unserer Zeitrechnung. Über dieses Geschehen kann niemand etwas sagen, darüber schweigen auch die biblischen Zeugnisse. Auferstehung ist erlebbar dort, wo sie die Gegenwart von Menschen berührt und verändert. Dort, wo Jesus Christus als der Lebendige wahrgenommen werden kann, dort, wo erfahren wird, dass die Beziehung zum Grund allen Seins, zur Liebe Gottes, stärker als der Tod ist. Was das biblische Zeugnis, hier bei Johannes genauso wie auch bei Lukas und bei Paulus, deutlich macht, ist, dass die Auferstehung Vergangenes nicht bruchlos fortsetzt und dass der Auferstandene offensichtlich ganz anders wahrgenommen wurde als der Jesus, den Maria und die Jünger vor der Kreuzigung kannten. Maria erkennt ihn zunächst nicht, die Emmausjünger erkennen ihn zunächst nicht. Erst dann, wenn er selbst die Beziehung aufnimmt, durch Ansprache und durch sein Handeln, dann gehen die Augen auf. Es ist also keine menschliche Leistung, zu hoffen und zu vertrauen, sondern ein Geschenk. Nichts, was durch auswendig gelernte Sätze und Bekenntnisse hergestellt werden kann, sondern etwas, das empfangen und immer wieder in der Gegenwart neu gesehen werden muss. Und Hoffnung lässt sich nicht festhalten. „Rühr mich nicht an“ – man kann auch „Halt mich nicht fest“ übersetzen – sagt Jesus zu Maria. Niemand hat Jesus fest als Besitz. Der Auferstandene lässt sich nicht handhaben. Glauben wird dort österlich, wo er Hoffnung wachhalten kann, ohne sie besitzen zu wollen. Glauben wird dort österlich, wo er vom Blick auf das Vergangene loskommen und die Gegenwart neu sehen kann. Glauben wird dort österlich, wo nicht nur das Lachen sein muss, sondern auch das Weinen sein darf und es dadurch verwandelt werden kann, dass es nicht überspielt, sondern ernstgenommen wird. Ostern verwandelt Leben. Ostern führt uns nicht in eine Scheinwelt ohne Widersprüche und Verluste, sondern Ostern hält mitten in diesem Leben mit all seinen Widersprüchen die Hoffnung wach, dass da mehr an Leben ist. Ostern widerspricht dieser Welt, die sich gierig an das Leben klammert und dabei zu viel ausklammert. Menschen, die scheinbar nicht funktionieren. Menschen, die nichts haben. Den Tod. Ostern verwandelt. So, wie auch Maria verwandelt wird. Von der, die nach dem Leichnam sucht zu der, die das Leben verkündet. Von der Trauernden zum Engel für andere. Nicht, obwohl sie weinte, sondern weil sie weinen konnte. Maria geht und verkündigt den Lebenden. Gut, dass es solche Menschen gibt. Bis heute. Amen.

Wie kannst du nur so ruhig bleiben? - Karfreitag 2013, Reihe V

Liebe Gemeinde!
Schrecklich nüchtern erzählt der Evangelist Matthäus hier von einem unvorstellbaren Grauen. „Wie kannst du nur so ruhig bleiben“ könnte man ihm vielleicht zurufen. Grauen, Folter, Leid, Tod faszinieren nicht erst seit der Erfindung von Film und Fernsehen, des Internets und von PC-Spielen viele Menschen. Im Mittelalter und im Barock gibt es unglaublich blutrünstige Darstellungen der Kreuzigung Christi, monströse Darstellungen auch von Höllenqualen, die an naturalistischer Darstellung von Folter und Grausamkeit nichts vermissen lassen. Und heute, in einer Zeit, in der, befeuert durch Pseudo-Gesprächsrunden im auch im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, nicht die nüchterne Analyse oder die Ruhe zum Nachdenken und Bedenken, sondern dass sich gegenseitige Niederbrüllen als Ausdruck wahrer Betroffenheit gefeiert wird und in der bei jedem Unglück möglichst die Betroffenen sich emotional völlig entblößt zu Schau stellen lassen müssen, verwirrt solche Nüchternheit. Ohne jede Sensationslust beschreibt der Evangelist Matthäus, wie die Entwürdigung des Opfers voranschreitet, wie dem Opfer die Sprache geraubt wird und in einem sprachlosen Schrei der Höhepunkt der Gewalt seinen Ausdruck findet. Ohne Lust an der Sensation erzählt der Evangelist Matthäus nüchtern und präzise von der Reaktion der Menschen, die mit dem Opfer konfrontiert werden. Aber gerade diese ungewöhnliche Nüchternheit, diese distanzierte Art, von Gewalt zu reden und Gewalt darzustellen, ist möglicherweise sehr viel hilfreicher als jeder pseudodokumentarische, ans Pornografische grenzende Versuch, das Grauen bis ins Letzte nacherlebbar zu machen. Die Entblößung des leidenden Körpers, der Emotionen, der Zwang zur Zurschaustellung der Verletzungen, der körperlichen und der seelischen, ist oft genug nur eine Fortsetzung dessen, was Matthäus hier so nüchtern  beschreibt.
Die Kleider werden Jesus genommen, andere bereichern sich noch an ihnen. Selbst sein Durst wird noch dazu benützt, die Macht der Folterer zu zeigen. Linderung hat er nicht zu erwarten.  Und es sind keine Monster, die ihn quälen. Keine Psychopathen mit verkorkster Kindheit, sondern Menschen, die ihre Arbeit tun. Und die, die vorbeigehen, die sich über sein Leid lustig machen, die ihn mit Spott überziehen, denen das Leid ganz offensichtlich Vergnügen bereitet, sind keine Soziopathen, die sich in irgendeiner Form für eingebildetes selbst erlittenes Unrecht an ihm oder an der Gesellschaft rächen wollen, sondern es ist, das legt die nüchterne Schilderung von Matthäus nahe, die gar nicht mehr schweigende Mehrheit. Ein Freitagsspaziergang der Musik- und Literaturliebhaber, der ehrlichen und fleißigen Arbeiter, der Hausfrauen und Beamten, der Rentner und Tagelöhner, die
sich einig sind in ihrem Urteil: „Besser als der da oben bin ich allemal.“ Nochmal schnell auf den Schwachen drauf getreten, auch wenn’s nur mit Worten ist. Und selbst die, die im wahrsten Sinn des Wortes mitleiden, die Räuber, die rechts und links hängen, machen mit. Da ist einer, der sich nicht wehrt. Dem kann man schnell noch einmal eine Beleidigung mitgeben. Hier kann man auch in aussichtsloser Lage deutlich machen, dass es einen gibt, der scheinbar noch tiefer steht. Der alltägliche Wahnsinn der Gewalt. Die Banalität und Normalität der Gewalt, die eben nicht erst bei der Folter und der Tötung anfängt, sondern die genau da beginnt, wo dem Menschen seine Würde genommen wird. Durch Entblößung, durch den Zwang zur körperlichen und seelischen Nacktheit. Durch Worte, Handlungen, Gesten, die deutlich machen: du bist zu einem Objekt geworden. Kein Mensch mehr mit dem unveräußerlichen Recht auf Mitmenschlichkeit, sondern ein Objekt, ein Ding, eine Sache, mit der ich fertig werden kann, die ich fertig machen kann.
Der Verzicht von Matthäus auf ein großes Ausschmücken der Gewalt, auf blutrünstige Darstellung dessen, was ja wirklich blutig war, auf die Darstellung der Menschen, die Jesus auch durch Worte mitfoltern, als gestörte, kranke Existenzen, öffnet den Blick über die einmalige Sensation hinaus auf das Grundsätzliche der Kreuzigung Jesu und auf  ihre Bedeutung bis heute. Es bleibt kein Horrorspiel historischer Vergangenheit, auch keine erbauliche Erzählung zum Gruseln oder zum sanften Wohlfühlen, weil heute ja alles anders wäre, sondern gerade durch die Nüchternheit wird es zu einer Erzählung über das Menschsein. Über die Menschwerdung Gottes, über unser Menschsein.
Von dieser Normalität des Bösen, von der Alltäglichkeit des Grauens, von der mehr oder weniger versteckten Lust am Grauen und von dem Drang, auf Kosten der Opfer sich selbst gut zu fühlen, können Menschen sich nicht selbst erlösen. Damals nicht. Und heute auch nicht. Wir sind verstrickt in diese alltägliche Grausamkeit. Sünde geschieht bis heute auch dort, wo Menschen objektiviert werden. Wo Menschen zu Sachen gemacht werden. Zu Kosten- und Produktionsfaktoren. Wo schon ein Gerücht reicht, um Leben zu zerstören. Ich will an dem Verhalten des ehemaligen Bundespräsidenten Wulff nichts schön reden und erst recht will ich ihn in keiner Weise mit Jesus gleichsetzen. Im Gefühl der moralischen Überlegenheit hat vor gut einem Jahr fast jeder Witze über ihn gemacht und sich darüber gefreut, dass es da endlich mal einen von den scheinbar Großen erwischt. Nach langen, langen Ermittlungen bleibt wahrscheinlich der Vorwurf übrig, dass er eine Differenz von 800 Euro einem Bekannten nicht erstattet hat. Millionen Menschen haben sich auf seine Kosten gut und überlegen gefühlt. Wegen einer materiell eher geringfügigen Verfehlung. Wir Menschen sind verführbar, auch ich selber. Bis heute. Schlimmer und gravierender sind die Opfer, die es kaum  mehr in die Schlagzeilen schaffen. Die unter menschenunwürdigen Bedingungen in Südspanien lebenden Plantagenarbeiter, die dafür sorgen, dass wir auch im Winter relativ günstig Tomaten und Paprika kaufen können. Die Sinti und Roma, die ganz legal in Deutschland leben, weil es uns aus unserer Geschichte her wichtig war, in Europa Freizügigkeit und Sicherheit für alle zu garantieren und die als Sozialschmarotzer diffamiert werden. Die Frauen, die sich trotz Fleiß und vieler Minijobs keine vernünftige Sicherung aufbauen können und die dann zu hören kriegen: Hätten sie mal nicht so viele Kinder kriegen sollen, hätten sie in der Schule besser aufpassen sollen, hätten sie mal nach besseren Ehemännern Ausschau halten sollen. Gewalt fängt nicht erst da an, wo Menschen körperlich gefoltert werden, wo in Ego-Shootern das Töten zur normalen Banalität verkommt, Gewalt fängt da an, wo Menschen objektiviert werden und wo Menschen auch durch Sprache entmenschlicht werden. Für mich lenkt gerade die Nüchternheit der Karfreitagserzählung von Matthäus den Blick auf diese Wahrheit, weil kein Blutbad und keine Diffamierung der Täter ablenkt.
Karfreitag lässt Gott uns eine überlebenswichtige Wahrheit über das Menschsein offenbar werden. Die Wahrheit, dass Gott am Ende die Opfer ins Recht setzen wird. Die Wahrheit dass Gottes Menschwerdung nicht in einem Superstarkult, sondern in der Einswerdung, der Identifikation mit den Opfern, mit den Leidenden sich erfüllt. Die Wahrheit, dass wir uns aus der alltäglichen Normalität und Banalität des Bösen bis heute nicht selbst erlösen können, sondern dass wir auf Erlösung und Vergebung angewiesen bleiben. Die Wahrheit, dass auch das Böse die Wahrheit nicht unterdrücken kann. Die Wahrheit siegt – das ist die Hoffnung, die der Karfreitag macht. Aber die Wahrheit muss – und kann ausgehalten werden.
Die Wahrheit siegt – das zeigt sich gerade in der Nüchternheit von Matthäus darin, dass die Spötter ohne es zu wollen die Wahrheit aussprechen. „Er hat anderen geholfen  - aber sich selbst hilft er nicht“. Ja, Gott ist nicht um seiner selbst, sondern um der Menschen, der Leidenden willen, in Jesus in diese Welt gekommen.
Und am Ende hält er selbst die Erfahrung der Gottesferne aus: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" – In diesem Aufschrei stellt sich Gott selbst an die Seite aller, die angesichts ihres eigenen Leids, ihrer getöteten Kinder, ihrer Missbrauchserfahrungen und anderen schrecklichen Dingen mehr an Gott irre zu werden drohen. Gott ist nicht an der Seite der Besänftiger und Beschwichtiger, sondern an der Seite derer, die ihn als den ganz Fernen erfahren. Und dann der Schrei. Das Ende der Sprache. Das ist da, kann nicht weggeredet werden, bevor sich alles ändert. Kein Stein bleibt auf dem anderen, was tot war, wird lebendig und was lebendig schien ist tot. Und Gott zeigt sich neu. Der Vorhang, der dem gewöhnlichen Volk den Blick auf Gott im Tempel versperrte, zerreißt. In diesem Schrei, in diesem Tod wird der Blick auf Gott selbst frei. Für alle, nicht nur für Auserwählte. Und der erste, der das bekennt, ist ausgerechnet einer der Folterknechte. Keiner, der die Heiligen Schriften studiert hätte, keiner, der im Tempel gebetet hat, keiner, der seinen Platz in der Nähe Gottes gesucht hätte. „Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn gewesen!“ In aller Nüchternheit erkennt er nach allem Grauen die Wahrheit und spricht sie aus. Und wir?

Mitten in der Nacht wird Gott radikal - Gründonnerstag 2013, Reihe V

Liebe Gemeinde!
Mitten in der Nacht. Eigentlich die ruhigste Zeit überhaupt. Die Zeit, in der das Rascheln einer Maus laut wie ein Orkan zu sein scheint. Mitten in der Nacht blöken die Lämmer, als sie geschlachtet werden. Mitten in der Nacht prasseln die Grillfeuer. Mitten in der Nacht besuchen sich Nachbarn. Mitten in der Nacht schleichen sich die Hausväter nach draußen und bestreichen die Türpfosten mit Blut. Mitten in der Nacht – die stillste Zeit des Tages wird geschäftig. Mitten in der Nacht bleiben die Sklaven munter. Und die Herren, die beunruhigt das nicht. Mitten n der Nacht schlafen sie in der Sicherheit, dass sich die Ordnung, die sie mit Gewalt aufrechterhalten, nicht ändern wird. Mitten in der Nacht sind sie ruhig. Aber ihre Nachtruhe ist trügerisch. Denn mitten in der Nacht wird Gott ganz radikal. Nicht ihr Gott, der Könige zu Göttern macht, sondern der Gott der Sklaven. Der Gott, der Freiheit und Gerechtigkeit fordert und schenkt. Mitten in der Nacht beginnt die Freiheit. Aber die Freiheit hat ihren Preis. Und der wird teuer mitten in der Nacht bezahlt.
Abenteuer beginnen oft in der Nacht. In der Nacht, die manches vor den Augen verbirgt. In der Nacht, in der das Erschrecken oft größer ist als am Tag. Und es ist ein Abenteuer, von dem uns in der Bibel erzählt wird. Sie erzählt uns von dem Abenteuer, Gott wirklich zu begegnen.  Und hier berühren sich unsere Geschichte, auf dem Richtsberg im Gottesdienst am Gründonnerstag 2013 und die Geschichte des Volkes Gottes, der Israeliten, der Juden, des Passamahls und dem Punkt, an dem dieses Fest der Feste der Juden in der Geschichte Gottes mit seinem Volk, seinen Menschen festgemacht wird. Sklaven waren sie in Ägypten, so erzählt es die Bibel. 430 Jahre lang. Seit Generationen hat wirklich keiner mehr eine lebendige Erinnerung daran, was Freiheit heißen könnte. Die nationalsozialistische Diktatur in Deutschland hat 12 Jahre gedauert, die Unfreiheit im DDR-Sozialismus 40 Jahre, die Unterdrückung in Nordkorea dauert seit gut 60 Jahren an, die kommunistische Herrschaft in der ehemaligen Sowjetunion hat gut 70 Jahre gedauert. Die Hoffnung, dass etwas anders sein könnte, die gab es noch. Aber nach 430 Jahren?  Trotz aller Unfreiheit, trotz aller Unterdrückung, die vielleicht im Alltag oft gar nicht mehr zu spüren war, weil sie als unveränderlich und beinahe normal angesehen wurde, hielten die Menschen im Glauben an ihren Gott, der durch seinen Sohn lange nach dieser Zeit auch unser Gott wurde, fest. Und sie glaubten Mose und sie trauten Gott zu, auch nach 430 Jahren Unterdrückung und Unrecht, dass er ein Gott der Freiheit und der Gerechtigkeit ist. Ein Wunder. Nicht nur mitten in der Nacht, sondern jeden Tag, an dem die Menschen glaubten, vertrauten, neu. Ein Abenteuer, weil es keine
 Sicherheit gibt, dass sich die Verheißungen und Hoffnungen erfüllen. Ein Abenteuer, weil keiner weiß, wie das Land der Freiheit und Gerechtigkeit aussieht. Ein Abenteuer, weil keiner auch nur eine Ahnung davon hat, wie der Weg dorthin aussieht. Die Menschen lassen sich darauf ein – und sie begegnen dabei Gott. Einem faszinierenden Gott, der die Leiden seiner Menschen ernst nimmt. Einem Gott, der sich zuwendet, der sein Volk auch vor den Folgen seines Zorns schützt. Das Blut an der Tür soll, wie die biblische Überlieferung erzählt, ja ein Schutzzeichen sein. In jedem Haus, in jedem Stall, auf jedem Feld wird das erstgeborene Kind, das erstgeborene Vieh sterben – nur in den Häusern der Sklaven, die diesem Gott vertrauen, obwohl sie auf der Verliererseite stehen, nicht. Weil sie im Vertrauen auf diesen Gott auf das Wort seines Boten hin, ein Zeichen an ihre Tür machen. Weil sie dem Wort Vertrauen schenken. Sie begegnen Gott. Dem Gott, der ihnen Freiheit schenkt – der aber auch unbegreiflicherweise Leben nimmt. Einem Gott, der auch Angst machen kann. Einem Gott, der nicht zu verstehen ist, der nicht dadurch klein gemacht werden kann, dass man sein Wesen bis ins Letzte erklärt, sondern Gott, der den Menschen immer auch fremd ist. In der Nacht begegnen beide Seiten Gottes: die schöne, zugewandte, liebevolle, nahe Seite ebenso wie die ganz fremde, die gern verdrängt wird.
Aber das Abenteuer hört nicht mit der Befreiung auf. Das Abenteuer der Begegnung mit Gott geht weiter. Bis zu uns. Wir feiern heute nicht die Befreiung aus der ägyptischen Sklaverei. Es ist das Fest des Volkes Israel, das es, Gott sei Dank, in der Erinnerung an Gottes befreiendes Handeln bis heute feiern darf, weil Gottes Liebe zu seinem Volk sich stärker erwiesen hat als aller menschlicher Vernichtungswille, den Menschen, gerade auch Christen, gerade auch Deutsche, dem Volk Gottes, den Juden, gegenüber immer wieder gezeigt haben.
Es ist nicht unser Fest, das Fest von dem der Predigttext heute erzählt. Aber es war das Fest, das Jesus mit seinen Jüngern gefeiert hat, in der Nacht, als er verraten wurde. Wir feiern anders. Wir feiern nicht nur einmal im Jahr, sondern an vielen Feiertagen, an vielen Sonntagen, in manchen Kirchen auch wöchentlich oder fast täglich. Wir sind in der Feier nicht an diesen Abend gebunden. Aber in wenigstens zwei Punkten berührt sich unsere Feier mit dieser Feier, von der das zweite Buch Mose erzählt. Da ist einmal die Erinnerung an ein befreiendes Handeln Gottes, das zwar keiner von uns historisch persönlich miterlebt hat, aber in das wir alle mit hineingenommen sind. Christus befreit zum Leben. Aber – und da sind wir wieder auch an diesem Abend bei der dunklen Seite, der Nachtseite – er tut das dadurch, dass er diese Befreiung nicht jenseits von allem Leid durch übermenschliche Kräfte vollzieht, sondern dadurch, dass er – und in ihm Gott – sich dem Leid und dem Tod aussetzt. Die Befreiung zum Leben geschieht dadurch, dass Leiden nicht ausgeblendet wird. „Mein Leib, mein Blut für euch“ – das ist die Erinnerung, die WIR mit diesem Abend verbinden. Mein Leid, damit ihr in eurem Leid nicht allein seid, damit euer Leid verwandelt werden kann. In Jesus zeigt sich, dass ist der zweite Berührungspunkt, eben in erster Linie nicht der liebe Gott, der nette Onkel, der Kinder in die Arme nimmt und segnet und Kranke heilt, sondern der liebende Gott, der Gott, der uns mit dem ganzen Leben konfrontiert, auch mit den dunklen Seiten. Der Gott, der eben nicht auf eine einfach handhabbare Seite reduziert werden kann, der nicht bequem für die schönen Tage ist, sondern der Gott, der uns auch mit unseren Schattenseiten und unseren Grenzen konfrontiert und der sich auch in manchem unserem Denken, unserem Lieben, unserem Glauben entzieht.
Mitten in der Nacht, in der Dunkelheit, in der Gottferne tut sich was. Befreiung. Gott ist auf der Seite der Schwachen, der Unterdrückten. Aber er ordnet keinen Sklavenaufstand an, kein gesteigertes Blutvergießen, keinen blutigen Krieg im Nehmen der Freiheit. Menschen greifen nicht zu den Waffen, um im Namen Gottes Recht zu schaffen. Gott selbst schafft Recht. Blut fließt – und bei aller Kritik an diesem uns so fremden Handeln Gottes – es ist kein Blutrausch, keine Spirale der Gewalt, sondern, anders als wir es bei modernen Revolutionen im Namen der Freiheit und Befreiung erleben, ein Eingrenzen der Gewalt, kein Vernichten des Gegners. Mitten in der Nacht, an die wir uns heute erinnern, fließt dann auch kein anderes Blut mehr als sein, als Gottes Blut. Die Feier des Abendmahles ist ein Ausdruck der Hoffnung darauf, dass zur echten Befreiung keine Gewalt mehr nötig ist. Das Gott allem Blutvergießen ein Ende setzen will und vor allem, dass keiner sich herausnehmen darf, im Namen Gottes anderen Gewalt anzutun. Christen sind schuldig geworden. Immer wieder, immer noch. In Kriegen, die angeblich der Freiheit dienen, die aber Menschen das Leben kosten. In gewaltsamen Auseinandersetzungen, in denen sie Gottes Namen für das eigene Interesse missbrauchen. Und dadurch, dass sie Menschen mit anderem Glauben, nicht zuletzt dem Volk, dem Gott die Freiheit schenkt, seinem Volk, das Recht auf Leben absprechen. Die dunkle Seite der Menschheit, die Nacht der Unmenschlichkeit. Mitten in der Nacht tut sich was. Im Abendmahl, in der Erinnerung an Gottes befreiendes Handeln durch Jesus Christus, im Annehmen seiner Gegenwart lädt Gott zu Umkehr, zum Aufbruch ein. Aufbruch in die Freiheit. Wie die aussieht? Da geht es uns wie dem Volk Israel: wir erfahren es erst dann, wenn wir uns auf den Weg machen. Es ist immer wieder ein Aufbruch ins Unbekannte. Mitten in der Nacht tut sich was. Gott lädt uns ein, sich mit ihm auf den Weg zu machen. Gestärkt in dem Mahl, in dem wir seine Gegenwart feiern. In dem wir uns daran erinnern, dass Christus uns mit Gott versöhnt. In dem er uns stärken will, auch an den Nachtseiten Gottes nicht irre zu werden, sondern Gott als den zu entdecken, als der er sich offenbart hat: als den liebenden, der ganz nah ist, dessen Größe ihn aber auch immer wieder als den ganz Fremden erscheinen lässt. Mitten in der Nacht tut sich was. Gott befreit – und wir können aufbrechen. Gebe Gott uns den Mut und die Kraft dazu.
Amen.

Sabtu, 16 Mac 2013

Vorstellungsgottesdienst 2013: Schöner scheitern? - Petrus (und wir?) mit Jesus unterwegs

Diesmal nur die Texte für den Anspiel- / Verkündigungsteil. Die vorbereitende Konfirmandenfreizeit hatte Petrsu zum Thema, die Konfis, die diesen Teil vorbereiteten, wollten sich auf den Ruf in die Nachfolge und die Verleugnung beschränken. Und das kam dabei raus:

Anspiel / Verkündigung 1
Petrus: Manchmal wünsche ich mir, dass sich mein Leben ändert. Jeden Tag immer das Gleiche. Netze flicken, raus auf den See, Netze auswerfen, wieder zurück, den fisch verkaufen, nach Hause, arbeiten, schlafen, dann wieder von vorn.
Andreas: Geht mir genauso. Aber was stellst du dir denn vor? Unser Vater war schon Fischer, unser Großvater auch. Da kann man nichts machen. Wir werden Kinder kriegen und wenn die groß sind, werden die dann auch Fischer. So ist das nun mal.
Petrus: Aber da muss doch noch mehr sein! Mein Leben muss doch noch einen anderen Sinn haben als jeden Tag das Gleiche zu machen!
Jesus: Kommt mit mir! Ich bringe den Menschen Gottes Botschaft und seine Liebe. Kommt mit mir, ich brauche euch!
Andreas: Sollen wir?
Petrus: Klar, endlich ändert sich was! Los, wir gehen mit!
Sprecher: So einfach war das, so steht es wenigstens in der Bibel. Jesus kommt vorbei, spricht die beiden an, uns schon gehen sie los. Und sie haben dann unterwegs eine Menge erlebt. Hören wir ihnen ein paar Monate später doch noch mal zu.
Petrus: Ich fand das stark, wie Jesus meine Schwiegermutter gesund gemacht hat. Und überhaupt: er ist nicht nur zu Verwandten oder Freunden von uns oder sich gegangen, sondern zu vielen ganz Fremden und hat sie wieder gesund gemacht.
Andreas: Ich fand das manchmal ganz schön eklig mit den Krankheiten, aber Jesus hat das alles nichts ausgemacht. Und jetzt traue ich mich auch mehr, auf fremde Leute zuzugehen.
Petrus: Und ich ekel mich auch nicht mehr so vor Kranken. Ich sehe jetzt auch bei Fremden viel eher, dass sie Hilfe brauchen. Der Weg mit Jesus hat mich verändert. Wir sind vielen interessanten Leuten begegnet. Jesus hat tolle Sachen erzählt, die die Herzen von ganz vielen berührt haben – und mich hat er noch viel mehr für Gott begeistert.
Andreas: Und ohne Jesus säßen wir noch heute am See und würden Netze flicken. wir haben ganz viel gesehen, gehört und erlebt.
Sprecher: Nicht nur die Begegnung mit Jesus hat Petrus und seinen Bruder Andreas verändert. Es war auch ihr Mut, einfach alles liegen zu lassen und mit ihm zu gehen. Würde das heute auch noch funktionieren? Wo würde Jesus heute Menschen ansprechen? Vielleicht ja in der Schule…
Zwei Schüler: (stehen zusammen, reden miteinander)
Jesus: Kommt mit mir! Ich bringe den Menschen Gottes Botschaft und seine Liebe. Kommt mit mir, ich brauche euch!
Schüler 1: Ich würde ja gern weg aus der Schule, aber wir haben in der nächsten Stunde Mathe und da schreiben wir morgen eine Arbeit. Sorry, ein andermal vielleicht!
Schüler 2: Spinnst du? (Zu Jesus:) Hau bloß ab, du bist bestimmt ein Kinderschänder1 hast du dich im Sekretariat angemeldet? (Zu Schüler 1): Komm, lass uns mal gehen, Erwachsenen kann man doch nicht trauen!
Sprecher: In der Schule scheint es ziemlich schwer zu sein. Aber vielleicht klappt es ja in der Kirche.
Zwei Gottesdienstbesucher: (Stehen mit dem Rücken zur Gemeinde vor dem Altar)
Jesus: Kommt mit mir! Ich bringe den Menschen Gottes Botschaft und seine Liebe. Kommt mit mir, ich brauche euch!
Gottesdienstbesucher 1: Psst. Wir feiern gerade Gottesdienst, da kannst du nicht dazwischenquatschen!
Jesus. Aber…
Gottesdienstbesucher 2: Halt doch mal die Klappe! Jetzt feiern wir Abendmahl! Da feiern wir, dass Jesus mitten unter uns ist.
Jesus: Aber ich…
Gottesdienstbesucher 1: Herr Pfarrer, können sie den Typen hier nicht mal rauswerfen? Der stört uns beim Abendmahl!
Sprecher: Auch in der Kirche hätte es Jesus heute wahrscheinlich schwer. Einfach so wie Petrus mitgehen, das würde sich fast niemand wirklich trauen. Und woher soll man denn auch wissen, dass man sich auf ihn verlassen kann? Aber auch wenn es heute nicht so einfach ist: Wir glauben, dass wir Jesus auch heute begegnen können. Auch in der Schule. Zum Beispiel da, wo Außenseiter nicht gemobbt werden, sondern wo man ihnen die Chance gibt, Freunde zu finden und sie fair und respektvoll behandelt. Oder wo Lehrer Verständnis für die Probleme von Schülern haben und helfen. Oder wo Schüler in Lehrern nicht ihre Feinde sehen, sondern Menschen, die auch dann für sie da sind, wenn es nicht gerade leicht ist. Und auch in der Kirche ist Jesus da. Zum Beispiel da, wo Menschen aus verschiedenen Ländern oder mit ganz verschiedenem Alter sich offen und mit Respekt begegnen. wo die alten nicht auf die Jugendlichen schimpfen oder die Jugendlichen nicht denken, dass die Alten keine Ahnung haben. Egal ob in der Schule oder in der Kirche oder an ganz vielen anderen Stellen in unserem Leben: Jesus kann immer noch da sein. Zum Beispiel da, wo Menschen sich gegenseitig respektieren. Oder da, wo sie nicht zuerst sehen, was andere falsch machen, sondern die eigenen Fehler erkennen. Und da, wo sie bereit sind, anderen zu vergeben und sich vergeben zu lassen. Jesus ist da. Aber uns würde es allen schwer fallen, so wie Petrus einfach so unser altes Leben liegenzulassen und mit Jesus zu gehen.
            Wir singen jetzt vom Lied 621 die 1. Strophe.



Anspiel / Verkündigung 2
Magd: Ey du, du bist doch auch ein Freund von Jesus.
Petrus: Ich? Niemals! Den kenne ich nicht!
Magd: Doch, ich habe dich doch schon öfter mit ihm hier gesehen!
Petrus: Du musst mich verwechseln. Ich habe zwar schon von dem Typen gehört, aber ich kenne ihn nicht! Ich will mit dem nichts zu tun haben. Der erzählt doch nur Blödsinn.
Magd: Erzähl mir nichts! Du bist einer von denen! Ich kenne dich ganz genau. Erst gestern vor dem Tempel, da bist du mir fast auf die Füße getreten als du mit ihm unterwegs warst. So ein Gesicht vergesse ich nicht!
Petrus: Jetzt halt endlich die Klappe! Ich kenne ihn nicht, zum letzten Mal! Mit so Typen will ich nichts zu tun haben! Der ist doch ein armer Irrer! Ich finde ihn und das was er sagt, total bescheuert! Und jetzt lass mich endlich in Ruhe!
Sprecher: Und dann krähte der Hahn…
Petrus: (weint) Er hat es gewusst. Er hat es mir gesagt. Und ich war so blöd und hab ihm nicht geglaubt. Ich habe gedacht, dass mir das nicht passiert. Ich habe gedacht, das sich der Größte bin. „Auf dich will ich meine Kirche bauen, du bist der Fels“ – das hat Jesus doch zu mir gesagt. Und ich habe gedacht, ich wäre unbesiegbar. ich wäre wie er und würde alles aushalten. Ich schäme mich so. Bestimmt will keiner von den anderen jemals wieder etwas mit mir zu tun haben. Auf mich kann man sich nicht verlassen. Einmal soll ich zu Jesus stehen, und da kippe ich schon um. Hätte ich doch nur meine große Klappe gehalten!
Sprecher: Was war eigentlich schlimmer? Das Petrus in Lebensgefahr behauptet hat, er würde Jesus nicht kennen? Das Jesus das vorhergesehen hat? Oder das Petrus an seinen eigenen Ansprüchen gescheitert ist und nicht so toll war, wie er immer dachte? Wahrscheinlich ist es eine Mischung aus allen dreien, die Petrus so traurig macht. Aber Petrus ist ja nicht allein mit seinen Erfahrungen.  Aus Bequemlichkeit oder Angst oder um vor anderen gut dazustehen macht man nicht das, was eigentlich richtig wäre, sondern Dinge, von denen man genau weiß, dass sie so nicht richtig sind. Wie in unseren drei kleinen Beispielen:
Pfarrer: (steht auf der Kanzel) Liebe Gemeinde! Brich mit dem Hungrigen dein Brot! Ja, die Bibel sagt uns, dass wir mit den Armen teilen sollen. Nicht nur durch Geldspenden vor Weihnachten oder in der Kirche, sondern auch dann, wenn einer kommt und unsere Hilfe braucht! Amen. (Geht von der Kanzel runter, auf die andere Seite) Endlich Feierabend. Endlich habe ich meine Ruhe! Die Woche war anstrengend, das habe ich mir verdient. Jetzt mach ich mir erst einmal was Schönes zu essen. Hab ja gestern noch lauter tolle Sachen eingekauft. (Es klopft) Wer stört denn da? Na, mal sehen, vielleicht ist ja jemand gestorben.
Alkoholiker: Hast du mal was zu essen? Ich hab Hunger und ich hab kein Geld mehr!
Pfarrer: Du schon wieder! Gib gefälligst nicht dein ganzes Geld für Schnaps aus. Ich hab nichts, bin gestern nicht zum Einkaufen gekommen. Geh heim und schlaf erst mal deinen Rausch aus. Lern doch gefälligst mal, mit deinem Geld umzugehen! MUSIK KURZ EINSPIELEN
Schüler 1: Na, Streber, du warst das bestimmt mit der einzigen 1 in der Mathearbeit!
Schüler 2: Ne, war ich nicht, hab nur ne 3-, ich hab Geometrie auch nicht so richtig kapiert.
Schüler 1: Erzähl doch nichts! Du schreibst doch nur Einsen und Zweien, du Streber!
Schüler 2: Nein, ernsthaft, Geometrie ist nicht so meins und ich hatte keinen Bock zu lernen.
Schüler 1: Na, so langsam lernst du es auch und wirst doch ein bisschen cool. Kannst ja mal heute im Skatepark vorbeikommen, wenn du nicht lernst!
Schüler 2: Hoffentlich kriegt der nicht raus, dass ich doch die 1 hatte, ich bin die blöde Anmache von den anderen so leid! Und ich hab echt mal Lust, mit den anderen zu skaten. Meine Mutter lässt mich sicher weg, als Belohnung für die 1. Aber hoffentlich geht das gut. MUSIK KURZ EINSPIELEN
Mädchen 1: Hast du schon gehört, die Laura hat mit dem Amir rumgemacht und ist jetzt schwanger. So typisch, das macht die echt auf jeder Party!
Mädchen 2: Hab ich doch schon immer gewusst, dass die so eine ist! Aber sag mal, ich hab gedacht, du bist die beste Freundin von Laura?!
Mädchen 1: Ich doch nicht! War ich noch nie!
Mädchen 2: Und weshalb seid ihr dann immer in der Pause zusammen gewesen und habt im Bus zusammengesessen? Komm, erzähl mir nichts, du bist doch auch so eine!
Mädchen 1: Quatsch, ich find die echt hässlich und blöd. Die war halt so anhänglich. Ich bin die nicht losgeworden.
Mädchen 2: Das sah aber ganz anders aus. Und zur Party von Linda seid ihr doch auch zusammen gekommen und hattet die gleichen Klamotten an!
Mädchen 1: Die Kuh hatte mich bei H&M gesehen und war doch so frech, sich das Gleiche zu kaufen und die wusste halt, mit welchem Bus ich fahre!
Mädchen 2: Na, da bin ich ja beruhigt. Ach, da kommt Laura ja…
Mädchen 3: Hey Lisa, wieso bist du denn hier? Du hast mir doch in Deutsch versprochen, dass du zu mir kommst und mit mir Mathe lernst?
Sprecher: Wie kommt man da bloß raus? Wie kommt man raus, wenn man die Freunde verrät oder lügt, um sich Anerkennung zu verschaffen oder wenn man aus Bequemlichkeit nicht das macht, was man von anderen fordert und was richtig wäre? Wir haben es uns überlegt. Und natürlich kommt es auf die Situation an. Der Pfarrer könnte es beim nächsten Mal besser machen und zum Beispiel auch davon erzählen, dass er nicht perfekt ist und dass es mühsam ist, so zu leben, wie Jesus es gewollt hätte. Und im zweiten Beispiel wäre es sicher leichter, drüberzustehen, wenn man weiß, dass man Freunde hat, die zu einem halten. Oder dass man sich auf seine Familie verlassen kann. Oder dass man den Mut hat, einfach auch mal anders zu sein, als es die, die glauben, sie könnten die Richtung in der Klasse oder im Jahrgang bestimmen, gut finden. Und im dritten Beispiel hilft vielleicht eine Entschuldigung. Vielleicht war ja vorher ein Streit da und der Verrat war eine Trotzreaktion. Und wenn einem die direkte mündliche Entschuldigung sehr schwer fällt, hilft es vielleicht auch, zu schreiben. Eine Garantie, dass das klappt, gibt es nicht. Aber ohne, dass man einsieht, was falsch gemacht hat, geht gar nichts. So wie bei Petrus. Die Geschichte mit ihm und Jesus war eben nicht vorbei. Sondern Petrus hat später noch ganz viel von Jesus erzählt, halt Menschen geheilt und sich um die Gemeinde gekümmert. Er ist wirklich der Felsen geworden, auf den sich die Gemeinde verlassen konnte. Wahrscheinlich ist er das geworden, weil er genau wusste, dass er nicht perfekt ist und Fehler macht, auch im Glauben. Er wusste, dass er Vergebung braucht und er hat die Vergebung durch Jesus gespürt und konnte deshalb auch anderen vergeben. Und wir glauben auch, dass es im Glauben an Jesus darum geht, sich selbst ehrlich zu sehen. Und Fehler nicht zu verstecken oder schön zu reden, sondern um Vergebung zu bitten, es beim nächsten Mal besser zu machen und auch anderen zu vergeben. Amen.